2.
Mäuse, Mäuse, Mäuse
Ich liebe Mäuse und stellte zu meinem Entzücken
fest, daß diese eigentlichen Hausherren sich durch
meinen Einzug nicht wesentlich gestört fühlten.
Das allgemeine Tohuwabohu der Säuberungsphase be-äugten
sie zwar etwas skeptisch von ihren sicheren Rängen
zwischen den gigantischen Mauersteinen aus, aber um meinen
guten Willen
zu bekunden ließ ich ihnen schon lange vorm Einzug
Brot und Kä- sereste übrig, und das stimmte
sie offenbar freundlich. Jedenfalls huschten sie bald zu
jeder
Tages-zeit
durchs Haus, untersuchten die Werkzeuge, konfiszierten
einen vergessenen Pullover zwecks Nest -bau und nahmen
insgesamt
sehr
interessiert an meinem Schaffen Anteil. Es besteht kein
Zweifel, daß meine Kreativität beim spaeteren
Schreinern des Küchenmobiliars im ehemaligen Stall
ganz entschei-dend von einer Horde Jungmäuse gefördert
wurde, die mit kritischen Knopfaugen meine Werke begut
-achteten
- kaum zwei
Schritte von mir entfernt auf dem Bauholz hockend.
Ich war für das Leben in der Natur auch insofern bestens
geeignet, als mir so ziemlich jedes präzise Wissen über
die Gewohnheiten der Waldbewohner fehlte. Ich hatte folglich
keine Vorurteile, was für eine friedliche Koexistenz
immer von Bedeutung ist.
Ein besser informierter Mensch hätte vermutlich als
allererstes einen riesigen Stahlschrank ins Haus geschafft,
um jedwedes
Ding vor Mäusen zu verschließen. Ich hingegen
kratzte mich nur verdutzt am Kopf, wenn die Tesafilmrolle
vom enthusiastisch
selbst gezimmerten Schreibtisch fehlte, merkwürdi-ge
Spuren an der Seife auftauchten und Lieschens Futter in
den oberen
Regionen des Sackes plötz-lich aus vielen kleinen Krümeln
bestand. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich dahinterkam,
daß auch Mäuse mit der Zeit gehen. Die neuen Generationen
wuchsen in hypermodernen, Tesa-verstärkten Nest -ern
aus bester, dezent gefärbter Schurwolle auf, erlernten
Mundhygiene schon im zarten Alter und protestierten lautstark,
wenn Mamma
ihnen abends nicht Hundefutter für Champions vorsetzte,
schließlich wollen auch ehrgeizige Mäuse mal
Best in Show werden.
Welches Fest genau sie feierten weiß ich natürlich
nicht, aber in jener Nacht Mitte April, einer der ersten,
die ich im neuen Haus verbrachte, ging es hoch her. Ein halbes
Paket Nudeln, hundert Gramm vom besten Parmesan, Brot zum
Maulabtupfen, Nußkekse als Dessert und dazu gut die
Hälfte von einem Liter Rotwein in der unpraktischen Tüte
wurden konsumiert, und zumindest ein Teilnehmer der Feierlichkeit
hatte entschieden zu tief in die Weintüte geschaut. Der
junge Mäuserich trieb nämlich am nächsten Morgen
reglos und höchst theatralisch auf einer Handbreit
Wasser, die ich vergessen hatte aus dem Wassereimer zu
kippen. |
Ich
faßte das arme Unfallopfer ganz sachte - keine Reaktion.
Setzte es in meine Hand - nichts. Begann mit dem Trauergesang,
und justamente da sprang es mit einem riesigen Satz zu Boden,
rannte panisch in alle Richtungen gleichzeitig und blieb
dann
ebenso abrupt wieder liegen. Ein eindeutiger Fall von Schock.
Von der möglichen Erkältung ganz zu schweigen.
Ich nahm das apathische Mäusekind ein weiteres
Mal, hielt es sorgsam fest und begann die belebende
und wärmende
Massage mit dem Frotteelappen. Nach der kurzen Zwischenstation
in einem Karton gelangte der Unglücksrabe in einen
eilig präparierten Hamsterkäfig, den ich
zufällig
im Garten gefunden hatte. (Übrigens neben einer völlig
ausgeschlachteten Waschmaschine. Ich rätselte lange,
wieso die Eigentümer dieses Monstrum hierher geschleppt
hatten, in eine absolut elektrizitätslose Wildnis.
Später
erklärte mir der alte Herr, daß die Waschmaschine
als Hundehütte benutzt worden war. Vermutlich erfüllte
der Hamster-käfig einst eine ähnlich zweckfremde
Bestimmung.)
Der für alle Fälle eilig getaufte Mäuserich
Maximilian maß von der Nasen- bis zur Schwanzspitze
nur wenig mehr als mein Daumen,und er versteckte diese
Gesamtlänge
unverzüglich unter dem Gemisch aus Wolle und trockenem
Gras, mit dem ich sein Krankenzimmer ausstaffiert hatte.
Ich
stellte dem armen Kerl einigermaßen hilflos Wasser
und Futter neben sein Bett und schwor hoch und heilig, nie
mehr
so hinterhältige Fallen wie wassergefüllte Plastikeimer
herumstehen zu lassen. Dann begann die Krankenwache. Am
ersten
Tage geschah gar nichts. Erst am zweiten taumelte Maximilian
einmal aus seiner Schlafhöhle heraus, rümpfte
die Nase ob des bereitgestellten Menus und verzog sich
wieder.
Am selben Abend nagte er aber immerhin ein Eckchen vom Zwieback
und mir fiel ein Stein vom Her-zen. Morgens drauf schien
sein
gesunder Teenagerappetit zurückgekehrt und er fraß
sich quer durch das gesamte Angebot. Und als die Sonne versank
und ich die Kerzen anzündete stellte sich auch der
erste Besucher ein. Wahrscheinlich ein erwachsener Verwandter.
Er
beroch von draußenmißtrauisch den Käfig,
verweilte träumerisch nahe des Kalten Buffets, witterte
wieder und verschwand eilends. Zehn Minuten später
näherte
sich einer von Maximilians Altersgenossen. Der kleine Wicht
zögerte gar nicht erst lange, sondern kletterte sofort
zielstrebig und geschickt in den Käfig, tat sich
am Abendessen gütlich und ging nach einem kleinen
Verdauungsspaziergang wieder ganz seelenruhig nachhause.
Maximilian verschlief den
Gast. Aber es wurden ihrer zusehends mehr, und sie wurden
lauter. Maximilian zeigte trotzdem nicht einmal seine
Nasenspitze.
Vielleicht hielt er es für weise, sich in seinem angeschlagenen
Zustand noch nicht in Raufereien bei Tisch einzulassen.
Unbeschreiblich
groß war mein Stolz, daß sich der junge Held
am folgenden Tag zwar skeptisch aber ausgiebig von meiner
Hand
füttern ließ! Natürlich versuchte ich nicht
mehr, ihn anzufassen, und Fing-er die Leckereien halten
ohne
zuzuschnappen fand er wohl akzeptabel. Ich fütterte
den Mäuserich noch ein paar Tage lang - seine Verwandten
machten derweil lieber self-service im Krankenzimmer - und
dann beschloß der kleine grau-braune Geselle mit dem
weißen Bauch und den gigantischen Bart-haaren wohl,
es sei an der Zeit, geheilt und wohlgenährt zurück
in die Welt zu kehren. Er klimmte die Käfigwände
hinauf, hüpfte auf den Boden, huschte zur Hauswand
und verschwand in einer der unzähl-igen Ritzen und
Löcher.
Auf Nimmerwiedersehen, dachte ich seufzend - und ganz überflüssigerweise.
Ich weiß nicht, was Maximilian zuhause erzählte,
aber die Mäuse bezogen mich von Stund an ganz vertrauensselig
in ihr Familienleben ein. Während ich morgens frühstückte
veranstalteten sie ihre Things auf der Eckbank neben
mir,
doch war ich selten genötigt, mehr zu tun, als ernst
zu nicken. Ruhe und Ordnung erhielten sie lobenswerterweise
selbst aufrecht. Begann ich anschließend zu wer-keln
lungerten garantiert ein paar Mäuse um mich herum,
kecker denn je, meist die jungen Flegel, die sich zum Zeitvertreib
die Wände entlang jagten, die kleinen Tütchen mit
den Schrauben verschlepp-ten, die Qualität der Stuhlbeine
mit den Zähnen prüften oder dem schlummernden
Setter auf den Bauch sprangen, um dann in Windeseile zwischen
Lieschens
Pfoten zum nächsten Mauerloch zu flüch-ten. Zur
Mittagessenszeit fand sich ungefähr die gesamte örtliche
Mäusepopulation
ein, und man bekommt wirklich ein unerträglich schlechtes
Gewissen wenn man sich Nudeln und Käse in den Mund
steckt, während diverse kleine Gestalten mit großen,
hungrigen Knopfaugen schweigsam vor einem auf dem Tisch
sitzen, voll
der Hoffnung, es würde ein kleines Stückchen auch
für sie abfallen. Mitunter kam mir allerdings der Verdacht,
daß diese pathetische Szene reine Berechnung war,
denn mehr als einmal transportierte in der Zwischenzeit
ein Stoßtrupp
das gigantische Stück Parmesan vom Küchen-schrank
ins Mauerlabyrinth oder verschwand auf leisen Pfoten das
restliche
Brot auf Nimmerwieder-sehen.
Bevor ich abends unter die Daunendecke stieg mußte
ich jetzt sorgsam das Bett untersuchen, denn den Mäusen
gefiel es ausnehmend gut, irgendwo in dieser weichen Höhle
zu schlafen. Nicht daß sie plötz-lich allesamt
zahm geworden wären, aber ihnen war wohl klar, daß ich
keinen nennenswerten Risiko-faktor darstellte, und ein warmes,
kuscheliges Bett ist halt niemals zu verachten. Kaum lag
ich endlich auf meiner rechtmäßigen Schlafstatt,
fand sich Maximilian ein. Allein oder gelegentlich gefolgt
von
einem seiner Kumpanen flitzte er entschlossen aus einem
Mauerloch zu meinem Bett, hockte sich ab-wartend hin, rief
jedoch
schrill
und gebieterisch, wenn ihm die Bedienung zu langsam erschien,
nahm gierig den kleinen Snack entgegen, den ich ihm hinhielt
und trollte sich dann zufrieden zum Spielplatz |
|
|
Vorzugsweise
auf meinem Schreibtisch, wo man so herrlich die Kugelschreiber
umherrollen, Bleistifte annagen, Manuskripte und Bücher
beknabbern und hübsche kleine Präsente für
die Familie finden konnte. Zum Beispiel ein Radiergummi. Oder
den Klebestift. Die Briefmarken. Oder eine weitere Rolle Tesafilm.
Der intelligenten Maus sind bei der Wahl sinnvoller Geschenke
für ihre Lieben kaum Grenzen gesetzt. Gar nicht so selten
wurde ich mitten in der Nacht wach, weil lausbübische
Mäuse auf meiner Bettdecke herumturnten oder es höchst
unterhaltsam fanden, am Kopfende unter die |
Decke
zu schlüpfen und am Fußende wieder herauszuklettern,
mit Absicht oder nicht, wer weiss. Natürlich wurde
auch Lieschen, die auf ihrem heißgeliebten Flokati
neben meinem Bett schlief, oft Opfer mäusischen Schabernacks.
Offenbar hatte auch sie eine Schwäche für diese
Kobolde, zumind-est drehte sie sich nur seufzend auf die
andere
Seite, wenn die Mäuse sie als Aussichtshügel
benutz-ten oder temperamentvolle Teenager mit kurzen, penetranten
Schreien
um sie herumjagten.
Als ich eines abends so im Bette lag und zu der häßlichen,
morschen Holzdecke aufschaute, die allein mich von den riesigen
flachen Dachsteinen trennte, kam mir der grandiose Einfall,
diesen ästhetischen Schandfleck fürs erste zumindest
zu verstecken. Der neue Morgen sah mich also mit Hammer
und
Nägeln bewaffnet auf der Leiter stehen, und schon waren
die beiden schrägen Flächen zwischen den Dachbalken
von breiten, weißen Stoffbahnen bedeckt. Die Mäuse
stießen erst am Abend auf diese Neuerung, doch sie
durchblickten unverzüglich, wozu ich sie angebracht
hatte. Na ja, realistischer-weise will ich einräumen,
daß die erste Maus vielleicht
zufällig vom hoechsten Deckenbalken in die Stoffbahn
kletterte, wie ein vergnügtes Kind auf einer Rutschbahn
heruntersauste, flugs über die Mauer zurück nach
oben eilte und den Spaß wiederholte. Tatsache bleibt,
daß mein Dach von dieser Nacht an zu einem Rummelplatz
wurde. Scharen von Mäusen fanden sich ein um die
prachtvolle Rutschpartie auszuprobieren. Man quiekte
und schrie vor Wonne,
oder weil sich einer vordrängeln wollte, unten angelangt
kam es bisweilen zu regelrechten Auffahrunfällen, aber
all das konnte die allgemeine Begeisterung nicht im mindesten
dämpfen. Ich lag im Bett und sah beim Kerzenschein wie
sich kleine Kugeln hoch oben in den weißen Stoff fallenließen,
auf dem Bauch oder Hinterteil, wer weiß, abwärts
rutschten, wie vier winzige Pfötchen zurück
zur Mauer strebten, und dann setzte oben auch schon der
nächste
zum Sprung an. Möglicherweise luden sie ihre Verwandten
aus dem Wald zu den nächtlichen Vergnügungen ein.
In jedem Falle machten sie bald ein solches Spektakel,
daß
ich um Mitternacht unerbittlich "Sperrstunde!" rief
und mit einem eigens dazu neben dem Bett deponierten langen
Stock die Stoffbahnen anhob. Dann verkrümelten sie sich
langsam und verlustierten sich unten in der Küche wesentlich
gedämpfter weiter. Im Laufe der Frühlingsmonate
stellte sich eigentlich ganz von selbst auch in anderer
Hinsicht
eine gewisse Ordnung ein. Es war in letzter Zeit zunehmend
schwerer geworden, Eßbares zu finden, das meine
Freunde noch nicht vorgekostet hatten und Kleid-ung,
deren Löcher
nicht darauf hinwiesen, daß werdende Mütter dringend
neues Nestmaterial brauch-ten. Nun lagerten Kleidung, Bettwäsche
etc.pp in der neuen, einbruchsicheren Wäschetruhe,
Nahr-ungsmittel, Zahnpasta, Streichhölzer und was
sonst eine erfindungsreiche Maus in Versuchung führen |
könnte, im
vom Hausherrn gespendeten Küchen-schrank. Um ihnen freilich
meine weiterhin freund-liche Gesinnung zu demonstrieren,
servierte
ich ihnen abends - im Namen der Hygiene hochoben auf dem
Küchenschrank
- ein reichhaltiges Menu. Eigenständige Übergriffe
auf mein Nahrungsdepot seitens der Mäuse-Apo wurden
hingegen streng unterbunden. Und um auch künftige
Mäusegenera-tionen
in modernen, weichen Kinderstuben zu wis-sen, spendete ich
regelmäßig geeignetes Material. Regierung
und Opposition akzeptierten die Re-form ohne Murren. |
|
|
Nur
einige Extremisten begehrten auf. Einer, rekonstruierte
ich später, zwängte sich zum Beispiel durch den
winzigen Spalt in die zufällig etwas offenstehende
Wäschetruhe. Ich fand ihn Monate dar-auf, tot und
trocken, zwischen den Wintersachen. Andere überfielen
nachts, wenn ich sie mit dem ehrfurchtgebietenden Geräusch
der Fliegenklatsche nicht zur Vernunft bringen konnte,
meine
Blumen -und Gräserarrangements und nagten alles kurz
und klein. Aber grundsätzlich kann man sagen, daß
wir zu einem friedlichen, freundlichen Miteinander fanden,
in dessen Rahmen man kleinere Fehltritte beiderseits großzügig
übersah.
Ich muß unzählige Stunden auf der neu gebauten
Hühnerleiter zwischen Küche und Allzweckzimmer
verbracht haben, um zuzuschauen, wie die Mäuse so
nach und nach zum Büffet auf den Küchenschrank
tapsten. Eingedenk dessen, daß sich eine Maus
fürchterlich
erschreckt, wenn ihr plötzlich der eigene Schwanz
ins Blickfeld gerät, ist es mehr als erstaunlich,
daß
sie meine Gegenwart so gelassen hin-nahmen. Aber es störte
sie ganz offensichtlich nicht, daß ich, Kinn praktisch
auf dem Schrank, dasaß und fasziniert verfolgte,
wie die Dreisten die Schüchternen vom Futter verscheuchten,
wie die Alten zielstrebig ein besonders gutes Häppchen
schnappten und sich damit in sicherer Entfernung der
all-gemeinen
Fröhlichkeiten niederließen. Oder wie die Jungen,
immer auf dem Sprung, immer bereit zu
|
einer
kleinen Keilerei mit Gleichaltrigen, sich gierig vollstopften.
Wie besorgte Mütter die be-sten Stücke eilig
nachhause schleppten, so daß sich manchmal regelrechte
Karawanen bildeten, die eine ganze Weile unermüdlich
zwischen Fut-terplatz und Heim hinundherzogen. Bisweilen
stellten sich auch arme
Verwandte ein. Ziemlich zerzauste Gesellen mit zerbissenen,
erheblich kleineren Ohren und kürzeren Schwänzen,
deren Auftauchen zunächst mit lautstarken Drohungen
begrüßt wurde. Irgendwie einigte sich die
Gesell -schaft dann aber doch immer, der Besucher achtete
tunlichst darauf,
die Gastfreundschaft nicht über Gebühr zu strapazieren,
und alle wurden satt.
zurück |
|
|