4.Schlangen und Natterngezücht
Es muß gegen Ende Mai gewesen sein, als ich, enthusiastische Briefe an meine Freunde in der Zivilisa-tion verfassend, am Schreibtisch saß und mich darüber ausließ, wie überaus erbaulich es doch ist, so direkt in und mit der Natur zu leben. Der Schreibtisch stand vor der Wand im Allzweckzimmer und also strichen meine Blicke in den kreativen Pausen entspannt über all die Löcher und Ritzen zwischen den großen Natursteinen. Während ich mich auf diese Weise wieder einmal für einen weiteren, seelen-vollen Satz rüstete, kehrten meine Augen unwillkürlich zu einem Etwas zurück, das kurz zuvor noch nicht aus einem der Löcher gestarrt hatte. Kein Zweifel an der Identität des Beobachters. Es handelte sich um eine Schlange, die ihren kleinen Kopf neugierig aus dem Loch hängte, eifrig die Zunge aus dem Maul hervorschnellen ließ, mich noch einmal ausführlich begaffte und dann ganz gelassen den Kopf in einen Spalt zwei Handbreit tiefer steckte. Je weiter der Kopf daunten verschwand, desto mehr Schlange kam oben aus dem Loch hervor, bis nur noch die Schwanzspitze leicht aber vernehmlich über die Steine schrabbte und dann mit einem letzten, anmutigen Schlenker im geheimnisvollen Tunnelsyst-em der Mauern verschwand.
Das einzige, was ich bis dahin über Berusvipern wußte, auch verniedlichend als Kreuzottern bezeich-net, war, daß sie rotbraun oder graubraun sind, ein dunkles Zickzackband auf dem Rücken tragen, und daß eine aus der Zunft meinen Lieblingssetter mit einem Biß in die Schnauze getötet hatte. Vipern sind nämlich, für Mensch und Tier gleichermaßen, unangenehm giftig.
Mein Besucher aus der Mauer war in der Tat braun mit einem andersfarbigen Band auf dem Rücken, aber dann fielen mir die runden Pupillen ein und der lange Schwanz, und ich atmete erleichtert auf. Wohl doch keine Viper. Irgendein Mensch vergaß vor langer Zeit einmal ein Buch über Kriechtiere und Lurche bei mir und die hektische Konsultation ergab, daß mich eine völlig harmlose Glattnatter, offi-ziell Coronella austriaca austriaca geheißen, begrüßt hatte. Puh..!
Es ist absurd, in der Natur leben zu wollen und dann Angst vor Schlangen zu haben, ermahnte ich mich, seufzte noch einmal und hieß die neu entdeckte Hausgenossin willkommen.
Trotzdem verbrachte ich anschließend Stunden damit, mir vorzustellen, wieviele Schlangen wohl in den vier achtzig Zentimeter dicken, vier bis sechs Meter hohen Wänden voller bequemer Wandelgänge und Schlupflöcher leben könnten. Je länger ich darüber nachdachte (und in dem schlauen Buch las), desto klarer wurde mir, daß mein Haus jeder intelligenten Schlange einfach gefallen mußte: Tagsüber wurd-en zwei der vier Wände ständig von der Sonne angewärmt, ebenso das Dach, das aus nichts komplizier-terem als immensen, flachen Steinen auf einer Lage morscher Bretter und Dachbalken bestand. Wem es zu heiß wurde, der konnte dank des wohldurchdachten Wegenetzes zwischen den großen Mauer-steinen jederzeit ungesehen jeden beliebigen Punkt innerhalb oder außerhalb des Hauses erreichen, vorausgesetzt er schlängelte sich geduldig vorwärts. Aber was mein Haus geradezu zu einem El Dora-do für Schlangen machte, das waren - die Mäuse und Eidechsen. Schlangen sind geradezu verrückt nach Mäusen. Ob klein und zart und frisch aus dem Nest, oder haarig und zäh mit altersgrauen Schlä
- fen. Egal. Hauptsache Maus. Oder exquisites Echslein...

Die halbwüchsige Glattnatter sah ich zwar nie wieder, doch lehrte sie mich etwas unerhört Wichtiges: nämlich das leise, unverwechselbare Geräusch, das eine Schlange verursacht, wenn sie mit den Bauch-schildern langsam über Steine kriecht.
Das nächste Mal hörte ich diesen heimlichen Laut ein oder zwei Wochen später. Ich war schon beinahe eingeschlafen, als plötzlich der Mäusezirkus auf der Stoffbahn verstummte und jemand leise, leise über die Steine schrabbte. Peinlicherweise direkt über meinem Kopf. Ich sprang so schnell aus dem Bett, daß selbst Lieschen sich erschrak und mitaufsprang. Mit zitternden Händen die Kerze anzünden und, oh ja, da hing sie. Das erste Drittel ihrer einhundertundfünfzig Zentimeter circa ruhte bereits unten auf der Rutschbahn, da, wo die Mäuse mit Juhu! und viel Geschrei anzukommen pflegten. Der Rest stak halb in einer faustgroßen Öffnung in der Mauer und halb pendelte er im Flugraum direkt über meinem Kopfkissen. Schon die enorme Länge hätte mich beruhigen sollen; Vipern bringen es selten auf mehr als sechzig bis achtzig Zentimeter. Außerdem sind sie nie schwarz mit gelbgrünen Sprenkeln und Streifen. Gelassen kehrte ich zurück in mein Bett, zog mir die Decke über die Ohren und schlief zufrieden ein, würde ich gern sagen. Aber leider tat ich nichts dergleichen. Ich hockte mich in die entgegengesetzte Zimmerecke, zündete sämtliche Kerzen an, die ich in der Aufregung finden konnte und starrte wie hypnotisiert auf die Schlange. Eine Gelbgrüne Zornnatter, wie sich durch zügiges Nachschlagen erwies. Ungiftig aber beißfreudig. Bevorzugt Eidechsen. Klar, auch von denen wimmelte es ja in meinen Mauern. Mit einer Art zischendem Schaben bewegte sich die Natter weiter aufwärts, so daß ich unter eher gemischten Gefühlen bewundern konnte, wie sie förmlich aus ihrem Loch hervor-quoll, um dann tatenlustig auf der inzwischen gänzlich verlassenen Mäuserutschbahn ein gutes Stück aufwärts zu wandern. Vielleicht vertraute sie den Nägeln, an denen die Stoffstücke hingen ebenso-wenig wie ich, oder vielleicht fand sie den intensiven Mäusegeruch störend. Jedenfalls bog sie bald nach links ab und tauchte hörbar in einen anderen steinernen Gang ein. Nach nur sehr kurzem Zögern rückte ich für diese Nacht mein Bett von der Wand ab, (baute es um ehrlich zu sein mitten im Zimmer auf) und horchte, ich weiß nicht wie lange, auf das Geräusch dahinkriechender Schlangen. Der nächste Tag fand mich zwar ein bißchen tapferer, schließlich hatte mich die arme, hungrige, harmlose Natter weder erwürgt, noch gefressen, aber ich ließ mir sozusagen von meinem vernünftigen Bewußtsein unbe-obachtet etliche Ideen durch den Kopf gehen, wie ich Schlangen, ganz behutsam und tierschutzkon-form, versteht sich, fangen und weit, weit entfernt wieder aussetzen würde. (Eine Phantasie übrigens, die nie Wirklichkeit wurde.)
Als die nächste, etwas dunklere und feistere Zornnatter mich Tage darauf ungehalten anzischte, weil ich ein Buch aus dem Regal nehmen wollte, das zufällig genau vor dem Mauerspalt lag, aus dem sie zu kriechen beschlossen hatte, wallte zugege-benermaßen eine sachte Empörung in mir auf. Am Prinzip än-derte das freilich nichts. Mutter Natur hat nicht nur pelzige, knopfäugige Kinder, und wer mit Mutter Natur leben will muß halt auch die kriechenden und krabbelnden Sprößlinge akzep-tieren, sprach ich zu mir und versuchte derweil, eine wohlge-nährte, schmutzigbraune Schlange zu ignorieren, die inquisitiv über die steinerne Abzugshaube des Kamins kroch.
Die lieben Kriechtiere erzogen mich in Rekordzeit dazu, mich mit der gebotenen Rücksicht im Haus zu bewegen, anzukündigen, wann ich Bücher und Kram aus dem Regal zu nehmen gedachte, nicht unverhofft größere Gegenstände von den Wänden zu rücken, drinnen keine Holzpflöckchen zwischen die Steine zu hämmern, wenn gegenüber, auf der sonnenbeschienen Außenwand ein Schlangenteenie Mittagsschlaf hielt und so weiter.
Dann schlug das Wetter um, und aus dem ersehnten warmen Juni wurden vier Wochen naßkaltes Herbstwetter. Die Schlangen zogen sich schicksalsergeben zurück, die Mäuse spielten wieder auf dem Rummelplatz und ich hatte plötzlich ganz andere Sorgen.
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