11. Banshee
Der kurze Herbstabend dämmerte schon, als wir vom Spaziergang durch den stillen Wald zum Haus herabstiegen.
"Kuck mal!" rief plötzlich der Fledermaus-Mensch.
Ich kuckte. Zwischen den dicken Wurzeln eines alten Kastanienbaums, eng aneinander geschmiegt und vom bunten Laub fast verborgen kauerten drei Kätzchen. In der Ruhe des verlassenen Waldes, vor allem in dem weichen, rosanen Abendlicht, erschienen die Drei wie winzige Märchenwesen aus Anderswelt.
Mein Freund pirschte entzückt zu dem schützenden Baum, kniete sich hin, streckte den wohlmeinenden Arm nach einem der Tierchen aus und wurde prompt mit zornigem Fauchen, Spucken und Kratzen begrüßt. Die blutende Hand schüttelnd kam er betroffen zu mir zurück. Diese Katzen hatten definitiv noch nicht erfaßt, daß nur die menschliche Hand Futterdosen zu öffnen vermag. Sie wollten mit Leuten nichts zu tun haben.
"Was meinst du, wie die in den Wald gekommen sind?" fragte er nach einer Weile und ein ganzes Stück Wegs weiter.
"Wahrscheinlich sind sie ausgesetzt worden. Wenn die tierlieben Menschen im Dorf junge Katzen nicht töten mögen, von wegen des schlechten Gewissens, bringen sie sie in den Wald. Da sterben sie dann von allein."
" Wie furchtbar! Wielange können die wohl ohne Futter überleben?"
"Keine Ahnung. `n paar Tage vielleicht."
"Wie bringen Menschen so was Grausames nur fertig!"
Mach dir keine Sorgen. Die werden nicht Hungers sterben."
"Nein?" (Hoffnungsvoll.)
"Nein. Wenn sie heute nacht nicht der Fuchs frißt, holt sie sich morgen das Falkenpärchen."
Der Yogi schwieg entsetzt.
Ein erklärter Mäuse-Mensch muß notwendigerweise eine gewisse innere Distanz zu Katzen unterhalten. Ich war froh, den einen Killer los zu sein. Katzen in meinem Garten oder gar im Haus - niemals.
"Hast du gesehen wie niedlich die waren?" fragte er, den halben Muliweg herunter. "Und was für`n Kampfgeist! Mei, die schwarze hat mich ganz schön zerkratzt."
"Du solltest die Schrammen zuhause sofort desinfizieren."
"Sie hatten noch `n richtiges Babyfell. Kein Wunder eigentlich. Sind ja kaum größer als junge Meerschweinchen."
"Tja, hart sind die Gesetze der Natur."
"Welche hat dir am besten gefallen? Die schwarze, die grau-weiße oder die getigerte?"
"Hab gar nicht so genau hingekuckt."
"Ich fand den frechen Panther am besten."
Inzwischen waren wir am Gartentor angelangt und die Sonne sank mit einem letzten Abschiedslächeln ins Meer.
"Gehen Füchse sofort bei Einbruch der Dämmerung auf Jagd?" erkundigte er sich traurig.
"Anzunehmen," sagte ich. "In der Werkzeugkiste liegen die dicken Arbeitshandschuhe. Verirr dich auf dem Rückweg bloß nicht."
Der Yogi strahlte, als hätte er soeben einen Blick ins Nirwana erhascht, flog zur Werkzeugkiste, flog den Mulipfad hinauf und kehrte im letzten Tageslicht erschöpft und ziemlich blessiert zurück. Er setzte die kleine Katze, ein wildfarbenes Weibchen, (und damit meinen heimlichen Favoriten) auf den Küchenboden, das kleine Knäuel verwandelte sich unverzüglich in einen getigerten Blitz und verschwand hinter einem niedrigen Küchenschrank.
Der Fang war nicht einfach gewe-sen. Der schwarze Kater hatte wie beim ersten Versuch berserker-gleich um sich gekratzt, gebissen, gefaucht und gespuckt, so daß mein Freund ihn nicht einmal zu fassen kriegte. Die grau-weiße Katze hatte das Kampfgetümmel genutzt, um hinter die Festungsmauern eines nahen, undurchdringlichen Brom-beerstrauches zu flüchten. Das getigerte Weibchen hingegen fühlte sich im Schatten ihres tollkühnen Bruders sicher genug.
Ein Irrglaube, wie sie spätestens feststellte, als zwei behandschuhte Hände sie griffen, hielten, ver-schleppten und nun in dieser völlig fremden Umgebung wieder losließen.
Wir stellten ihr ein Tellerchen mit Thunfisch und eines mit Milch vor ihr Versteck und setzten uns gespannt an den Abendbrotstisch. Neugier ist der Katze Tod, und dieses Tierchen quälte obendrein noch der Hunger. Fluchtbereit kroch sie unter dem Schrank hervor, gierte den Tellerchen entgegen und klärte uns auch sofort darüber auf, daß sie wohl gerade eben erst gelernt hatte, Nahrung auf die-se befremdliche Weise aufzunehmen. Ich schätze, Banshee war drei Wochen alt, als wir sie im Wald fanden. Menschen waren ihr entweder neu oder höchst suspekt, denn die geringste Bewegung reichte, um sie wieder panisch unter den Schrank fliehen zu lassen.
Am nächsten Tag hängte sich der Yogi während der Arbeitspausen nicht in den Apfelbaum, sondern stolzierte auf den Händen vorm Schrank auf und ab, hüpfte wie ein Frosch durch die Küche, kratzte sich affengleich imaginäre Flöhe ab, muhte, zwitscherte, piepste wie eine Maus, kurz, er tat alles, um Banshee von ihren Vorurteilen gegen unsere Rasse zu kurieren.
Abends drauf begnügte sie sich bereits damit, uns beim Fressen im Auge zu behalten.
Am nächsten Morgen tapste sie trotz unserer Präsenz durch die Küche.
Zum Abendessen ließ sie sich von ihrem Gönner auf die Eckbank heben und nahm verhandlungsbereit Futter von ihm an.
Die folgende, vierte Nacht seit ihrer Ankunft verbrachte sie mit ihm im selben Schlafsack. Es war nur noch eine Frage von Stunden, wann sie die Herrschaft im Haus übernähme.
Sie hatte sich eben schmollend bereit erklärt, dem Yogi nachts wenigstens einen Zipfel seines Kopf-kissens zu überlassen und unter Protest den Küchentisch zu räumen, wenn wir essen wollten, da schlug die Stunde des Abschieds. Mein Freund zog ernsthaft in Erwägung, telegrammisch seine Wohnung in Deutschland zu kündigen, Nachbarn anzuweisen, jegliches Hab und Gut per Bahnfracht nach Italien zu schicken und sich in meinem Garten ein Holzhaus zu bauen, denn selbstverständlich wäre es für Ban-shee unzumutbar gewesen mit ihm nach Hannover Mitte zu ziehen. Aber am Ende siegte die Vernunft. All die armen Stadtmenschen, die lernen wollten, wie eine Fledermaus in Baumästen zu hängen, brauch-ten ihren Guru. So wurde Banshee neuerlich zur Adoption freigegeben. Ich mußte hoch und heilig schwören, sie alle drei Stunden zu füttern, ihre Milch immer schön anzuwärmen, ihr ein warmes, wei-ches Bett mit Kopfkissen aufzustellen, um Himmels Willen darauf zu achten, daß sie sich keinen Kat-zenschnupfen zuzöge, sie von Parasiten geplagten Mäusen fernzuhalten und ihr insgesamt eine gute Mutter zu sein. Ich schwor, und wäre dem besorgten Yogi noch mehr eingefallen, hätte er im Dorf den einzigen Bus verpaßt, wäre nicht rechtzeitig zum Bahnhof gekommen und hätte seine Jünger am Ende vielleicht doch zum Teufel geschickt.
So ging aber noch mal alles gut, und nachdem der Bus unter asthmatischem Röhren und furiosem Hupen die Serpentinenstraße hinuntergefahren war, kehrte ich heim in mein Haus, zu meiner Katze.
Der Leser wird ebenso erleichtert sein wie der Yogi damals war, als ich ihm Wochen später mitteilen konnte, daß Banshees Geschwister weder verhungert noch gefressen worden waren. Imgrunde war alles ein Mißverständnis. Im Wald lebte nämlich eine Katze, lebenserfahrene Nachfahrin einer ganzen Linie seit Generationen verwilderter Hauskatzen, und die zeichnete auch für Banshees Existenz verantwortlich. Als ich sie einen Monat drauf in trauter Gemeinschaft mit dem schwarzen Kater und der
grau-weißen Katze auf einer Lichtung spielen sah, fiel natürlich der Groschen. Sie hatte ihre Kinder damals wohl nur unter dem alten Baum deponiert um mal eben rasch jagen zu gehen, und war wahrschein -lich zutiefst zerknirscht bei ihrer Rückkehr nur noch zwei Sprößlinge vorzufinden. Immerhin gelang es mir, die Familie nach und nach wieder so weit zusammenzuführen, daß Banshee auf den Spielplatz ging, um mit ihren Geschwistern zu balgen.
Das erste Wort, das Banshee mich lehrte, hieß "HUNGER!". (Wegen der unlösbaren Schwierigkeit einer laut-schriftlichen Wiedergabe der felinen Mundart handelt es sich hier, wie in allen künftigen Fällen "sprechender" Tiere, um eine sinngetreue Übersetzung ins Deutsche.) Zugegeben, bei ihrem Einzug wog sie so viel wie ein schmächtiges Hühnerei und konnte sich bequem auf meine Handfläche setzen. Daß dieser Tatbestand ihr unwürdig erschien, kann ich verstehen. Nicht jedoch, daß sie nach Verzehr einer ganzen Dose Thunfisch und ausführlicher Gesichtswäsche gleich von neuem "HUNGER!" plärrte. Um zum Schrecken der Wildnis heranzuwachsen muß man ordentlich fressen und wachsen. Aber nicht an einem Tag..!
Wohingegen die Mäuse mir einen gewissen Respekt entgegenbrachten, was mein Bedürfnis nach ruhig-en, ungestörten Mahlzeiten anbelangte, quälte Banshee keine Zurückhaltung jedweder Art. Sie hatte sich längst beigebracht, allein auf die Eckbank zu spring-klettern und von dort auf den Tisch zu kom-men. Das Katzen von rechts wegen Fleischfresser und Antialkoholiker sind, kümmerte sie überhaupt nicht. Ob Nudeln, Brot, Oliven oder Rotwein, alles mußte zumindest mal probiert werden. Jeden Tag wieder.
Die Arbeitsplatte des Küchenschrankes stellte für geraume Zeit eine verläßliche Sicherheitszone für meine Lebensmittel dar. Dann fand Banshee heraus, daß sie ja via Hühnerleiter auf die Platte hüpfen konnte, und, oh süße Erkenntnis!, von dort über die Spüle zum Ofen. Daß sie bei dem Versuch, das Spiegelei aus der Pfanne zu angeln oder die brodelnden Spaghetti aus dem dampfenden Topf zu hieven nicht selbst der Gasflamme zum Opfer fiel oder sonstwie zu Tode kam ist mir ein Rätsel.
Der Yogi hatte mir klare Anweisungen hinterlassen, was und wieoft eine kleine Katze fressen muß. Daran hielt ich mich. Banshees Protest war ohrenbetäubend.
Um ihr Mütchen zu kühlen und ihr Bedürfnis nach Aktivität zu befriedigen, dekorierte sie selbstver-gessen die Küche um, legte in jedem nur für sie erreichbaren Winkel neue Klos an, ribbelte meine Strickpullover auf, lieferte sich kurzweilige Gefechte mit der Tischdecke, dem Besen, den Blumen in ihren Vasen und pirschte gelegentlich mal ganz behutsam zur Küchentür, um einen Blick in die große, weite Welt zu wagen.
Der Garten zog sie an - wär` er nur nicht ach so groß und unheimlich ge-wesen. Sie brachte Tage damit zu im stillen Kämmerlein erst mal ihr markerschütterndes Fauchen und Spucken, zielsichere Tatzenhiebe, Buckeln, Fellsträuben, Schwanzauf-plustern und all diese Tricks zu üben, ehe sie sich auf die erste Gar-tenterrasse wagte.
Dann kam Rosso zu Besuch. Rosso, der uralte Irish Setter eines Freun -des, liebte weiche, sonnige Plätz-chen und er liebte Katzen, infor-
mierte mich sein Meister. Kein Grund zur Besorgnis. Banshee nieste skeptisch, sagte:"Alles nur leere Versprechungen!" und verbarrikadierte sich vorsorglich hinterm Schuhschrank bei der Eingangstür. Rosso seinerseits, müde von dem langen Weg zum Haus, gähnte, streckte sich in einem von der Spät-herbstsonne angewärmten Wiesenstück aus und schlief ein. Hinterteil der Tür zugewandt. Zuerst kam Banshees winziger Kopf zum Vorschein, schob sich um die Schrankecke und spähte nach draußen. Kaum hob sich der Brustkorb des dösenden Hundes, zuckte der Kopf zurück, bloß um einen Atemzug später wieder aufzutauchen. Die Augen gebannt auf das Rote Monster gerichtet, sammelte sie all ihren Mut, flüsterte:"Mieser Feigling!" und duckte sich eilig. Rosso hob nicht mal ein Ohr. (Er war schon etwas taub.) Banshee hockte in ihrem Versteck, leckte sich nachdenklich die Pfoten und beschloß, es noch mal zu wagen. Der Kopf erschien wieder im Blickfeld und sie flüsterte, diesmal schon lauter:" Mieser Feigling!" Nichts. Ratlos setzte sie sich auf, ließ die Ohren spielen, zuckte mit dem Schwanz und wußte nicht weiter. Just in dem Moment seufzte Rosso im fernen Land der Träume, Banshee sackte zusammen wie vom Blitz getroffen, erstarrte, wartete. Nichts. Der kleine runde Kopf kam unendlich langsam wieder hoch, lugte über die Türschwelle, verzog sich eilends, tauchte wieder auf und das mehrmals in so rascher Folge, daß es aussah wie eine gymnastische Übung. Schließlich beruhigt blieb Banshee in ihrer günstigen Kauerstellung liegen, aber so, daß sie noch gerade eben über die Schwelle hinweg äugen konnte, um das Rote Monster auszuspionieren. Der ahnungslose Rosso sank derweil in erquickenden Tiefschlaf, und wie Hunde das mitunter tun, wedelte er dabei ansatzweise mit der langen Rute. Besagte Rute lag, wie erinnerlich, der Eingangstür am nächsten, und kaum begann sie sich zu regen, erstarrte Banshee, fixierte das eigenartige Gebilde, hob ihr Hinterteil ein wenig, trat mit den Pfoten unruhig auf der Stelle, wobei ihrganzes Hinterteil sich mitbewegte, peitschte aufgebracht mit dem Schwanz und sprang los. Nicht gleich bis zu dem entsetzlichen, anziehenden, über alle Maßen interessanten Steert, aber immerhin bis knapp davor. Rosso wedelte erneut, ganz bedächtig versteht sich, und Banshee kauerte da, geduckt, genoß den Nervenkitzel, diese unvergleichliche Mischung aus purer Panik und verzehrender Neugier, Augen gebannt auf den längst wieder unbewegten Wedel gerichtet. Man sah ihr förmlich an, wie der wohlige Schauer der Angst sie frösteln ließ. Einmal tief Luft holen und dann setzte sie zum zweiten Sprung an. Banshee landete exakt neben Rossos Rute, bäumte sich elegant auf, hob eine Tatze zum erlösenden, alles entscheidenden Schlag und erstarrte ganz plötzlich. Der Kopf schob sich nach vorn, die winzige Nase sog bestürzt den Geruch von fremdem Hund ein, wiederholte die Probe und dann zog sich der Schrecken der Wildnis zurück. Rückwärts und in Zeitlupe. Ganz, ganz leise eine Pfote hinter die andere setzen, ganz unbemerkt Distanz zwischen sich und dieses schreckliche Geschöpf bringen. Bloß nicht stolpern. Sie erreichte die Türschwelle schreckensbleich aber mit heiler Haut, und dann fiel ihr wohl ihr guter Ruf ein. Sie stellte sich quer in die Türöffnung, sträubte sämtliche Haare, die sie besaß, buckelte, plusterte den ausgestreckten, wild zuckenden Schwanz auf und schrie aus Leibeskräften:"Verdammter, mieser Köter! Das nächste mal freß ich dich auf!" Und da Rosso von unserem berstenden Gelächter aufwachte, schoß Banshee fauch-end und spuckend hinter den schützenden Schuhschrank.
Die Begegnung mit Rosso erweiterte Banshees Weltbild um eine wesentliche Erkenntnis: Es gibt nicht nur einen gros-sen, schwarzen Hund auf Erden, sondern auch einen roten.
Der große, schwarze Hund, den sie aus luftiger Höhe von der Hühnerleiter aus oder von hinter einem Möbelstück nun seit gut zwei Wochen gelegentlich in der Küche beob-achtet hatte, war nicht Lieschen. Denn Lieschen ruhte seit Herbstbeginn in ihrem Hügelgrab im Garten. Meine Tier-arzt-Freundin hatte den bevorstehenden Abschied er-kannt, als ich noch lange nicht dran glauben wollte und kam eines Tages aufgeregt in meine Wildnis gestürzt. Gefolgt von einem großen, schwarzen, schlappohrigen Mischling. Die Sache war die, daß der Besitzer den Hund in ihre Prax
-is gebracht hatte, um ihn einschläfern zu lassen. Nicht weil er krank, alt oder gemeingefährlich war, sondern weil sein Herr ihn nicht in die neue, kleine Stadtwohnung mitnehmen wollte. Meine Freundin jagte den Mann zum Teufel, behielt den Hund, überlegte kurz und scharf, stieg ins Auto und fuhr zu mir. Da sie selbst bereits eine zoologisches Sammlung ausgesetzter oder sonstwie abgeschobener Hun-de, Katzen, Vögel und Hamster besaß, mußte der junge Schäferhundmischling fürs erste bei jemand an-derem zur Pflege unterkommen. Ich bot mich nicht nur wegen der ruhigen Lage und dem großen Grund-stück an, sondern auch, weil ich in Bälde mein eigenes Lieschen beerdigen würde. Wie gesagt, ich ahnte das nur ganz entfernt. Meine Tierarzt-Freundin hingegen wußte es. Daß der Abschied von Lieschen deshalb weniger tränenreich und traurig wurde, wäre gelogen, aber ich muß gestehen, daß Lampos un-gestüme Daseinsfreude eine Menge Trost spendete. Außerdem war er ein lieber, anhänglicher Kerl mit dem denkbar freundlichsten Charakter. Und er war zwischen Katzen groß geworden.
Obwohl bei Banshees Ankunft präsent, bekamen sich die beiden in den ersten Wochen kaum zu Ge-sicht. Zum einen lungerte Lampo lieber draußen rum und Banshee beschränkte ihr Reich noch auf die Küche, und zum anderen preschte sie bei seinem Auftauchen im Haus ins nächstbeste Versteck. Eine verzeihliche Schwäche, wenn man bedenkt, wie klein sie war und wie gigantisch und fremd der erste Hund ihres Lebens.
Nach Rossos Besuch wurde Banshee indes zunehmend unternehmungslustiger. Und der Garten wartete ja auch nur darauf, von einer tapferen Katze erobert zu werden. Dummerweise sonnte, fraß, buddelte, kläffte und tobte aber dieser große, schwarze Hund dort herum. Banshee kauerte oft eine halbe Ewig-keit sprungbereit vor der Türschwelle, um seinem albernen Treiben zuzuschauen. Innerlich trat sie wahrscheinlich schon wieder mit den Pfoten auf der Stelle, gepeinigt von Neugier und der Sehnsucht nach dem befreienden Sprung.
Sie sprang tatsächlich. Aber nicht Lampo an die Kehle, sondern nach sehenswertem Spurt einem Zaunpfahl um den Hals. Jenem Zaunpfahl, der der Hundehütte am Eingangs-tor am nächsten stand. Es versteht sich, daß Lampo in dies-em Moment vor der Hütte lag und döste. Geschickt arbei-tete sich Banshee an dem Holzpfosten nach oben, langte an, schaute hastig in die Runde, um zu sehen, ob jemand kuckte, machte es sich bequem und genoß ihren Triumph. Sie hatte Lampo überlistet. Er lag immer noch dösend und nichtsahnend vor seinem Haus. Nun ist es doch so, daß Triumph viel süßer schmeckt, wenn der Feind ihn zur Kenntnis nehmen muß... Nach ausführlicher Pfotenwäsche kam auch Banshee zu diesem Schluß, reckte sich und be-gann zu schreien:"He, du räudiger Sohn einer verflohten Hündin! Ich bin hier! Hier oben!" Katzen lieben es, Gott allein weiß warum, aus sicherer Entfernung ihren Gegner mit Schmähreden zu überziehen, aus voller Kehle, damit`s auch alle hören. Lampo sprang mit einem Satz auf die Läu-
fe, entdeckte die Beleidigungen in die Landschaft schmetternde Katze, brach in wütende Erwiderungen aus und verfluchte die Leine gleich mit. Um seine von Sturm, Drang und Hormonen geplagte Seele zu beruhigen, lag er nämlich an der langen Laufleine. Und das Schicksal wollte es, daß diese Leine ihn gute drei Meter vor dem Zaunpfahl zum Halten brachte. Er schäumte. Banshee auch. Was sie beide nicht daran hinderte, den Auftritt zu genießen.
Es dauerte nur wenige Tage bis das unselige Katzentier durchschaute, daß sie hochoben auf dem Zaun-pfahl absolut sicher vor ihm war. Lampo durchschaute das ebenfalls und blieb einfach liegen, während sie ihre Schimpfkonzerte anstimmte. Derart um den Triumph betrogen, sann Banshee auf Rache. Irgendeines morgens verließ sie nach effektlosem Geschrei mit elegantem Klettersprung den Ausguck, präsentierte Lampo ihre Breitseite, Haare gesträubt, Schwanz aufgeplustert, hüpfte in diesem selt-samen, schrägen Hoppelgalopp auf ihn zu und brüllte:"He, du elender Köter! Keinen Mumm in den Knochen, wie? Na los, komm doch her!" Ihr unverfrorenes Knurren, Fauchen und Spucken alarmierte sogar mich. Lampo machte einen gewaltigen Satz auf sie zu und mußte neuerlich erkennen, daß die Leine ihn unwiderruflich davor bewahrte, von ihr in Stücke gerissen zu werden. Er bellte und sprang in die Luft, bäumte sich auf und konnte so viel Ungerechtigkeit nicht fassen. Banshee fand die Wirk-ung ihres erweiterten Repertoires höchst befriedigend. Sie fauchte ihn eine ganze Weile an, hoppel-galoppierte vor ihm auf und ab und amüsierte sich köstlich. Aber nach einigen Wiederholungen tat dem armen Lampo vom Bellen der Hals weh und er erklärte, das Spiel sei blöd. Banshee fand das unver-zeihlich und erweiterte auf der Stelle ihr Repertoire. Nach der fauchenden Galoppeinlage ging sie in Lauerstellung, wackelte mit dem Hinterteil, sprang dem Hund beinahe vor die Nase und weidete sich bis zum Überdruß an seiner neuentfachten Rage. Er zerrte an der Leine, stocherte mit den Pfoten - es nützte alles nichts. Banshee schrie und schmähte außer Reichweite. Gerade eben außer Reichweite. Etliche Male ließ er sich zum Narren halten, dann war sein Sportsgeist auch schon wieder versiegt. Er blieb schweigend liegen, folgte ihrem Kriegstanz nur mit den Augen, wedelte gelegentlich mit der Rute und verstopfte sich die Ohren vor ihren unflätigen Rufen. "He, du da!" gellte Banshee eine Handbreit vor seinem riesigen, schwarzen Kopf." Ja, dich mein`ich! Ich komm jetzt und freß dich, hörst du? Ich zieh dir das verflohte Fell über die lachhaften Ohren! Mieser Feigling! Ich mach dich feeeeertig!" Lampo hob bekümmert eine Braue und blieb liegen. Von so viel Mutlosigkeit angespornt sprang sie noch eine Idee näher, baute sich vor ihm auf, konzentrierte sich voll auf den vernichtenden Schlag und ver-setzte Lampo mit ihren winzigen Samtpfoten einen deftigen Hieb auf die Nase. Er tobte einmal, er tobte zweimal und damit wars auch schon vorbei. Banshee durchstöberte verzweifelt ihren Vorrat an Schimpfworten und Drohungen, die einem das Blut gefrieren lassen, aber Lampo weigerte sich stand-haft, sich auch nur noch ein einziges Mal über sie aufzuregen. Die festgefahrene Situation verlangte entschieden nach einer neuen Wende.
Eines nachmittags kam ich mit Lampo vom Spaziergang heim, er legte sich zufrieden vor die Hütte, und ich ging in die Küche, sein Futter holen. Kaum trat ich ein, schoß Ban-shee hinaus, sprintete zum Zaunpfahl, hangelte sich hinauf und stimmte ihr Spottlied an. Erste Strophe erledigt, sprang sie hinunter, galoppierte wie eine Furie auf Lampo zu, bremste und sang den zweiten Vers, die Augen mord-lüstern blitzend. Ein Satz und sie stand direkt vor ihm, rückte sich in Pose und schmetterte den dritten Teil. Völlig in ihre Rolle versunken entging ihr, daß Lampo ganz sachte sein Gewicht verlagerte. Sie nahm unterdessen seine Nase ins Visier, hob die Tatze, und dann versank die Bühne in einer Staubwolke. Meine Bewunderung für Lam-pos Sprungkraft war enorm. Meine Bewunderung für Ban-
shees Reaktionsvermögen noch viel größer. Obwohl total überrumpelt schaffte sie es, ihn im gestreck-ten Galopp über die ebene Wiese wenigstens einen Finger breit auf Abstand zu halten, den Apfelbaum zu erklimmen, ehe er sich am Stamm aufrecken konnte und ihn dann so mordsmäßig anzubrüllen, daß ich mir vor Lachen den Bauch halten mußte. Lampo war schon weise genug, um zu wissen, daß er nicht auf Bäume steigen könnte. Und daß Katzen irgendwann von selbst herunterkommen. Er legte sich also er-geben unter den Baum, Banshee im Auge, während sie einen bequemen Platz zwischen zwei Ästen bezog. Kaum eine Viertelstunde später begann es zu nieseln, dann zu regnen, dann zu hageln. Lampo rollte sich einfach zusammen. Banshee saß in ihrer Festung und sah jede Minute erbärmlicher aus. Als eine halbe Stunde in den himmlischen Guß hinein klar war, daß Stolz, Sturheit oder was weiß ich sie beide bis zum jüngsten Tag dort halten würde, rief ich sie ins Haus. Banshee hätte jedem Monster die kalte Schulter gezeigt, sobald sie nur einen Teelöffel gegen eine Thunfischdose klappern hörte. Sie stieg sofort vom Baum. Lampo, diese simple Seele, kam ganz einfach auf:"Komm!"
Abgesehen von einigen scheelen Blicken seitens Banshee fraßen die zwei Helden friedlich Kopf an Kopf. Dann schnüffelte Banshee plötzlich in der Luft, sagte ganz kokett:"Darf ich mal?" schenkte ihm einen entzückenden Augenaufschlag und langte in seine Schüssel. Sie versprach Lampo zwischen zwei Happen, ihn ganz bestimmt nie in der Luft zu zerreißen, Ehrenwort. Hundefutter schmeckte ja um so viel besser als dieser fischige Fraß in ihrem eigenen Napf..! Ganz gentleman nickte Lampo nur wohler-zogen. Er nickte auch wohlerzogen, als sie ihm erklärte, gefälligst mit dem zugigen Platz vor der Hüt-tentür Vorlieb zu nehmen, weil sie gern in der lauschigen Ecke drinnen schlafen wollte. Oder als sie entdeckte, daß es sich dicht an seiner Brust, zwischen den Vorderläufen, im Winter schön warm lag. Aber da war er natürlich längst ihr ergebener Diener und Banshee schon so groß wie ein erwachsenes Meerschweinchen.

 

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