Ziehmutterverhalten - ist das angeboren?
Von Sabine Middelhaufe

Erwachsene Hündinnen können fremden und bisweilen sogar den eigenen Welpen gegenüber ganz schön spröde sein - oder die liebsten Mammas! Funktioniert das Kindchenschema etwa nur bei Rüden?
Ich habe erwachsene Hündinnen verschiedener Rassen und Altersstufen einmal daraufhin untersucht, wie sie auf sehr junge Welpen reagieren.

English Springer Spaniels sind in der Regel wunderbare Ziehmütter
TYP A - Die geborene Mutter
Die Hündin dieses Typs zeigt, wenn sie zum ersten Mal in ihrem Leben auf einen noch blinden Saugwelpen trifft, sofort höchste Erregung. Das winzige Hündchen, das man ihr zunächst behutsam vorhält, wird ausgiebig beschnuppert und beäugt, meist unter anhaltendem Winseln. Dann hört man den Groschen förmlich fallen und die Hündin schaltet ihren Pflegeinstinkt ein: Setzt man den Welpen auf den Boden, wo er garantiert unzufrieden quäkend pendelnde Suchbewegungen mit dem Köpfchen macht und sich bemüht, im Kreis kriechend Mutter und Geschwister wiederzu- finden, fängt die Hündin sogleich an, ihn zu belecken. Zunächst vielleicht etwas wahllos, dann aber ganz gezielt im Kopf- und
Nackenbereich, wobei die beleckten Körperpartien intensiv berochen werden. Natürlich wird das Lamentieren des Welpen dank dieser Behandlung leiser, doch die Hündin vermindert ihren
Eifer deshalb mitnichten. Sie stupst, schnüffelt und beleckt wieder, und dies mit Fleiß und Ausdauer. Früher oder später fährt sie mit dem Fang unter den Bauch des Kleinen, hebt ihn etwas an und dreht ihn auf den Rücken. Nun massiert sie mit der Zunge sein Bäuchlein, säubert, falls dies seine Entleerung angeregt hat, auch das Hinterteil und beleckt wieder seinen Kopf.
Der Welpe liegt meist völlig still und zufrieden da und fiept nur, wenn Hündin A ihre Aktivität kurzzeitig unterbricht. Ganz im Banne ihrer Muttergefühle gibt die Hündin, vom anfänglichen Winseln abgesehen, während des ganzen Unternehmens keinen Mucks mehr von sich, wedelt indes leicht und ununterbrochen und macht einen ganz und gar aufgeweckten, geistesgegenwärtigen Eindruck.
Meine "Testteilnehmerinnen" erhiel-ten am nächsten Tag Kontakt zu ein-em anderen Saugwelpen. Typ A ist anfangs wiederum sehr erregt, zeigt aber eine gewisse Routine beim Be-lecken, Massieren zwecks Entleer-ung und der Säuberung des Hunde-babys. Falls sie das nicht schon beim ersten Test getan hat, ist zu erwar-ten, daß sie diesmal versucht, den Kleinen ganz sanft in den Fang zu
nehmen, um ihn in ihr Lager zu tragen. Allerdings kann es auch bei der deutlichen Intention bleiben, das heißt, die Hündin möchte den Winzling zwar gern an einen sicheren Platz transportieren, weiß aber nicht recht wie. Also stupst sie ihn vielleicht nur winselnd mit der Nase an oder versucht, ihn im Nacken zu fassen, und dazu fiept sie meist „ratlos".
Als sie eine Woche später gleich mit vier 35 Tage alten Welpen konfrontiert wird, fiept die Hündin vom Typ A nicht mehr, sondern geht sofort sichtlich erfreut auf jeden Einzelnen zu, beleckt ihn rund herum, bugsiert ihn in Rückenlage, regt durch die Bauchmassage seine Verdauung an, säubert sodann das Hinterteil des Welpen und beseitigt am Ende Kot und Urin. Und selbstredend macht sie auch Spielaufforderungen vor den frechen Knirpsen, stiftet sie zu kleinen Verfolgungsjagden quer durchs Zimmer an und dergleichen mehr. Die Kleinen dürfen auf ihr herumturnen, ihr in Ohren, Lefzen, Läufe und Rute zwicken, und nur wenn einer versucht, an ihren Zitzen zu saugen, stupst sie ihn mit der Nase sachte weg. Die Hündin vom Typ A spielt offenbar ganz bewusst sehr sanft mit den Welpen, und wenn einer, von seinen Geschwistern malträtiert, gellend schreit, schaut sie je nach Intensität des Lamentos
entweder nur zu dem Opfer oder geht zu ihm, um ihn tröstend zu belecken. Im Laufe der nächsten Wochen wurden die beiden „Test-Würfe" noch mehrmals, teils gemeinsam, teils allein, für jeweils rund 60 Minuten ins Zimmer gebracht. Das Verhalten von Typ A änderte sich nur insofern, als dass Hündinnen dieser Art nun ganz souverän und instinktsicher auf die unterschiedlich wechselnden Bedürfnisse der Welpen eingingen.
Wenn sie selbst Nachwuchs bekommen, erweisen sich diese Hündinnen als traumhafte Mütter. Gesellt man ihnen einen Welpen als Zweithund dazu, schlüpfen sie begeistert in die Rolle der Pflegemamma. Braucht man Unterstützung bei der Aufzucht eines verwaisten Wurfes - auf diese Hündinnen kann man zählen. Nicht selten finden sogar Babys anderer Arten Platz in ihrem weiten Mutterherz - ein Rehkitz, ein Füchschen, ein Mümmelmann oder ein Zicklein, Hauptsache, die Hündin kann jemanden umsorgen und beschützen.
TYP B - Die Zwangsarbeiterin
In dieser Gruppe finden wir die Hündin, die, kaum hat sie den blinden Welpen in den Händen ihres Be-sitzers gewittert, protestierend das Weite sucht. Hält man ihr das Hundekind trotzdem vor, wendet sie sich mit "angewiderter" Miene ab. Nicht anders beim zweiten Test. Dem Begrüßungsgetöse für Herrchen oder Frauchen folgt absolutes Desinteresse an dem quäkenden Besuchsbaby. Diese Einstell-ung ändert sich auch gegenüber den immerhin schon recht wachen und aktiven 35 Tage alten Welpen nicht. Typ B ist niemals aggressiv und macht auch keine Anstalten, dem Welpen den Aufenthalt im Zimmer und/oder auf Herrchens Arm zu vermiesen. Diese Hündinnen gehen einfach auf totale Distanz und da bleiben sie auch. Das Bild wandelt sich allerdings dramatisch, wenn ein Hundebaby nicht als kurzfristiger Störenfried, sondern als neues Familienmitglied Einzug hält. Registriert die Hündin nämlich, dass das fiepende Bündel dazu bestimmt ist, mit ihr unter einem Dach zu leben, wird sie so-fort aktiv. Zwangsläufig, denn sie kann ja schwerlich tatenlos mitansehen, wie sich der kleine Wurm bei Herrchen lieb Kind macht, Spielzeug in Besitz nimmt, Futter klaut usw. Vorausgesetzt, die beiden passen charakterlich zusammen, und Typ B akzeptiert folglich den Zuwachs, entfaltet die Hündin ihren Brutpflegeinstinkt, säubert, massiert und trocknet den winzigen Neuling, versorgt etwaige Kratzer und Schrammen, beschützt und wärmt das Baby usw.
Es ist vielleicht kein Zufall, dass Hündinnen vom Typ B mehr oder weniger deutlich verwöhnte Einzel-tiere mit entsprechend starker Bindung an ihren Besitzer sind und die traute Zweisamkeit vorziehen. Wenn's dann aber sein muss, entpuppen sie sich als ganz manierliche Pflegemütter.
Handelt es sich bei den Kleinen gar um die eigenen Nachkommen, lassen die Hundedamen vom Typ B in der Regel nichts zu wünschen übrig.
TYP C - Der Welpenschreck
Man müsste hier eigentlich un-terscheiden zwischen der ge-fährlichen und der beunruhigen-den Variante, doch lässt sich das in der Praxis meist erst mit Ge-wissheit feststellen, wenn's zu spät ist... Natürlich gibt es Ver-haltensmuster, die den Besitzer einer Hündin alarmieren sollten. Eines verläuft wie folgt: Hündin C beginnt, kaum dass sie den blinden Saugwelpen in der Hand ihrer Halterin einmal kurz be-rochen hat, erregt zu bellen und
zu zittern. Zwar nähert sie sich zwischendurch immer mal wieder um ihn erneut zu beriechen, zuckt aber mit übertriebenem Gebell zurück, ähnlich wie ein welpenunerfahrener Rüde das tut, wenn der Kleine sich rührt oder zu jammern beginnt. Nachdem der kleine Kerl auf den Boden gesetzt worden ist, umkreist sie ihn unentschlossen und weiterhin stark zitternd. Dabei bleibt es, bis der Kleine nach fünf Minuten entfernt wird. Beim nächsten Test umkreist Hündin C den auf dem Boden umherrobbenden, fiependen Welpen laut knurrend und mit voll aufgerichtetem Rückenhaar. Regt sich der Kleine auf-grund ihrer wenigen, gehemmten Schnupperversuche, weicht sie sofort und noch lauter knurrend zu-rück. Die Hündin zittert heftig und vollkommen unkontrollierbar als einige, bereits 35 Tage alte Wel-pen sofort neugierig im Zimmer herumzulaufen beginnen. Sie weicht den Zwergen zwar aus, schleicht dann aber mit voller Bürste, hoch aufgerichteter, unbewegter Rute und drohendem Knurren von hinten an sie heran und beriecht sie mehrmals. Dreht sich der Welpe daraufhin um, springt sie mit verstärk-tem Knurren zurück. Da die Kleinen trotzdem ohne Scheu auf sie zusteuern, beginnt Typ C nach rund 15 Minuten endlich leicht zu wedeln, schüttelt das gesträubte Fell glatt und geht entspannter auf die Welpen zu, um sie ganz intensiv zu beriechen. Dann legt sie sich gelockert zwischen die Bande, streckt spielerisch die Pfote nach ihnen aus und duldet, dass die Welpen auf ihr herumklettern und sie zwicken. Mehrmals versuchen die Kleinen, die Zitzen der Hündin ins Maul zu nehmen, und werden von ihr lediglich sanft vom Gesäuge weggeschoben. Sie duldet auch, dass sich die Geschwister zum Ruhen dicht an sie drängen.
Dennoch kommt Hündin C bei den Wiederholungsversu-chen nicht davon ab, die Welpen erst einmal knurrend, mit hoher Bürste und unbewegt ausgestreckter Rute zu umkreisen, bevor sie sich entspannt und zum freundlich-en Spiel übergeht.
Bei einer anderen C-Variante erwacht beim Fiepen und Schreien von Nestwelpen - die eigenen Kinder inbegrif-fen! - nicht etwa der Brutpflegeinstinkt, sondern die Jagdlust! Ihre bibbernde Unentschlossenheit wird hier also zu kühler Berechnung: Wie kann man die vermeint-liche Beute am besten packen?
Ganz anders die Motivation bei einer dritten C-Variante. Diese Hündin geht ganz gelassen auf den Welpen zu, beriecht ihn, packt ihn im Genick und hat das eindeutige Ziel, seinem Erdenleben ein Ende zu setzen. Nicht aus fehlgesteuerter Jagdgier, sondern weil diese Hündinnen selber trächtig sind. Ihr Instinkt rät ihr, die fremden Futterrivalen ihrer eigenen Kinder lieber zu beseitigen.
Ein weiteres Mitglied der C-Gruppe ist die Hündin, die ohne langes Federlesen echt böse sogar auf einen blinden Saugwelpen losgeht, weil sie prinzipiell auf alles losgeht, was nicht Herrchen oder Frauchen ist.
Die Hündin, die zur Furie wird, wenn der Welpe völlig unbeabsichtigt und ahnungslos ein bestimmtes, extrem übertriebenes Objekttabu überschreitet, verteidigt ihren Besitz. Während die eine Hündin zum Beispiel nicht zögern würde, einen noch blinden Welpen umzubringen, weil er beim unschuldigen Kreiskriechen ihrer leeren Futterschüssel zu nahe kommt, akzeptiert die andere kein vierbeiniges Lebewesen auf ihrer Schmusedecke, in Körperkontakt mit ihrem Herrn oder auf ihrem Lieblingsplatz usw. Außerhalb dieser Tabusituationen verhalten sich solche Hündinnen freundlich gegenüber den Hundebabys, aber wehe, wenn die Kleinen zur falschen Zeit an den falschen Ort geraten - das kann sehr böse enden.
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