12. Winter im Wald
Der Winter setzte Anfang Dezember ein und dies über Nacht.
Ich wurde kurz vorm Morgengrauen davon geweckt, daß eine Horde Elefanten in meinem Grundstück Amok lief und jemand versuchte, das Haus umzuwerfen. Ich öffnete die Augen einen Spalt breit, setz-te mich auf und stellte beruhigt fest, daß nirgends Elefanten Amok liefen. Es war nur ein Baby-Orkan. Wie ein kleines Kind, das, Zungenspitze konzentriert ein Stückchen herausgestreckt, versucht, sein Bauklotzhaus abzubauen, versuchte er, die nördliche Toskana auseinanderzunehmen. Zumindest bei uns machte er seine Sache bewundernswert methodisch. Zum Einstimmen ein verspieltes Zupfen an der Dachplane hier, ein leichtes Zerren an der Fensterfolie dort. Versuchsweises Rütteln an den Türen, ein bißchen Klappern am berühmten Vordach, na, wie Baby-Orkane eben sind. Im Verlaufe der Nacht geriet er dabei mehr und mehr in Fahrt, und als schließlich sogar ich von dem Getöse aufwachte, knat-terte das grüne Regencape über mir verzweifelt an seinen Holzpflöcken, das lange Metallvordach, hatte sich von den beiden unteren Nägeln losgerüttelt, nur fürs erste, und schepperte im steten Rhythmus gegen die Hausecke, ungefähr so, als wenn eine tüchtige Hausfrau die Fußmatte ausklopft, nur lauter und metallischer natürlich. Ich riß die entsetzten Augen noch rechtzeitig ganz auf, um mitzuerleben, wie die Fensterfolie mir melancholisch zuwinkte und sich vondannen machte. Wenn das Vordachblech gerade zum nächsten Paukenschlag ausholte, vernahm ich mir zu Häupten ein ächzendes Reißen, gefolgt von einem befreiten Flattern. Das war die Dachplane, die sich an den überstehenden Dachschindeln aufgeschlitzt hatte und die neu gewonnene Ellbogenfreiheit hörbar genoß. Dies versetz-te die Drähte zwischen Holzpflöcken und Planenösen natürlich in die Lage, ebenfalls an den übersteh-enden Dachschindeln zu rütteln, mit dem befriedigenden Ergebnis, daß letztere ihr Heil in der Flucht suchten. Das dumpfe Rumpeln und Klatschen draußen waren also Gott sei Dank auch keine Elefanten; es war nur das sich geruhsam abdeckende Dach. Daß ich von dem Rumpeln, Reißen, Flattern, Türenrütteln und Scheppern zunächst nur vergleichsweise wenig mitbekam, lag an dem permanenten Rauschen und Röhren im Haus selbst. Der Baby-Orkan amüsierte sich nämlich damit, durch die unzähligen Löcher und Ritzen im Mauerwerk einer Seite hereinzufegen, kurz durch die Papiere auf dem Schreibtisch zu blättern, den Teppich aufzurollen, die Bettdecke anzuheben und dann mit lustigem "Hui!" durch die Löcher und Ritzen der gegenüberliegenden Wand wieder nach draußen zu wirbeln. In der Küche unten ging es wohl ähnlich zu, weshalb Banshee auf der höchsten Stufe der Leiter hockte, abwechselnd:"Ruhe hier!" Und:"Aufmachen da oben!" brüllte. Als ich mich nach heftigen Kämpfen mit dem Sturm, der meine Kleidung gern aus dem Fenster werfen wollte, schließlich angezogen hatte und die Luke über der Hühnerleiter öffnete, kam mir nicht nur eine eisige Böe entgegen, sondern auch Banshee, die zielstreb-ig in mein Bett hüpfte.
Lampo!!! Ich entriegelte die obere Tür, stemmte mich krampfhaft gegen den Sturm, der sie in die Südtoskana verschleppen wollte, starrte nach draußen und sah nur das jämmerlich auf seinen Angeln tanzende Gartentor. Keine Hundehütte. Mir wurde vor Angst fast schlecht. Ich fand die Hütte später am anderen Ende des Grundstückes wie-der. Sie stand auf dem Kopf, wenn man das von einer Hun-dehütte ohne Dach sagen kann. Lampo fand ich Gott sei Dank sofort. Er lag zitternd und so schreckensbleich wie ein schwarzer Hund nur sein kann direkt vor der Tür-schwelle. Im ersten Moment dachte ich, eine der enormen Dachschindeln hätte ihn erschlagen, aber sobald er regi-strierte, daß ich die Tür geöffnet hatte, schoß er ins Zim-mer, robbte unters Bett und blieb für die nächsten Stun-den bibbernd dort liegen. Ich verriegelte die Tür eilends wieder von innen, wurstelte mich zähneklappernd in zwei weitere Pullover, um in der arktischen Kälte nicht zu er-frieren und stieg in die Küche herab.
Na ja, was man so Küche nennt. Vielleicht war der Draht, den ich zur Verriegelung der unteren Tür auserkoren hatte schon ein bißchen rostig, jedenfalls hatte er dem entschlossenen Schütteln und Zer-ren des Sturms nicht lange getrotzt. Was immer im weiteren Umkreis beweglich genug gewesen war, um in die Küche zu flüchten, war nun hier drinnen versammelt. Neben Tonnen von Laub und Staub auch Zweige, Äste, einige Proben der frischgewaschenen Wäsche von der Leine draußen, wurmstichige Äp-fel, leere, verrostete Konservendosen (nicht von mir), der halbe Komposthaufen, ein kaputter Plastik-eimer und ich weiß nicht, was sonst noch alles. Natürlich war die Küche im Verlaufe auch -wieder mal- völlig neu gestaltet worden. Das Regal mit den Marmeladengläsern gefiel offensichtlich niemandem an seinem Platz. Es ruhte jetzt auf dem Fußboden, in einem klebrigen See aus Kirschmarmelade. Die Tischdecke lag ängstlich zusammengekauert unter der Spüle und zwei Bodenvasen zerbrochen vor der Wand. Der Anblick war so schon traurig genug; mit dem rhythmischen Blechtrommeln des Vordachs gleich vor der Tür, dem hysterischen Flappern und Knattern der Dachplane und dem unregelmäßigen Plopp stürzender Schindeln in dem infernalischen Brausen des Sturms machte er mich geradezu elendig.
Inzwischen war es hell genug, um zu sehen, wie sich die Bäume verzweifelt bogen, die klügsten von ihnen lieber ihre besten Äste preisgaben, als sich selbst umwerfen zu lassen - und daß bisweilen die absonderlichsten Objekte durch den Garten segelten. Eines flog so dicht an der Küchentür vorbei, daß ich es wiederzuerkennen glaubte. Ein großes, stabiles, unhandliches Stück Wellblech. Wellblech? Ich zählte bis drei, raste aus dem Haus, um die erste Ecke, um die zweite, gleichgültig gegen die Gefahr von einer Dachschindel erschlagen zu werden, erreichte lebend mein nagelneues Badezimmer und wäre am liebsten in Tränen ausgebrochen. Der mächtige alte Kastanienbaum neben dem Anbau hatte aus purem Selbsterhaltungstrieb einen langen, schweren Ast geopfert, der dem Gesetz der Schwerkraft und der Windgeschwindigkeit folgend auf mein Badezimmerdach gefallen war. Das Dach gab nach, die Balken barsten, das Porzellanwaschbecken nebst seinem Holzgestell kapitulierte auch und beide fan-den ihre letzte Ruhe in Scherben und Splittern unter dem knorrigen Ast. Die Balken hatten bei ihrem unverhofften Sprung in die Tiefe diverse Mauersteine losgehebelt, und da offensichtlich die ganze Mauer auf einer Seite nicht mehr so furchtbar stabil gewesen war, bedeckte nun ein ansehnliches Häufchen Bruchsteine den restlichen Schutt. Ich weiß nicht, wie das zugegangen ist, aber etliche Wellblechstreifen, vom Sturm gnadenlos geschüttelt, schüttelten ihrerseits die Nägel ab und flogen davon in die Freiheit. Seit Beginn dieses Dramas mußte schon einige Zeit verstrichen sein, denn das, was mal ein echtes Badezimmer werden sollte, lag inzwischen weitgehend verborgen unter ortsfremden Blättern, Erde, Feuerholz, Dachschindeln und Fetzen der Dachplane. Ein umgestürzter junger Baum schaute von der Waldseite her über die Mauer aufs Schlachtfeld; andere Bäume hatten mein Bade-zimmer bei ihrem tödlichen Sturz haarscharf verfehlt. Nur das Plumpsklo thronte unversehrt inmitten des Chaos. Ich stürzte zurück in die Küche, und wäre ich zehn Sekunden später gestartet, wäre das vielleicht mein letzter Start in diesem Leben gewesen, denn dem Vordach war das ewige ohrenbetäu-bende Schlagen gegen die Hausecke langweilig geworden. Es hob sich unter einer besonders heftigen Böe, riß die beiden Nägel an seinem Kopfende mit einem ekelhaften Quietschen aus dem Holz, straffte sich, bog sich und wirbelte wie ein bösartiger Riesenbumerang über die oberste Terrasse. Gespenstische, ohrenbetäubende Bauchlandung. Neuer Start. Ein bißchen unbeholfen zuerst, dann gewannen die sechs Meter dickes Blech an Höhe, nahmen Kurs auf den Wald tief unten, köpften auf dem Weg noch einen Kirschbaum mittleren Alters und verloren sich in weiter Ferne. Ich war fast froh das irrsinnige Donnern gegen die Hausmauer los zu sein. Nicht so der Sturm. Er sorgte unverzüglich für Ersatz. Ein langes, hochtöniges Ratsch, und damit änderte sich die Qualität des Planenflatterns vernehmlich. Der risikoreiche Blick hinaus ergab, daß das Regencape sich soweit aufgeschlitzt hatte, daß es nun, die lose Hälfte über die noch festgezurrte geklappt, nur noch über einer Dachseite knat-terte. Damit verdoppelten auch die Drähte ihre Bemühungen, weitere Dachschindeln loszurütteln und das vermehrte Plopp kündete von diesbezüglichem Erfolg.
Daß ich niedergeschlagen dastand wäre die Untertreibung des Jahrhunderts. Ich hätte am liebsten selbst in hilflosem Zorn gegen die Mauern getrommelt und losgeheult. Aber dann wäre wahrscheinlich das ganze Gemäuer eingestürzt. Außerdem war es viel zu kalt, längere Zeit am selben Fleck zu stehen. Mit dem tramontana, dem berüchtigten Wind aus den höheren Bergen, war die Temperatur schlagartig gesunken. Ich war bei zwölf Grad plus ins Bett gegangen und bei minus fünf aufgewacht. Das Motto der Stunde konnte nur lauten: Überleben um jeden Preis.
Kaffee wäre angezeigt. Stark, heiß und süß. Die Flamme im Gasherd erhob sich zwar willig, hätte möglicherweise sogar den wirbelnden Luftströmen in der Küche standgehalten, verwandelte sich indes in ein leises Wabern, als die kleine Kaffeemaschine eben warm werden wollte. Das Wabern erstarb, die Gasflasche seufzte:"Leer!" und ich schrie minutenlang Worte, die ich hier lieber nicht wiedergeb-en möchte. Rauf ins obere Zimmer, Gasflasche aus der Heizung montieren, Tür öffnen, mit zwei Hän-den gut festhalten, mit dem anderen Paar die Flasche rauswuchten, Tür verriegeln, Gasflasche die zehn Stufen zur Küche runterschleppen, anschließen - man sollte dem Schicksal auch für kleine Gefällig-keiten danken. Der Kaffee machte wieder einen Menschen aus mir.
Unter dem ganzen Treibgut im Haus nach der grünen Drahtrolle zu fahnden wäre reine Idiotie gewe-sen. Stattdessen kappte ich ein Stück vom kaputten Grundstückszaun, zurrte die Küchentür gut fest und stieg wieder nach oben. Da das Planenknattern und Rumsen der fallende Dachschindeln, das ge-bieterische Rütteln an der Tür und das Quietschen und Scharren der wenigen noch präsenten Well-blechstücke am einstigen Badezimmer, ganz zu schweigen vom unfaßlichen Gebrüll des Orkans eher zugenommen hatte, hielt sich die Gemütlichkeit auch im oberen Gemach sehr in Grenzen. Außerdem machte mir die Kälte zu schaffen. Das Vernünftigste wäre es wohl gewesen, wie Banshee unter die Bettdecke zu kriechen und zu warten, daß das Inferno sich von selbst erschöpfte. Aber dazu fehlte mir die richtige Einstellung. Also wagte ich mich wieder nach draußen, sah die flatternde Plane, sah die Geschwindigkeit, mit der die Schindeln nun abstürzten und sah vor meinem geistigen Auge den näch-sten, anhaltenden Regenschauer.
Die alte Holzleiter, unversehrt und nicht mal drei Handbreit weggeflogen, lehnte etwas schwächlich gegen die Mauer, fiel aber anstandshalber erst um, als ich schon auf dem Dach lag, bäuchlings, ver-zweifelt nach irgendetwas krallend, um nicht einfach weggefegt zu werden. Die Plane zu fassen zu kriegen erwies sich als schwieriger denn befürchtet, aber ich bekam sie am Ende zu fassen. Der An-blick der Fetzen und ausgerissenen Ösen belehrte mich allerdings sofort, daß hier jede Rettung zu spät kam. Ich ließ sie wieder flattern, kroch an den Dachrand, kam irgendwie herunter, ohne mir den Hals zu brechen, und ausgerechnet in dem Moment packte der Sturm die leere Gasflasche, die ich vors Haus gestellt hatte, hob sie ein Stück an, warf sie zwei, drei Meter weiter ins Gras und sagte ver-nehmlich:"Ich denke, es ist Zeit für dich zu gehen, meine Liebe. Fürs erste." Selbst im leeren Zustand wiegen Gasflaschen so an die fünfzehn Kilo und dieses Argument überzeugte mich. Ich floh. Aus dem Garten, dessen Flugraum mit verrückt gewordenen Gegenständen erfüllt schien, durch den Wald, der ächzte und stöhnte und wie durchgedreht mit Ästen und Bäumen um sich warf, durchs Dorf, in dessen Gassen Laub, Staub, zerbrochene Blumentöpfe, gefüllte Mülltüten, ein Dreirad, Dachziegel, gestrige Zeitungen und bitter kalte Luft wirbelten, in die Bar.
Man begrüßte mich mich mit erleichterten Seufzern, flößte mir heißen Kaffee mit Grappa ein, spen-dierte Lampo ein belegtes Brötchen und kam überein, daß das wirklich ein absolut grandioser Sturm sei. In einem abgelegenen Bergdorf mit hundert Einwohnern, speziell aus der Perspektive einer wohlig warmen Bar erlebt, stellt ein Orkan zweifellos eine durchaus wünschenswerte Abwechslung dar. Der Grappa im Bauch ließ mich den Standpunkt der Leute zumindest verstehen. An das Danach, heute abend oder morgen, wagte ich noch nicht zu denken.
Zwei Tage später zog der Baby-Orkan in Ge-neralrichtung Afrika da -von. Die plötzliche Stil-le war geradezu ohren-betäubend. Ich holte tief Luft, tätschelte liebevoll die zwei Kubikmeter Styroporplatten, die mir der Hausherr mit auf den Heimweg gegeben hatte, legte Nägel, Hammer, Zange, Säge und Heft-pflaster für die Opera-tion bereit und begann. Holzleisten zuschneiden,
an Fußboden und Deckenbrettern befestigen so gut es geht, Styroporplatten aufnageln - jaaa! Zwar wackelten wegen der dürftig stabilen Unterkonstruktion beim leisesten Windhauch die neuen Innen-wände, aber kein Orkan würde mir mehr die Bettdecke streitig machen.
Angesichts der traurigen Tatsache, daß sich das Dach nicht von außen abdichten ließ, schnitt ich säu-berlich die größtmöglichen Stücke aus dem zerschlissenen Regencape, nagelte sie stattdessen von innen unters Dach, bedeckte das Ganze mit weiteren Styropurplatten und konstatierte beim ersten Guß be-friedigt, daß das Wasser über Folie und Styropur auf direktem Wege zur Mauer geleitet wurde, wo es in possierlichen kleinen Bächen die Bruchsteine herunter plätscherte, bis unten in die Küche und dort im Erdreich unterm Fußboden versickerte. Daß sich dieses hübsche kleine Naturschauspiel auf der Innenwand vollzog und die Feuchtigkeit bisweilen überfror, bescherte mir Stunden wundersamer Betrachtung.
Die Styropurplatten, ursprünglich schneeweiß, hatten bei ihrem Vorbesitzer bereits jahrelang Dienst getan und waren entsprechend ergraut. Das minderte ihre Funktionstüchtigkeit zwar nicht, beleidigte aber das Auge des Betrachters.
Ich kaufte Tapete und Kleister, schnitt und klebte und hatte die vier Wände zügig genug in eine blitz-saubere, strahlendweiße Fläche verwandelt. Im Vergleich dazu wirkte die Decke doppelt beleidigend.
Eine Decke, zumal eine schräge Decke zu tapezier-en will bedacht sein. Ich stieg nach gründlicher Planung auf die Leiter, rauf zur höchsten Stelle der Decke,- Tapete sorgfältig so zusammengelegt, daß ein breiter, Kleister durchtränkter Streifen offen blieb, den ich als ersten gegen die saubere, trockene Fläche drücken könnte- drückte, strich glatt, zog behutsamst den nächsten halben Meter aus, drückte, strich glatt und verlor die Sicht unter dem schmat-zenden Stück Rauhfaser, das sich oben wieder ge-löst hatte. Der Trick war ohne Zweifel, das erste, kritische Streifchen oben lange genug anzudrücken, damit es Haftung bekam. Nach zehn Minuten An-drücken wurden mir die Arme schwer, ich ließ los,
strahlte, arbeitete mich einen vollen Meter vorwärts und abwärts ehe die unwillige Tapete mir wieder auf den Kopf fiel.
Ich probierte im Verlaufe diverse Taktiken. Den Tapetenanfang mit den Händen überm Kopf halten und unter komplizierten Verrenkungen mit dem Rücken das nächste Stück andrücken, geduldig bis zweihundertzwölf zählen, langsam die Hände über das dicke Papier abwärts wandern lassen, den Rük- ken gegen das nächstuntere Stück pressen, verharren, hoffen und geschickt die Tapete auffangen, die sich in einer einzigen eleganten Bewegung von oben abzieht.
Dieselbe Methode noch mal, aber diesmal mit dem Gesicht zur Decke, um den Tapetenanfang mit dem Kopf an seinem Platz zu halten und mit den Händen den folgenden halben Meter anzudrücken. Der ein-zig bedeutende Unterschied bestand darin, daß mir in diesem Falle der Tapetenanfang ins Genick fiel und nicht auf die Nase.
Ich arrangierte den Besen mittels einer Lage Bücher so auf dem Tisch, daß er, Bürste nach oben, exakt senkrecht stand und zumindest den Teil der Tapete an der Decke hielt, der nicht an seinen Seiten her-abhing wie überdimensionale Eselsohren an einem Blatt Papier.
Ich beschloß von unten nach oben zu tapezieren, in der irrigen Annahme, der Kleister würde am unter-en Ende vielleicht besser kleben.
Ich reduzierte die Kleistermenge, um die Tapete leichter zu machen. Ich vergrößerte die Kleister-menge, um der Tapete mit einer derart dicken Schicht Klebstoff gar keine andere Wahl zu lassen, als anzuhaften.
Ich reduzierte die Länge des Tapetenstreifens auf die Hälfte; wen kümmert schon eine saubere Naht an der Decke.
Ich spuckte Gift und Galle, zerknüllte drei der dreckbedeckten, mit Haaren verklebten, an den Seiten eingerissenen, glitschig-nassen Tapetenstreifen, gab dem leeren Kleistereimer einen Tritt und nagelte die letzten fünf Meter Rauhfaser zornsprühend an die unter Styropor versteckten Deckenbretter.
Leider merkte ich erst da, daß nun auch die letzte Rolle verbraucht war, riß das einzige Stück Tapete, daß je länger als sechzig Sekunden aus eigener Kraft an der Decke hing schäumend wieder runter, stürmte in den Garten, klaubte die noch etwas feuchten Stoffbahnen von der Wäscheleine, stürmte wieder ins Haus und nagelte den etwas lädierten Stoff wieder an seinen angestammten Platz. Beim letzten Nagel hämmerte ich mir natürlich auf den Finger.
Meine Rage verrauchte ziemlich schnell. Vergilbte Stoffbahnen oder nicht, mein Allzweckraum war sauber, ordentlich, regendicht und winterfest. Na ja, fast. Da waren noch die fingerbreiten, zimmer-langen Fugen im Fußboden. Der Teppich versperrte zwar weitgehend die Sicht in die Küche darunter, aber die eisige Luft stieg trotzdem hinauf.
Ich spurtete ins Dorf, sammelte in der Bar Kiloweise alte Zeitungen ein, hockte mich daheim auf den Boden, rollte einen halben Tag lang dicke Papierwürste, stopfte sie in die Fugen und summte vergnügt vor mich hin.
Mit den Fensteröffnungen neuerlich durch feste, klare Folie geschlossen sah ich dem Winter gelassen ins Auge.
Wenigstens bis zum nächsten Morgen. Ohne die Tapezieraktion, die das Blut zum Kochen brachte, war es unangenehm kalt im Haus. Das Gasöfchen, das sich neuerdings die Gasflasche mit dem Herd teilen mußte, stand aufgrund praktischer Erwägungen in der Küche. Sie sollte mich davor bewahren, im Bade-zuber anzufrieren, erlauben, warme Mahlzeiten auch tatsächlich als solche einzunehmen und so weiter.
Also ließ ich einen Fanfarenstoß erklingen, - zum Ärmelaufkrempeln war es zu winterlich - schleppte Holz ins Haus, baute wie ein alter Indianer Ästchen über Zweiglein über Papierkugeln im Kamin auf, hielt ein Streichholz an mein Werk und, oh, lieblichster aller Anblicke! sah gebannt zu, wie die Flämm -chen begierig ihr Futter beleckten. Im richtigen Moment ein paar dickere Holzstücke nachlegen, dann, nur nicht zu hastig! einen richtigen Kastanienscheit dazu und siehe, das Kaminfeuer tanzte und leckte und wuchs und qualmte nur erträglich wenig. Der Eckkamin, der mein Überleben im Winter sichern sollte, bestand aus nichts anderem als zwei Lagen Dachschindeln auf einem dicken Stück Blech, aufgefüllt mit Erde und Sand, gekrönt von einer schmächtigen, gemauerten Abzugshaube und einem kopfgroßen Loch in der Wand. Der strahlende Triumph genialer Einfachheit wärmte mir sogar das Herz.
Es war das erste Mal, daß ich den Kamin ausprobierte, ein kalter, vollkommen windstiller Tag, der Himmel blitzblank und tiefblau und der kleine Kamin wärmte ganz manierlich. Ich meine, wenn man im Sessel direkt vorm Feuer saß. Was mich lediglich eine Spur beunruhigte, war die Unersättlichkeit, mit der die Flammen das dürre, trockne Holz verzehrten. Deftige Scheite gab es nicht viel. Morgens, nach dem Anzünden, hatte ich wohlwollend über meinen gesamten Holzvorrat geblickt, mindestens ein halber Kubikmeter, akkurat wieder aufgestapelt nach dem Orkan und mit einem Fetzen Dachplane bedeckt. Abends blickte ich bekümmert auf die letzten morschen Zweige, die ich beim Licht der Taschenlampe noch rasch ins Haus holte. Man lernt eben nie aus. Feuerholzsammeln ist die perfekte Beschäftigung für kalte Wintertage. Man bewegt sich an der frischen Luft, wird vom Bücken und Heimtragen der dicken Reisigbündel und enormen Äste rasch warm, hält die erforderliche Körpertemperatur aufrecht, indem man die Zweige übers Knie bricht, die Äste mit der Machete in kamingerechte Häppchen hackt, wirklich nahrhafte Stücke mit der Säge zerteilt und das daraus resultierende Häufchen Feuerholz griffbereit und trocken aufstapelt.
Pinien- und Kiefernzapfen sind großartige, dazu noch wohl duftende Anzünder. Daß Pinien und Kiefern nur etliche Kilometer entfernt und an die vierhundert Meter höher wuchsen, hinderte mich nicht daran, anderthalb Säcke voll umweltfreundlicher Anzünder heim zu schaffen. Dann war der Vorrat in erreich -barer Umgebung erschöpft. Eingedenk dessen, daß die Flammen Äste und Zweige nur als Vorspeise betrachteten und aufgeregt tanzend auf den Hauptgang aus massiven Scheiben Baum warteten, machte ich mich auch über einige tote Stämme her. Mir wurde vom beharrlichen Sägen wunderbar heiß. Nur erwies sich die Ausbeute als beschämend gering. Zwei Ellen Filet an einem ganzen Nachmittag.
Während der zehntägigen Holzbeschaffung brauchte ich selbstverständlich nicht per Kamin zu heizen. Erstens kam ich nur zum Schlafen und Essen ins Haus, und zweitens hielt die körperliche Ertüchtigung trotz der klirrenden Kälte mein Blut weit über dem Gefrierpunkt.
Ende Dezember schlug das Wetter um. Der Himmel bezog sich grau, ein Wind kam auf und Schneeregen fiel auf mein Dach. Genau die rechte Stimmung, um nach all der Placke-rei gemütlich am Kamin zu sitzen, Tee zu schlürfen, Man-delkekse zu essen und die Nase in ein gutes Buch zu stecken.
Singend und summend baute ich Holz und Pinienzapfen auf, zückte ein Streichholz, zwei, drei, viele Streichhölzer und kratzte mich verwirrt am Kopf. Das Flämmchen, kaum ge-boren, erstarb gleich wieder unter dem Luftstrom, der durchs Abzugsloch hereinpfiff. Wunderbar trockener Reisig - keine Chance. Zum guten Schluß stopfte ich doch wieder eine ganze Zeitung in Form fetter Papierbälle unter feinste Ginster- und Heidezweiglein, und endlich entflammte das Holzhäufchen. Gegen die Luft von oben
anwedelnd hielt ich das kränkliche Feuer am Leben, nährte es liebevoll mit immer neuen Zweiglein und Ästchen, bis ich meinen Posten tränenüberströmt verlassen mußte. Der Qualm im Zimmer war einfach nicht mehr auszuhalten. Ich rannte hustend und keuchend vors Haus, nur ganz kurz, um das Feuer nicht allzu lange allein zu lassen, eilte zurück und sah verwundert, daß es fröhlich brannte im Kamin. Aha! Mehr Luft, hieß die Lösung. Die Tür blieb offen. Das Feuer wuchs langsam aber stetig unter der sorg-fältigen Zufuhr von Holz, ja, es brannte schon fast wie ein echtes Kaminfeuer, da passierte draußen plötzlich irgendwas in der Luft, die nach vorn schießende Flamme versengelte mir fast die Füße, Fun-ken sprühten, glühende Holzstückchen sprangen heraus, eine barbarische Qualmwolke nahm mir die Sicht, und so mußte ich die kokelnden Stellen im Teppich über ihren charakteristischen Geruch suchen.
Der Kamin erklärte mir, nachdem der Teppichbrand gelöscht und die Luft im Zimmer wieder einger-maßen klar war, daß er zwecks Erfüllung seiner Pflicht folgende Bedingungen brauchte: 1) totale Windstille, 2) Außentemperaturen über plus zwanzig oder unter minus fünf Grad sowie 3) ein absolut-es Minimum an Luftfeuchtigkeit.
Mein Feuerholz und all die Zapfen liegen wahrscheinlich heute noch am Zaun neben dem Haus, denn der Winter erfüllte die Erwartungen meines Kamins nur ein Dutzend mal.
Nachdem ich wiederholt mit dem begründeten Verdacht auf eine Rauchvergiftung aus dem Haus ge-wankt war, mit dem bereitstehenden Wassereimer diverse Zimmerbrände gelöscht hatte und für all die Mühen nur eine nahezu verkohlte Vorderseite und eine tiefgefrorene Hinterseite bekam, gab ich den Kampf auf, verstopfte das Loch in der Mauer, stellte eine Vase Trockenblumen in den Kamin und fügte mich darein, die Stunden des Tageslichtes vollaktiv draußen zu verbringen.
Ich reinigte den Garten von Orkanopfern, flickte den Grundstückszaun, beschnitt die Obstbäume, legte mit Machete, Hacke und Schaufel die endlose Treppe frei, die sich längs des Zaunes von der obersten Terrasse bis ganz nach unten wandt, kehrte Unmengen Herbstlaub zusammen und schaffte sie auf den neuen Komposthaufen, karrte Schlamm und Schutt aus dem einstigen Badezimmer, versah die Ecke, wo das Plumpsklo überdauert hatte mit einem Dach, schleppte Wasser, falls die Nacht so kalt gewesen war, daß der nicht frostsichere Gartenschlauch zufror, garte mich abends eine halbe Stunde auf jeder Seite vor dem Gasofen und spurtete sodann ohne Verzug ins Bett.Ich könnte diesen Winter kurz und doch präzise mit einen Satz beschreiben: Er war der aktivste und kälteste meines bisherigen Lebens. So kalt, daß bisweilen das Wasser im Glas gefror. Na gut, ich will nicht über-treiben. Es schaukelten nicht gerade Eisschollen auf der Oberfläche, aber eine feine Haut aus Eis, die ich erst mit der Zungenspitze zerbrechen mußte, ehe ich trinken konnte.

Um ehrlich zu sein, was mich beinahe demoralisiert hätte war nicht die Notwendigkeit steten Schaffens, um warm zu bleiben oder die lächerlichen kleinen Unbequemlichkeiten, die der Winter im Wald so mit sich bringt. Was meine Stimmung zu verderben drohte, das waren diese ekligen Untage: Nicht mehr kalt, aber noch längst nicht lau, über den Bergen brütende Wolken, die jedes Zeitgefühl in die Irre und den Kerzenkonsum in die Höhe treiben, gerade soviel Regen, daß es nicht gießt, aber zuviel, um draußen zu werkeln...Na, eben diese ganz und gar ungemütlichen, uner-träglichen, düsteren Tage, die sich der Winter sogar in Italien manchmal leistet.
Was mich an solchen endlosen Tagen doch über Wasser hielt, war die Planung meines künftigen Gemüsegartens. Das Material für die Stallstadt mit Muli, Schafen, Ziegen und Hühnern war ja nun erst mal verbaut (zur erklärten Er-leichterung des alten Herrn übrigens) oder vom Winde ver-weht, doch nichts könnte mich hindern, mein ureigenstes, biologisch-dynamisches Grünzeug anzubauen.

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