Alles ist relativ
Von Sabine Middelhaufe

Daß das Verhalten zwischen Hund A und Hund B von ihrer wechselseitigen Beziehung zueinander ab-hängt, ist offensichtlich. Diese kann sich jedoch dramatisch verändern, sobald C die Szene betritt, ein Artgenosse oder Mensch, zu dem mindestens einer der beiden Hauptakteure eine Beziehung hat, denn plötzlich muss sein Verhalten auch im Einklang mit der Nummer drei stehen.

Der diplomatische Benno
Großstadthund Benno zeigte ein quantitativ normales Reviermarkierungsverhalten, bis ein paar Straß-en weiter ein viel jüngerer, aber sehr selbstsicherer Huskymischling einzog, der Benno auch sogleich in diverse Raufereien verstrickte. Von nun an markierte Benno geradezu frenetisch in seinem Stadtteil, um, wie man rasch erkannte, die Duftmarken des Neuen zu überdecken. So weit ist die Sache einfach: Benno markierte natürlich deshalb häufiger als früher, um dem jüngeren Rüden seine eigenen sozialen und territorialen Ansprüche kundzutun.
Der Besitzer sah das mit einem eher liberalen Geist. Die Besitzerin mitnichten. Daß ihr Hund die Obstkisten vorm Lebensmittelladen markierte oder anderen Leuten gegen die Eingangstreppe pinkelte, war absolut indiskutabel. Benno begriff ziemlich schnell, dass er sich, mit Frauchen allein unterwegs,

Stadthunde müssen ihr Verhalten auf ein komplexes Beziehungsgeflecht abstimmen. Foto Alessandro Coppola
zusammennehmen musste,während er sich, mit dem so-lidarischen Herrchen allein draussen, eine verschwen -derische Fülle von Duftmarken erlauben konnte. (Eine Tatsache, die die beiden Besitzer freilich erst allmählich durchschauten.)
Frauchens Dominanz über Benno beeinflusste jeden-falls eindeutig sein Verhalten gegenüber dem vier-beinigen Rivalen sowie dessen Geruchsannoncen. Um Scherereien mit der höchsten Instanz zu vermeiden, nahm er einen gewissen Gesichtsverlust gegenüber dem anderen Rüden hin. Verblüffend indes Bennos Konfliktverhalten, wenn er mit Herrchen und Frau-chen gemeinsam durch „seinen" Stadtteil ging: Frau-

chens Tabuzonen für Reviermarken respektierte er willig. Es sei denn der Huskymischling kreuzte seinen Weg. Dann hob Benno unverzüglich das Bein, auch dort, wo er laut Chefin nicht durfte - ohne aber auch nur einen Tropfen Urin abzusetzen! Er tat, den anderen Rüden fixierend, einfach nur so als ob! Noch diplomatischer hätte er wohl kaum seine „Vierecksbeziehung" lösen können ...

Im Schatten der Grossmächte
Meines Nachbarn Schäferhundmischling Gus akzeptierte den zugelaufenen, ebenfalls erwachsenen Jagdhundmischling Bigio ziemlich schnell und ohne ernsthafte Auseinandersetzungen in seinem Heim erster Ordnung. Es fiel nur auf, dass Bigio im Laufe der Wochen immer hagerer, Gus jedoch feister wurde. Nachbar Emilio stellte beiden Rüden abends einfach ihre Futterschüsseln hin und ging dann ins Haus. Ein verstohlener Blick aus dem Fenster lüftete das Geheimnis natürlich sofort: Kaum hatte Gus seine Ration verschlungen, drängte er den anderen von dessen Schüssel und langte noch mal kräftig zu. Von nun an blieb Emilio also ein paar Schritte entfernt bei den Hunden, wenn sie ihr Futter erhielten, und klatschte unter gebieterischem „Guuus!" in die Hände, sobald der Räuber zum Überfall ansetzte. Bigio konnte nun in Ruhe speisen. Schon bald reichte es, dass Emilio die Aktion vom Fenster aus überwachte. Gus stürzte erst los, nachdem sich Bigio gesättigt zurückzog. Der Schäfermix akzep-tierte die Dominanz seines Herrn hinreichend, um die real ja immer noch bestehende Futterdominanz gegenüber Bigio nicht mehr auszunutzen.
Ganz anders lag der Fall, wenn in Emilios Abwesenheit seine Frau die Hunde abends fütterte. Sie musste mit der Fliegenklatsche bewaffnet in Armeslänge bleiben, damit Gus die guten Sitten nicht vergaß. Jeden Abend von neuem. Gus mochte sein Frauchen, nur wirlich ernst nahm er sie nicht. Bigio wiederum, als armer, süsser Findling von Frauchen anfangs bevorzugt und verwöhnt, zeigte plötzlich die Zähne, wenn Gus seinem Napf zu nahe kam! In ihrem Schutz fühlte er sich mit einem Male stark und selbstsicher genug, Gus Paroli zu bieten.

In den seltenen Fällen, da der Sohn des Hauses in Abwesenheit der Eltern die Tiere versorgte, gab es nur eine Lösung: Gus mit der Futterschüssel vor der Nase vorsorglich anzubinden, denn der Junge war weder Autorität für Gus noch Rückendeckung für Bigio und beeinflusste folglich beider Verhalten in keiner Weise. Daran hat sich bis heute nichts geändert. In Frauchens Schatten ist Bigio tapfer, und in Herrchens Schatten ist Gus gehorsam. Aber sich selbst überlassen wird der Schäfermix sofort wieder zum Futterdieb und der Jagdhundmischling zum hilflosen Opfer.
Wie sich A gegenüber B verhält hängt auch von seiner Beziehung zu C ab! Foto: Sabine Middelhaufe
Er kam, sah und siegte
Nico kam mit rund 6 Monaten aus dem Tierheim zu seinen neuen Haltern. Er fürchtete sich vor allem was aussah wie ein Hund, und der weise alte Tito, der bereits bei dem Ehepaar lebte, hatte einige Mühe, den Kleinen von seiner Gutartigkeit zu überzeugen. Da Tito eine Unfallverletzung auskurieren musste, wurde Nico während der ersten Zeit allein spazieren geführt und fiel natürlich sofort dem lokalen Welpenschreck Rol zum Opfer. Der 3-jährige Rol war nicht wirklich bösartig, aber leicht neurotisch, und er liebte es, andere Rüden und Welpen zu terrorisieren. Nico, ängstlich wie er ohnehin schon war, entwickelte sich rasch zu Rols Lieblingsopfer. Der Junghund brauchte den Älteren bloss im Dorf bellen zu hören, schon nahm er panisch Reissaus. Es gab praktisch nur einen Rüden weit und breit, vor dem selbst Rol dank heilsamer Erfahrung im eigenen Welpenalter mordsmässig Respekt hatte: Tito nämlich.
An jenem ominösen Tage hielt sein Herr Nico an der Leine, als sie die Dorfstrasse passierten, um ihn am ängstlichen Heimlaufen zu hindern, und Rol preschte selbstredend sofort heran, um den Jüngeren fertigzumachen, als um die Ecke unverhofft Tito bog. Gänzlich geheilt durfte er zum ersten Mal wieder Herrchen und Nico begleiten. Falls ein Hund bestürzt dreinschauen kann - Rol tat es. Vielleicht
Vierecksbeziehung.....Foto: Simona Cova
durchblickte der weise alte Tito die Lage in-stinktiv, vielleicht gefiel ihm Rols Ausdruck einfach nicht, jedenfalls zwang er den Wel-penschreck unverzüglich auf den Rücken und hielt ihn wesentlich länger dort als strikt er-forderlich. Nico erkannte natürlich nicht, dass sein Schicksal soeben eine dramatische Wende genommen hatte, und zerrte winselnd und schreiend an der Leine. Im Laufe der fol-genden Wochen ging ihm aber das Licht auf. Täglich von Tito eskortiert, hielt Rol der Schreckliche nun Abstand, und selbst wenn Tito einmal in eigener Sache eine andere Rou-te durchs Dorf nahm als Nico und Herrchen, wahrte Rol vorsichtshalber Distanz.
Rol wusste zweifelsfrei, dass ihm Nico eigentlich unterlegen war. Aber er wusste eben auch, dass ihm Tito überlegen war, und diese Überlegenheit „färbte" sozusagen auf Titos Schützling ab. Die neue Unantastbarkeit entfachte beim schliesslich erwachsenen Nico freilich so etwas wie sozialen Übermut, und er begann seinerseits Rol zu provozieren. Trafen die beiden allein aufeinander, raufte Rol pro forma mit ihm. War allerdings Tito in der Nähe, zog Rol es vor, verhalten wedelnd nach Hause zu gehen, so als hätte er Nico überhaupt nicht bemerkt. Nico war fast 2 Jahre alt, als sein weiser Mentor starb. Zu diesem Zeitpunkt war Rols Beziehung zu ihm aber bereits derart Tito-beeinflusst, dass er es trotz permanenter Abwesenheit des Altrüden nie wagte, Nico ernsthaft zu packen. Die zwei lieferten sich zwar monatelang kleine Gefechte, aber die deutlich gehemmte Kampfweise des Welpenschrecks zielte lediglich darauf ab, nicht zu unterliegen. Den inzwischen recht grossmäuligen Jüngeren ernsthaft in die Mangel zu nehmen, das getraute er sich nicht. Schliesslich ahnte er ja nicht, dass Tito nie wieder unverhofft um die Ecke biegen würde.
Revolution und ihre Folgen
Als in einem Pariarudel der Alpharüde eine Form caniden „Grössenwahns" manifestierte und die Grup-pe auf beispiellose Weise zu tyrannisieren begann, brach im Gehege eine wahre Revolution aus. Die ranghöheren Rüden kämpften plötzlich gegen den Boss und gegeneinander, und mit dem unaufhaltsamen Einsturz des gesamten hierarchischen Gebäudes entspann sich ein chaotisches "jeder gegen jeden".
Ohne ein klares Beziehungsgeflecht, in dem der Einzelne seine Position gegenüber allen anderen kannte und anerkannte, waren eben auch viele der sonst bindenden Verhaltens-regeln zeitweise ausser Kraft gesetzt. Selbst die Vertreibung des ehemaligen Anführers in eine abgelegene Zone des grossen Freigeheges stellte den Frieden nicht wieder her. Das Fehlen einer endgültigen neuen Nummer eins und das Bestreben wohl aller Hunde, in dem allgemeinen Durcheinander die eigene Position zu verbessern, schürte die Unruhe noch. Getreu der Devise: Wenn B plötzlich gegen A aufbegehrt, wieso sollte C dann nicht gegen- über B aufmucken oder D gegen C?
Auch Wildhunde (hier Dingowelpen) kennen Beziehungsprob-leme. Foto: Dietmar Mundo
Mag ihre Rolle innerhalb einer relativ stabilen Rangordnung für die Letzten auf der Leiter auch unan-genehm sein - soziale Unklarheit ist für Hunde scheinbar noch viel unerträglicher. Und so „beschlos-sen" die Tiere eines Nachts, das Übel bei der Wurzel auszureissen. Sie lynchten den früheren Alpha-rüden. Nachdem der Tote (von Menschenhand) aus dem Gehege entfernt worden war, kehrte allmählich wieder Ruhe ein.
Nun hatte der Aufstand freilich die Stellung etlicher Individuen radikal verändert. Zu allem Unglück war die Brunst der Hündinnen in die Periode der Anarchie gefallen, und alle waren gedeckt worden, denn offenbar fühlte sich in dem Wirrwarr jeder zur Reproduktion berechtigt. Die meisten Hündinnen trugen jedoch keine Welpen aus. Nur der neue „Prügelknabe" des Rudels, eine ehemals recht angesehe-ne Hündin, wurde immer rundlicher. Kurz nach der Tötung des Alpharüden begann sie, im Gehege nach einem geeigneten Wurfplatz Ausschau zu halten; auf Schritt und Tritt verfolgt von feindseligen Ru-delgenossen beiderlei Geschlechts. Völlig verunsichert scharrte sie am Ende einfach eine flache Mulde nahe beim Gehegezaun und legte sich gerade noch rechtzeitig zur Eröffnungsphase hinein. Die Gruppe lungerte wenige Meter entfernt um die werfende Hündin herum; schweigend, angespannt, dass man die Luft förmlich knistern hörte. Als der erste Welpe quiekend seine Ankunft kundtat, stieg die Spannung noch. Diverse Rudelmitglieder rückten näher, und das ganz sicher nicht, um die junge Mutter freudig zu beglückwünschen. Von der Feindseligkeit der anderen zermürbt, stand die Hündin bald auf und ver-liess mit geklemmter Rute das Wurflager und den Welpen. Einige folgten ihr. Andere töteten unter-dessen den Welpen. In Ermangelung einer besseren Alternative kehrte die Hündin schliesslich zur leeren Mulde zurück und gebar den zweiten Welpen. In der Gruppe der umstehenden Pariahunde be-fand sich auch ein etwa 6 Monate alter Jungrüde, der, vermutlich mehr aus Übermut, zu der Mutter trat, von dem völlig verängstigten Tier unbehelligt das Neugeborene beroch, es ins Maul nahm und tötete. Niemand hinderte den Jungrüden, der noch wenige Wochen zuvor vor der Hündin gekuscht hatte. Ein einziger schräger Blick seitens eines erwachsenen Tieres aus der Gruppe hätte genügt, um den Flegel in die Flucht zu schlagen. Aber gerade dass keiner ihn scheel ansah, war für ihn wohl das erforderliche Signal. Die Hündin floh jedenfalls erneut aus der Mulde, nur um wenig später zurückzu-kehren und einen weiteren Welpen zu gebären. Keiner ihrer Nachkommen überlebte. Hätte sich die Hündin nur ein paar Sprossen weiter oben auf der Rangskala befunden, wäre die Geschichte sicherlich anders verlaufen, denn die ihr sozial unterlegenen Hündinnen, die meisten Rüden und mit Gewissheit
Gruppenleben kann zum Glück auch sehr entspannt sein. Foto: Middelhaufe
die Jungtiere wären klug genug gewes-en, sich aus der ganzen Sache fein herauszuhalten. Das neutrale Verhalt-en der Gruppenmehrheit hätte ihr vielleicht genügend Selbstvertrauen gegeben, sich in einer sicheren Wurf-höhle gegen etwaige Angriffe der neu-en Alphahündin zu wehren. Möglicherweise mit Erfolg. Aber so wie die Sache stand, im wahrsten Sin-ne des Wortes allein gegen den Rest ihrer Welt, hatte sie selbst gegen ein-en Junghund keine Chance.
Alles ist relativ...!
Wer kennt nicht den Hund, der tagsüber mit Erlaubnis des einen Familienmitglieds selig auf dem Sofa schlummert, und kaum dass er die Schritte des anderen im Hausflur hört, hurtig in sein Körbchen um-zieht?
Oder das eigentlich unsichere Kerlchen, das im Schutz von zwei, drei grossmäuligen Freunden auch sol-che Geschlechtsgenossen „anmacht", denen er, mit seinem Menschen allein unterwegs, ach so unterwür-fig kommt?
Oder die rauflustigen Geschwister, die sich ständig in den Haaren liegen, aber kaum kreuzt Mutter Hund stirnrunzelnd auf, die Unschuldslämmchen mimen?
Das tatsächliche Kräfteverhältnis zwischen A und B verändert sich durch die Präsenz von C keines-wegs, und doch „fühlt sich" zumindest einer von beiden plötzlich anders, weil der Faktor C für ihn die Endsumme unterm Strich beeinflusst, sei es nun zu seinen Gunsten oder zu seinem befristeten Nach-teil.

Foto: Stefanie Dorsch-Rieger . Startfoto: Sabine Middelhaufe
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