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Wolfsbeobachtungen in Norditalien


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Wolfsbeobachtungen in Norditalien
Von Sabine Middelhaufe

Ende 1976 wurde der Wolf in Italien landesweit ganzjährig unter absoluten Schutz gestellt. Bis dahin hatte jedermann einen Wolf erschießen, mit Fallen fangen oder vergiften dürfen, und die gesetzliche Freiheit wurde auch genutzt.
Zu dieser Zeit waren Wolfsvorkommen freilich auf einige Zonen in Mittel- und Süditalien beschränkt. Die nördlichsten und möglicherweise nur Einzelsichtungen betrafen ein Gebiet westlich von Siena, vermutlich die Riserva Naturale di Monterufoli,  und nordwestlich von Orvieto, vermutlich die Riserva Naturale del Pigelleto.
In ihrer, damals vom World Wildlife Fund in Auftrag gegebenen und in Italien durchgeführten praktische Forschungsstudie, schätzten die beiden Biologen Erik Zimen und Luigi Boitani die Zahl der im Lande ansässigen Wölfe auf 100 Tiere, die von ihnen besiedelte Fläche auf rund 8.600 Quadratkilometer und damit 3% des nationalen Territoriums.
Zum Vergleich: in Spanien lebten 1973 auf 8% des Territoriums Wölfe, in Portugal auf 17% und auf dem griechischen Festland gar auf 70%. Ein Schätzwert für die Gesamtpopulation lag für Griechenland damals zwar nicht vor, aber es gab ca. 700 Wolfsabschüsse pro Jahr.
    In Italien galt der Wolf in den 1970er Jahren jedenfalls als bedroht und wurde entsprechend unter Schutz gestellt. Man musste allerdings in die Abruzzen fahren und dort in die richtigen Dörfer, um – vielleicht und mit sehr viel Glück – einmal einen Wolf zu Gesicht zu bekommen.
    Zum Winter 2011 zog ich in die Nähe eines Passes, auf fast 1200 m Höhe und direkt auf der Grenze zwischen den beiden norditalienischen Regionen Lombardei und Emilia-Romagna gelegen. Das Gebiet ist gleichzeitig der Nordzipfel der Apenninen, nur zwei gute Autostunden von Mailand entfernt oder auch von Genua, wenn man lieber die Mittelmeer-Connection hat.
Als die Fahrer der Schneeräumfahrzeuge erzählten, sie hätten auf der Straße Wolfsspuren gesehen, dachte ich nur: „Klar, Wölfe! Oder nicht doch eher ein streunender Schäferhund...?“
Im darauffolgenden Herbst begegnete ich einem Jäger, der ganz aufgeregt berichtete, gerade eben sei ein Wolf an seinem Anstand vorbeigekommen, ehrlich!
„Bestimmt,“ dachte ich, „und morgen sind's Bären und übermorgen ein Spinosaurus!“
    Italiener sind fantasievolle Menschen mit einem natürlichen Hang zum Dramatischen; ob tatsächlich je eine der angeblichen Sichtungen von Wolfsspuren oder gar leibhaftigen Wölfen korrekt war, werde ich nie zweifelsfrei klären können. Aber dass es bei uns inzwischen Wölfe gab, erfuhr ich im Hochsommer 2014 kurz vor Mittag, als nämlich plötzlich einer vor mir stand.
Immerhin war meine (wahrscheinlich typisch deutsche) Skepsis so groß, dass ich das rotbraune Paar Ohren in der Heuwiese zunächst einem Fuchs zuordnete und die kleine Handycam darauf richtete. Merkwürdig erschien mir nur das Verhalten meines Hundes, der etwa 20 m rechts neben mir verharrte und ebenfalls gebannt auf die Ohren schaute. Obwohl ein Bracco Italiano, liebt er es, Füchse zu verfolgen. Vielleicht hatte er endlich begriffen, dass er das ohne mein Ja-Wort nicht durfte?
Der Besitzer der rotbraunen Ohren gab mit ein paar Schritten im hohen Gras mehr rotbraunes Fell preis und ich, Augen gebannt auf das winzige Display geheftet, versuchte nur verzweifelt, das Video nicht zu verwackeln. Zugegeben, der Pelz war ein bisschen sehr grau, aber vielleicht lag es auch nur daran, dass ich mit dem Sonnenlicht auf dem Display nicht viel sah. Ich schwenkte zurück zu meinem Hund, der wunderbarerweise noch immer hochaufgerichtet dastand und keine Anstalten machte, den Fuchs zu verfolgen, der schließlich sein Heil in der Flucht suchte.
Erst zuhause, als ich den kurzen Film auf dem riesigen Computer Monitor sah, wurde mir klar, dass ich einen Wolf gefilmt hatte. Oder eine junge Wölfin, um genau zu sein. Ich sah auch erst auf dem großen Bildschirm, wie die Wölfin meinen Hund fixiert hatte. Abwägend? Skeptisch? Mir gönnte sie kaum einen Blick. Was sie faszinierte, war der große Hund, der vollkommen still dastand und sie ebenfalls fixierte und schließlich zum geordneten Rückzug bewog.

(Alle Fotos in diesem Artikel sind screenshots von Videos und deshalb von sehr mäßiger Qualtät.)
Oben: Rechts am Bildrand der Bracco, links die Wölfin,...

...deren Aufmerksamkeit noch ganz auf den Waldrand gerichtet ist.

Nun hat sie den Hund entdeckt,...

...der sie ganz offensichtlich sehr interessiert,...

...aber sie schließlich doch zum Rückzug veranlasst.

Einem eher zögerlichen Rückzug.

Und nun gönnt sie mir den ersten und einzigen Blick und verschwindet geruhsam.

In jedem Falle bekam meine Hund anschließend, und sicherlich ohne zu begreifen warum, eine Extraportion Leckerlies, weil er genügend natürlichen Instinkt bewiesen hatte, einem Tier, das ein bisschen wie ein Hund, ein bisschen wie ein Fuchs aussah, aber dennoch vollkommen anders roch, nicht unüberlegt hinterher zu rennen.
Natürlich verbrachte ich die folgenden Monate damit, Wolfsspuren und Wolfslosung zu suchen und lernte (auf Kosten der immer vollen Speicherkarte), dass es extrem schwer, ja eigentlich unmöglich ist, ein einzelnes Trittsiegel zweifelsfrei zuzuordnen.
Nehmen wir meinen Bracco: von der Größe her entsprechen seine Pfotenabdrücke durchaus denen eines erwachsenen Wolfs, nur sind sie insgesamt runder. Also fotografierte ich begeistert nur noch die länglicheren Trittsiegel. Bis ich irgendwann dahinterkam, dass die Hinterpfoten des Bracco auch länglich sind und ich viele Gigabyte nutzloser Spuren Fotos gespeichert hatte.


Oben ein Trittsiegel der Vorderpfote, unten der Hinterpfote des Bracco.
Man sieht ganz deutlich, dass die Hinterpfote einen schmaleren und länglicheren Abdruck hinterlässt.

Oben Abdruck des Bracco, unten Trittsiegel der Wölfin, den sie freundlicherweise hinterlassen hatte.

Dieses formidable Häufchen ist voller (inzwischen ausgebleichter) Rehhaare und macht einen Hund als Verursacher eher unwahrscheinich,
zumal es bei uns zu dieser Zeit keine Streuner gab.

Diese Losung enthielt neben Rehhaaren auch Knochenreste und war, wie man unten sieht, wiederum von beachtlicher Dimension.

Die Packung Taschentücher neben diesem noch relativ frischen Häufchen voller Haare und Knochenreste ist rund 11cm lang.

Anfang Dezember 2015 signalisierte mein Hund den Fund eines toten Rehbocks in einem Heckenstreifen zwischen zwei Heuwiesen und da es schon fast dunkel war, hatte keiner der örtlichen Jäger mehr Lust, hinauszukommen, um das Tier abzuholen. Der Körper war noch  ein bisschen warm, zeigte eine Schußverletzung im linken Brustbereich und war vermutlich kurz zuvor von einem Jäger erlegt worden, der versäumt hatte zu bedenken, dass im Dezember auch junge Böcke kurzfristig ohne Geweih sind, da sie es ja gerade eben erst abgeworfen haben. Der Abschuss von Ricken war noch erlaubt, der von Böcken nicht mehr und so hatte der Schütze wohl beschlossen, seine Beute liegen zu lassen und zu verschwinden.
Das Tageslicht reichte gerade noch, um das Reh und etliche Spuren zu filmen, aber ich war zuversichtlich, früh am nächsten Morgen noch mehr brauchbares Filmmaterial sammeln zu können.
Die Hoffnung bestätigte sich zwar, jedoch ganz anders als erwartet.
Schon als wir uns dem Tatort näherten, wurde mein Hund zunehmend unruhig und sträubte das Rückenhaar, bis er schließlich aufgebracht voraus stürmte. Nicht zum Fundort des Bocks, sondern zu einer Stelle vielleicht 10 m entfernt auf der Heuwiese. Dort begann er zu schnüffeln, scheinbar aufgeregt Spuren zu verfolgen, und als ich anlagte, war mir sofort klar, warum: das tote Reh war aus der Hecke auf die Wiese gezogen worden und viele Blutspuren und Rehhaare legten nahe, dass hier das große Fressen begann. Blutige Schleifspuren zu einer Stelle rund 20 m unterhalb ließen vermuten, dass eines oder mehrere Tiere einen Teil der Beute dorthin geschafft und weitergefressen hatten, denn hier lagen außer Rehhaaren auch Hautfetzen und Knochenstücke. Ich fand noch einen dritten Platz, wiederum unterhalb des zweiten, wo die Reste des Rehbocks zurückgelassen worden waren: die Knochen beider Hinterläufe und ein Stück der Wirbelsäule.
Weder am gestrigen Fundort des Bocks noch auf der Wiese gab es Spuren von Wildschweinen; auch zwei Füchse oder streunende Hunde können innerhalb weniger Stunden kein ganzes Reh verspeisen, aber vor allem führten viele große Trittsiegel, die mit Sicherheit nicht meinem Hund gehörten, vom Fraßplatz in den angrenzenden Wald. Auch die Art und Weise, wie der Kadaver aus der Hecke gezogen und wie er gefressen worden war, spricht mehr für die Tischsitten einer Gruppe von Wölfen.

Der geschossene Rehbock am Abend.



Am nächsten Morgen: der Rehkörper war auf die zum Teil noch schneeebedeckte Wiese gezogen....

...und dann vielleicht "aufgeteilt" worden, da es drei deutliche Fressplätze gab.

Futterplatz drei.

Die Reste des Rehbocks.

Viele große Pfotenabdrücke führten von der Wiese in den Wald.

Sowohl vor diesem Fund als auch viele Male danach haben wir Rehkadaver entdeckt, aber wenn bereits Füchse, Wildschweine und Krähen zugelangt haben oder gar nur noch Knochen übrig sind, ist es natürlich schwer bis unmöglich ohne genaue Untersuchungen festzustellen, ob das Tier ursprünglich von Wölfen erbeutet bzw. schon tot von ihnen aufgefunden und weitgehend gefressen worden war. Deshalb ist der eben geschilderte Fall für mich das einzig gesicherte Beispiel für Wölfe, die ein Reh verzehrt haben. Das schliesst aber keineswegs aus, dass es viele andere Fälle gab und gibt, die einfach nicht nachzuweisen  sind. Immerhin braucht so ein Wolf  3-5 kg Fleisch am Tag und wenn die Natur ihn für mehrere Tage auf Null-Diät gesetzt hat, kann er im Rahmen einer einzigen Mahlzeit problemlos 10 kg Fleisch zu sich nehmen.



Auch hier könnten Wölfe gefressen haben.

So große Hautfetzen schließen einen Fuchs als Verursacher eher aus, aber dennoch bleibt ungewiß, ob es Wölfe waren.

Das zweite Mal sahen wir Wölfe in persona erst wieder Mitte Februar 2018. Und wieder um die Mittagszeit, also wahrlich nicht die Stunde, in der man so etwas erwartet. Mein Bracco blieb an einer Wiesenböschung plötzlich wie angewurzelt stehen und witterte angespannt in Richtung des gegenüber und unterhalb liegenden Wiesenrands. Und tatsächlich, da standen sie, vielleicht fünfzig Meter von uns entfernt.
Ein fast schwarzes Tier floh beinahe sofort in die dichten Wacholderbüsche, als ich am Horizont auftauchte. Das graue, also wildfarbene, witterte zunächst ausgiebig in unsere Richtung, entschied sich dann aber auch zur Flucht. Nur der Dritte im Bunde, ebenfalls schwarz, blieb vollkommen ruhig stehen und beäugte (wahrscheinlicher: witterte) uns. Ich schaffte es sogar, die Handycam herauszunehmen, anzustellen, auf den Wolf zu richten und dann sah ich im Display: "Batterie leer." Natürlich....!
Auch der zweite schwarze Wolf sprang schließlich ins Dickicht und wir gingen zum Ort ihres vorherigen Verweilens. Es lag noch etwas Schnee und man konnte gut erkennen, dass die Tiere sich vor unserem Erscheinen in einem ganz engen Kreis umeinander bewegt hatten. Zum Beispiel wie zwei Rüden, die mit Imponiergehabe um einander schleichen. Oder wie ein Rüde, der sich bei der läufigen Hündin anbiedern will. 
Mitte Februar sind Wölfinnen paarungsbereit. Vielleicht hatten zwei junge Rüden um die Gunst ihrer ebenfalls noch jungen Begleiterin gebuhlt?
Da ich auf die Entfernung das Geschlecht der drei Wölfe nicht erkennen konnte und auch nicht zum Filmen kam, bleibt das alles natürlich reine Spekulation. Sicher ist nur, dass das Trio nicht zufällig gemeinsam unterwegs war.
Die beiden Schwarzen ließen verständlicherweise sofort alle Alarmglocken bei mir schrillen. Natürlich gibt es auch in der Natur schwarze Wölfe. Aber in Italien ist es immer noch Usus, jedenfalls auf dem Lande, Hunde streunen zu lassen. Ob da vielleicht ein autonomer Schäferhundrüde einen one-night-stand mit einer rudellosen läufigen Wölfin gehabt hatte?
In einer 2012 veröffentlichten Studie über die Hybridisierung von Wölfen in den nördlichen Apenninen, mein Wohnort also inbegriffen, waren 51 der insgesamt 116 genotypisch und phänotypisch als Hybriden identifizierten Wolfsmischlinge schwarz.
    Immerhin bescherten mir die Drei die Gelegenheit, endlich einmal Trittsiegel und Fährten zu filmen und zu fotografieren. Den Abdruck der Hinterpfote meines Bracco vom Abdruck eines etwa gleich großen Wolfes zu unterscheiden würde mir trotzdem kaum gelingen...


Die fast schnurgerade Fährte eines Wolfes (Mitte)


Das Trittsiegel war recht groß, denn die Batterie daneben ist 4,5 cm lang.
Der Abstand zwischen den einzelnen Abdrücken auf der Fährte betrug 70-80 cm.

Kaum eine Woche später entdeckten wir, vielleicht 400 m vom Sichtungsort des Trios entfernt, im unberührten Neuschnee die Fährte eines einzelnen Wolfes und folgten ihr für fast einen Kilometer, immer den Waldweg entlang, immer geschnürt wie ein Fuchs, nur mit erheblich größeren Trittsiegeln, bis er im undurchdringlich Buschwerk verschwunden war. Zwei Tage darauf, eine weitere, neue Fährte. Und auch dort, wo wir das Trio überrascht hatten gab es nun zwei Fährten, die mehr oder weniger hintereinander verliefen und jenem Waldweg zustrebten, wo wir die erste Fährte verfolgt hatten.

Fährte des Bracco links der Motorradspur, die gerade Fährte des Wolfs rechts.

Die Abdrücke in der Mitte gehören zur Wolfsfährte, die kleinen links zum Fuchs, der Schuhabdruck rechts zu mir.

Mitte März war der Schnee weitgehend geschmolzen und wir wanderten am Spätnachmittag wie üblich durch die Heuwiesen, genau dort, wo wir Jahre zuvor jene erste  Wölfin getroffen hatten, als der Bracco plötzlich unterhalb eines Haselnussstrauches an einer Böschung stehen blieb. Er hatte das Fell auf dem Rücken schon leicht gesträubt und fixierte das Gebüsch. Wildschweine! dachte ich, denn sein ganzes Gebaren sagte eindeutig: da ist was Suspektes! Ich ging leise auf ihn zu und da er das aus dem Augenwinkel natürlich mitbekam, stakste er steif und hoch aufgerichtet näher auf den Busch zu, hielt an, um zu wittern, begann sich dann im Bogen seitlich auf den Busch zuzubewegen, vermutlich um den Geruchsfaden nicht zu verlieren und machte urplötzlich einen Satz. Das war vermutlich der Moment, als die beiden Wölfe ihrerseits von unter dem Haselnussbusch aufsprangen, denn als ich endlich die kleine Böschung erklommen hatte, standen sie bereits mit geklemmten Ruten abwartend und uns fixierend gute 20 m entfernt am Waldrand. Als der Zoom den einen Wolf endlich erfasste, beschloss er leider, in den Wald zu flüchten. Der andere aber blieb bewegungslos stehen und beobachtete uns. Obwohl ich den Eindruck hatte, dass seine Aufmerksamkeit in erster Linie dem Bracco galt, der mit gesträubtem Nacken- und Rückenhaar aufgeregt den Bereich unter dem Haselstrauch untersuchte. Und dort zu bleiben war nicht dumm, denn als schließlich auch der zweite Wolf entschied, das Feld zu räumen, und sich bewegte, tauchte prompt sein Kumpel wieder auf, was mich vermuten lässt, dass der nur wenige Schritte in den Wald gelaufen war und uns von dort observiert hatte. Jedenfalls verschwanden die Wölfe im Wald und wir entfernten uns nach kurzer Inspektion des Platzes unterm Haselstrauch in die entgegengesetzte Richtung.
Entsprechend erstaunt war ich, als der Bracco plötzlich wieder die Haare sträubte, die Nase erdwärts wandte und sehr aufgeregt einer Geruchsspur folgte. Ein paar hundert Meter weiter fand ich in einem zufällig erhaltenen Schneefleck zwischen den Wacholderbüschen das frische Trittsiegel eines Wolfes. Angesichts des Terrains ist durchaus denkbar, dass die beiden einfach im Bogen um uns herum gelaufen waren und dann die selbe Richtung eingeschlagen hatten, die wir nun nahmen und die – zufällig? - direkt zu der Wiese führte, wo wir sechs Wochen vorher das Trio gesehen hatten und wo neulich etliche Wolfsfährten den Hügel hinauf führten.

Das graue Duo am Wiesenrand.

Hier sieht man den linken Wolf etwas besser, aber ehe die Kameraautomatik sich endlich fokussiert hatte, war er bereits verschwunden.

Sein Kumpel, ein Rüde, war wie man sieht neugieriger oder mutiger...

...und entschloss sich erst nach einer ganzen Weile, abzuziehen...

...jedoch ohne Hektik.

Genau in dem Moment tauchte auch der vorher Geflüchtete plötzlich wieder auf und folgte, sichtbar eiliger, seinem Gefähren.

Möglicherweise wandten sich die Beiden sofort nach rechts, so dass sie vor uns zur nächsten Wiese gelangten,
wo der Bracco ihre frische Fährte aufnahm.

Betrachtet man die Bilder dieser Wölfe und vergleicht sie mit jenen der Wölfin von 2014 bekommt man freilich Zweifel an ihrer Reinrassigkeit. Die Ohren sind verdächtig groß und lang, mögliches Zeichen für die genetische Präsenz von Haushunden, und auch der Körperbau ist anders, selbst wenn man die Geschlechterdifferenz und die unterschiedlichen Jahreszeiten berücksichtigt.

Wenn der Graue aus dem Trio nicht zufällig auch einer der Grauen aus dem Duo war, haben wir in nur 6 Wochen 5 Wölfe getroffen. Am hellichten Tag. Das Ganze nur  rund 700 m vom Dorf entfernt. Und falls das Reh in der Heuwiese vor meiner Haustür - zwischen den beiden Wolfssichtungen gefunden - tatsächlich (auch) von Wölfen gefressen wurde, dann hätte ich sie, Tageslicht vorausgesetzt, dabei problemlos  von meinem Wohnzimmerfenster aus beobachten und filmen können, denn die 120 m Abstand hätte der Zoom locker geschafft. 
Inzwischen zeigen immer mal wieder Leute aus unserer Gemeinde Handyfotos von Wölfen, die sie vom Auto aus aufgenommen haben. Die Bilder sind vielleicht nicht immer scharf, aber kein Zweifel, es handelt sich bei den Tieren nicht um streunende Hunde.
Wieso sich Wölfe bei uns so wohl fühlen, wird klar, wenn man sich die Gegend einmal anschaut: überall endlose Bergwälder, dünne Besiedlung vorwiegend in den tieferen Regionen, zudem mit Dörfern, deren Bevölkerung rapide abnimmt – in meinem Weiler leben nur noch acht Personen – kaum große Straßen, dafür inzwischen reichlich Wildschweine und Rehe, mancherorts auch Hirsche und Damwild. Aber vor allem: außerhalb der kurzen Jagdsaison findet man keine Menschen in den Wäldern.
In Italien ist spazierengehen kein Volkssport, ganz im Gegenteil, man geht nur dann in den Wald, wenn es dort etwas zu holen gibt: Brennholz, Pilze, Esskastanien, und das ist schnell erledigt. Man begegnet weder Wanderern, noch Hundebesitzern, Joggern, Radfahrern oder Förstern, und die Moto Cross Liebhaber, die in der schönen Jahreszeit am Wochenende die Waldwege entlang knattern dürften den Wölfen genauso egal sein, wie den anderen Wildtieren auch. Sie sind allesamt prinzipiell ungestört, haben Rückzugsorte für ihren Nachwuchs, genügend Nahrung und selbst wenn mal kurzfristig 30 oder 40 cm Schnee liegen, ziehen Rehe und Wildschweine nicht mehr talwärts, sondern bleiben in den höheren Berglagen.

Schaut man sich einmal unsere Gegend an, wird eigentlich sofort klar, warum Wölfe sich hier wohlfühlen:
endlose Bergwälder, Dörfer nur im unteren Bereich, wenige Aphaltstraßen, in den Wäldern nur kaum benutzte Forstwege
und überall Rehe, Schwarzwild und hier und da sogar Hirsche und Damwild.

Bei uns gibt es keine Schafe oder Ziegen die von Wölfen gerissen werden und zur Rebellion der Dorfbewohner führen könnten, und dass Isegrim demnächst in Hühnerställe eindringt oder die lokale Population streunender Katzen dezimiert ist wohl eher unwahrscheinlich.
Freilich hört man das erste kollektive Murren unter den Jägern. Der Wolf ist für sie Konkurrent bei der Schwarzwild- und Rehwildjagd. (Was in Bezug auf die Wildschweine recht absurd ist, denn in vielen Gemeindegebieten schaffen es die Jäger nicht, die geforderten Abschusspläne auch nur annähernd zu erfüllen – da sollte man eigentlich froh sein, wenn die Wölfe helfend zur Hand gehen.) Und sie fürchten um ihre Hunde.
Ich kenne ein paar gestandene Mannsbilder, die einmal im Morgengrauen, bei der Jagd mit ihren Vorstehhunden, einen Wolf gesehen haben und seitdem nicht mehr in unsere Gegend kommen. Sie schießen ihre Waldschnepfen jetzt woanders.
Ich erinnere mich auch noch ans Brodeln und Köcheln in der Gerüchteküche, als im Herbst 2016 ein Jäger mit seiner Laufhunde Meute durch den Wald nahe des Passes zog und später Stein und Bein schwor, ein Rudel Wölfe hätte sie verfolgt und trotz Schüssen in die Luft nicht von ihnen abgelassen. Offensichtlich gelangten Hunde und Jäger ohne gekrümmte Haare zum Jeep, aber natürlich machen solche Geschichten den Wolf nicht überall beliebt.
Immerhin hält man sich in unserer Gegend mit dem illegalen Abschießen oder Vergiften von Wölfen zurück; im Gegensatz zu anderen Provinzen.
Laut einer Anfang 2017 veröffentlichten Studie des Instituts für Umweltschutz und -forschung (ISPRA) schätzt man die Zahl der Wölfe in Italien auf mindestens 1.100 und maximal 2.500 Tiere. 15-20 % von ihnen werden getötet. In einer Veröffentlichung von Ende Oktober 2017 spricht man von jährlich 300 getöteten oder besser: ermordeten Wölfen, denn in der Provinz Siena (Toskana) wurden zwei Tiere regelrecht aufgehängt, in der Provinz Livorno (Toskana) ein anderes gehäutet und dann auf einem Straßenschild gepfählt. Solche hate crimes gegenüber Wölfen sind sehr verbreitet. In der Tat hat die Toskana mit ca. 600 Individuen die größte Wolfspopulation aller italienischen Regionen und der Referent für Landwirtschaft schlug wohl prompt vor, 500 dieser Tiere zu eliminieren.
Bei uns in der Lombardei hat die Umwelt-Referentin hingegen erklärt, dass man hier nicht nur strikt gegen die Tötung von Wölfen stimme, sondern sich entschieden für die Rückkehr des Wolfes einsetze, u.a. durch Beteiligung an entsprechenden europäischen Projekten.
Übrigens, Ende 2017 gab das Bundesamt für Naturschutz die Zahl der in Deutschland lebenden, erwachsenen Wölfe mit ca. 160 an. Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister hingegen sprach von 650 Tieren; belegen konnte er diese Angabe aber scheinbar nicht.

Blick von den "Wolfwiesen" auf mein 8-Seelen-Dorf.

Nun, für jemanden der heutzutage Urlaub in ländlichen Gebieten Italiens macht, ist es jedenfalls, rein statistisch gesehen, sehr viel wahrscheinlicher dort einem Wolf über den Weg zu laufen, als in Deutschland.
Ein paar Schätzwerte (veröffentlicht Ende 2017) für verschiedene Regionen:

Emilia-Romagna: 42 Rudel mit 185 - 252 Individuen
Piemont: 19 Rudel mit 55 - 90 Individuen
Ligurien: 6 Rudel mit 18 - 40 Individuen
Toskana: 64 Rudel mit 282 - 328 Individuen (man beachte, dass andere Schätzungen von 600 Individuen ausgehen!)
Umbrien: 35 Rudel mit 143 -160 Individuen
Abruzzo: 38 Rudel mit 185 - 249 Individuen
Lombardei: 1 Individuum - und spätestens da merkt man, dass es mit dem Schätzen so eine Sache ist, denn der statistisch erfasste Wolf war nicht die von mir gefilmte Wölfin. Außerdem dürfte es gerade in Grenzgebieten zwischen den verschiedenen Regionen schwierig sein, sicherzustellen, ob ein Wolf in unserem Falle bereits in der nur wenige Meter entfernt beginnenden Emilia-Romagna, oder dem ebenfalls nahen Piemont oder Ligurien erfasst wurde.

Natürlich, auch in Italien warten die Wölfe nicht am Straßenrand, um sich mit Selfie besessenen Touristen fotografieren zu lassen. Wer tatsächlich welche sehen möchte, muss ihren Lebensraum aufsuchen: die Bergwälder, und dort natürlich die Zonen, in denen nachweislich Wölfe beobachtet wurden.
Wie mein kleiner Bericht am Anfang aber deutlich macht, hätte ich ohne die Unterstützung meines Hundes nie auch nur einen einzigen Wolf zu Gesicht bekommen, denn er hatte sie gewittert und mir  signalisiert.

Alle Fotos (c) Sabine Middelhaufe
Text (c) 2018

 

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