3. Vom idyllischen Leben im Walde
Das stromlose Leben in einem nur zu Fuß zugänglichen Waldgrundstück zieht von Anfang an eine enorme Fülle positiver Konsequenzen nach sich. Wenn ich mir vorstelle, daß Städter viel Geld dafür bezahlen in irgendwelchen Abendkursen Körperbewußtheit neu zu erlernen..! Dabei kann man das so einfach haben.
Bringt man etwa einen Tag damit zu, Holzbohlen von exakt 5 Meter Länge, 25 Zentimeter Breite und 5 Zentimeter Dicke mit naturgemäß etwas verlangsamtem Tempo durch den Wald zu tragen, dies auf einem schmalen, kurvigen Ziegenpfad, der folglich auch ein gewisses Maß an Geschick und Beweglich-keit erfordert, damit Bohle und Träger nicht versehentlich aus dem Gleichgewicht geraten und in die Brombeergespickte Tiefe längs des Pfades stürzen, dann erwacht man am nächsten Morgen mit einer geradezu phantastischen Körperbewußtheit. Zwischen Zehenspitzen und Haarwurzeln entdeckt man plötzlich dezent schmerzende Muskeln, Sehnen, Knochen und Knöchlein, von denen man vorher nicht einmal ahnte, daß sie überhaupt existieren. Da nichts verhängnisvoller wäre, als sich nun stöhnend der Bewegungslosigkeit anheimzugeben, kann man die neu entdeckte Bewußtheit zum Beispiel dadurch för-dern, an diesem Tag nur die vergleichsweise leichten Deckenbalken auf genannte Weise zu transpor-tieren. Der kommende Morgen wird einen mit einem verblüffenden Mehr an Gefühl für die eigene Anatomie überraschen! Und wo das Holz nun schon mal da ist, kann man auch gleich anfangen, es sinn-reich zu verwenden. Fachgerechtes Sägen, Bohren, Nageln und Schmirgeln, ohne strombetriebene Mo-toren, zeitigt eine sehr stärkende Wirkung auf die Arm- und Bauchmuskulatur. Gratis!
Genau einhundertachtundvierzig Schritte von meinem Haus entfernt floß ein kleiner Gebirgsbach durch eine natürliche Senke und dann weiter talwärts, und nichts ist erfrischender, als morgens früh über moosbedeckten Waldboden zu joggen, sich mit einer Handvoll prickelnd kaltem Wasser aufzu-wecken und mit der gefüllten Wasserflasche zum Kaffeekochen zurückzujoggen.
Dieses natürliche Versorgungssystem lehrt einen auch ganz nebenbei den wahren Wert des Wassers zu schätzen. Man wird sparsam. Schließlich ist es ja nicht mehr ganz so nett im Dunkeln zwischen Stechginster und Farnwäldern zum Bach zu tapsen; speziell, wenn es dabei auch noch endzeitlich gewittert.
Aspekte des täglichen Lebens, die unvermeidlich etliche muskelstärkende Gänge zum und vom Wasser erfordern, sind das Baden und Wäschewaschen, denn die Seifenlauge soll ja nicht den Bach runter-gehen, sondern in der heimischen Sickergrube zwischengelagert werden.
Das Fehlen einer Waschmaschine und heißen Badewassers aus dem Boiler macht nicht nur erfinderisch, sondern lehrt unerhörten Respekt für die naturverbundene Weisheit der Ahnen. Was mit Strom auf Knopfdruck unpersönliche dreißig Minuten dauert, verlangt per Hand einen ganzen erbaulichen Vor-mittag, der erfüllt von Schrubben und Eimerschleppen eine natürliche Art körperlicher Ertüchtigung darstellt, einen bei der unmittelbaren, ganz persönlichen Auseinandersetzung mit hartnäckigen Flek-ken mühelos überzeugt, im Bett keinen Rotwein mehr zu trinken, oder zumindest nicht dabei zu klek-kern und den Verdacht bestätigt, daß der Hund seinen aufgeweichten, irgendwo wieder ausgegrabenen Kauknochen doch in einer unbemerkten Viertelstunde auf der Bettdecke zuende gefressen hat. Und daß heutige Stoffproduzenten von Qualität keine Ahnung mehr haben, erweist sich spätestens nach der dritten Reinigung mit Bürste und Waschbrett - die Laken sind schon fadenscheinig. Umweltschützer wären begeistert von den geringen Seifenmengen, die man beim Waschen von Hand-tüchern, Hosen, Socken und so fort benutzt. Nicht aus Geiz. Jedes überflüssige Krümelchen Seife bedeutet einfach zwanzig Liter Wasser mehr fuers Nachspuelen herbeischaffen zu müssen. Ohne Zweifel hat uns die Erfindung der Waschmaschine um ein schönes Naturerlebnis beraubt.
Kein fröhliches Schlendern mehr zum Bach, wo man, während der Eimer sich geruhsam füllt, gleich mal
eben nachschauen kann, wieweit die Was-serminze schon gediehen ist, oder ob die Wildschweine letzte Nacht die Suhle weiter unterhalb besucht haben. Kein aufmerksamer Blick mehr, um festzustellen, ob rechts und links des Pfades zwischen Wasserstelle und Haus noch ein paar letzte Waldanemonen blühen, oder ob der Fuchs vorbeigekommen ist und sein Revier markiert hat. Kein ner-venberuhigendes Schrubbschrubb mehr auf dem alten Waschbrett vorm Haus, wo einen die Sonne freundlich bescheint, der Wind leise säuselt, man die Vögel jubilierend den Frühling begrüßen hört und der Hund sich enorm wichtig vorkommt, weil er zwischen-durch den Wäscheberg bewachen muß.
Das Baden meiner eigenen Person fiel zunächst nicht ganz so idyllisch aus. In erster Linie, weil die Menge warmen Wassers sehr begrenzt war, die Lufttemperatur Mitte April noch nicht zu langem Verweilen im nur mit Seife bekleideten Zustand einlädt und man sich darauf konzentrieren muß, das Wasser aus dem Stieltöpfchen möglichst so über sich zu ergießen, daß es anschließend in der kleinen Wanne landet und nicht auf dem schönen, neuen Holzfußboden der Küche. Andererseits, wer will dies-es unweltfreundliche Zeremoniell schon mit dem schnöden Reinigungsprozeß im zentralbeheizten, ste-ril gekachelten Badezimmer vergleichen, wo Mäuse nicht einmal reinkommen, geschweige denn Wetten darüber abschließen können, ob es dem Kühnsten wohl gelingt, sich das Stück Seife genau in dem Mo-ment zu schnappen, wo der eigentliche Besitzer die Augen zukneift, um sich den Schaum abzuspülen? Mitte Mai hatte ich schließlich ein wohlfunktionierendes System sportlichen, sparsamen, dabei aber doch erlebnisintensiven Wasserholens- und verbrauchens entwickelt und außerdem entdeckt, daß die im frisch ergrünten Wald leise vom Wind getrocknete Wäsche traumhaft nach ersten Wildblumen duftete. Überhaupt kein Vergleich zu dem künstlichen Geruch aus Paketen und Plastikflaschen.
Kein Strom bedeutet auch kein Kühlschrank. Eine sehr gesundheitsfreundliche Tatsache, gewöhnt man sich doch schnell daran, solche Nahrungsmittel zu bevorzugen, die auch bestens ohne sonderliche Kühlung auskom-men. Obst und viel, viel Gemüse zum Bei-spiel. Oliven, handgemachter Schafskäse, der sich lange hält, sofern ihn nicht vorher die Mäuse fressen. Das Brot stellte für eine Weile ein Problem dar, denn italieni-sches Weissbrot ist in der Regel nicht dazu bestimmt, zwei Tage alt zu werden. Aber mit etwas gutem Willen bekommt man auch
hartes Brot klein. Man braucht dann nur noch einen Brotsack aus Stoff und einen Schrankteil, der diebstahlsicher zu verschließen ist.
Ohne Frühlingsrollen und Tintenfischringe aus der Tiefkühltruhe, ohne die obligate Butter zwischen Brot und Käse und all die anderen überflüssigen Notwendigkeiten, ja ohne die ganze allabendliche Meditation vor dem offenen Kühlschrank zu leben vermittelt einem ein ganz unerwartetes Gefühl von Freiheit und Wohlbefinden. Die Vorstellung, bei Sonnenuntergang, wenn die Vögel noch einmal aus Leibeskräften ihre Serenaden durch den flüsternden Wald schmettern, in der lauen, duftenden Luft auf der Steinbank vorm Haus zu sitzen und fast food aus der Mikrowelle auf den Abendbrotteller zu häufen, erfüllte mich mit Grausen.
Daß sich das Fehlen von Elektrizität sehr nachhaltig auf die Tagesrhythmik auswirkt, versteht sich. Abgesehen davon, daß man nach einem handwerklich produktiven Tag froh ist, kaum nach der Sonne in die Federn zu sinken, hat Kerzenlicht zumindest auf mich eine beruhigend-einschläfernde Wirkung. Und da man in der frischen Waldluft gut und tief schläft, erwacht man morgens ganz von selbst noch rechtzeitig, um die Jungfüchse beim Spielen zu beobachten, den Dachs auf dem Heimweg zu finden und die Vögel beim Einstimmen aufs Morgenkonzert zu überraschen.
Daß aus einem notorischen Langschläfer und Morgenmuffel wie mir ein gutgelaunter Frühaufsteher wurde, gibt Anlaß zur Hoffnung, daß auch die restliche Menschheit sich noch zum Guten ändern könn-te, wenn bloß jemand den Strom abstellen würde.
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