Der Dunker
Von Sabine Middelhaufe

Schon im Mittelalter herrschte ein reger kultureller und wirtschaftlicher Austausch zwischen Norwegen und Deutschland, und was deutsche Offiziere, die etwa ab Mitte des 16. Jahrhunderts in der norwegischen Armee Dienst taten unter anderem mit in den Norden brachten, war ihre Begeisterung für die Hasenjagd mit schnellen, ausdauernden Hasenhunden. Im Laufe der Zeit wuchs die Beliebtheit dieser Form der Jagd auch unter den Norwegern selbst und erreichte im 19. Jahrhundert ihre Goldene Ära, zumal die Hasenjagd kein elitärer Sport, sondern in vielen Landesteilen, wenigstens bis zum Weltkrieg, praktisch jedem erlaubt war.
Aus archäologischen Funden darf man folgern, dass es bereits im frühen Mittelalter Hasenhunde in Norwegen gab. Wie schriftlich oder bildlich festgehalten wurde, war die Farbe ihrer späteren Nachfahren in der Regel Schwarz mit braunen und weissen Abzeichen.


Oben und Startfoto: Klinge II, Züchter: Peer Harald Sivesind

Das änderte sich erst, als der junge, jagdbegeisterte Offizier und Hundenarr Wilhelm Dunker (1807-60), dessen Vater, ebenfalls Offizier, im 18. Jahrhundert aus Deutschland nach Norwegen gekommen war, sich aktiv mit der Zucht von Hasenhunden zu beschäftigen begann. Eine Beschäftigung übrigens, die damals unter seinen Standesgenossen durchaus verbreitet war. In der Tat war es der künftige General Jacob Krefting, der eine blau gefleckte (Blue Merle) Hündin durch seinen von Zigeunern erworbenen, fast weissen Rüden Hvide Musik unbekannter Rassemischung aber mit exzellenten Jagdanlagen, decken liess. Einer der Welpen dieses Wurfes, der Blue Merle Rüde Alarm, der die mit dem Farbschlag häufig verbundenen „Glasaugen“ aufwies, kam 1826 zu Wilhelm Dunker.
Alarm
verdiente sich wegen seiner hervorragenden Leistungen bei der Jagd alsbald einen sehr guten Namen und zeugte im Laufe seiner fast 12 Lebensjahre eine beträchtliche Anzahl von Nachkommen, die durch ihre typische, vom Vater geerbte Färbung leicht zu erkennen waren und als “Dunkers” rasch populär wurden. Auch Wilhelm Dunker selbst, der bis zu seinem frühen Tod die Zucht seiner Hasenhunde fortsetzte, genoss einen guten Ruf als versierter, seriöser Züchter, doch hinterliess er leider keine detaillierten Angaben über die Paarungen, die er vornahm.
Wohl am bekanntesten ist die Hypothese, die allerdings von den Rasseexperten Hallvard Hegna und Bård Larsen für eindeutig falsch gehalten wird, dass Dunker, um besonders schnelle, dabei aber feinnasige und ausdauernde Hunde zu erzielen den Englisch-Russischen Laufhund, heute bekannt als Russian Harlequin Hound, mit Alarm und dessen Nachkommen verkreuzte. Der Harlequin Hound seinerseits war bereits eine gelungene Mischung aus englischem Foxhound, russischem Laufhund und vermutlich in geringem Maße einigen französischen Rassen.


Rüde Gjall mit der typischen Blue Merle Färbung der Rasse.
1902, gut 40 Jahre nach seinem Tod, wurde der Dunker als Norwegische Laufhundrasse anerkannt und der erste Verein für Hasenhunde ins Leben gerufen. Obwohl es zur Jahrhundertwende eine beachtliche Zahl von Jagdhunden deutschen, englischen, französischen und schweizer Ursprungs für die beliebte Hasenjagd gab, war der Dunker mit Abstand der am meisten verbreitete unter ihnen. Auch der von H. F. Hygen (1808-97) aus deutschen und norwegischen Laufhunden geschaffene und später nach ihm benannte Hygen Hound erreichte nie die Popularität des Dunkers. Abgesehen von einem zahlenmäßigen Einbruch während und nach dem 2. Weltkrieg, verlor der Dunker seine Position erst in den 70er Jahren, als die Finnenbracke ihren Siegeszug durch Skandinavien begann. Von etwa 700 jährlichen Welpeneintragungen zu jener Zeit, sank die Zahl auf heute durchschnittlich 150 Registrierungen pro Jahr beim Norwegian Kennel Club.

Gjall nach offensichtlich erfolgreichem Einsatz.
Freilich, es waren nicht nur die jagdlichen Fähigkeiten des finnischen Laufhundes, der die Situation des Dunkers beeinträchtigte, sondern auch die schwindende Qualität der Rasse selbst, die insbesondere auf zu häufiger Inzucht beruhte. 1986 wurde der Spezialklub “Dunkerringen” gegründet, und 1987 beantragte die Zuchtkommission beim Kennel Klub die Erlaubnis, zur Verbesserung des Dunker andere Rassen einzukreuzen. Erst 1989 wurde dies unter strikten Auflagen bewilligt. Diese “Blutauffrischung” wirkte sich zwar positiv auf die allgemeine Gesundheit des Dunkers aus, doch mit ständig sinkenden Geburtenquoten, die heute bei den schon zitierten, durchschnittlich 150 Eintragungen pro Jahr angelangt sind, ist die Zuchtbasis momentan so gering, dass man zurecht um die Zukunft der Rasse fürchtet, wenn die Population in nächster Zeit nicht spürbar zunimmt.


Blue Merle Welpe Snotra im Alter von 9 Wochen.

Obwohl Blue Merle als typische Farbe der Rasse gilt, sind ungefähr 50% der Tiere schwarz mit beigefarbenen und weissen Abzeichen, da man in der Regel keine zwei Blue Merle miteinander verpaart, sondern Blue Merle mit Schwarz, um fast rein weisse Welpen zu vermeiden.
Übrigens können Blue Merle Dunker verschieden farbige Augen aufweisen.
Zu den weiteren äusseren Rassemerkmalen gehört ein kräftiges Gebäude, das eindeutig im Rechteck steht, mittelgrosse, hoch angesetzte Behänge und dichtes, hartes, nicht zu kurzes Haar.
Die Mindestrückenhöhe für Hündinnen liegt bei 47 cm; die maximale Höhe bei Rüden ist 55 cm.

Klinge II zeigt die raumgreifende Bewegung des Dunker.
Bei den Leistungsprüfungen, die in Skandinavien jedes Jahr während der Jagdsaison durchgeführt werden, schneiden viele Dunker sehr gut ab. Bei den europäischen Meisterschaften für Hasenhunde im Jahr 2000 gewann sogar ein Dunker den Champion Titel; 2009 belegte ein anderer den 5. Rang..
Was seine Arbeitsqualitäten angeht, sei bedacht, dass der robuste, ausdauernde Dunker für die Hasenjagd speziell in Norwegen gezüchtet wurde. Deshalb ist eines seiner Kennzeichen die besondere Beschaffenheit der äusserst resistenten Pfoten, die sehr viel besser mit hartem, überfrorenem Schnee und Eis fertig werden, als andere Rassen. Im Gegensatz zu den britischen Laufhunden wird der Dunker natürlich stets als Solojäger eingesetzt, und zwar vorwiegend im Wald, wo er spurlaut und mit ausgezeichneter Nase der Fährte des Hasen folgt.
So leidenschaftlich und entschlossen er seine Aufgabe erfüllen soll, ist Unbändigkeit üblicherweise bei ihm nicht zu finden, denn man wünscht einen nervenstarken Hund mit ausgeglichenem, ruhigen Temperament, offenem, vertrauensvollem Wesen, ausgeprägter Kontaktfreude und Anhänglichkeit gegenüber seinen menschlichen Sozialpartnern. Der typische Rassevertreter zeigt all dies, weshalb der Dunker zurecht als Hund gilt, der ausserhalb der Jagdzeit einen wunderbaren Familienhund abgibt, der obendrein für beide Funktionen leicht auszubilden ist.

Die sehr resistenten Pfoten des Dunker helfen ihm bei Schnee und Eis.

Alle Fotos: Per Harald Sivesind (Norwegen)
Text (c) 2010

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