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Vom idyllischen Leben im Walde
Das
stromlose Leben in einem nur zu Fuß zugänglichen
Waldgrundstück zieht von Anfang an eine enorme Fülle
positiver Konsequenzen nach sich. Wenn ich mir vorstelle,
daß Städter viel Geld dafür bezahlen in irgendwelchen
Abendkursen Körperbewußtheit neu zu erlernen..!
Dabei kann man das so einfach haben.
Bringt man etwa einen Tag damit zu, Holzbohlen von exakt
5 Meter Länge, 25 Zentimeter Breite und 5 Zentimeter
Dicke mit naturgemäß etwas verlangsamtem Tempo
durch den Wald zu tragen, dies auf einem schmalen, kurvigen
Ziegenpfad,
der folglich auch ein gewisses Maß an Geschick und
Beweglich-keit erfordert, damit Bohle und Träger nicht
versehentlich aus dem Gleichgewicht geraten und in die Brombeergespickte
Tiefe längs des Pfades stürzen, dann erwacht man
am nächsten Morgen mit einer geradezu phantastischen
Körperbewußtheit. Zwischen Zehenspitzen und
Haarwurzeln entdeckt man plötzlich dezent schmerzende
Muskeln, Sehnen, Knochen und Knöchlein, von denen
man vorher nicht einmal ahnte, daß sie überhaupt
existieren. Da nichts verhängnisvoller wäre,
als sich nun stöhnend
der Bewegungslosigkeit anheimzugeben, kann man die neu entdeckte
Bewußtheit zum Beispiel dadurch för-dern, an
diesem Tag nur die vergleichsweise leichten Deckenbalken
auf genannte
Weise zu transpor-tieren. Der kommende Morgen wird einen
mit einem verblüffenden Mehr an Gefühl für
die eigene Anatomie überraschen! Und wo das Holz
nun schon mal da ist, kann man auch gleich anfangen,
es sinn-reich zu
verwenden. Fachgerechtes Sägen, Bohren, Nageln und Schmirgeln,
ohne strombetriebene Mo-toren, zeitigt eine sehr stärkende
Wirkung auf die Arm- und Bauchmuskulatur. Gratis!
Genau einhundertachtundvierzig Schritte von meinem Haus
entfernt floß ein kleiner Gebirgsbach durch eine natürliche
Senke und dann weiter talwärts, und nichts ist erfrischender,
als morgens früh über moosbedeckten Waldboden
zu joggen, sich mit einer Handvoll prickelnd kaltem Wasser
aufzu-wecken
und mit der gefüllten Wasserflasche zum Kaffeekochen
zurückzujoggen.
Dieses natürliche Versorgungssystem lehrt einen auch
ganz nebenbei den wahren Wert des Wassers zu schätzen.
Man wird sparsam. Schließlich ist es ja nicht mehr ganz
so nett im Dunkeln zwischen Stechginster und Farnwäldern
zum Bach zu tapsen; speziell, wenn es dabei auch noch endzeitlich
gewittert. |
Aspekte
des täglichen Lebens, die unvermeidlich etliche muskelstärkende
Gänge zum und vom Wasser erfordern, sind das Baden
und Wäschewaschen, denn die Seifenlauge soll
ja nicht den Bach runter-gehen, sondern in der heimischen
Sickergrube zwischengelagert
werden.
Das Fehlen einer Waschmaschine und heißen Badewassers
aus dem Boiler macht nicht nur erfinderisch, sondern lehrt
unerhörten Respekt für die naturverbundene Weisheit
der Ahnen. Was mit Strom auf Knopfdruck unpersönliche
dreißig Minuten dauert, verlangt per Hand einen ganzen
erbaulichen Vor-mittag, der erfüllt von Schrubben
und Eimerschleppen eine natürliche Art körperlicher
Ertüchtigung darstellt, einen bei der unmittelbaren,
ganz persönlichen Auseinandersetzung mit hartnäckigen
Flek-ken mühelos überzeugt, im Bett keinen
Rotwein mehr zu trinken, oder zumindest nicht dabei
zu klek-kern und
den Verdacht bestätigt, daß der Hund seinen aufgeweichten,
irgendwo wieder ausgegrabenen Kauknochen doch in einer
unbemerkten
Viertelstunde auf der Bettdecke zuende gefressen hat. Und
daß heutige Stoffproduzenten von Qualität keine
Ahnung mehr haben, erweist sich spätestens nach der
dritten Reinigung mit Bürste und Waschbrett - die
Laken sind schon fadenscheinig. Umweltschützer wären
begeistert von den geringen Seifenmengen, die man beim
Waschen von Hand-tüchern,
Hosen, Socken und so fort benutzt. Nicht aus Geiz. Jedes überflüssige
Krümelchen Seife bedeutet einfach zwanzig Liter Wasser
mehr fuers Nachspuelen herbeischaffen zu müssen. Ohne
Zweifel hat uns die Erfindung der Waschmaschine um ein
schönes
Naturerlebnis beraubt.
Kein fröhliches Schlendern mehr zum Bach, wo man, während
der Eimer sich geruhsam füllt, gleich mal |
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eben nachschauen kann, wieweit die Was-serminze schon
gediehen
ist, oder ob die Wildschweine letzte Nacht die Suhle weiter
unterhalb besucht haben. Kein aufmerksamer Blick mehr,
um
festzustellen, ob rechts und links des Pfades zwischen
Wasserstelle und Haus noch ein paar letzte Waldanemonen
blühen, oder
ob der Fuchs vorbeigekommen ist und sein Revier markiert hat.
Kein ner-venberuhigendes Schrubbschrubb mehr auf dem alten
Waschbrett vorm Haus, wo einen die Sonne freundlich bescheint,
der Wind leise säuselt, man die Vögel jubilierend
den Frühling begrüßen hört und der Hund
sich enorm wichtig vorkommt, weil er zwischen-durch den Wäscheberg
bewachen muß. |
Das
Baden meiner eigenen Person fiel zunächst nicht ganz
so idyllisch aus. In erster Linie, weil die Menge warmen
Wassers
sehr begrenzt war, die Lufttemperatur Mitte April noch nicht
zu langem Verweilen im nur mit Seife bekleideten Zustand
einlädt
und man sich darauf konzentrieren muß, das Wasser aus
dem Stieltöpfchen möglichst so über sich
zu ergießen, daß es anschließend in der
kleinen Wanne landet und nicht auf dem schönen, neuen
Holzfußboden
der Küche. Andererseits, wer will dies-es unweltfreundliche
Zeremoniell schon mit dem schnöden Reinigungsprozeß
im zentralbeheizten, ste-ril gekachelten Badezimmer vergleichen,
wo Mäuse nicht einmal reinkommen, geschweige denn Wetten
darüber abschließen können, ob es dem Kühnsten
wohl gelingt, sich das Stück Seife genau in dem Mo-ment
zu schnappen, wo der eigentliche Besitzer die Augen zukneift,
um sich den Schaum abzuspülen? Mitte Mai hatte ich schließlich
ein wohlfunktionierendes System sportlichen, sparsamen,
dabei
aber doch erlebnisintensiven Wasserholens- und verbrauchens
entwickelt und außerdem entdeckt, daß die im
frisch ergrünten Wald leise vom Wind getrocknete Wäsche
traumhaft nach ersten Wildblumen duftete. Überhaupt
kein Vergleich zu dem künstlichen Geruch aus Paketen
und Plastikflaschen. |
Kein
Strom bedeutet auch kein Kühlschrank. Eine sehr gesundheitsfreundliche
Tatsache, gewöhnt man sich doch schnell daran, solche
Nahrungsmittel zu bevorzugen, die auch bestens ohne
sonderliche
Kühlung auskom-men. Obst und viel, viel Gemüse
zum Bei-spiel. Oliven, handgemachter Schafskäse, der
sich lange hält, sofern ihn nicht vorher die Mäuse
fressen. Das Brot stellte für eine Weile ein Problem
dar, denn italieni-sches Weissbrot ist in der Regel nicht
dazu bestimmt,
zwei Tage alt zu werden. Aber mit etwas gutem Willen bekommt
man auch |
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hartes
Brot klein. Man braucht dann nur noch einen Brotsack
aus Stoff und einen Schrankteil, der diebstahlsicher
zu verschließen ist.
Ohne Frühlingsrollen und Tintenfischringe aus der Tiefkühltruhe,
ohne die obligate Butter zwischen Brot und Käse und all
die anderen überflüssigen Notwendigkeiten, ja ohne
die ganze allabendliche Meditation vor dem offenen Kühlschrank
zu leben vermittelt einem ein ganz unerwartetes Gefühl
von Freiheit und Wohlbefinden. Die Vorstellung, bei Sonnenuntergang,
wenn die Vögel noch einmal aus Leibeskräften ihre
Serenaden durch den flüsternden Wald schmettern, in der
lauen, duftenden Luft auf der Steinbank vorm Haus zu sitzen
und fast food aus der Mikrowelle auf den Abendbrotteller zu
häufen, erfüllte mich mit Grausen.
Daß sich das Fehlen von Elektrizität sehr nachhaltig
auf die Tagesrhythmik auswirkt, versteht sich. Abgesehen davon,
daß man nach einem handwerklich produktiven Tag froh
ist, kaum nach der Sonne in die Federn zu sinken, hat Kerzenlicht
zumindest auf mich eine beruhigend-einschläfernde Wirkung.
Und da man in der frischen Waldluft gut und tief schläft,
erwacht man morgens ganz von selbst noch rechtzeitig, um die
Jungfüchse beim Spielen zu beobachten, den Dachs auf
dem Heimweg zu finden und die Vögel beim Einstimmen aufs
Morgenkonzert zu überraschen.
Daß aus einem notorischen Langschläfer und Morgenmuffel
wie mir ein gutgelaunter Frühaufsteher wurde, gibt
Anlaß
zur Hoffnung, daß auch die restliche Menschheit sich
noch zum Guten ändern könn-te, wenn bloß jemand
den Strom abstellen würde. |
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