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ZUR NATUR
Copyright by Sabine Middelhaufe
Für Cosimo, den liebenswertesten
Hausherrn,
den ich je hatte.
Auch wenn er mich bis zum Ende
für verrückt hielt.
Dieses Werk wurde zum Nutzen und Frommen des
Lesers verfaßt. Es berichtet von wahren Begebenheiten.
Vielleicht hat mich hier und da das Gedächtnis ein bißchen
im Stich gelassen und die chronologische Reihenfolge ist durcheinander
geraten. Aber alles in allem - so war es...
1.
Einzug ins Gelobte Land
Also
stellen Sie sich mal folgendes Bild vor: Oben tiefblauer Himmel
mit zwei, drei Schäfchenwolken fürs Gemüt.
Unten grünblaues Meer mit zahmen, weißgischtigen
Wellen. Und in der Mitte ein breites, tiefgrünes Zackenband;
das sind die Berge mit ihren endlosen Kastanienwäldern.
Und irgendwo an einer Bergschulter, verborgen hinter uralten
Baumstämmen und gelben Ginsterblüten, fern und außer
Sichtweite des Farbkleckses in der Bildmitte, der einen winzigen
Weiler darstellt, erahnt man eben noch ein graubraunes Bruchsteinhäuschen
auf einer verwilderten Lichtung.
Genau so stellte ich es mir vor. Genau da wollte ich hin.
Zur Verwirklichung solch spinnerter Visionen muß man
sich a) das richtige Land aussuchen, b) im Land die geeignete
Gegend und c) in der Gegend das passende Haus.
Italien, Toskana, schien die perfekte Lösung. Es fehlte
nur noch das Traumhaus: Irgendein verlassenes, halbwegs bewohnbares
Gemäuer mitten im Bergwald, weitab der kleinen Dörfer
und Straßen, aber nahe eines sauberen Baches, mit genügend
Land drumherum, um eines Tages vielleicht eine bescheidene
Ein-Frau-Version von Gemuesebau und Tierhaltung betreiben
zu können.
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Lieschen,
die Gordon Setter Hündin, kra-xelte abenteuerlustig
mit mir den Berg hin-auf, von dort unten, wo die Asphaltstraße
eine scharfe Kurve macht und der Wald mit jedem Höhenmeter
mehr an einen Ur-wald erinnert, bis hier hinauf, wo man
vor
lauter Unterholz, Brombeerdickichten und Farn kaum noch weiterkam.
Keine Spur von einem Weg oder wenigstens einem Wild-wechsel.
Nach anderthalb Stunden mühsam-en Kletterns war ich
nahe daran, meine von Visionen entfachte Suche aufzugeben
und umzukehren,
aber die Morgensonne begann gerade so schön warm über
die Hügel zu blinzeln, es duftete verführerisch
nach taufeuchtem Wald, ein sanfter Wind spielte in den Zweigen
und
die paradiesi-sche
Stille wurde nur ab und zu von einem |
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Vogelruf
unterbrochen. Auch Lieschen schien die Expedition zu genießen.
Sie stromerte gutgelaunt vor mir durch diese Halbwildnis,
schnüffelte
die noch märz-kahlen Sträucher entlang, nahm
nur so zum Spaß ganz vorsichtig die stacheligen
Hüllen
der vorjährigen Eßkastanien ins Maul und preßte
von Zeit zu Zeit ihre große, schwarze Nase in ein
Mauseloch. Als sie plötzlich zwischen den dicken
Stämmen
stehenblieb, Kastanienhülle noch besitzheischend
im Maul, Kopf witternd hochgereckt, erhob sich ueber uns
allsogleich
ein Falke von
einem niedrigen Ast und steuerte mit majestätischer
Ruhe die höher gelegenen Wälder an. Zwei Schritte
weiter, die Blicke noch immer gebannt auf den Falken geheftet,
verhedderte
ich mich hoffnungslos in einem Brombeergestrüpp, das
außer mir auch etliche vermoderte Zaunpfosten gefangenhielt.
Zaunpfosten! Wo Zaunpfähle sind, muß es ein Grundstück
geben, und auf einem Grundstück könnte doch mit
sehr viel Glück...Ich spähte das steil ansteigende
Gelände hinauf und jauchzte aus voller Kehle: Hoch oben,
zwischen nackten Ästen, Stechginster und viel Gebüsch
sah ich tatsächlich etwas, das ein Dach hätte sein
können! Gepriesen sei der Zufall; oder die vorwitzige
Ranke!
Wir folgten den altersschwachen Holzpfählen, die streckenweise
von einem verrosteten, ziemlich nutzlos in der Gegend liegenden
Maschendraht zusammengehalten wurden aufgeregt aufwärts.
Der schweigende Kastanienwald mit seiner dicht bewachsenen
untersten Etage lichtete sich allmählich, und nach den
letzten, steilen Metern des Aufstiegs standen wir unverhofft
auf einer breiten, natürlichen Terrasse. Und ein beträchtlicher
Teil dieser Terrasse befand sich innerhalb des umzäunten
Grundstückes, auf dem wirklich und wahrhaftig ein kleines,
graubraunes Bruchsteinhaus thronte!
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Vorbei
an einem futuristischen Metallobjekt, das sich bei genauerem
Hinsehen als total verbogenes, aus den Angeln gehobenes Eisentor
erwies, traten wir in den vollständig verwilderten
Garten. Absolut malerisch! Im Westen, viele hundert Meter
tiefer und
gut zehn Kilometer entfernt, spiegelte sich, nur zufällig
durch einen Taleinschnitt sichtbar, das Mittelmeer in der
frühen
Morgensonne. Überall sonst um uns herum und auf dem gegenüberliegenden
Gebirgszug breitete sich nur der stille, seit weiß Gott
wie langer Zeit sich selbst überlassene Wald aus. Ohne
Teerstraßen, fast ohne Häuser, ganz und gar ohne
Lärm und Abgasge-stank.
Ich war begeistert, vollkommen und auf der Stelle be- |
geistert.
Lieschen wohl auch, denn sie hüpfte ausgelassen durch Gras
und Büsche, untersuchte die in grauer Vorzeit sorgsam in
Reih und Glied gepflanzten Apfel- und Kirschbäume, rollte
sich grunzend in einem vom Wind aufgewehten Laubhaufen und
begann
sodann ziemlich entschlossen die Grenzen dieses Reiches abzuschreiten.
Das aus riesigen Natursteinen mörtelfrei gefügte Häuschen
besaß zwei Stockwerke. Ich versuchte zaghaft die niedrige
Holztür in der oberen Etage - verschlossen. Ging aufgeregt
die zehn Steinstufen hinab zum Erdgeschoß und sah erleichtert,
daß die hiesige Holztür, oder vielmehr, was von ihr
übrig geblieben war, nur noch an einer Angel hing und außerdem
offen stand. Nur die Brombeeren, scheinbar unzählige Kubikmeter
von Brombeergesträuch, warnten jeden vernunftbegabten Menschen
vor dem Versuch, in den kleinen Raum einzudringen. Da ich nie
unter der Last von zuviel Vernunft zu leiden hatte, wandt und
wurstelte ich mich, ein bißchen ängstlich, aber vor
allem erwartungsvoll zwischen den Ranken hindurch und fand mich,
eine Spur zerkratzter als vorher, in einem kleinen Stall wieder.
Längs der unverputzten Wände staken liebevoll gebastelte
Holzkonstruktionen, noch mit einer uralten, vertrockneten Heuschicht
gefüllt. Zweifellos die Futter- und nächtlichen Parkplätze
für das liebe Vieh. In einer Ecke lehnten wundersame, handgefertigte
Werkzeuge, die wohl in einem geheimnisvollen Zusammenhang mit
der Heugewinnung standen. Und von den morschen Deckenbalken
baumelten breite Lederhalsbänder, wahrscheinlich an kalten
Winterabenden handgemacht. Als kompletter Ignorant in Sachen
Viehhaltung hätte ich ohnehin nicht erschnüffeln können,
wer genau hier einst geschlafen und gekaut hatte, aber das kümmerte
mich nicht, denn es roch in jedem Falle himmlisch. Genau die
richtige Mischung aus Heu, besprenkeltem Stroh und still für
sich hindunstendem Vieh.
Außer der in den Ruhestand getretenen Eingangstür
gab es nur noch ein winziges, vergittertes Loch, und ich mußte
gut acht geben in dem Zwielicht nicht ständig den Kopf
in Spinnenweben zu verlieren; der Stall war knapp einen Meter
sechzig hoch. Das heißt, dort, wo die Bretter, die die
Stalldecke und den Fußboden des oberen Raumes bildeten,
noch vorhanden waren.
In der rechten Ecke dieser Decke fehlten einige Bretter mit
Bedacht. Daneben lehnte eine altertümliche Holzleiter.
Ganz sachte stieg ich hinauf, lugte mit klopfendem Herzen gerade
eben über den Fußboden des zweiten Stocks und dachte,
mich rührt der Schlag. Ein grünes Paar Gummistiefel
sah mir direkt in die Augen. Bevor ich zur stotternden Entschuldigung
ansetzen konnte, fiel mir allerdings auf, daß die Stiefel
derzeit niemanden beherbergten, wenn man von einer winzigen
Spinne einmal absieht.
Kühner geworden kletterte ich eine Sprosse höher und
schaute mir den dämmrigen Raum genauer an. Vor dem einzigen
kleinen, glaslosen Fenster stand ein Tischchen, darauf eine
Kaffeetasse und ein ziemlich verstaubtes Glas mit Zucker. Neben
dem wackligen Tisch eine große Truhe, auf der ein vorsorglich
umgedrehter Stuhl auf seiner Sitzfläche ruhte. In dem simplen
Eckkamin türmte sich noch die Asche eines munteren Feuers,
auf dem mittels eines Eisenrostes und der rußgeschwärzten
Kaffeekanne das bittere Gebräu bereitet worden war. In
einem Holzregal, das an dicken Stöcken einfach aber sicher
in der Mauer hing, stapelten sich Teller, Tassen, Töpfe
und so fort. Ich wartete förmlich darauf, daß der
Bewohner des wunderliches Häuschens im nächsten Moment
durch die obere Tür treten und mich fragen würde,
was, bitteschön, ich hier zu suchen hätte. Dann fiel
mein Blick auf das Bett, oder richtiger, die kläglichen
Reste einer Matratze. Selbst eine kopfstarke Mäusefamilie
braucht viele, viele Jahre, um so ein Ding fast vollständig
seines Innenlebens zu berauben. Die neugierige Inspektion ergab
ferner, daß auch die Hosen, Wollpullover, Handtücher
und Lederschuhe nicht erst seit gestern dem Zahn der Zeit
und
Maus ausgesetzt waren.
Wer bereit ist, mir zu glauben, daß Orte eine ganz eigene,
unverwechselbare Atmosphäre haben können, möge
mir auch glauben, daß dieses kleine Haus für mich
so viel Ruhe, Freundlichkeit und Lebendigkeit ausstrahlte, daß
mir nicht der leiseste Zweifel kam, ob ich diese, nüchtern
betrachtet, halbe Ruine überhaupt bewohnbar machen könnte.
Ich stieg vorsichtig und sehr zuversichtlich wieder die Leiter
herab, trat aus dem Stall in die Sonne, setzte mich auf die
Steinbank vor der oberen Tür und dachte nach. |
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Ich
liebe Mäuse, kann mir die Haare selbst schneiden
und hasse Fernseher. Damit erfülle ich prak-tisch
alle wesentlichen Voraussetzungen, um in der Einsamkeit überleben
zu können.
Zwar besaß ich augenblicklich fast keinen Pfennig Geld,
weil wieder mal ein Verlag den versprochenen Publikations-termin
überzogen hatte, aber der Genius des Ortes würde
mir schon aus der Klemme helfen. Irgendwie. Lieschen baute
sich wedelnd vor mir auf, blaffte übermütig und
gab eindeutig zu versteh-en, daß sie meine Meinung
vollauf teilte.
Ich bin nicht mehr sicher, ob der Besitzer, ein liebenswerter
alter Herr, sagte, er hätte den Stall im Wald vor sieben
oder siebzig Jahren aufgegeben, denn mein ganzes Bestreben
lag darin, ihn zu über-zeugen, daß er ganz gewiß
keine Beihilfe zum Selbstmord übte, wenn er mir das
Häuschen
überließe. Er hielt mich zwar trotzdem für
verrückt, aber eine von der harmlosen Sorte und borgte
mir am Ende sogar Machete, Schaufel, Hacke und Mistgabel.
Zum Abschied sagte er:"Ich hoffe, da haben sich in-zwischen
keine Vipern eingenistet." Ich schluckte und teilte
seine Hoffnung aus tiefster Seele.
Um zu meinem neuen Domizil zu gelangen mußte man beim
nächstgelegenen Dörfchen die Paßstraße
überqueren, von dort rund zehn Minuten einem Fußweg
tiefer in den Wald bergauf folgen, sodann den Ziegenpfad
finden,
der linker Hand abzweigte und weitere zehn Minuten waldein
und bergab wandern bis man die kleine Lichtung erreichte
auf
der sich mein Haus und Garten friedvoll sonnten. Diese simple
Wegbeschreibung bekam freilich erst praktische Bedeutung,
nachdem ich tagelang, mit Mache-te und Mistgabel ausgerüstet,
die Pfade aus Stechginster und Besenheide freigehackt und
tonnenweise glitschiges Laub und Kastanienhüllen fortgegabelt
hatte. Das war, wie ich schnell feststellte, eine aus-gezeichnete
Vorübung für den ersten Vor-Einzugs-Akt. Denn bevor
ich mich innenarchitektonischen
Träumereien
hingeben konnte, mußten zwei der vier Hauswände
erst einmal von Bollwerken hochresi-stenter Brombeerbüsche,
Kletterpflanzen unbekannter Art und sonstigen vegetativen
Fremdkörpern befreit werden. Im Laufe dieser Aktion
stieß
ich auch verblüfft auf die Wände eines zweiten,
eben-erdigen Raumes, der irgendwann hinten angebaut worden
war.
Nun endlich befugt und befähigt das Haus nach Belieben
zu betreten, knöpfte ich mir den Stall vor. Die fuenfzig
Zentimeter hohe, von den früheren Insassen sorgsam
festgetrampelte Schicht Natur-dünger aus dem Stall
zu hacken und zu schaufeln kostete mich zwar zwölf
Tage meines Lebens, aber dafür
gewann die künftige Küche an unschätzbarer
Raumhöhe. Ich hackte und schaufelte also mit In-
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brunst.
Alle anderweitig nicht mehr brauchbaren Holzgegenstände
aus dem Stall und drumherum wurden fein säuberlich zu
Feuerholz zerhackt und aufgestapelt, die noch präsenten,
Holzwurm geplagten, dicken Bohlen zwischen den beiden uebereinander
liegenden Zimmern mit nackter Gewalt herausgerissen, und schließlich
kamen die Stun-den der Wahrheit, in denen ich mit einer ziemlich
stumpfen kleinen Säge jeden Tag einen der enormen alten,
aber leider einsturzge-fährdeten Kastanienbalken zersägte,
um unser Heim durch eine neue Innenkonstruktion zwischen künftiger
Küche und dem Allzweck-zimmer im ersten Stock ein klein
wenig sicherer zu gestalten. Mitte April war die Sache schon
soweit gediehen, daß Lieschen und ich mit Bett, Gaskocher,
Schreibmaschine und Hundenäpfen Einzug hielten.
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