14.
Jonas
Jonas,
einziger Überlebender einer zwischenartlichen Familientragödie
(Mensch gegen Hund) stieg aus dem grünen Schuhbeutelchen,
in dem er zu uns geschaukelt worden war, blinzelte kurzsichtig,
ließ sich aufs Hinterteil plumpsen, sah mich an und
schien zu fragen:"Und was weiter?"
Ein Welpe braucht ein bequemes, weiches Lager, und da Banshee
inzwischen aus dem Obstkörbchen herausgewachsen war,
staffierte ich es mit einem neuen, flauschigen Handtuch aus
und setzte den kleinen Kerl hinein. Er hatte viel, viel Platz
in dem Bett, das gerade groß genug war, vier Orangen
aufzunehmen und wirkte so verloren darin, daß ich
eilends ein zweites Handtuch zusammenknotete und ihm als
Gesellschafter
dazu packte.
Fern in der Welt schrieb man den 1. Februar, das Wasser
draußen
in Lampos Napf fror so schnell über, daß ich
es in die Küche stellen mußte, trotz der Schweinigelei,
die er beim Tauchen nach imagi-nären Goldfischen immer
veranstaltete, der Wind heulte eisig ums Haus, Lampo hockte
skeptisch vor der offenen Küchentür und Banshee
pirschte witternd und Schwanzzuckend um das Obstkörbchen.
Jonas wackelte einmal mit dem Ohr, aber dieses Signal erreichte
uns schon aus seinen tiefsten Träumen.
Lampo fand das kleine Bündel zwischen den Handtüchern
vor allem verwirrend; Banshee dagegen vibrierte förmlich
vor Neugier und Jagdlust. Jonas war mit seinen vier Wochen
noch so winzig klein, daß ich ernsthafte Bedenken hatte,
ihn auch nur eine Sekunde mit Banshee allein zu lassen,
für
den Fall, daß sie ihn zur atypischen Ratte erklärte
und kurzerhand auffraß. Sie zählte mittlerweile
vier Monate und berauschte sich täglich an ihrer eigenen
Jagdleidenschaft. Draußen, wohlgemerkt. Meine Mäuse
waren TABU, und das akzeptierte sie schulterzuckend.
(Meistens.)
Vielleicht lag es an dem innerhäuslichen Jagdverbot
kombiniert mit meiner steten, dräuenden Präsenz
und der Tatsache, daß der Welpe unter dem widerwärtigen
Gestank, den er aus dem Exkremente gefüllten, feucht-kalten,
düsteren
Betonloch seines sogenannten Zwingers mitbrachte, doch ausreichend
nach Hund roch. Jedenfalls schaltete Banshee bald von Beutegier
auf pure, alles verzehrende Neugier um. Wann im-mer der Welpe
schlief, hockte sie sich neben das Körbchen und versank
bei seinem Anblick in stun-denlange Meditation. Sobald
er erwachte,
zog sie sich lautlos zurück und beobachtete seine ersten
Schritte in der Küche statuengleich vom Schuhschrank
oder der Hühnerleiter aus. Banshee war fas-ziniert,
vollkommen fasziniert. Lampo war plötzlich Luft für
sie.
Jonas Aktionsradius hielt sich natürlich noch in
engen Grenzen und ebenso seine Aktionen selbst. |
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Manchmal
glaubte ich Banshee fassungslos den Kopf schütteln
zu sehen, wenn er, eine Pfote vor die andere setzend,
größte
Mühe hatte, mit so vielen Pfoten auf einmal klar zu
kommen.
"Meiner Treu! Was ein tölpel-iger Stinker,"
flüsterte sie und wusch sich angewidert das Gesicht.
Sie hatte natürlich recht. Manche Hunde sind spätreif;
Jonas war sehr spätreif. Doch die Natur ist weise
und sorgt für Harmonie. Diese verflixten, irgendwie
viel zu großen Pfoten in effektiver Reihenfolge
zu bewegen fiel ihm zwar schwer, nicht so ihr übereiltes
Vorwärtsstreben
zu be-zwingen. Mit einer Familiengeschichte wie seiner
verwundert
es eigentlich nicht, daß er sich schon im zarten
Alter der diszi-plinierten, naturphilosophischen Lebensbe- |
trachtung
verschrieb. Der Durchschnittswelpe zum Beispiel klettert
gedankenlos
auf die Türschwelle, fällt auf die andere Seite
hinunter und überlegt dann, wie zum Teufel das
nun wieder möglich war. Jonas setzte sich stattdessen
erst vor die Schwelle, sann lange und konzentriert über
den Sinn ihres Seins, ihre Beziehung zum Leben an sich
und zu seinem Leben
im besonderen nach, kam zu dem Schluß, daß diese
spezielle Türschwelle nur deshalb zu diesem bestimmten
Moment im Raum-Zeitgefüge auftauchte, um ihn zu
lehren, ein Hindernis zu bewältigen, koordinierte
seine Pfoten so gut es ging und kletterte hinüber.
Kein hirnloses Stolpern und Stürzen, Anecken und
Hineinfallen für
ihn. Er analysierte erst mal gründlich die Situation,
ehe er sich zum handeln entschloss.
Lampo rümpfte die Nase; Banshee pfiff anerkennend durch
die Zähne. Der kleine Kerl imponierte ihr plötzlich.
Zeit, sich ihm endlich persönlich vorzustellen. Mit der
ihr eigenen Taktlosigkeit sprang sie ihm unvermittelt direkt
vor die Füße, peitschte mit dem Schwanz und starrte
ihn an. Jonas, durchaus nicht entsetzt vom plötzlich
Erscheinen einer, zumindest aus seiner Sicht, riesigen Katze,
runzelte die Stirn, setzte sich und nahm die Figur da vorn
in aller gebotenen Ruhe und Ausführlichkeit in sich auf.
Banshee reckte den Kopf vor und beschnüffelte ihn derweil
ausführlich.
"Aha," sagte
der eine.
"Soso," sagte der andere.
"Hallo, dann."
"Selber hallo."
"Man wird sich wohl noch öfter sehen."
"Anzunehmen."
"Tja, dann erst mal tschüß."
"Tschüß auch."
Soviel Höflichkeit an einem Stück widersprach natürlich
vollkommen Banshees Naturell. Als Jonas aufstand, um weiterzutrotten,
rang sie also einen sehr kurzen Moment lang mit ihrem Gewissen,
mach-te dann selbstredend doch ein paar lautlose Sätze
auf ihn zu, sprang ihm mit den Vorderpfoten ins Genick,
aber
nur ganz sachte, wie ein Antippen, sprang zurück und
verfolgte mit funkelnden Augen, wie der Welpe sich dreimal
überschlug, wieder aufrappelte, mit seinem noch entsetzlich
schielenden Blick die Umgebung absuchte, die Stirn krauste
und die tiefere Bedeutung dieses symbolträchtigen Erlebnisses
durchdachte. |
Daß
er nicht losplärrte, heulend nachhause lief oder vor
Wut schäumte enttäuschte Banshee einen Augenblick
lang. Dann nickte sie entschlossen und sagte zu sich:"Aus
dem Jungen könnte noch was werden. Regelmäßiges
Training und optimales Coaching vorausgesetzt, versteht
sich."
Sie nahm ihn in aller Bescheidenheit selbst unter ihre
Fittiche. Die Lektionen "Zeige nie Angst" und "Coolheit
in allen Lagen" konnte sie überspringen. Deshalb
lernte Jonas zuerst korrektes Fallen, Abrollen und Wiederauf-springen.
Wo immer er nachdenklich der Wege kam, sprang ihm künftig
eine Katze ins Genick, auf den Rücken, |
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über den Rücken, von schräg hinten oder von
hoch oben. "Träumen kannst du im Bett," belehrte
ihn Banshee," draußen in der Wildnis mußt
du BEREIT sein, Kleiner!" Jonas nickte schweigend und
ließ sich nicht mehr überrumpeln.
"Standhaft sein," fuhr Banshee fort,"oder elegant
ausweichen."
Das mit der Standhaftigkeit klappte ganz gut, schließlich
wuchs Jonas jeden Tag. Mit dem eleganten Ausweichen dagegen
hatte er seine liebe Müh.
"Keine Körperbeherrschung," konstatierte Banshee
seufzend und schob etliche Übungen in "Balan-cieren
über den Schwebebalken", "Wandern längs
der Terrassenmauer" und ähnliche Exerzizien ein.
Die einst als Baugerüst gekappten Kastanienstämme
kamen ihr für sein Training gerade recht.
"Gegenwehr!" kommandierte Banshee. Jonas wehrte
sich schüchtern. "Na ja," sagte Banshee."Wird
schon werden."
Als sie endlich das Kapitel "Attacke" erreichten,
blühte Banshee sichtlich auf. Oh, wie sie es genoß,
irgendwo auf der obersten Terrasse aufzutauchen, ihre Breitseite
mit allen nötigen Signalen zu ar-rangieren und laut
zu brüllen:"Und jetzt los, Kleiner!" Jonas
sah sofort auf, spurtete los, verfolgte begeistert die fliehende
Katze, stellte sie, stürzte sich auf sein Opfer, packte
es am Genick und schüttelte mit Gusto. Er maß inzwischen
eine Handbreit mehr an Höhe und konnte Banshee richtig
schön herumwirbeln. Bevor ihr indes drohte, schwindlig
zu werden, schrie sie:"Genug!" und Jonas setzte
sie wieder ab. Darauf reckte Banshee sich an ihm hoch,
legte
ihm eine Pfote auf jede Halsseite, zwickte ihm einmal kurz
in die Lefze und sprang wieder hinunter. "Daß du
nur nicht übermütig wirst, mein Freund!" Diese
Botschaft übermittelt, wusch sie erst sich die
Pfoten, dann ihm das Gesicht und entließ ihn
bis zur nächsten
Unterrichtsstunde.
Gute Ausbildung kommt teuer, da hatte Banshee überhaupt
keine Zweifel, aber sie war willens genug, sich ihr Honorar
selbst abzuholen.
Jonas wurde ja noch etliche Male pro Tag gefüttert und
die Speisenfolge mundete ihr ausgezeichnet. Zumal es soviel
bequemer ist, diese winzigen Häppchen auf der Zunge
zergehen zu lassen, als die ent-setzlich harten, dicken
Brocken in Lampos
Topf zu knacken.
Jonas demonstrierte anfangs einen gewissen Unwillen ob
dieser Zahlungsweise, gab aber schließlich nach.
Unlösbar schien das Bett-Problem. Entschlossen, ihren
Zögling perfekt zu betreuen, stieg sie mit ihm in das
Obstkörbchen. Oder besser gesagt, versuchte es. Jonas
füllte sein Lager mittlerweile ganz aus. Bestenfalls
eine Pfote, mehr paßte von Banshee nicht mehr mithinein.
Nach reichlichem Lamen-tieren legte sie sich halb über
ihn, halb draußen vor den Korb, wusch ihm liebevoll
das Gesicht und döste ein.
Natürlich war das keine befriedigende Lösung. Ich
sann nach einem Ausweg, fand einen wohnlichen Karton im Dorfladen
und baute ein neues Bett. Banshee strahlte. Jonas auch. Tagsüber
mit einer maunzenden Mamma im Bett, nachts oben mit einer
zweibeinigen; nicht übel, alles in allem. Er hörte
vor lauter Zufriedenheit sogar auf zu schielen. |
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Jonas
war so an die drei Monate alt, wenn ich mich recht entsinne,
als Banshee eines morgens leise vor sich hinmurmelte, aus
dem Haus eilte, rasch zurückkam und rief:" So,
mein Junge, und jetzt gib mal fein acht!" Sie
ließ die
Maus ein Stückchen vor ihm fallen, setzte ihr
mit einer dieser traum-haft leichten, perfekt berechneten
Beweg-ungen
nach, jonglierte sie zwischen den Vor-derpfoten, warf sie
wieder auf den Boden, packte sie neuerlich mit einem
eleganten Sprung
und vergewisserte sich nebenher, ob |
ihr
Schüler auch gebührend achtgab. Er gab. Jonas
war hingerissen. Er saß zwar ganz still, doch seine
Blicke folgten wie hypnotisiert den graziösen, meisterhaft
beherrschten Bewegungen der Katze. "Jetzt du," befahl
Banshee, warf ihm die Maus vor die Pfoten und trat
einen Schritt
zurück. Jonas zögerte nur einen Herzschlag lang
und schon schnappte das Maul nach der Beute. Daß das
Ding so aufreizend piepste erweckte zwar bisher unbekannte
Gelüste in ihm, aber als es urplötzlich davon-huschte,
zuckte er zurück. Banshee holte lässig mit der
Tatze aus und schob ihm die Maus wieder hin. Er versuchte
sein Glück
noch einmal, packte das bedauernswerte Tierchen mit den Schneidezähnen,
schleuderte es ein Stückchen fort und folgte mit einem
noch eher uneleganten Sprung. Der Mangel an langen, scharfen
Krallen in seinen Pfoten ermutigte die Maus zur Flucht. Jonas
bebte regelrecht vor Erregung als er ihr nachsetzte. Banshees
Augen blitzten vor Genugtuung, sie schnappte ihm die Maus
unter der Nase weg, sagte:"Nur daß das klar
ist, Kleiner, das ist meine Maus!" und fegte mit
zucken-dem Schwanz irgendwo in den Garten, um ihr Frühstück
ungestört zu verspeisen.
Natürlich war es mehr als löblich von Banshee,
ihren Aleven auch die Kunst des Jagens zu lehren und Mäuse
waren das naheliegende Anschauungsmaterial. Außerdem
gehört töten nun mal zum Handwerk, der Katze
wie der Bracke. Aber bitte nicht in meiner Küche,
vor meinen Augen, mit den armen Ver-wandten meiner geliebten
Mäuse.
Jonas lernte trotzdem Mäusefangen von Banshee, aber draußen
im Garten oder im Wald, wo ich die Greueltaten nicht bezeugen
mußte.
Was Jonas trotz täglicher Demonstrationen nicht lernte,
war eine andere Lektion, die Banshee für wesentlich
erachtete. Von Zeit zu Zeit, wenn Jonas gerade neben ihr
stand, reckte
sie sich an einem Zaunpfahl hoch und begann genüßlich
zu kratzen. Krallen wollen gepflegt werden, klar. Jonas
besah
sich das Schauspiel stirnrunzelnd und eines schönen
Tages hatte er den tieferen Sinn erfaßt. Er reck -te
sich neben Banshee hoch, legte die Pfoten um den Zaunpfahl
und wischte
daran entlang. Fragender Blick. Das Ganze noch mal. Wirklich
überzeugt war er nicht. Er probierte es noch ein paar
Wochen lang und gab dann spontan auf. Wahrscheinlich hatte
Banshee geflüstert:"Vergiß es, Kleiner, das
packst du nie."
Normal veranlagte Katzen gehen auf Beutezug. Aber normale
Katzen gehen nicht spazieren. Es sei denn, sie verlieren
ihr
Mutterherz an einen kleinen Hund, der mit acht Wochen allmählich
darauf brennt, zu Exkursionen aufzubrechen.
Üblicherweise war Banshee, wenn wir morgens aufstanden,
noch oder schon wieder unterwegs. Nun trafen wir sie einmal
auf dem Heimweg, das heißt, sie ging heim, wir brachen
gerade auf. Nichtsahnend machte sie kehrt und schloß
sich an. Schließlich kann man auch im Wald Nahkampftaktik
üben. Im geruhsamen Zotteltrott drehten wir eine kleine
Runde, Jonas ganz Nase und völlig angetan von all den
fremden, neuen Gerüchen, Banshee hüpfend, pirschend
nebenher.
Ein paar Tage später fiel mir auf, daß Banshee
nun jeden Morgen pünktlich von ihren eigenen Touren
zurückkehrte,
um bloß nicht unseren Aufbruch zu verpassen. Nein,
nicht unseren. Jonas` Aufbruch. Außer als kleines
Kätzchen
im Garten pflegte Banshee nie die Gewohnheit mir nachzulaufen,
und wohin Lampo wohl ging, wenn er unbemerkt über den
Zaun sprang, war ihr völlig einerlei. Jonas war die
Ur-sache ihrer plötzlichen Leidenschaft fürs
Wandern. |
Die
Lauffreude und Abenteuerlust eines jungen Hundes nimmt
ziemlich
rasch zu und so wurden unsere Runden weiträumiger und
länger. Banshee ließ sich nicht entmutigen. Mitunter
machte sie kleine Abstecher in ei-gener Sache, achtete
indes
sorgsam darauf, den Welpen nicht aus dem Auge zu verlier-en.
Er kümmerte sich zwar schändlich wenig um ihre
Anwesenheit, denn da gab es soviele Fährten, Vögel,
Eichhörnchen,
Mauselöcher, Dachsbauten und insbesondere FÜCHSE,
leibhaftige Füchse zu bestaunen, daß er vollauf
beschäftigt war. Banshee nahm das nicht weiter übel.
Für einen kleinen Über-fall à la Straßenräuber
ergab sich immer eine Gele-genheit und nach dem Herumbal-gen
war auch sie einer Ablenkung nicht ab-geneigt. Sie kauerte
sich dann vor ein Mau- |
|
seloch
und ließ uns vorausgehen.
Jonas war vier Monate alt, als Banshee bei einem dieser Spazier-gänge
verloren ging. Wir waren, mit vielen ergötzlichen Unterbrechungen,
ein gutes Stündchen dem Pfad tiefer in den Wald gefolgt,
und weil die Maisonne so schön schien legte ich am
Ende eine Pause ein. Ich setzte mich also zufrieden ins
Gras, Jonas
legte sich mit einem Stock daneben und Banshee pirschte ein
bißchen allein durchs Unterholz. Banshee kann sehr
stur sein, und als sie auf Rufen nicht wieder auftauchte,
kehrten
wir gemächlich ohne sie um. Sie war den ganzen Weg selbst
gelaufen, sie würde schon heimfinden. Außerdem
gab es nur diesen einen Pfad, den wir nun seit Monaten
benutzten,
nur halt immer ein Stückchen weiter fort von zuhause.
Spätestens zum Abendessen, ich meine ihrem Abendessen,
würde sie HUNGER! brüllend vor der Tür
stehen.
Sie stand nicht. Sie stand auch am nächsten Morgen nicht
bereit, uns zu begleiten. Besorgt rief ich auf dem ganzen
Weg zu unserem gestrigen Rastplatz nach ihr. Nichts. Abends
noch immer keine Ban-shee. Ich ahnte Böses. Sieben
Monate auf der Welt oder nicht, sie war so furchtbar zierlich
und
klein - jeder Raubvogel könnte sie mühelos in die
Lüfte heben, jeder Fuchs sie mit drei Happen fres-sen.
Eine Woche hoffte ich noch, dann gab ich auf. Ich fühlte
mich elend. Der Yogi würde mir natür-lich
nie verzeihen. Ich trauerte um Banshee, den Schrecken
der
Wildnis.
Ich glaube, es war zwanzig Tage nach ihrem Verschwinden,
als Jonas an besagtem Rastplatz erklärte, er sei jetzt groß und
stark genug, noch ein paar hundert Meter weiterzugehen.
Wir gingen. Welcher Geruch ihm in die Nase stieg wird
immer
ein Geheimnis bleiben, doch da war etwas und Jonas wuffte.
Nur ein einziges Mal. Also doch nichts Weltbewegendes,
dachte
ich und blieb wie angewurzelt stehen. |
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Von
hoch hoben in dem Urwald überm Weg hörte ich
es maunzen. "Banshee?!" Wider alle Hoffnung.
Dann brach der Schrecken der Wildnis durchs Unterholz,
als sei ihr ein
ganzes Rudel Füchse auf den Fersen und so laut und hastig
miauend, daß sich ihre Stimme andauernd über-schlug.
Sie fiel Jonas im wahrsten Sinne des Wortes um den Hals,
so
schwierig es inzwischen auch war, noch so hoch zu gelangen,
beleckte seine Schnauze, beleckte seine Ohren, hätte
ihm am liebsten auf der Stelle ein Vollbad verabreicht
und
maunzte, maunzte aus übervollem Her-zen. Jonas wedelte
dazu wie wild, stupste, packte sie liebevoll schüttelnd
am Genick, setzte sie wieder ab, stupste von neuem und
ich
hatte Mühe, nicht vor Erleich-terung loszuheulen. |
Nach
der großen Wiedersehensfeier - ich kam auch dran,
aber selbstverständlich erst nach ihm - besah ich
meine Katze genau, um festzustellen, wieviele Biß-
und Stichwunden, Kratzer und Löcher daheim zu versorgen
wären. Nichts.
Banshees Fell glänzte im Sonnenschein, tadellos sauber
und un-versehrt, die Augen blitzten frech wie immer, Schwanz
und Ohren waren noch dran, alle Krallen ge-feilt und zu allem
Überfluß wirkte sie satt und wohlgenährt.
Wieso um alles in der Welt das unselige Tier in die falsche
Richtung marschiert war, wieso sie, den Fehler erkannt,
nicht
umdrehte umd nachhause kam, wie sie es fertigbrachte, solange
allein und in völlig fremder Umgebung zurechtzukommen,
prächtig zurechtzukommen, ist mir schleierhaft. Und
da gab es wohl auch (noch) keinen heimlichen Romeo im Urwald;
zumindest war Banshee nicht rollig, als sie verloren ging
und nicht tragend, als wir sie wiederfanden.
Die Heldin wurde jedenfalls nachhause eskortiert, erhielt
das exquisiteste Frühstück das man sich vorstellen
kann, stolzierte in ihr Bett und schlief praktisch zwei
volle
Tage.
Für Jonas fing der Arbeitstag nach dem Frühstück
erst richtig an.
Kaum daß ihn die Pfoten damals, da Laufen noch eine
verteufelt komplizierte Angelegenheit war, bis zum obersten
Beet trugen, beobachtete er meine gemüsebaulichen Aktivitäten
mit ernstem Interesse. Die Errichtung von Hügelgräbern
über den Kartoffeln verfolgte er besonders nachdenklich.
Er lern-te, wie man sät, jätet und den steifen
Rücken
geradebiegt, widmete viel philosophische Betrachtung der
Notwendigkeit regelmäßigen Gießens und
hielt sich mit sechs, sieben Wochen für reif, die
Dinge aus der Nähe zu
studieren. Brav auf den schmalen Wegen zwischen den Beeten
wandelnd und nur ge-legentlich versucht, die Stäbe,
an denen künftige Erbsenpflanzen ranken sollten,
hinter meinem Rück-en wieder herauszuziehen und klammheimlich
damit zu verduften. Na ja, Lehrlinge treiben nun mal Schabernack.
Und Lehrlinge machen sich nützlich. Jonas sah einige
Male zu, wie ich die reifen Ra-dieschen an ihrem grünen
Schopf aus der Erde zog, schüttelte, die Blätter
entfernte, das Radieschen säuberte und unter ekstatischem
"Hmmmm, Radieschen..!" aß. Natürlich
bekam er auch welche ab. Und kam auf den Geschmack. Kaum
murmelte
ich:"Zum Abendessen sollte ich Radieschen essen",
stolperte er auch schon los, stellte sich an den Beetrand,
rupfte eine Handvoll Radieschen aus, schüttelte vehe-ment
die Erde ab, biß die Blätter weg und rollte wonnevoll
mit den Augen, sobald die prallen, roten Knöllchen
zwischen seinen Zähnen zerbarsten. Mit den Frühlingszwiebeln
verfuhr er ähnlich, doch da der Geschmack ihm nicht
so ganz zusagte, brachte er sie mehr oder weniger zielstrebig
zu mir. Erbsen wiederum lagen entschieden auf seiner Linie.
Jung, zart und frisch vom Strauch. Die Schote spuckte
er lässig
wieder aus. Mit Einsetzen der Möhrenernte verfärbte
sich Jonas beinahe, so schmeckten ihm die leuchtenden, süßen
Wurzeln. Als er nach einer Diebestour in der Küche
- ange-stiftet von Freibeuter Banshee - allerdings entdeckte,
um wieviel besser Möhren schmecken, wenn ein Mensch
sie zuvor raspelt, mit geriebenen Zwiebelchen, einer Idee
Honig,
einem Schlückchen Essig, reichlich Petersilie, einer
Prise Salz und einem Hauch frisch gemahlenem Pfeffer anrichtet,
strafte er das Beet mit Nichtachtung und lauerte stattdessen
darauf, daß irgendwo unbeaufsichtigter Möhren-salat
vor sich hin zog.
Zum Unkrautjäten durfte er mit zwischen die Salatreihen
kommen, denn die faden, grünen Blätter führten
ihn nicht in Versuchung.
Auch beim Umgraben des neuen Radieschenbeetes half er eifrig;
zwei Pfoten sind ja um so viel schnel -ler als ein Spaten!
Besonderen Eifer zeigte er beim abendlichen Gießen.
Dazu diente ein langer Schlauch, den man mit dem Daumen
so
zuhielt, daß ein feiner, weitreichender Sprühregen
entstand. Wegen der Lage der Terrassen mußte der
Schlauch natürlich von hier nach dort geschleift werden;
eine Aufgabe, die Jo-nas über alle Maßen schätzte.
Daß ich ihm die verantwortungsvolle Arbeit übertrug,
die schließlich an Mehltau gestorbenen Erbsen-pflanzen
zu beerdigen, erfüllte ihn sichtlich mit Stolz. Ich
könnte
schwören, an dem Tag ist er einen vollen Zentimeter
gewachsen.
Die einzige Verrichtung, bei der er (und die beiden anderen)
nie, niemals auch nur in Reichweite kom-men durfte, war
das
Rasenmähen. Oder richtiger, das Grasschneiden behilfs
einer entsetzlich schar-fen Sichel. Nachdem ich einmal der
hinter einem Grashügelchen schlafenden Banshee fast
die Ohren abrasiert hätte und Jonas nur im allerletzten
Moment nicht um eine der verflixten großen Pfoten
er-leichterte, erging ein rigoroses "Rasen betreten
verboten!"
sobald ich die Sichel zückte.
Alles in allem erwies sich Jonas als anstelliger Lehrling,
jedenfalls aus meiner Sicht. Lehrgeld bezahl-te er nur zweimal,
und das nicht auf mein Betreiben.
Es war mittags, ich gerade damit beschäftigt, mir eine
Mahlzeit zusammenzuernten, als er aus einem der unteren
Beete
heraufschoß, den Kopf schüttelte wie irr, sich
über das Maul wischte und dabei schäumte, daß
es grauslig anzusehen war. Ich rief ihn heran, pochenden
Herzens, angesichts des triefenden Schaums, überlegte
panisch: Insektenstich? Skorpion? Schlange? Im Maul ließ sich
nichts erkennen, außen auch nicht, was wohl vor allem
an den großzügig fließenden Schaummengen
lag. Epileptischer Anfall? Meine Besorgnis wuchs mit jeden
neuen Gedanken. Fünf Minuten verstrichen, das Schäumen
hörte auf. Keine neuen Symptome. Nutzlos, jetzt daunten
nach Insekten oder Schlangen zu suchen. Ich blieb eine
geschlagene
Stunde neben seinem Bett sitzen, in das er sich zwecks Mittags
-ruhe verzogen hatte und dankte dem Himmel, daß mein
kleiner Hund gesund und munter wieder er-wachte. Was immer
geschehen
war, es hinterließ keine bleibenden Schäden.
Ein paar Wochen später saß ich in der letzten
Abendsonne vorm Haus, Jonas wuselte nahebei durchs Gras,
schien etwas
zu verfolgen, packen zu wollen und zuckte plötzlich
zurück.
Der Schaum troff unverzüglich, Jonas schüttelte
verwirrt den Kopf, wischte, schniefte. Ich rannte zum Tatort
und dann war mir alles klar. Vor ihm im Gras hockte Das Doppelte
Lottchen, und Lottchen schätzte es über-haupt
nicht, von niederem Getier belästigt zu werden. Vergaß
einer seine gute Kinderstube erinnerte ihn Lottchen mit unzähligen
Giftdrüsen auf ihrer warzigen Haut, daß nur aus
Fröschen Prinzen wer-den, nicht aus Riesenerdkröten.
Deren Gift ist leicht genug, aber äußerst unangenehm
für die Schleim -häute, die allsogleich eimerweise
schäumenden Speichel produzieren. Ich glaube, Jonas
hat nie wie-der Kröten beim Abendspaziergang belästigt. |
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