15.
Die Freuden des Gemüsegärtners
Sofern das Wetter es auch nur annähernd zuließ
war ich damit beschäftigt, dem großen Traum eine
Spur mehr Wirklichkeit zu verschaffen. Ich säuberte
also erst mal die vier Terrassen unterhalb der obersten
Wiese:
Beschneiden, dann Zerhacken, dann gnadenloses Ausreißen
sämtlicher Brombeerdick-ichte; Fällen und Wurzelnausgraben
der wildwüchsigen, störenden Kastanienbäumchen;
liebevolles Entfernen und Umsetzen hoffnungsvoller Kirsch-
und Apfelbäumchen; gewaltsames Ausrupfen der Farnwurzeln;
Gras absicheln und auf den Kompost schaffen; Kratzer, Schnitte,
Blutergüsse und Schwielen, viele, viele Schwielen versorgen;
Verschnaufpause.
Während einer solchen Pause spürte ich das dringende
Verlangen, mich in der linken Armbeuge zu kratzen. Es juckte
zum verrücktwerden. Nanu? Ach ja, da hatte mich neulich
beim Gefecht gegen das Dorngestrüpp irgendwas gestochen.
Ich kratzte, es juckte. Abends war die Stelle leicht gerötet.
Am nächsten Morgen konnte ich den Arm kaum rühren.
Aus dem pinkfarbenen Fleckchen hatte sich eine knallrote,
erbärmlich juckende, heiße Beule geformt, die
ungefähr
so aussah, als hätte jemand ein Ei unter der Haut versteckt.
Ich raste mit Blaulicht und "Tatütata!" brüllend
ins übernächste Dorf, in die Apotheke und wies
atemlos den verbeulten Arm vor. Die examinierte Apothekerin
fühlte,
drückte, fragte, nickte, und ich prustete eilig mit
einer Spritze nebst Anti-Tetanus-Serum den Berg wieder hinauf
in
mein eigenes Dorf. Pippos Frau war bekannt für ihre
ruhige Hand und stieß mir willig, kom-petent und unter
Ausschluß
der Öffentlichkeit die Nadel in den Po. Morgens drauf
war ich wieder beulenfrei und arbeitsfähig.
un hieß es beherzt den Spaten fassen, ins Erdreich
stoßen,
umgraben. Das ist die Theorie. In der Praxis gestaltet sich
dieser simple Schritt nicht ganz so einfach, wenn die Erde
seit Urzeiten nicht mehr von Menschenhand bearbeitet, dafür
aber von unzähligen Schafen, Ziegen und Pferden festge-treten
wurde. Außerdem wachsen unter jungfräulicher
Erde statt Kartoffeln Steine. Nach den ersten zehn Minuten
umgraben
war ich sicher, mein linker Fuß im Gummistiefel sei
längst in der Mitte aus-einandergebrochen, mein Rückgrat
würde dem Beispiel jeden Moment folgen, die Arme einfach
abfal-len, die Hände sich nie wieder öffnen
und die Schwielen Zeit meines Lebens wehtun. Nach einigen
Tagen hatte
ich mich dran gewöhnt. Als zwei Wochen später der
ganze, künftige Gemüsegarten umge-graben war,
fühlte
ich mich so fit, daß ich die Steine aberntete und
noch mal von neuem anfing. In meinem Handbuch für
Ackerbau und Viehzucht stand nämlich: tief umgraben;
speziell für Kartoffeln. Ich grub, zerbröselte,
glättete,
zerbröselte von neuem.
Mit Tonnen bestem Naturdünger aus dem einstigen Stall
fütterte ich sodann die Erde großzügig, grub
unter, wo nötig, glättete ein letztes Mal, trat
die Saatflächen fest, wo mein Buch das befahl, schritt
die Beete ab, überschlug die erforderliche Menge an Samen,
Steckzwiebeln, Kartoffeln und so fort, kratzte die Erde von
den Händen, leerte die Gummistiefel aus und eilte
ins Dorf, einkaufen. Die drolligen kleinen Zwiebelchen
und Knoblauchzehen
zu stecken, die vielversprechenden ( wenngleich halbierten)
Kartoffeln in ihr tiefes Bett aus Mist zu legen war ein
unvergleichliches
Erlebnis. |
|
|
Ich
hatte eben die letzte Kar-toffelhälfte ehrfürchtig
mit Erde bedeckt, blickte dankbar gen Himmel und
stutzte. Da, wo sonst die höheren Berge lagen, hing
jetzt ein milchig-grauer Schleier. Unverwechselbar.
Kein Irrtum möglich. Und dann rieselten auch schon
die ersten Schneeflocken und bis ich die Werkzeuge
geschnappt
und un-tergestellt hatte,tobte bereits ein erfrischender
Schneesturm Er begrub meine Beete binnen |
weniger
Stunden unter kniehohem Schnee, blieb ein paar Tage liegen,
schmolz dann nachsichtig
dahin und raunte mir noch zu:"Jetzt wird`s Frühling."
Das Handbuch gab strikte Anweisungen wann was gesät werden
müsse und stellte meine Geduld auf eine harte Probe.
Schließlich durfte ich dann aber doch die Erbsen stecken,
die Radieschen säen und mich seelisch auf den Moment
vorbereiten, da diverse Salatsorten, Möhren und Petersilie
an die Reihe kämen. Für Gurken, Zucchini, Porree,
Tomaten und all die anderen Köstlichkeiten war es noch
viel zu früh, sagte das Buch.
Es sagte auch: Die Kartoffeln in einen mindestens fünfzig
Zentimeter tiefen, mit Mist dick ausgeleg-ten Graben legen,
mit Mist bedecken, mit Erde begradigen. Nach rund zwei Wochen
das Häufeln be-ginnen, damit die jungen Pflanzen genügend
Halt bekommen.
Ich blätterte panisch im Garten-Tagebuch. Ohje, schon
vier Tage überfällig! Dafür häufelte ich
nun mit herzlicher Inbrunst, und um meinen ersten, eigenen
Kartoffelpflänzchen einen besonders guten Start ins Leben
zu geben errichtete ich gleich ansehnliche Erdhügel über
ihnen.
Nachmittags kam der alte Herr der Wege, schaute sich anerkennend
im Garten um, trat an den Rand der Kartoffelbeete, blickte
lange und ernst auf sie herab und flüsterte schließlich:"Deine
Ehemän-ner?"
Jetzt, wo er das so sagte, fiel auch mir auf, daß die
Kartoffelkindergärten eigentlich mehr wie frisch aufgehäufte
Gräber aussahen. Stattliche Gräber.
"In meinem Buch steht, daß man das so machen muß," sagte
ich ausweichend.
"Ach so," sagte er, nickte zwinkernd und entschwand.
Seltsamer Weise suchten in den folgenden Tagen etliche Nachbarn
meinen Garten auf, blickten in feierlichem Schweigen auf
die Gräber und gingen wieder.
Mir wurde die Sache etwas unheimlich. Ich kramte das Buch
noch mal heraus und las gewissenhaft nach:...mit Erde
begradigen.
Rund zwei Wochen, nachdem die jungen Pflänzchen eine
Höhe von sound-soviel Zentimeter erreicht haben, häufeln,
damit sie genügend Halt bekommen.
Oh.
Die Hügelgräber wieder abzutragen wäre kein
Problem gewesen, ohne die permanente Furcht, dabei auch
die
Köpfchen meiner zarten Pflanzen zu entfernen. Also arbeitete
ich lieber auf Gefühl. Mit den Händen. Ohne Handschuhe.
Ganz behutsam. Von außen nach innen. Als ich das
erste Grab wieder dem Erdboden gleich gemacht hatte, war
ich der
Verzweiflung nahe. Nirgends auch nur der Ansatz einer Pflanze.
Rein gar nichts. Schniefend deckte ich die restlichen
Reihen
mit der Schaufel ab. Wahrscheinlich hatten die Pflänzchen
versucht, raus zu kommen, aber beim Anblick der enormen
Erd-mengen
über ihren Häuptern gleich wieder kehrt gemacht.
Ich hielt ihnen eine Grabrede und setzte meine Hoffnung
auf
die Zwiebeln. |
Ich
kann an dieser Stelle mit Stolz berichten, daß ich
am Ende doch Kartoffeln ernten durfte. Soviele, so herrlich
dicke
und gesunde Kar-toffeln, daß ich einen Großteil
davon dem alten Herrn schenkte. Vielleicht brauchten sie
etwas
länger, als die in anderer Leuts Gärten, aber sie
kamen schließlich doch ans Licht und gediehen prächtig.
Ich hoffe nur, daß niemand im Dorf die sagenhafte
Ernte bei mir auf die eigenwillige Hügelgrabmethode
zurückführte
und sie später nachahmte.
Während die Kartoffeln mit dem Schreck davon kamen,
war das Leben der Erbsen in ihren Reihen nur von kurzer
Dauer.
Als die ersten sieben Paare Keimblätter sich lichthungrig
an die Oberfläche gekämpft hat-ten, hielt ich
wachsam Ausschau nach ihren fünfundsiebzig Geschwist-ern.
Nichts. Eine Woche zügelte ich meine Ungeduld, dann
schaute ich nach. Wo von Rechts wegen eine Erbse unter
der Erde hätte
liegen müssen gähnte nur ein Loch. Oder vielmehr:
fünfundsiebzig Löcher. |
|
Ahnungslos
steckte ich neue Erbsen. Hier und da erschien auch bald
ein Keimling. Aber öfter erschien
ein Vogel, landete auf dem Beet, pickte eine Erbse heraus
und flog von dannen. Aha! Ein Dieb also! Aber ein netter
Dieb. Ich kaufte Vogelfutter, streute es reichlich neben
das Erbsenbeet,
sah mit Genugtuung, daß meinem gefiederten Freund das
neue Frühstück zusagte und steckte zum dritten
Mal Erbsen, deren Schicksal es war, zu keimen, zu wachsen
und
mir die köstlichsten Mahlzeiten zu be-scheren.
Der grau-grünen Farbe von Erbsen aus Dosen habe ich
nie
über den Weg getraut und das strahlende Grün aus
der Tiefkühltruhe war mir auch ziemlich suspekt. So
grün
kann Gemüse einfach nicht sein. Dachte ich. Bis ich
die ersten Erbsen aus eigener Zucht aus den Schoten puhlte.
Strahlend
grün, but-terweich und unbeschreiblich aromatisch.
Die wahre Glückseligkeit verschafften mir allerdings
die Radieschen. Ich könnte ohne Radischen nicht überdauern.
Und ich hatte reichlich gesät. Die Pflänzchen
selbst sind ja recht unscheinbar, wenn man sich pralle,
große
Radieschen erhofft, weshalb ich ohn Unterlaß Unkraut
zupfte, vorschriftsmäßig goss, hier ein bißchen
den Boden auflockerte, dort ein inniges Gebet sprach. Dann
blinkte plötzlich etwas Rotes in der Erde, wuchs über
Nacht, lag tags darauf halb auf der Erde und strahlte mich
an. Es war traumhaft. Groß, knackig, ohne die kleinste
Made darin und gerade scharf genug. An dem Abend schwelgte
ich in frischem Brot mit Butter und Radischen. Einfach unbeschreiblich.
Natürlich ist Gemüseanbau auch schweißtreibend,
daß sich da nur niemand Illusionen macht. Lange bevor
das, was man gesät hat, auch nur die Nase aus der
Erde steckt, sprießen bereits die undome-stizierten
Verwandten. Es ist hart, sein Herz gegen ihren Lebenshunger
zu verschließen,
aber es läuft halt darauf hinaus: Gemüse oder Unkraut
anzubauen. Mit dem beginnenden Frühling gedieh alles
im Garten, ob Freund, ob Feind, und ich war drei volle
Tage
damit beschäftigt, die Beete von oben
nach |
unten
von Unkraut zu befreien. Als ich mit etwas steifem Rücken
wieder bei den erst-en Beeten anlangte, sah ich vor lauter
sprießenden Pflänzchen unbekannter Her-kunft
meine Keimlinge schon nicht mehr. Sobald das Gemüse
die kritische Kindheits-phase einmal überstanden
hat und den wild-en Ahnen Paroli bieten kann, also so
nach einem Dutzend
Jätedurchgängen, beruhigt sich die Situation merklich.
Man muß nur noch hier und dort und dann und wann zup-fen.
In diesem Stadium ist das Lockern des Erdreiches und gewissenhaftes
Gießen bei-nahe wichtiger. Und das Säen der endlich
erlaubten Sorten. Zum Glück besaß ich in dieser
Phase einen tüchtigen Gehilfen, der darauf brannte,
zu jäten, zu zupfen, zu graben und, natürlich,
auch zu ernten.
zurück |
|
|