Bleu de Gascogne
Von
Sabine Middelhaufe
Der Grand Bleu de Gascogne gilt als
die älteste
Hunderasse Frankreichs, die auf direktem Wege vom Segusier
der Kelten und den aus Ägypten eingeführten Laufhunden
der Phönizier
abstammt. Ob der Grand Bleu auch dem Hubertushund zu seiner Entstehung
verhalf, darüber sind sich die Kynologen noch heute uneins.
Man darf aber wohl davon ausgehen, dass diese beiden Franzosen
eng miteinander ver-wandt sind und im Laufe ihrer Entwicklung
jeder einmal von den Genen des anderen profitierte.
Der große Gascogner, im Mittelalter vor allem für die
Wolfs- und Hirschjagd eingesetzt, genoss hun-derte von Jahren den
Ruf eines formidablen Spürhundes. Heinrich IV. (16. Jahrhundert)
hielt mit Stolz eine große Meute dieser feinnasigen, unerschrockenen
Laufhunde, und unter anderem der Baron de Ruble setzte die Zucht
der Rasse fort. Bei der ersten Hundeausstellung in Paris (1863)
wurde denn auch eine sehr beeindruckende Meute großer
Gascogner vorgestellt.
Freilich, wie alle Jagdhunderassen musste sich auch diese auf
die Veränderungen im Jagdwesen einstel-len. Der Wolf ist in Frankreich
seit langem ausgerottet, und während der Jäger dem gestellten
Wild in grauer Vorzeit mit Speer und Saufeder zu Leibe rücken
musste, kann er es nun seit Jahrhunderten be-quem und gefahrlos
mit dem Gewehr erlegen. Deshalb stellt der Grand Bleu de Gascogne
seine Qualitäten heute vor allem als ausdauernder, versierter
Spürhund bei der Suche nach Wildschwein und Fuchs, Reh
und Hasen unter Beweis. |
Grand Bleu
(auch im Startfenster)
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| Der
Grand Bleu erreicht je nach Geschlecht eine Widerristhöhe
zwischen 60 - 70 cm. Sein dichtes, kurzes Haarkleid ist,
wie das aller Gascogner, dreifarbig: weißer Grund mit
schwarzen Sprenkeln, Mantel oder Platten, Brandzeichen über
den Augen, an Backen, Behängen und Läufen. Kräftige,
derbe, geschlossene Pfoten, tief angesetzte Behänge
am elegant gewölbten Kopf sind ebenfalls typisch. Der Petit
Bleu de Gascogne ist eine kleinere Version der Ursprungsrasse
und wurde vermutlich von dem berühmten Jagdkynologen und
Jäger Gaston Phoebus, Graf von Foix und Herzog von Bearn
(1331 bis 1391) geschaffen.
Kleiner, und zu Beginn seiner Geschichte sehr viel leichter als
der moderne Petit, war dieser Gascogner erheblich schneller und
beweglicher als sein großer Verwandter und wurde in erster
Linie für die Be-harrlichkeit und Ausdauer fordernde Jagd
auf Hasen und Reh eingesetzt. In Italien benutzt man dies-en mutigen,
harten Hund, der auch problemlos in den Bergen arbeiten kann, heute
sogar bevorzugt bei der anstrengenden und für den Hund keineswegs
ungefährlichen Wildschweinjagd.
Die Rückenhöhe beim Petit Bleu liegt bei 48 - 56 cm.
Während die Population des Grand Bleu in den letzten Jahrzehnten
merklich zurückgegangen ist, kann der Petit Bleu seit 1980
einen klaren Zuwachs verbuchen. |
Petit Bleu |
Ob
der Basset Bleu de Gascogne ein mutierter
Grand Bleu ist, also aus einer spontanen Erbänderung beim
Grand entstand, oder ob man ihn bewusst durch Kreuzung der hochläufigen
Gascogner mit nieder-läufigen Laufhunden schuf, ist noch
immer nicht definitiv geklärt. Tatsächlich fand diese
Rasse erst knapp vor der Wende zum 20. Jahrhundert Erwähnung,
erlangte aber bis in die 196Oer Jahre keine große Bekanntheit.
Das änderte
sich erst, als sich der Basset unter Züchtern wie Vulvin,
Lagarde und Abadie als sehr selbstbewusste, kraftvolle, ausdauernde
und jagdlich äußerst versierte Laufhunde pro-filierten.
Durch Einkreuzung des Petit Bleu gab man dem Basset noch mehr
Lebhaftigkeit und Schnel-ligkeit; von wem er seinen schönen
Spurlaut geerbt hat, ist ungewiss. Fest steht nur, dass er den
Fran-zosen mit
seiner angenehmen Stimme als beispielloser Musiker unter den
Laufhunden
gilt. Der Basset erreicht eine Widerristhöhe zwischen 32 und 42 cm.
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Basset Bleu |
Der
Griffon Bleu de Gascogne entstand aus einer Kreuzung
des kurzhaarigen Petit mit rauhaarigen Laufhunden und wurde
im Südwesten Frankreichs,
wo er herkommt und hauptsächlich verbreitet ist, vor allem
für die Wildschweinjagd gezüchtet. Der kleine Griffon
ist ein rustikaler, temperamentvoller Jagdhund, dem selbst die
größte Hitze nichts ausmacht; aufgrund seines ausgezeichneten
Geruchssinnes kann er selbst im schwierigsten Gelände lange
die Spur seiner Beute halten.
Schulterhöhe des Griffon: 43 - 52 cm.
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Griffon
Bleu |
Die
Blauen Gascogner sind nicht nur Jagdhunde, sondern als Lauf,
- Spür-
und Meutehunde dazu ge-schaffen, das Wild selbständig zu
suchen, auf der Fährte kilometerweit zu verfolgen und dann
zu stel-len. Ganz anders also als der brave Vorstehhund oder
selbst der Stöberer,
sind sie die wahren Herren der weiten Wälder und Wiesen,
in ihrer Beziehung zu großen Distanzen dem Windhund sehr ähnlich
und mit ihrer effektiven Meutejagd und dem Rudelleben durchaus
mit dem Wolf vergleichbar. Und noch etwas verbindet so manchen
Bleu mit dem Stammvater: Sind nämlich die Petit oft extrem
hart, mutig und von natürlichen Problemen und Gefahren schwerlich
zu beeindrucken, reagieren sie doch bisweilen scheu bei der Konfrontation
mit fremden Menschen und unserer Zivilisation. Unerwünschten
Kontakten versuchen sie rigoros auszuweichen, und die Stadtlandschaft
mit all ihren unnatürlichen Reizen bleibt einem Petit wohl
immer suspekt. Diese Zivilisations- und Menschenscheu, häufiger
beim Petit, seltener beim Grand und kaum auftretend beim
Griffon, kommt beim Basset in aller Regel gar nicht vor. Der
Basset eignet sich auch deshalb am ehesten für die Haltung
als Familienhund. |
Sind
die Bleu auch selbstverständlich keine Wachhunde im eigentlichen
Sinne, haben doch alle eine starke Bindung an ihr Heimterritorium
und das Rudel. Das heißt, jeder Gascogner, ob scheu oder
freundlich, meldet die Annäherung von Personen an Haus
und Garten, und ob der Rudelfremde vertrauenswürdig ist,
das entscheidet der Hund sehr instinktsicher allein — da
nützen
auch keine Extrahäppchen oder Anbiederei zwecks Bestechung.
Von jeher an das Leben in der Gruppe gewöhnt, fühlen
sich die Bleu am wohlsten in der Gemeinschaft mit Artgenossen;
zu zweit sind sie zufrieden, zu dritt oder zu fünft sind
sie glücklich. Den Gascogner auf Dauer als Einzelhund zu
halten
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Basset Bleu
Hündin |
ist
folglich eine denkbar schlechte Lösung. Das jahrhundertelange
Leben im Rudel hat dem Bleu auch ein sehr begrüßenswertes
Sozialverhalten bewahrt. Gewiß wird der erwachsene Gascogner
von jüngeren Meutegenossen Respekt fordern, aber dazu reicht
ein strenger Blick, selbstsichere Haltung oder harmloses Scheinschnappen.
Und selbst wenn zwei etwa gleichrangige Kollegen aneinander geraten,
kann man sehr genau sehen, dass beide peinlichst bemüht sind,
die Affäre mit einem Minimum aggressiver Verhaltensweisen
aus der Welt zu schaffen. Niemand will seinen Gegner beschädigen,
denn niemand will seinerseits verletzt werden. Das ist keine Feigheit,
sondern ein biologisch sinnvolles Verhalten, das vielen, vielen
Haushunden heute leider fehlt. Selbstverständlich spielt auch
der geschätzte,
akzeptier-te Mensch eine Rolle im Leben seines Gascogners, nur
dass die Beziehung seitens des erwachsenen Bleu längst nicht
so kindlich-ergeben ist, wie bei mancher anderen Rasse. Dennoch
muß der Mensch
dem Einzel-Bleu die Meute in fast allen Bereichen voll ersetzen. |
Griffon
Bleu
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Schon
der voll ausgewachsene, gesunde Basset braucht 90 Minuten zügiges
Traben neben dem Rad. Petit und Grand Bleu verlangen gute zwei
Stunden Lauf-training und beklagen sich garantiert nicht über
weitere zwei Stunden jagd-bezogener Beschäftigung als Zugabe.
Es liegt auf der Hand, dass das Laufen dem Hund nur dann zusagt
und zuträg-lich ist, wenn die Reise vorwiegend auf Naturboden
und durch für Nase, Ohren und Augen reizvolles Gelände
vonstat-ten geht. Aber welcher Städter kann seinem Gascogner
das wohl bieten — jeden Tag? Kommt hinzu, dass der Bleu in
der Jagdpraxis ebenso wie bei den Ersatzübungen gemäß seiner
Bestimm-ung nicht ständig in der Nähe seines Meisters
bleibt, sondern sich auch mal |
mehrere
hundert Meter entfernen will. Die Bleu können und müssen mühelos
stundenlang traben, suchen und verfolgen, doch heimgekehrt ziehen sie
sich dann eben ohne weiteres auf ihren Stammplatz zurück, dösen,
kauen Knochen, amüsieren sich mal mit einem Spielzeug, schmusen,
wuseln aber weder nervös im Haus herum, noch fordern sie ständig
die Aufmerksamkeit des Menschen.
Ein Gascogner kann wie jeder andere Hund zur Stubenreinheit und Akzeptanz
häuslicher Regeln erzo-gen werden. Was freilich die Ausbildung
anbelangt, unterscheidet sich der Bleu beträchtlich von ande-ren
Rassen. Vergegenwärtigen wir uns noch einmal die Tatsache, dass
er selbständig Wild aufspüren, hetzen und stellen soll, dann
ist klar, dass strengste Unterordnungsübungen ohne für ihn erkennbaren
Zweck nicht unbedingt seine Sache sind. Akkurates, stures Beifussgehen über
längere
Strecken wi-derspricht völlig seinem kraftvollen Vorwärtsdrang
und dem angeborenen Bedürfnis, den Boden zügig, aber systematisch
nach Spuren und Fährten abzusuchen. Sitz, Platz und Steh befolgt
der Gascogner willig und verlässlich eigentlich nur dann, wenn
er aus Erfahrung weiß, dass die geforderte Passivität |
Vorbereitung
für die bald folgende Möglichkeit seiner erneuten jagd-lichen
Aktivität ist.
Das Down oder Halt schließlich ist dem
Bleu eine zutiefst widerwärti-ge Übung, denn nichts
steht zu sei-nem instinktiven Verhalten mehr im Widerspruch,
als der
Befehl, sich prompt auf den Boden zu werfen, wenn das Wild vor
ihm aufsteht
und flieht.
Das soll nun nicht bedeuten, dass man einen Gascogner
nicht zum Ge-horsam bekehren kann, doch der Anspruch des Menschen
muss mit den Möglichkeiten des Hundes ver- |
Basset Bleu
Gruppe |
einbar
sein. Jagderfolg setzt immer Teamwork und Disziplin voraus. Dem
Gehorsam höchst
förderlich ist es deshalb, Unterordnungsübungen schon
beim Welpen in jagdbezogene Unternehmungen einzubind-en. Wie man
als Laie die Talente seines Bleu weiter fördert und sinnvoll
nutzt, hängt vor allem von den jeweiligen Umweltbedingungen,
den individuellen Fähigkeiten des Hundes und den Möglichkeiten
des Herrn ab. Freilich, unter den Teppich kehren kann man die Jagdpassion
eines Bleu, gleich welcher Größe, nicht. Sie muss in
jedem Falle in akzeptable Bahnen gelenkt und täglich in einer
für den Hund befriedigenden und ungefährlichen Weise
abreagiert werden.
Alle Fotos:
Torsten Keller
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