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Traumland Toskana oder:
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Copyright by Sabine Middelhaufe


Für Cosimo, den liebenswertesten
Hausherrn, den ich je hatte.
Auch wenn er mich bis zum Ende
für verrückt hielt.


Dieses Werk wurde zum Nutzen und Frommen des Lesers verfaßt. Es berichtet von wahren Begebenheiten. Vielleicht hat mich hier und da das Gedächtnis ein bißchen im Stich gelassen und die chronologische Reihenfolge ist durcheinander geraten. Aber alles in allem - so war es...

 

INHALT

1. Einzug ins Gelobte Land
2. Mäuse, Mäuse, Mäuse
3. Vom idyllischen Leben im Walde
4. Schlangen und Natterngezücht
5. Verunglückter Sommeranfang
6. Vom Sammelwahn
7. Die Invasion
8. Viele gute Vorsätze
9. Geheimnisvolle Geräusche
10. Vorbereitungen für den Winter
11. Banshee
12. Winter im Wald
13. Die Freuden des Gemüsegärtners
14. Jonas
15. Alarm, der Wald brennt!
16. Vorletztes
17. Epilog

1. Einzug ins Gelobte Land
Also stellen Sie sich mal folgendes Bild vor: Oben tiefblauer Himmel mit zwei, drei Schäfchenwolken fürs Gemüt. Unten grünblaues Meer mit zahmen, weißgischtigen Wellen. Und in der Mitte ein breites, tiefgrünes Zackenband; das sind die Berge mit ihren endlosen Kastanienwäldern. Und irgendwo an einer Bergschulter, verborgen hinter uralten Baumstämmen und gelben Ginsterblüten, fern und außer Sichtweite des Farbkleckses in der Bildmitte, der einen winzigen Weiler darstellt, erahnt man eben noch ein graubraunes Bruchsteinhäuschen auf einer verwilderten Lichtung.
Genau so stellte ich es mir vor. Genau da wollte ich hin.
Zur Verwirklichung solch spinnerter Visionen muß man sich a) das richtige Land aussuchen, b) im Land die geeignete Gegend und c) in der Gegend das passende Haus.
Italien, Toskana, schien die perfekte Lösung. Es fehlte nur noch das Traumhaus: Irgendein verlassenes, halbwegs bewohnbares Gemäuer mitten im Bergwald, weitab der kleinen Dörfer und Straßen, aber nahe eines sauberen Baches, mit genügend Land drumherum, um eines Tages vielleicht eine bescheidene Ein-Frau-Version von Gemuesebau und Tierhaltung betreiben zu können.

Lieschen, die Gordon Setter Hündin, kra-xelte abenteuerlustig mit mir den Berg hin-auf, von dort unten, wo die Asphaltstraße eine scharfe Kurve macht und der Wald mit jedem Höhenmeter mehr an einen Ur-wald erinnert, bis hier hinauf, wo man vor lauter Unterholz, Brombeerdickichten und Farn kaum noch weiterkam. Keine Spur von einem Weg oder wenigstens einem Wild-wechsel. Nach anderthalb Stunden mühsam-en Kletterns war ich nahe daran, meine von Visionen entfachte Suche aufzugeben und umzukehren, aber die Morgensonne begann gerade so schön warm über die Hügel zu blinzeln, es duftete verführerisch nach taufeuchtem Wald, ein sanfter Wind spielte in den Zweigen und die paradiesi-sche Stille wurde nur ab und zu von einem

Vogelruf unterbrochen. Auch Lieschen schien die Expedition zu genießen. Sie stromerte gutgelaunt vor mir durch diese Halbwildnis, schnüffelte die noch märz-kahlen Sträucher entlang, nahm nur so zum Spaß ganz vorsichtig die stacheligen Hüllen der vorjährigen Eßkastanien ins Maul und preßte von Zeit zu Zeit ihre große, schwarze Nase in ein Mauseloch. Als sie plötzlich zwischen den dicken Stämmen stehenblieb, Kastanienhülle noch besitzheischend im Maul, Kopf witternd hochgereckt, erhob sich ueber uns allsogleich ein Falke von einem niedrigen Ast und steuerte mit majestätischer Ruhe die höher gelegenen Wälder an. Zwei Schritte weiter, die Blicke noch immer gebannt auf den Falken geheftet, verhedderte ich mich hoffnungslos in einem Brombeergestrüpp, das außer mir auch etliche vermoderte Zaunpfosten gefangenhielt.
Zaunpfosten! Wo Zaunpfähle sind, muß es ein Grundstück geben, und auf einem Grundstück könnte doch mit sehr viel Glück...Ich spähte das steil ansteigende Gelände hinauf und jauchzte aus voller Kehle: Hoch oben, zwischen nackten Ästen, Stechginster und viel Gebüsch sah ich tatsächlich etwas, das ein Dach hätte sein können! Gepriesen sei der Zufall; oder die vorwitzige Ranke!
Wir folgten den altersschwachen Holzpfählen, die streckenweise von einem verrosteten, ziemlich nutzlos in der Gegend liegenden Maschendraht zusammengehalten wurden aufgeregt aufwärts. Der schweigende Kastanienwald mit seiner dicht bewachsenen untersten Etage lichtete sich allmählich, und nach den letzten, steilen Metern des Aufstiegs standen wir unverhofft auf einer breiten, natürlichen Terrasse. Und ein beträchtlicher Teil dieser Terrasse befand sich innerhalb des umzäunten Grundstückes, auf dem wirklich und wahrhaftig ein kleines, graubraunes Bruchsteinhaus thronte!

Vorbei an einem futuristischen Metallobjekt, das sich bei genauerem Hinsehen als total verbogenes, aus den Angeln gehobenes Eisentor erwies, traten wir in den vollständig verwilderten Garten. Absolut malerisch! Im Westen, viele hundert Meter tiefer und gut zehn Kilometer entfernt, spiegelte sich, nur zufällig durch einen Taleinschnitt sichtbar, das Mittelmeer in der frühen Morgensonne. Überall sonst um uns herum und auf dem gegenüberliegenden Gebirgszug breitete sich nur der stille, seit weiß Gott wie langer Zeit sich selbst überlassene Wald aus. Ohne Teerstraßen, fast ohne Häuser, ganz und gar ohne Lärm und Abgasge-stank.
Ich war begeistert, vollkommen und auf der Stelle be-
geistert. Lieschen wohl auch, denn sie hüpfte ausgelassen durch Gras und Büsche, untersuchte die in grauer Vorzeit sorgsam in Reih und Glied gepflanzten Apfel- und Kirschbäume, rollte sich grunzend in einem vom Wind aufgewehten Laubhaufen und begann sodann ziemlich entschlossen die Grenzen dieses Reiches abzuschreiten.
Das aus riesigen Natursteinen mörtelfrei gefügte Häuschen besaß zwei Stockwerke. Ich versuchte zaghaft die niedrige Holztür in der oberen Etage - verschlossen. Ging aufgeregt die zehn Steinstufen hinab zum Erdgeschoß und sah erleichtert, daß die hiesige Holztür, oder vielmehr, was von ihr übrig geblieben war, nur noch an einer Angel hing und außerdem offen stand. Nur die Brombeeren, scheinbar unzählige Kubikmeter von Brombeergesträuch, warnten jeden vernunftbegabten Menschen vor dem Versuch, in den kleinen Raum einzudringen. Da ich nie unter der Last von zuviel Vernunft zu leiden hatte, wandt und wurstelte ich mich, ein bißchen ängstlich, aber vor allem erwartungsvoll zwischen den Ranken hindurch und fand mich, eine Spur zerkratzter als vorher, in einem kleinen Stall wieder. Längs der unverputzten Wände staken liebevoll gebastelte Holzkonstruktionen, noch mit einer uralten, vertrockneten Heuschicht gefüllt. Zweifellos die Futter- und nächtlichen Parkplätze für das liebe Vieh. In einer Ecke lehnten wundersame, handgefertigte Werkzeuge, die wohl in einem geheimnisvollen Zusammenhang mit der Heugewinnung standen. Und von den morschen Deckenbalken baumelten breite Lederhalsbänder, wahrscheinlich an kalten Winterabenden handgemacht. Als kompletter Ignorant in Sachen Viehhaltung hätte ich ohnehin nicht erschnüffeln können, wer genau hier einst geschlafen und gekaut hatte, aber das kümmerte mich nicht, denn es roch in jedem Falle himmlisch. Genau die richtige Mischung aus Heu, besprenkeltem Stroh und still für sich hindunstendem Vieh.
Außer der in den Ruhestand getretenen Eingangstür gab es nur noch ein winziges, vergittertes Loch, und ich mußte gut acht geben in dem Zwielicht nicht ständig den Kopf in Spinnenweben zu verlieren; der Stall war knapp einen Meter sechzig hoch. Das heißt, dort, wo die Bretter, die die Stalldecke und den Fußboden des oberen Raumes bildeten, noch vorhanden waren.
In der rechten Ecke dieser Decke fehlten einige Bretter mit Bedacht. Daneben lehnte eine altertümliche Holzleiter. Ganz sachte stieg ich hinauf, lugte mit klopfendem Herzen gerade eben über den Fußboden des zweiten Stocks und dachte, mich rührt der Schlag. Ein grünes Paar Gummistiefel sah mir direkt in die Augen. Bevor ich zur stotternden Entschuldigung ansetzen konnte, fiel mir allerdings auf, daß die Stiefel derzeit niemanden beherbergten, wenn man von einer winzigen Spinne einmal absieht.
Kühner geworden kletterte ich eine Sprosse höher und schaute mir den dämmrigen Raum genauer an. Vor dem einzigen kleinen, glaslosen Fenster stand ein Tischchen, darauf eine Kaffeetasse und ein ziemlich verstaubtes Glas mit Zucker. Neben dem wackligen Tisch eine große Truhe, auf der ein vorsorglich umgedrehter Stuhl auf seiner Sitzfläche ruhte. In dem simplen Eckkamin türmte sich noch die Asche eines munteren Feuers, auf dem mittels eines Eisenrostes und der rußgeschwärzten Kaffeekanne das bittere Gebräu bereitet worden war. In einem Holzregal, das an dicken Stöcken einfach aber sicher in der Mauer hing, stapelten sich Teller, Tassen, Töpfe und so fort. Ich wartete förmlich darauf, daß der Bewohner des wunderliches Häuschens im nächsten Moment durch die obere Tür treten und mich fragen würde, was, bitteschön, ich hier zu suchen hätte. Dann fiel mein Blick auf das Bett, oder richtiger, die kläglichen Reste einer Matratze. Selbst eine kopfstarke Mäusefamilie braucht viele, viele Jahre, um so ein Ding fast vollständig seines Innenlebens zu berauben. Die neugierige Inspektion ergab ferner, daß auch die Hosen, Wollpullover, Handtücher und Lederschuhe nicht erst seit gestern dem Zahn der Zeit und Maus ausgesetzt waren.
Wer bereit ist, mir zu glauben, daß Orte eine ganz eigene, unverwechselbare Atmosphäre haben können, möge mir auch glauben, daß dieses kleine Haus für mich so viel Ruhe, Freundlichkeit und Lebendigkeit ausstrahlte, daß mir nicht der leiseste Zweifel kam, ob ich diese, nüchtern betrachtet, halbe Ruine überhaupt bewohnbar machen könnte. Ich stieg vorsichtig und sehr zuversichtlich wieder die Leiter herab, trat aus dem Stall in die Sonne, setzte mich auf die Steinbank vor der oberen Tür und dachte nach.

Ich liebe Mäuse, kann mir die Haare selbst schneiden und hasse Fernseher. Damit erfülle ich prak-tisch alle wesentlichen Voraussetzungen, um in der Einsamkeit überleben zu können. Zwar besaß ich augenblicklich fast keinen Pfennig Geld, weil wieder mal ein Verlag den versprochenen Publikations-termin überzogen hatte, aber der Genius des Ortes würde mir schon aus der Klemme helfen. Irgendwie. Lieschen baute sich wedelnd vor mir auf, blaffte übermütig und gab eindeutig zu versteh-en, daß sie meine Meinung vollauf teilte.
Ich bin nicht mehr sicher, ob der Besitzer, ein liebenswerter alter Herr, sagte, er hätte den Stall im Wald vor sieben oder siebzig Jahren aufgegeben, denn mein ganzes Bestreben lag darin, ihn zu über-zeugen, daß er ganz gewiß keine Beihilfe zum Selbstmord übte, wenn er mir das Häuschen überließe. Er hielt mich zwar trotzdem für verrückt, aber eine von der harmlosen Sorte und borgte mir am Ende sogar Machete, Schaufel, Hacke und Mistgabel. Zum Abschied sagte er:"Ich hoffe, da haben sich in-zwischen keine Vipern eingenistet." Ich schluckte und teilte seine Hoffnung aus tiefster Seele.
Um zu meinem neuen Domizil zu gelangen mußte man beim nächstgelegenen Dörfchen die Paßstraße überqueren, von dort rund zehn Minuten einem Fußweg tiefer in den Wald bergauf folgen, sodann den Ziegenpfad finden, der linker Hand abzweigte und weitere zehn Minuten waldein und bergab wandern bis man die kleine Lichtung erreichte auf der sich mein Haus und Garten friedvoll sonnten. Diese simple Wegbeschreibung bekam freilich erst praktische Bedeutung, nachdem ich tagelang, mit Mache-te und Mistgabel ausgerüstet, die Pfade aus Stechginster und Besenheide freigehackt und tonnenweise glitschiges Laub und Kastanienhüllen fortgegabelt hatte. Das war, wie ich schnell feststellte, eine aus-gezeichnete Vorübung für den ersten Vor-Einzugs-Akt. Denn bevor ich mich innenarchitektonischen
Träumereien hingeben konnte, mußten zwei der vier Hauswände erst einmal von Bollwerken hochresi-stenter Brombeerbüsche, Kletterpflanzen unbekannter Art und sonstigen vegetativen Fremdkörpern befreit werden. Im Laufe dieser Aktion stieß ich auch verblüfft auf die Wände eines zweiten, eben-erdigen Raumes, der irgendwann hinten angebaut worden war.
Nun endlich befugt und befähigt das Haus nach Belieben zu betreten, knöpfte ich mir den Stall vor. Die fuenfzig Zentimeter hohe, von den früheren Insassen sorgsam festgetrampelte Schicht Natur-dünger aus dem Stall zu hacken und zu schaufeln kostete mich zwar zwölf Tage meines Lebens, aber dafür gewann die künftige Küche an unschätzbarer Raumhöhe. Ich hackte und schaufelte also mit In-

brunst. Alle anderweitig nicht mehr brauchbaren Holzgegenstände aus dem Stall und drumherum wurden fein säuberlich zu Feuerholz zerhackt und aufgestapelt, die noch präsenten, Holzwurm geplagten, dicken Bohlen zwischen den beiden uebereinander liegenden Zimmern mit nackter Gewalt herausgerissen, und schließlich kamen die Stun-den der Wahrheit, in denen ich mit einer ziemlich stumpfen kleinen Säge jeden Tag einen der enormen alten, aber leider einsturzge-fährdeten Kastanienbalken zersägte, um unser Heim durch eine neue Innenkonstruktion zwischen künftiger Küche und dem Allzweck-zimmer im ersten Stock ein klein wenig sicherer zu gestalten. Mitte April war die Sache schon soweit gediehen, daß Lieschen und ich mit Bett, Gaskocher, Schreibmaschine und Hundenäpfen Einzug hielten.


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