Mantrailing mit dem Weimaraner
Von Anja

Meine Weimaraner Hündin Ginger ist jetzt zweieinhalb Jahre alt und wird auch liebevoll "Mistmade" genannt. Diesen Namen handelte sie sich während unserer Haupterziehungszeit ein. Sie hat einen sehr ausgeprägten Jagdtrieb, den sie immer mal wieder mit Spur- und Hetzlaut zur Schau stellen möchte, und der mir beim Training zum Wildgehorsam einiges an Nerven abverlangte. Inzwischen haben wir aber einen guten Gehorsam erarbeitet, so dass wir die Spaziergänge harmonisch genießen können.
Gingers Schutztrieb zeigt sich bisher nur in Ansätzen, stellt aber keine größeren Schwierigkeiten dar. Ihr Interesse an anderen Hunden hält sich in Grenzen. Teilweise benimmt sie sich ihnen gegenüber noch "unsicher", was sie dann in alle Richtungen reagieren lässt; manchmal auch recht unfreundlich.

Auf der Suche nach einer guten Beschäftigungsmöglich-keit für Ginger schauten wir uns einiges an und probiert-en es aus. Aber es war nichts dabei, das Ginger mit Feuer -eifer annahm. Beim Stöbern in Büchern und im Internet stieß ich dann irgendwann auf das Mantrailing, d.h. die Verfolgung vermisster Menschen. Allein die Beschreibung der Arbeit sprach mich schon an. Es war nur schwierig, in unserer Gegend kompetente Ausbilder zu finden, die es uns hätten erklären und beibringen können, und so haben wir im September 2006 kurzerhand selber ein Wochen-end-Seminar organisiert und zwei Trainer engagiert.
Seitdem sind Ginger und ich völlig vom Mantrailing-Fieb-er erfasst, und es ist jedes Mal aufs Neue faszinierend zu sehen, wozu so eine Hundenase fähig ist!

Beim Mantrailing lernt der Hund den Individualgeruch einer Person aufzunehmen und zu verfolgen. Je -der Mensch gibt ständig winzige Hautschuppen ab. Diese sind mit Bakterien behaftet und durch der-en Stoffwechselprodukte entsteht ein ganz individueller Geruch. Hunde vermögen diesen Geruch wahr-zunehmen und von anderen Individualgerüchen zu unterscheiden. Der Trailer-Hund bekommt deshalb zunächst einen Gegenstand mit der Geruchsprobe der zu suchenden Person präsentiert, z.B. T-Shirt, Taschentuch, Kappe o.ä. Idealerweise sollte nur der Geruch der vermissten Person daran haften. Dann

wird der Hund zur Suche dort angesetzt, wo die Person das letzte Mal sicher gesehen wurde. Jagdhunde eignen sich na-türlich aufgrund ihrer Anlagen sehr dazu, da ihnen das Auf-nehmen und Verfolgen einer Spur im Blut liegt. Andererseits ist die "Gefahr" gegeben, dass gerade sie sich von Wild oder deren Spuren zu sehr ablenken lassen.
Die Ausbildung ist in jedem Falle sehr umfangreich und zeitintensiv. Es ist absolut notwendig, dem Hund das Trail-en so beizubringen, dass er später die Spur selbständig ar-beitet und die Erfolg bringenden Entscheidungen allein trifft, denn im Realfalle weiß der Hundeführer ja auch nicht, wo die gesuchte Person entlang gelaufen ist. Er muss unbedingt lernen, seinen Hund korrekt zu "lesen": wann ist er noch auf der Spur? Wann hat er sie verloren? Zeigt er das überhaupt von sich aus an, und falls ja, wie? Wie rea-giert er, wenn die Spur plötzlich endet, weil die vermisste Person z.B. in ein Auto gestiegen ist, oder wenn gar keine Spur am Ansatzpunkt vorhanden ist? Um dies mit äußerster Präzision zu erkennen, dienen dem Hundeführer sämtliche Signale die der Hund während der Suche zeigt, wie z.B.
Körper- und Rutenhaltung, Kopfbewegungen, "fragendes Umschauen" usw. (Außer dem suchenden Vier-beiner muss man als Hundeführer selbstverständlich vorab auch die Witterungsverhältnisse, die Ther-mik und andere Faktoren erkennen und beachten, die den Verlauf der Arbeit beeinflussen.)
Der Hund muss während seiner Ausbildung viele verschiedene Lektionen lernen: unter Ablenkung (etwa Wildspuren, andere Menschen, Hunde etc.) trotzdem verlässlich die eine, korrekte Spur zu halten; an-zuzeigen, wenn er die Spur verloren hat, gar keine vorhanden ist oder wenn sie endet. Ebenso, immer die frischeste Spur aufzunehmen, was z.B. dann entscheidend ist, wenn der Hund an der Wohnung oder am Haus der zu suchenden Person angesetzt wird, wo sich in der Regel Unmengen von deren geruchlich -en Spuren befinden.
Ginger mit ihrer guten Nase und athletischen Figur (sie wiegt bei 64 cm Rückenhöhe 28 kg) hat ein recht flottes Suchtempo, so dass der Spaß für mich fast an Hochleistungs-sport grenzt. Eine unserer Übungen muss es also sein, ihr Tempo auf ein für mich durch-haltbares Maß zu reduzieren und bei Ginger etwas mehr Ruhe in die Arbeit zu bringen. Zumal ein zu hohes Suchtempo auch Gefahren für alle Beteiligten birgt.
Manchmal hat Ginger keine rechte Lust und ist leicht ablenkbar, an anderen Tagen wied-erum arbeitet sie so sauber, dass mir einfach nur das Herz aufgeht! Inzwischen lässt sie sich während eines Trails auch von Wildspur-en nicht verleiten, was mich gerade bei ihrer jagdlichen Ambition sehr freut. Mit jedem Training rücken wir ein Stück weiter voran und wachsen als Team immer mehr zusammen. Ich bin sehr froh, das Trailen für uns ent-

deckt zu haben. Wenn irgendwann in der Zukunft alles "passt", ich noch eine Menge lerne und Ginger sich zu einer zuverlässigen Mantrailerin entwickelt, könnte ich mir auch den Anschluss an einen Verein mit Realeinsetzen vorstellen. Sollten wir beiden aber irgendeinen Teil der Ausbildung nicht bewältig-en, bleiben wir ganz bestimmt Hobbytrailer mit einer Menge Spaß an der Arbeit.



Alle Fotos: Anja

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