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Impressionen vom Bracco Italiano Treffen: Die Ausstellung
Von Sabine Middelhaufe

Seit kurzem das immens stolze Frauchen eines Bracco Italiano Rüden konnte ich natürlich der Ver-suchung nicht widerstehen, beim Treffen des Rasseklubs, SABI (Società Amatori Bracco Italiano), am 12. und 13. April 2008 nahe der Provinzhauptstadt Piacenza teilzunehmen.
Das Event sollte samstags mit der Zuchtschau im pittoresken "Alten Hof" des winzigen mittelalter-lichen Städtchens Grazzano Visconti beginnen und am Sonntag mit den jagdlichen Prüfungen seinen Höhepunkt finden. Als ich um die uralten Mauern des Hofs bog, um den Schauplatz des Geschehens in Augenschein zu nehmen, verschlug es mir fast die Sprache: überall Bracchi (Plural von Bracco; man spricht das übrigens Bracki aus), Braun- und Orangeschimmel in allen Schattierungen und Altersklassen, achtzig oder neunzig an der Zahl. Einfach überwältigend. Auch weil ein paar vorwitzige Welpen munter zwi-schen den fremden Großen herum liefen und nur wohlwollendes Wedeln und Schnuppern ernteten. Die erwachsenen Hunde saßen oder flanierten mit ihren Besitzern vollkommen gelassen im Innern des Hof-es, begrüßten einander höflich interessiert, und während all der Stunden der folgenden Ausstellung fühlte sich nur ein einziger Bracco berufen, einen Geschlechtsgenossen anzublaffen, wobei unklar blieb, worum es eigentlich ging. Ansonsten herrschte bei Vier- und Zweibeinern gleichermaßen eine vollkommen entspannt-fröhlich Stimmung, die sich sehr angenehm von jener unterschied, die man auf Shows leider auch antreffen kann: Gekläffe, Geheule, Knurren und Schimpfen, eine gewisse Gereizt-heit in der Atmosphäre und hier und da der Gedanke, einem bestimmten Hund lieber nicht zu nahe zu kommen. Hier war das kein Thema. Selbst als das Gedränge um die Ringe begann, blieben alle cool.

Eigentlich war ich mit der löblichen Absicht nach Grazzano gefahren, mich neben die Ringrichter zu setzen und zu ergründen, was den exzellenten Bracco vom mittelmäßigen unterscheidet. Leider schei-terte dieser Plan an diversen Faktoren. Allen voran an der Tatsache, dass Besuchshunde selbstver-ständlich auch in den Alten Hof kommen durften! Also eilte ich erst einmal zurück zum Auto, lud mei-nen eigenen Vierbeiner aus und erkannte nach wenigen Metern den Unterschied, den es macht, ob man als hundloser Besucher zu einer Spezialzuchtschau kommt, oder selbst einen Rassevertreter dabei hat. In letzterem Falle ist es nämlich unausweichlich, dass die Vierbeiner sofort Anlass für den leb-haften Austausch ihrer sich bis dahin völlig fremden Besitzer werden. Mein achtmonatiger Braun-
schimmel Julian fand besonders gros-sen Gefallen an dem weiss-orangenen Casanova della Valle Santa, einem elf-jährigen Bracco aus italienischer Zucht, der aber in den Vereinigten Staaten zuhause ist und mit seinen Besitzern hier war, um den Bracco-Nachwuchs auszusuchen, der sie dem-nächst wieder in die USA begleiten wird. Obwohl Julian den "Onkel aus Amerika" wild bepfötelte und ver-suchsweise als Ausguck missbrauchte, brachte das den betagten Herrn nicht etwa in Harnisch, sondern in Spiel-stimmung. Ganz normal bei Casanova,
erzählte Frauchen, die sehr froh darüber ist, dass ihr Hund noch heute richtig ausgelassen mit dem jungen Gemüse toben mag.
Während sich die 65 gemeldeten Hunde für den Auftritt in den Ringen sammelten, drehte ich eine weitere Runde im Hof; diesmal mit Julian im Gefolge, und ich muss gestehen, ich war absolut angetan von der Entspanntheit, mit der die Begegnungen meines "Kleinen" mit der Schar fremder Rassegenos-sen verlief. Meine Begegnungen mit befreundeten Züchtern und Kollegen aus dem italienischen Jagd-hundeforum verliefen zwar auch entspannt, nur hinderte mich das unumgängliche Tratschen erneut dar
-an, mich endlich der Ausstellung zu widmen. Dass Forumskollege Alberto Merlo mit sein-em Polcevra's Arno (links und Startfoto) den 1. Platz in der Jugendklasse schaffte, bekam ich immerhin mit...
Um einen Bracco Italiano richtig zu präsen-tieren muss man selbst ein gutes Laufvermö-gen haben, denn der Bracco soll im Ring ja traben. Trab, das klingt eher beschaulich, ist es aber nicht, denn die Rasse zeigt einen ganz eigenen, unvergleichlichen Trab: enorm raumgreifend, flüssig, schnell und elegant. Ein still stehender Bracco mag relativ schwer und robust erscheinen; wenn derselbe Hund mit erhobenem Kopf und ausgestreckt pen-delnder Rute seinen Trab vorführt wirkt er einfach ungeheuer edel. Ein Foto kann das nicht wiedergeben; man muss die Kontinuität dieser fliessenden Bewegungen in natura erleben, um die Faszination zu begreifen.
Na ja, ich für mein Teil muss wohl erst mal anfangen zu joggen, ehe ich Julian in einen

Show-Ring begleiten kann, ohne mich zu blamieren... Angesichts der Wichtigkeit des rassetypischen Trabs wird konsequenterweise der Ausformung der Vorder- und Hinterhand, der korrekten Stellung und Winkelung der Läufe, dem geraden Rücken und der angemessenen Beschaffenheit der Pfoten viel Bedeutung beigemessen, aber auch dem Hals und der Rute, denn nur der ausreichend lange, bewegliche Hals und die gestreckte, rhythmisch pendelnde Rute ermöglichen einen Gang, der in seiner Gesamtheit beinahe so aussieht, als würde sich der Hund gleichmäßig und zügig auf Rollen dahinbewegen. Tatsäch-lich wirkt an einem gut trabenden Bracco nichts starr, holprig oder gestückelt; alles ist Teil der har-monischen, freien Fliessbewegung seines gesamten Körpers, dessen 30 oder 35 kg Gewicht man in solchen Momenten nicht vermuten würde.

Über den Kopf des Bracco können Rasseexperten stun-denlang schwärmen und diskutieren. Was den italien-ischen Vorstehhund wohl von allen anderen Mitgliedern dieser Gruppe unterscheidet ist die divergente Schädel -Schnauzenlinie. Anders ausgedrückt: der Nasenrücken ist im Profil betrachtet und im Verhältnis zur Schädel-linie deutlich abfallend. Die schwere Belefzung, die mehr oder weniger deutliche Längsfalte, die neben den Augen beginnend an den Gesichtsseiten herabläuft und die ausgeprägte Kehlhaut erinnern an den Bloodhound. Ebenso die sehr langen, tief angesetzten und schön ge-falteten Behänge. Gewissermaßen ein Markenzeichen der Rasse ist freilich der freundliche, offene Gesichts -ausdruck mit den sanften, nachdenklichen Augen, die trotz der oft recht hellen Färbung niemals stechend,
hart oder kalt dreinschauen. Bedenkt man dann auch noch, dass sich das kurze Haar des Bracco samt-weich anfühlt und der Besitzer dieses Fells, egal welchem Alter oder Geschlecht er angehört, ein Schmusetier ersten Ranges ist, könnte man zu dem Schluss gelangen, der Bracco sei ein Softy durch und durch.
Na ja, völlig falsch ist das auch nicht. Das ausgiebige Tratschen während der Ausstellung brachte al-lerlei über das private Alltagsleben der anwesenden Vierbeiner ans Licht. Anhänglich sind sie und loyal, vom Körperkontakt mit Herrchen oder Frauchen können sie eigentlich gar nicht genug bekom-men, höchst interessiert an allem, was mit Futter zusammenhängt und sehr erfinderisch bei der selb-ständigen Beschaffung von Nahrungsmitteln sind sie, und den eigenen Sessel verpönen sie natürlich auch nicht. Wenn Casanova seinen Menschen etwas erklären will, nimmt er sachte ihre Hand in den Fang, führt sie an den Ort seiner Wünsche und bedeutet ihnen dann per Blickkontakt und Gesten, was genau er haben oder tun möchte. Ein Züchter erzählte, dass sein altes, gebeugtes Mütterchen die Ge-wohnheit hatte, morgens immer die größte Bracco Hündin zur Haustür zu rufen, ihr zu sagen, wo in ihrem Hof sie an diesem Tag hinzugehen wünschte, etwa dem Hühnerstall, dem Heuschuppen oder dem Eingangstor und sich dann auf den Rücken des Hundes gestützt dorthin und anschließend wieder heim geleiten liess.
Während ich diese Informationen verdaute, schaute ich mir die Bracco-Halter mal genauer an. In der Mehrzahl Jäger. Italienische Jäger. Über die man genügend Schauergeschichten kennt. Und doch hör-te ich diese Mannsbilder einander Dinge sagen wie:"Na, wie gefällt dir mein kleines Mädchen?" Und wies strahlend auf seine junge Bracco Hündin. Oder ein anderer zu seinem Rüden: "Mach' dir nichts aus dem Rummel Söhnchen, morgen gehen wir dann Fasanen suchen..." Vermutlich ist was dran an dem Spruch, dass der sanfte Bracco eben nur eine bestimmte Art Jäger anzieht, jedenfalls verleitet das liebevolle Verhältnis, das man zwischen den allermeisten Bracco-Mensch-Paaren beobachten konnte zu der Annahme, dass diese Jagdhunde keine bloßen Instrumente sind, die außerhalb der Jagdsaison ihr Dasein vereinsamt in irgendwelchen Zwingern fristen.
Zum Ende der Ausstellung lud mich Flavio Fusetti, Auslandsbeauftragter der SABI, ein, ihn und den Prüfungsrichter am nächsten Tag bei den Leistungsprüfungen zu begleiten, um den Bracco Italiano nun auch einmal als Jagdhund kennenzulernen. Klar, dass ich begeistert zusagte.
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Alle Fotos: Sabine Middelhaufe