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Impressionen
vom Bracco Italiano Treffen: Die Prüfung
Von Sabine Middelhaufe
Normalerweise
gehöre ich nicht zu den Menschen, die morgens um fünf aufstehen,
wenn sich das ir-gendwie vermeiden läßt, aber die Aussicht, einen
Rasseexperten, den Richter und seinen Assistenten bei einer Leistungsprüfung
begleiten zu können wog die vor der Abfahrt notwendige "Nachtwander-ung"
mit Julian, der ja die ganze Zeit im Auto würde warten müssen
und die stressige Reise nach Gos-solengo, ebenfalls einem kleinen
Ort in der Provinz Piacenza, auf.
Am Treffpunkt im Dörfchen war sofort klar, dass wesentlich weniger
Hunde an der Prüfung teilneh-men sollten als an der gestrigen
Ausstellung, und die Führer und ihre Bracchi wurden schliesslich
in wenige Gruppen eingeteilt.
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Ich
wurde in der ersten Mannschaft aufgenommen, und schon setzte
sich unser
Konvoi, unter Begleit-schutz der Staatlichen Jagdaufsicht, in
Bewegung Richtung
Prüfungsgelände.
Das völlig flache Terrain bestand aus mehreren Streifen mit
sehr unterschiedlichem Bewuchs: auf einer Seite bildete ein kleiner
Fluss
mit kieseligem
Ufer und Entenbesatz die Grenze.
Dem schloss sich ein langer, schmaler Abschnitt mit hartem, kurzen
Gras und vereinzelten Sträuchern an, worauf ein Gürtel
aus mannshohen Büschen folgte, in dessen Mitte eine Art Feldweg
verlief. Auf der anderen Seite des Weges reichte das Buschwerk bis
an ein weites Feld
heran,
und überall hier waren Fasanen und Rebhühner zuhause; auf
manchen Flächen auch Hasen.
Der erste Prüfling durfte herankommen, und sein Führer erhielt
vom ortskundigen Richterassistenten genaue Anweisungen wohin er seinen
Bracco zu schicken
habe. Die gemeinsame Feststellung der Windrichtung ergab, dass sich
in diesem Moment kein Lüftchen rührte, was den Führer
nicht gerade glücklich stimmte. Der Richter gab gelassen das Startzeichen,
der Hund wurde geschnallt, und ich war
ziemlich
unsicher,
was ich tun
und
nicht
tun
sollte, um
niemandem
im Wege zu stehen - am wenigsten dem Hund.
(Die nachfolgenden Bilder zeigen nicht
den Hund, von dem im jeweiligen Abschnitt die Rede ist. Auch übernehme
ich keine Garantie für die Richtigkeit der Reihenfolge in meiner
Beschreibung - es war ein so aufregender Tag, da ist es gut möglich,
dass ich mit der Chronologie ein bisschen durcheinander gekommen bin...)
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Meine
Befürchtung war völlig überflüssig, denn
frenetisches Winken des Assistenten gab mir sofort zu verstehen,
gern direkt
beim
Trupp zu bleiben. Den Bracco und seinen Führer kümmerten
die Zuschauer nicht
im mindesten. Dummerweise verpaßte ich durch mein Zögern
bereits einen wichtigen Moment: der Rüde hatte schon
nach wenigen Schritten
einen Fasan übersehen, der sich sofort mit großem
Getöse in die
Luft erhob. Ein Fehler, der nach Ansicht des Führers der
Tatsache zuzuschreiben war, dass die völlige Windstille
es dem Hund praktisch unmöglich gemacht hatte, den Vogel
rechtzeitig zu wittern. Nun erlaubt die Prüfungsordnung
dem Richter, einem Hund seinen Fehler während der ersten
Minute des Turnus großzügig nachzusehen. Es
liegt also in seinem Ermessen, ein Auge zuzudrücken, wenn
der Prüfling gleich zu Anfang etwas falsch macht, und natürlich
kontrolliert niemand mit der Stoppuhr ob erst haargenau 60 Sekunden
verstrichen
sind...
Die Startnummer 1 schien insgesamt Pech zu haben. Ein weiterer
Fasan wurde überlaufen und erst gefunden und vorgestanden nachdem
der Führer seinen Hund mit Pfiffen und Handzeichen praktisch zum
Sitz des Wildes gelotst hatte. Darauf flüsterte mir der Klubbeauftragte
zu: "Versteh das nicht falsch, normalerweise führt der
Bracco den Jäger zum Wild und nicht umgekehrt." Ein paar
Rebhühner entgingen dem Rüden auch; sie suchten unter den Augen
des Richters das Weite.
Dass der Hund sich bemühte, war offensichtlich, aber eine manierliche Suche gelang
ihm trotzdem nicht. Nach 15 Minuten gab der Richter das Zeichen,
ihn wieder anzuleinen. |
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Der
nächste Hund wurde geschnallt und erwies sich als ähnlich
glücklos.
Zwar eilte er zielstrebig durchs Buschwerk, stand auch mehrmals
vor, nur entdeckten weder der aufgeregte Führer noch der
Richter an diesen Stellen Wild. Der Bracco liess sich schliesslich
ins Feld einwinken und
trabte
mit sichtlichem
Genuß nach rechts und links, aber den Fasan, den er dort nach
einer Weile fand und vorstand, veranlaßte er selbst zur Flucht
und stob erst mal hinterdrein. Zum größten
Verdruss seines Führers, der sichtliche Mühe hatte,
seinen Gehilfen wieder heran zu holen. Übrigens mit dem normalen
Appell-Pfiff. Niemand pfeift einen Bracco ins Down. Dass während
der Prüfung überall
in der Nähe Rebhühner und Fasanen mit reichlich
Gelärme aufstanden, um sich anderswo einen stressfreieren
Ruheplatz zu suchen, irritierte den Hund nicht im
geringsten. Dasselbe Verhalten bemerkte ich später bei den
anderen: wenn ein Bracco sucht, läßt er sich von fliehendem
Wild nicht ablenken. Er konzentriert sich voll und ganz auf
seine Aufgabe, egal, wer da um ihn herumflattert.
Diesmal flüsterte
mir jemand zu:"Der
Hund ist in Wahrheit gar nicht übel,
aber
der
Führer
ist viel zu konfus und aufgedreht. Er turnt ständig um
ihn herum und schafft es trotzdem nicht, ihn ordentlich zu
dirigieren." |
| Ein
anderer Prüfling erntete viel Lob für seinen Suchwillen, die Selbstverständlichkeit,
mit der er die Feldränder absuchte, den passablen Trab und das
gute Zusammenspiel mit dem Führer.
Und dann endlich kam ein bisschen Wind auf und ein erleichtertes
Seufzen ging durch die Reihe der wartenden Führer.
Derweil erläuterte Flavio Fusetti folgendes:"Bei unseren
Prüfungen
geht es nicht darum, festzustel-len, ob diese Hunde für
die Jagd geeignet sind, denn das sind sie; sie werden regelmäßig
im praktisch-en Jagdbetrieb eingesetzt und arbeiten sehr zufriedenstellend,
sonst würden sich die Besitzer gar nicht die Mühe
machen, sie quer durch Italien zu den Prüfungen zu fahren.
Uns geht es um etwas ande-res, nämlich zu ermitteln,
welche Tiere dem idealen Arbeitsstil des Bracco Italiano am
nächsten kom-men. Ein Bracco
soll ja nicht nur suchen und vorstehen. Er soll es auf eine
ganz charakteristische, nur ihm eigene Art und Weise tun, und
dabei
ist seine Bewegung enorm wichtig. Dieses Konzept ist viel-leicht
schwer zu verstehen, aber beim Bracco ist die Bewegung tatsächlich
Ausdruck seiner Psyche, seiner Mentalität. Ein fliessender,
raumgreifender Trab mit schön erhobenem Kopf und pendelnder
Rute sagt dir zum Beispiel, dass der Bracco voller Lebens-und
Arbeitsfreude ist.
Ein Bracco, der mit abgehackten, ungleichmäßigen
Schritten läuft,
die Rute vielleicht nur starr ausgestreckt, hat nicht nur eine
schwache Hinterhand und vermutlich ungünstige Winkelungen,
er ist auch innerlich im Un-gleichgewicht, "verklemmt",
unentschlossen..." |
| Unterdessen
war der nächste Hund angetreten, und ich beobachtete seine
Bewegungen mit anderen Augen. Weit davon entfernt, den exzellenten
Bracco vom mittelmäßigen unterscheiden zu können, sah und spürte
ich doch, dass etwas die Harmonie des Bildes störte, wenn ein
Bracco mit kurzem, starrem, schlecht angesetztem Hals vorbeitrabte
oder gar in Paßgang verfiel. Es stimmte ebenso, dass die gleichmäßige,
entspannte Pendelbewegung der Rute während des Trabens einen
deutlich anderen Eindruck erweckte, als die starr ausgestreckte...
Plötzlich eilten alle Zweibeiner
auf das Wiesenstück, wo ein Bracco stand, die Augen, die Nase, seine ganze
Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Punkt gerichtet. Der
Hund
hatte
den Fasan vorbildlich
gesucht und stand nun korrekt vor. Kein Einspringen, keine Unruhe.
Alles prima gemacht. Sein Führer zückte eine Schreckschußpistole
und schoss. Erst jetzt wurde mir das Fehlen von
Flinten bewußt. Aber nein, hier
schoss
niemand
im
Ernst,
das
Wild wurde nur kurzfristig gestört, nicht getötet.
Allerdings bedeutete das Fehlen von erlegter Beute auch, dass
es nichts zu apportieren gab, und in der Tat wurde das Bringen
hier überhaupt nicht geprüft. Für
den Hund war der Schreckschuß das Signal, dass er seine
Aufgabe erfolgreich beendet hatte und weiter suchen durfte. Dieser
hier
strebte voller
Eifer weiter vorwärts und diesmal versuchte ich, seine Kopfhaltung
zu beobachten. Nach einigen Minuten hielt der Bracco wieder inne,
wies auf einen Fasan und der leise Schuß erklang. Die Prüfungszeit
war um, der Führer sagte leise: "Anleinen!" und
der brave Vierbeiner, ungeachtet seiner deutlichen Lust noch
ein paar Stunden weiter
zu suchen, trabte zu einem strahlenden Jäger.
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Inzwischen
hatten wir uns weit vom ursprünglichen Ausgangspunkt entfernt.
Nach kurzer Beratung be -schloss man deshalb, zurück zu den
Autos zu
gehen und dann ein Stück weiter, in das anschliessende Gelände
zu fahren.
Dass dort andere Zustände herrschten bemerkte die startende
Bracco Hündin innerhalb der ersten Minute: sie stieß sofort
auf einen Hasen und stand ihn vor. Mit einem seltsamen Laut,
dem "Brrrr"
der Cowboys
nicht unähnlich, verscheuchte der Führer das Häschen
und wies seine Hündin an, weiter zu suchen. Kaum 100 Meter
weiter der nächste
Hase und dieselbe Prozedur, mit dem Unterschied, dass sich dem
flüchtenden Mümmelmann zwei andere Artgenossen anschlossen.
Wir marschierten weiter, Bracco begeistert suchend voraus, als
sie
den dritten Hasen
fand. Der Führer war genervt. Ein Bracco soll Hasen zwar
notfalls vorstehen (oder ignorieren), aber hier ging es um Federwild
und
das schien ausgerechnet in diesem Abschnitt weit dünner
gesät
zu sein. Außerdem befand sich die Hündin nun wohl
in dem Irrglauben, sie solle Hasen suchen... Ob sie
am Ende doch noch einen Fasan entdeckte, ent-ging mir leider,
da ich gerade
am Beispiel
eines nahebei stehenden Braccos erklärt bekam, dass ein schlecht
geformter oder zu schwerer Kopf ein Übermaß an loser Haut und
Falten im Gesicht verursa-chen kann, was wiederum zum Verdecken
der Augen
führt, und das ist untypisch und gar nicht er-wünscht. Was eine
schlechte Kruppe und falsche Schulterlage für die Bewegung des
Bracco bedeutet, und welche Hinterhand den erforderlichen, richtigen
Schub ermöglicht wurde mir ebenfalls am leben-den Objekt erläutert.
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Was als allgemein
begrüßte Brise begonnen hatte, war unterdessen zu einem spürbaren
Wind gewor-den, den die Führer der letzten zu bewertenden Hunde
mit Argwohn konstatierten. Überhaupt kein Wind ist ungünstig, aber
zuviel Luftbewegung ebenfalls. Die immense Anzahl von Hasen bei
mangel-hafter Präsenz von Federwild bewog den ortskundigen Scout
außerdem, das Gelände neuerlich zu wech -seln. Während wir los
marschierten, diskutierten die vier Hundeführer, ein jeder Besitzer
diverser
Prüflinge, die Unfairneß der Windverhältnisse, das teils schlechte
Gelände, in dem ein Bracco unmög-lich einen sehenswerten Trab präsentieren
könne, das Pech, in einen Abschnitt mit zuviel oder zu we-nig Fasanen
zu geraten, die Fehler, die dieser oder jener Hund nur heute gemacht
hätte und die ihm sonst nie unterliefen, Diskussionen eben, die
wohl am Rande jeder Prüfung geführt werden. Flavio Fu-setti schmunzelte
dazu und erzählte mir, dass keiner der bisher bewerteten Hunde
spektakulär gewes -en sei, doch der Super Bracco sei ohnehin ein
Ideal und der Klub glücklich, wenn es ein breites Mit-telfeld talentierter,
typischer Tiere für die Zucht gäbe.
Ein paar Bilderbuch-Suchen boten die letzten Teilnehmer dann doch
noch, aber offensichtlich wäre ich vollkommen überfordert, die
Feinheiten und Pluspunkte ihrer Performance zu beschreiben. Es
wird viele, viele Prüfungs- und Ausstellungsbesuche brauchen, viel
Arbeit mit meinem eigenen Bracco, bis ich (hoffentlich) dahinter
komme und erkenne, worin die Arbeitsqualitäten der Rasse
im einzelnen bestehen. |
Kurz vor
Mittag endete die Prüfung. Der Richter zog sich zurück,
wertete seine Berichte aus und ver-kündete schliesslich
sein Urteil. Die drei bestplatzierten
Hunde und ihre Führer erhielten den gebüh-renden Applaus
und eigentlich schienen alle sehr zufrieden mit den Ergebnissen.
Sicher stimmt es,
dass dieser oder jener Bracco bei seinem Turnus einfach Pech
hatte oder nicht genügend vorbereitet war - beim nächsten
Mal läuft's vielleicht besser.
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Bevor
sich unsere Autokolonne wieder in Be-wegung setzte, zum Treffpunkt
mit den übrig -en Gruppen, holte ich (mit ausdrücklicher
Erlaubnis des Staatlichen Jagdaufsehers!) Julian aus dem
Kombi, der auch
mal schauen sollte und vor allem einige dringende Geschäf -te
zu erledigen hatte. Er trabte denn auch höchst interessiert herum,
inspizierte die Büsche und mir wurde etwas mulmig. Wäre ja extrem
peinlich, wenn ausgerechnet mein Bracco plötzlich unkontrollierbar
hinter ein-em aufsteigenden Fasan her galoppiert wäre... Ich
nahm ihn also vorsichtshalber an die Lei-ne. Wer hätte ahnen
können, dass er nur drei Tage später in unseren heimischen Wiesen
den ersten Fasan seines Lebens aufs manier-lichste vorstehen
würde!
Nun, als Neuling in der Bracco-Welt war ich von den Erfahrungen
und Impressionen des Wochenend-Treffens, speziell dem Umgang
der Jäger mit ihren Hunden restlos begeist-ert. Vielleicht sind
Julian und ich beim näch-sten Mal ja aktiv dabei...
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