Werden sie sich verstehen..?
Ein zweiter Hund kommt ins Haus
Von Sabine Middelhaufe

Welpen schauen viel von ihren Artgenossen ab. Erst recht, wenn der Ältere als Nr. 1 im selben Haushalt lebt. Diesen Umstand sollte man in manchen Bereichen geschickt nutzen und muss ihn in anderen Fällen ebenso weise umgehen, will man nämlich vermei-den, dass der Junior die Unarten des Grossen übernimmt. Welche grundsätzlichen Bedingungen jedoch erfüllt sein müssen, damit die Übertragung von Verhalten überhaupt funktioniert, im guten wie im schlechten, sollen ein paar konkrete Beispiele ver- anschaulichen.

Gehorsam
Die Labradorhündin Jennifer war im Alter von 3 Jahren ein rundum gehorsames Familienmitglied. Bestens an ihre Menschen gebunden, gehorchte sie freudig, prompt und präzise. Als sich ihre Besitzer entschlossen, die 9-wöchige Golden Retriever-Hündin Sandy aufzunehmen, schlü
pfte Jennifer begei-stert in die Rolle der „grossen Schwester", so dass sich rasch eine intensive, positive Beziehung zwi-schen den beiden entwickelte.
Um Sandy das Einmaleins des guten Gehorsams zu lehren, forderten die Halter zunächst stets Jennifer auf, den betreffenden Befehl auszuführen, und wiederholten die Prozedur dann unmittelbar darauf mit Sandy. Ein paar Hilfestellungen am Anfang genügten, und die Kleine lernte wie im Flug. Mit knapp 7 Monaten war sie schon ein recht zuverlässig gehorchender Retriever; ihre Pubertät überstanden alle Beteiligten relativ stressfrei, und einmal voll erwachsen wurde Sandy zum Ebenbild ihrer "grossen Schwester", nämlich ein Hund, dem man förmlich ansah, dass er Gehorsam als Mittel der Verständigung kennen gelernt hatte und Freude daran fand, (auch) auf diese Weise zu kommunizieren.
Ein ähnlich erfreuliches Bild hatten sicherlich auch die Besitzer von Larry vor Augen, als sie dem fast 5-jährigen Altdeutschen Schäfehund den 8-wöchigen Tosh zugesellten, einen aus Kanada importierten Alaskan Malamute. Larry war ohne weiteres geeignet, Tosh zu demonstrieren, was man tun muss, um ein anständiger Hund zu werden, und die Besitzer unterstützten ihn dabei zuversichtlich. Leider hatte Tosh aber nicht die Gewohnheit, treu und brav darauf zu achten, was Larry, Herrchen oder Frauchen taten, und die Bindung an die drei Gefährten gestaltete sich insgesamt weniger eng. Sich auf präzise Gehorsamsleistungen zu konzentrieren gelang ihm auch nicht recht, denn Dinge, die sich in der Ferne bewegten, fand er entschieden attraktiver. Zu Beginn der Pubertätsphase reagierte Tosh zwar einiger -maßen auf die Grundkommandos, und seine Halter hofften auf die „Vernunft", die sich mit dem Erwach -sensein einzustellen pflegt, doch die Wirklichkeit präsentierte sich ganz anders. Aus seinem noch nicht perfekten Gehorsam wurde rasch zögernder, unwilliger und schliesslich ganz und gar fehlender Gehorsam. Statt dessen gewöhnte er sich an, draussen auf eigene Faust loszuziehen, wann immer er beim Spaziergang Gelegenheit dazu fand oder daheim ein offenes Gartentor. Die frustrierten Besitzer waren ratlos. Wieso war aus Larry ein Traumhund geworden und aus Tosh ein halber Streuner?

Verschieden wie Tag und Nacht
Als der stolze Besitzer des 2-jährigen Bleu de Gascogne Jules den 10-wöchigen Deutsch-Drahthaar Jim dazu er-warb, sahen die Jagdfreunde schwarz. Jules' Nase, Jagd-verstand und unermüdliche Passion waren zwar wohl be-kannt und viel bewundert, aber bekannt war auch seine Unwilligkeit, sich im Revier bremsen, dirigieren oder sonst wie beeinflussen zu lassen. Einmal von Halsband und Leine befreit, ging Jules jagen- zwar mit Startbefehl des Herrn, aber ansonsten ganz souverän unter eigener Regie.
Gegensätze ziehen sich nicht immer an...

Die Absicht, den armen kleinen Jim dem Einfluss Jules' auszusetzen, betrachteten die Waidmannen schlicht als Wahnsinn. Für sie stand fest, dass die Bracke den Deutsch-Drahthaar verderben würde. Der Besitzer der beiden prophezeite etwas anderes - und behielt recht.
Jim entwickelte sich unter seiner Anleitung zu einem freudig und zuverlässig gehorchenden Junghund mit intensiver Bindung an seinen Menschen. Ob und wie Jim in der Nähe suchte oder selbstständig und ausser Sichtweite stöbern ging, bestimmte der zweibeinige Chef, und der DD tat willig wie ihm geheis-sen. Mochte Jules am Horizont verschwinden, um seinerseits die ihm gestellte Aufgabe zu erfüllen, Jim blieb getreulich bei seinem Herrn. Nicht etwa, weil er keine Beziehung zu Jules gehabt hätte. Weit gefehlt. Die beiden Rüden lebten vom ersten Tage an zusammen im Haus und entwickelten eine innige Freundschaft. Auch wenn Klein-Jim in den ersten Monaten seine Lektionen erhielt, war Jules stets mit von der Partie, und er war es, der den Jüngeren in die geheimnisvolle Geruchswelt des Reviers einweih-te. Woran also lag es, dass Jules' Einfluss Jim mitnichten auf die schiefe Bahn brachte? Jim, der phlegmatische, unterordnungsbereite Deutsch-Drahthaar brachte ganz andere rassebedingte und indi-viduelle Anlagen mit als Jules, die Bracke. Für Jim spielte z. B. der Mensch von Anfang an die Haupt-rolle; für Jules war sein Herr mehr ein Statist. Während Jim durchaus auf Ansprache, Zärtlichkeiten und Leckerbissen aus war, liessen solche Dinge die Bracke völlig kalt. Legte DD Jim es regelrecht dar-auf an, seinem Besitzer zu zeigen, wie gut er seine Lektion beherrschte, agierte Jules von jeher ein-fach aus purer Freude am Jagen. Die zwei Rüden wurden schliesslich ein prächtiges Team, das sich wun -derbar ergänzte, und Jim stellte nie die Dominanz des Älteren infrage, wo Jules Wert auf Respekt legte, aber verderben, nein, das liess sich Jim definitiv nicht.

Gleiches gesellt sich zu Gleichem....
Ähnlich lassen sich auch die erstgenannten Beispiele erklär -en. Jennifer und Sandy, beides Retriever mit annähernd gleicher Interessenslage und ähnlichem Temperament, brachten beste Voraussetzungen für die Übertragung von Verhalten mit, denn was die ältere Jennifer als Vorbild an-bot, passte genau in Sandys inneres "Weltbild". Lernfreu-de, Unterordnungsbereitschaft, intensive soziale Bindungs -fähigkeit usw. brachte ja auch sie schon von Haus aus mit. Bei Larry und Tosh hingegen lag die Sache umgekehrt. Sie waren durch die individuelle Ausformung ihrer jeweils ras-

sebedingten Anlagen verschieden wie Tag und Nacht.
Heisst das also, dass sich nur Hunde gleicher Rassen oder Rassegruppe beeinflussen? Nein, so einfach ist es sicherlich nicht, aber bestimmte, genetisch verankerte Eigenschaften, die in der Regel mit der Rassezugehörigkeit einhergehen, spielen sehr wohl eine Rolle. Schlittenhunde wie Tosh werden in ihrer Heimat nicht auf die Fähigkeit zu hundeplatzkonformem Gehorsam selektioniert und ebenso wenig auf die soziale Bindungsbereitschaft und ergebene Treue, die man gewöhnlich von einem europäischen Fami
-lienhund erhofft. Der typische Schäferhund dagegen gilt geradezu als Inbegriff all dieser Qualitä- ten. Bei der Anschaffung eines Zweithundes sollte man sich also durchaus überlegen, inwieweit die ge -netische Grundausstattung, die Triebziele der beiden gewählten Rassen zusammenpassen. Ein Rott-weiler und ein Greyhound etwa hätten einander vermutlich recht wenig zu „sagen", und entsprecnend gering wäre ihre gegenseitige Beeinflussung, auch in puncto Gehorsamsleistungen.
Deutsch-Drahthaar und Bleu de Gascogne gehören zwar beide zu den Jagdhunden, aber wie verschie-den sind sie in Wirklichkeit! Der eine verkörpert Disziplin, der andere pure Leidenschaft. Der DD akzeptiert, ja sucht sogar die Führung durch den menschlichen Gefährten; der Laufhund ordnet sich freiwillig nur seinen Instinkten unter. Nimmt der DD Befehle auch einmal als Selbstzweck hin, ig-noriert der Laufhund unbeeindruckt jede Anweisung, die seiner Einschätzung nach in der gegebenen Situation keinen Sinn ergibt.
Individualität
Ein Hund ist nicht nur Vertreter seiner Rasse und folglich Träger bestimmter rassetypischer Anlagen, sondern natürlich auch ein Individuum. Dass Jennifer so starken Einfluss auf Sandy ausübte, lag also zum einen an ihren grundsätzlich übereinstimmenden Rasseanlagen, zum anderen jedoch daran, dass die

individuelle Ausformung dieser Anlagen ebenfalls sehr ähnlich ausfiel. Andersherum: Ein sehr schüchterner, introvertierter, stark von seinem Menschen abhängiger Hund würde seinen selbstsicheren, extrovertierten, dominanzfreudigen Kollegen gleicher Rasse wohl relativ wenig beeinflussen können. Wenn man die Übertragung von Verhalten wünscht - oder fürchtet -, muss man sich demnach auch fragen, ob und inwieweit die Persönlichkeit des Neulings jener des Ersthundes entspricht oder widerspricht.
Wäre z. B. Larry kein so unterordnungsbereiter, seinem Herrn ergebener, nervenfester Schäferhund gewesen oder Tosh ein bindungsfähigerer, unterordnungswilligerer, "sesshafter" Mala-mute, hätte sich die Situation zwischen ihnen zweifellos ganz
Border Collie und Schäfer-Windhundmix.

anders entwickelt. Ebenso im Falle Jules und Jim: Wäre die Bracke ein weniger unabhängiges, jagd-besessenes Genie gewesen oder der Drahthaar ein temperamentvollerer, dominanzfreudiger und un-führiger Rassevertreter, kurz, hätten sich die Charaktere mehr geglichen, so hätte Jules' Verhalten auch weit mehr auf Jim abgefärbt.
Selbstverständlich kann man zwei Hunde völlig verschiedener Charaktere und verschiedener Inter-essenslage gemeinsam halten und beide zu folgsamen Vierbeinern erziehen. Doch muss man dann bereit sein, verschiedene Lernziele zu stecken, verschiedene Erziehungsmethoden und Motivationshilfen anzu-wenden. Und man muss sich darüber im Klaren sein, dass der Ersthund auch in Sachen Gehorsamser-ziehung keine grosse Hilfe oder Gefahr für den Zweithund sein wird.
Futterdiebe
Die schwarz-weisse Cocker-Hündin Candy hatte längst zweifelhaften Ruhm als Futterdiebin erlangt, als ihre Besitzer ihr die schwarz-rote Cocker-Hündin Sally zur Gesellschaft gaben. Die Zweibeiner schmiedeten natürlich ausgefeilte Pläne, um zu verhindern, dass die verfressene Grosse die verfressene Kleine zur perfekten Gehilfin auf ihren Raubzügen ausbilden würde. Völlig überflüssigerweise, wie es zunächst schien, denn Sallys Erziehung zum absoluten Ignorieren inoffizieller Nahrungsvorräte über-nahm Candy selbst! Obwohl dem Welpen von Anfang an sehr zugetan und keine Spur "eifersüchtig", machte sie ihm doch unverzüglich klar, dass Extrahäppchen, die sich so am Wegesrand oder auf dem Küchentisch fanden, ihr und ausschliesslich ihr gehörten. Diese Belehrung sass schon bald dermassen tief, dass Sally es, selbst wenn sich Candy ausser Sichtweite befand, nicht wagte, die duftende Ver-suchung anzurühren und zu verspeisen.
Für einige Jahre blieb es bei dieser Regelung. Dann starb Candy an einer Vergiftung. Als ihre Be-sitzer nach der Trauerzeit einen Blauschimmel Cocker anschafften, hatte sich die einst so brave Sally bereits zur versierten Futterdiebin gemausert. Ohne Candys Präsenz in ihrem Leben fühlte sie sich nun keineswegs mehr verpflichtet, auf verbotene Zwischenmahlzeiten zu verzichten. Sie ahmte aber nicht nur Candys Tricks und Methoden beim Stehlen nach, sondern belehrte auch den kleinen Neuling unver-züglich, dass das Diebesgut ihr und ausschliesslich ihr zustand ... Aus Schaden klug geworden, griffen die Besitzer diesmal rigoros ein, indem sie sowohl Sallys Erfolgsquote drastisch reduzierten als auch vereitelten, dass der neue Welpe das Gaunerhandwerk für spätere Zeiten von Sally lernte.

Spaniel und Setter, paßt das?
Laufhund Jonas war von Welpenbein auf ein Hungerkünstler, und nichts lag ihm ferner, als Essbares zu stehlen. Dann, er war
gerade 2-jährig, zog die 8-wöchige English Springer Spaniel-hündin Giada bei ihm ein, und sie betrachtete das Erdenleben wohl als eine einzige, endlose Mahlzeit. Giada entpuppte sich in Windeseile als listige Futterdiebin, und schlimmer noch: Nach kurzer Zeit des Zusammenlebens begann auch Jonas Nahrungs-mittel im Haus zu stehlen. Anfangs, so konnte man beobachten, einfach um Klein-Giada vorauszukommen. Machte sie Anstalten etwa das Käsebrot vom Tisch zu schnappen, drängelte er sich blitzschnell vor, packte den Schmaus, schleppte ihn in sein Lager und bewachte ihn dort. Sein Interesse am eigentlichen Verzehr

war gleich null. Meist wurde ihm die Sache sehr schnell langweilig, er stand auf und trollte sich. Worauf Giada natürlich nur gewartet hatte. Sie sprintete wildentschlossen zu seinem Lager und ver-schlang das herrenlose Käsebrot - mit aufgestelltem Rückenhaar in Jonas' Richtung knurrend. Um seine Position als Herr im Haus zu verteidigen, musste er die Beute also künftig selbst verspeisen - mit hoher Bürste und finster grummelnd. Für Giada, die seine Dominanz ansonsten voll akzeptierte, hieß das schon bald Ende der Selbstversorgung, denn Jonas war nicht nur flinker beim Stehlen, er war auch rigoros bei der Verteidigung seiner Happen. Je williger Giada aber dank seiner Erziehung darauf verzichtete, das Haus nach Fressbarem abzusuchen, desto seltener stahl auch er noch. Aufgrund der Erfahrung, seine Vorrangstellung wohl oder übel auch in diesem Bereich hinnehmen zu müssen, gab Giada schliess-lich auf. Jedenfalls im Haus, denn draussen liess Jonas sie unbekümmert gewähren. Jonas gewöhnte sich die Dieberei also rasch wieder ab. Er betrachtete sein Ziel - die Anerkennung seiner Überlegenheit - als erreicht, und das Fressen an sich interessierte ihn ja nicht im geringsten.
Die Annahme, dass gleich und gleich sich intensiver beeinflussen, während unterschiedliche Interes-senslagen kaum aufeinander abfärben, findet auch in diesen Beispielen Bestätigung. Die verfressene Futterdiebin Candy erzog, ganz gegen ihre eigene Absicht, die kleine Sally zur Meisterdiebin, dieses Resultat wurde einfach nur viel später sichtbar.
Der fressfaule Jonas hingegen konnte die fressfreudige Giada durch sein gutes Beispiel keineswegs davon abhalten, die üble Gewohnheit des Futterstehlens zur Kunst zu erheben. Es gelang ihm lediglich mit Erfolg, das Haus als Tatort zu tabuisieren. Dabei war seine Motivation aber nicht das Futter, sondern die Demonstration und Durchsetzung seiner eigenen Überlegenheit über die jüngere Hündin.
Der Kläffer
Der Irish Setterrüde Henry und sein Halbbruder Sean kamen im Abstand von einem Jahr jeweils als Achtwöchler zum selben Besitzer. Der sehr lebhafte, dabei kläfffreudige und recht geräuschemp-findliche Henry stiftete seinen kleinen, nicht minder temperamentvollen Bruder zwar in Rekordzeit dazu an, sich im Haus und Auslaufgebiet wie ein ausser Kontrolle geratener Brummkreisel zu benehmen, doch die Angst des Grossen vor knatternden Mopeds, Schussgeräuschen, Gewitter usw. übernahm der in dieser Hinsicht nervenfestere Sean trotzdem nie. Wenn Henry sich bei Unwetter bibbernd unters Bett verkroch, forderte Sean ihn eine Weile kläffend zum Spielen auf, und da dieser Vorschlag vom Alteren ignoriert wurde, vergnügte er sich eben allein und von Donnerschlägen ungerührt. Auch draus-sen, wenn Henry von einem fehlzündenden Motor in Panik versetzt kopflos das Weite suchte, folgte Sean nur ein paar Dutzend Meter in deutlicher Spielabsicht und kehrte dann allein zu ihrem Herrn zurück.

Amy, die Groenendael-Hündin, neigte arg zum Kläffen, besass eine Uberdosis Temperament und keine Spur Geduld. Wann immer sie die Aufmerksamkeit ihrer Halter zuwecken wün-schte - sei es als Aufforderung zum Spielen, zum Füttern, zum Ausgehen - unterstrich sie ihr Herumhüpfen, an der Person Hochsprin-gen, aufgeregt durch die Wohnung Laufen usw. mit lautem, penetranten Kläffen. Kurz nach Amys 3. Geburtstag zog die Border Collie-Hündin Grace als Welpe in denselben Haushalt ein. Grace erwies sich von Anfang an als äußerst ruhig und „wortkarg" und übernahm nie die Unart des Kläffens von der
Gordon und Irish Red Setter.
Groenendaeldame. Ebenso bewegungsfreudig wie diese und stets an gemeinsamen Aktivitäten mit ihren Menschen interessiert, ersann die ausgeglichene, geduldige Grace auch völlig andere Strategien, um ihre Besitzer an deren Pflichten zu erinnern.
Ängste

Das Duo Jonas und Giada demonstrierte noch andere interessante Beispiele hinsichtlich der unüber-windbaren Grenzen in Sachen Verhaltensübertragung. Jonas, der Laufhund, verhielt sich von Anfang an extrem ängstlich gegenüber Menschen, was bei bestimmten Laufhundrassen durchaus typisch ist. Noch im Alter von 2 Jahren wich er wohlmeinenden Händen panisch aus, verdrückte sich zu Hause in die al-leräusserste Ecke, sobald Menschen eintraten, zerrte mit geklemmter Rute an der Leine, wenn er draussen genötigt war, nahe an Personen vorbeizugehen, usw. Ob völlig fremd oder seit langem bekannt, Menschen waren ihm einfach nicht geheuer. Eine gänzlich entspannte, positive Beziehung besass er nur zu mir, seinem Frauchen. Viele Hündeler sahen Schlimmes voraus, als Jonas die kleine Spaniel-Hündin Giada zur Gesellschaft bekam, denn natürlich zeigte er ihr stets und ständig, dass Zweibeiner eine Ge-fahr darstellen, der man unter allen Umständen ausweichen sollte. Wurde Giada also ein scheuer Men-schenverächter durch sein Beispiel? Keine Spur. Giada kam als aufgeschlossener, kontaktfreudiger, allen Menschen prinzipiell zugetaner Welpe ins Haus und entwickelte sich in Ermangelung persönlicher Negativerfahrungen in dieser Richtung weiter. Gerade weil Giada Menschen äusserst interessant fand und sich aus eigenem Antrieb viel mit ihnen beschäftigte, entwickelte sie rasch ein sehr differenzier-tes Verhalten ihnen gegenüber. Für Jonas hiess die Devise einfach: Ausweichen wo möglich oder sich totstellen, wenn Flucht unmöglich. Im Gelände unangeleint beachtete er Personen deshalb kaum; er konn -te ja nach Belieben Distanz halten. Giada hingegen beobachtete jeden Zweibeiner aufmerksam, lernte das Benehmen Fremder einzuschätzen und reagierte dann in Abhängigkeit von der konkreten Situation abweisend, spielbereit, zutraulich, verteidigungsbereit usw. Voll erwachsen wurde sie ein guter Wäch-ter und Beschützer. Auch hier vereitelten rassetypische und individuelle Anlagen wieder einmal die Übernahme von Verhalten, das doch vom Partner permanent vorgeführt wurde.
Ob diese beiden wohl Gemeinsamkeiten haben?
Die grossen Laufhunde sind unermüdliche Jäger, deren Ak-tionsradius nur in Quadratkilometern berechnet werden kann, und sie arbeiten selbständig, völlig auf sich allein ge-stellt. So auch Jonas; zweimal täglich, jeden Tag. Die Eng-lish Springer Spaniels sind relativ phlegmatische Stöberer, die in einem vergleichsweise engen Umfeld um ihren Führer arbeiten und eigentlich nur auf strikten Befehl einmal kurzfristig den direkten Kontakt mit ihm unterbrechen. So auch Giada; zweimal täglich, jeden Tag. Nicht einmal in diesem, beide Hunde ansprechenden Be-
reich, der freien Suche und Verfolgung des Wildes trat der Fall ein, dass der ältere Hund den jüngeren nachhaltig beeinflusste. Sicher, machte Jonas einen Hasen hoch, fegte auch Giada hinterher. Für zwei oder drei Minuten, wenn ich sie liess, und nur für 50 Meter, wenn ich sie zurückrief. Verhalten bzw. die Voraussetzung für das Verhalten kann man eben nicht wecken, wenn es im Hund nicht bereits angelegt ist, weder als Mensch noch als Ersthund. Tut ein Hund hingegen etwas, was man nie von ihm „erwartet" hätte, liegt die ursächliche „Schuld" eigentlich nicht beim vierbeinigen Vorbild, sondern wiederum bei den Anlagen, die bisher einfach nicht aktiviert waren.
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