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Die
Jugendentwicklung des Hundes
Von
Sabine Middelhaufe
I.
DIE 1.-8. LEBENSWOCHE
Das für uns beobachtbare Leben eines Welpen beginnt
gleich bei seiner Geburt, die wir deshalb stets ganz detailliert
protokollieren werden. Um in den nächsten Tagen dann
wirklich genaue Informationen über die Entwicklung
der Kleinen sammeln zu können, müssen wir sie
allerdings rund um die Uhr beobachten, um tatsächlich
das erste Reagieren auf Geräusche, die erste Sehleistung,
das erste Lagerverlassen uvm. mitzubekommen. Da reicht es
nicht, sich mal ein Stündchen neben die Wurfkiste zu
setzen...!
Die Anlagen eines Welpen können sich natürlich
nur entfalten, wenn von Anfang auch die notwendigen äußeren
Bedingungen dafür vorhanden sind: Betreuung des Wurfes
durch eine instinktsichere Hündin oder Ziehmutter",
geeignete räumliche Bewegungsfreiheit für Welpen
und Mutter (besser noch: Mutter und Vater !) und
konstruktive Beeinflussung der Welpen durch den Menschen.
Um die Entwicklung eines Welpen beurteilen zu können,
bedarf es ferner eines Maßstabes. Er soll hier versuchsweise
durch die Betrachtung des frühreifen und des spätreifen
Hundes gegeben werden, so daß Sie selbst Ihren Welpen
zwischen oder in diesen diesen beiden Extrempositionen einordnen
können.
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I.1.
Der frühreife Welpe: Erkundung
Die folgenden, hier vereinfacht dargestellten und stark
zusammengefaßten
Beobachtungen habe ich an diversen Gordon und English Setter
Würfen gemacht.
Der frühreife Welpe, nicht selten mit geringerem Geburtsgewicht,
aber hervorragendem Biotonus (Vitalität), verläßt
vielfach bereits am 10. oder 11. Lebenstag erstmals die
Wurfkiste
um in bis zu drei Meter Entfernung zu urinieren und zu
koten.
Am 13. Tag hat er bereits eine hinreichend gute Sehfähigkeit
erlangt und geht folglich ab diesem Tag von sich aus und
allein
auf Erkundung im Welpenzimmer.
Es ist also wesentlich, den Welpen das selbständige Verlassen
des Wurflagers zu ermöglichen!
Der Raum wird zunächst erforscht, indem der Welpe den
Wänden als Orientierungshilfe folgt. Um den 15. Tag unternimmt
er die ersten Diagonaldurchquerungen, setzt sich dabei nach
erstem, kurzen Schreck (Wegzucken vom Objekt) intensiv mit
Gegenständen auseinander; er beriecht, beäugt, beknabbert
sie. Am 18. Lebenstag ist der Frühreife" mit
dem (in meinen Untersuchungen 15 qm großen) Welpenzimmer
bestens vertraut. Er erweitert jetzt von sich aus sein Territorium
um die (in unserem Falle) angrenzenden Räume von 30
bis 45 Quadratmeter Neuland. |
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I.2.
Spiel und Stimmung
Mit Einsatz der Sehfähigkeit beginnt der Welpe auch,
spielerische Attacken auf seine Geschwister auszuüben.
Er packt und schüttelt am Nackenfell, zerrt an den
Behängen, an Rute und Läufen. Er benutzt schon
den zum Beriechen hingehaltenen Finger des Menschen, um
den Totschüttelreflex" auszuführen,
und drückt um den 18. Tag deutlich Stimmungen - wie
freudige Erregung, Unsicherheit, Aggression - durch die
Ohren- und Rutenhaltung sowie durch Fellsträuben, Zähnchenzeigen
und Knurren aus. In den folgenden Tagen benutzt der Welpe
seine Geschwister, Hände und Ärmel des Menschen
und die Decke im Lager, um das Anschleichen, Anspringen,
das Zu-Boden-Drücken und das Totschütteln zu üben.
I.3.
Jagdspiel und territoriale Expansion
Um den 21. Tag zeigt ein frühreifer Welpe ohne Aufforderung
oder Anleitung eine Jagdsequenz an einem geeigneten Objekt,
zum Beispiel einem Lederlappen. Er registriert zunächst
die Präsenz der Beute" in seinem
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Territorium
und fixiert sie einen Moment ganz konzentriert. Dann
nähert
er sich im geduckten, langsamen Schleichgang bis auf zirka
einen Meter, hält inne, wittert, pirscht noch ein Stück
näher, unendlich langsam und verblüffend geschickt,
verhält etwa dreißig Zentimeter von der Beute,
senkt den Vorderkörper, fixiert nochmals das Ziel und
- springt! Mit den Vorderpfoten drückt er sofort das
Beuteobjekt zu Boden, packt es jedoch dabei blitzschnell mit
den Zähnchen und rennt - die "Beute" totschüttelnd
- damit fort, um sie zu zerfetzen und zu verteidigen. Letzteres
allerdings nur kurzfristig. Ab der vierten Woche wird das
Erjagen eigenständig gewählter Objekte weiterhin
selbständig geübt.
Um den 28. Tag erwacht Interesse an echter Beute; Mauselöcher,
Kaninchenbaue und Maulwurfhügel werden mit Eifer untersucht
und aufgegraben. In der vierten Woche befriedigt der Welpe
auch seine territorialen Expansionensgelüste, indem er
bis zu sechzig Quadratmeter freies Außengelände
erkundet und sich damit vertraut macht. Das bedeutet, daß
die Welpen ab der vierten Woche freien Auslauf haben müssen!
Der Hündin oder dem menschlichen Betreuer folgt der frühreife
Welpe in dieser Zeit schon bis zu einhundert Meter über
die Grenzen des vertrauten Gebiets hinaus, ohne Furcht zu
bekunden. Eine instinktsichere Hündin und räumliche
Möglichkeiten vorausgesetzt, beginnt ab der fünften
Lebenswoche seine Erziehung und zunächst spielerische
Jagdausbildung durch die Mutterhündin. |
I.4.
Der spätreife Welpe
Ein
solcher Welpe zeigt oft ein sehr gutes Geburtsgewicht,
aber
relativ schlechteren Biotonus. Er erlangt die volle
Sehfähigkeit erst um den 20. Tag und setzt sie lediglich
dazu ein, den besten Platz beim Saugen und Schlafen mit
der
Mutter zu erobern. Er kotet und uriniert - wenn nicht so-gar
im Lager - in seiner unmittelbaren Nähe und zeigt
keine Intentionen, selbständig das Welpenzimmer
zu erkunden. Nur wenn er richtig wach ist, während
die Geschwister das Lager verlassen, läuft er ihnen
laut jammernd und unsicher nach. Oft kehrt er als erster
ins Lager zurück.
Seine Reaktion auf die Spielattacken der keckeren Gefährten
ist lautstarke Flucht; Interesse an der |
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Auseinandersetzung mit Subjekten und Objekten
zeigt er noch nicht.
Den Totschüttelreflex übt der spätreife Welpe
erstmals um den 30. Lebenstag an einem vertrauten Objekt,
zum Beispiel an der Decke im Lager. Die sinngemäße
Anwendung der neuen Lernerfahrung auch an anderen Gegenständen
bleibt noch aus. Um den 30. Tag vom Betreuer absichtsvoll
angebotene Beuteobjekte wie Papierkugeln, Lederlappen, Hasenbalg
werden nach langsamer Annäherung in unge-schickter Gangart
vorsichtig berochen, dann entweder zerfetzt oder ins Lager
getragen und dort zerfetzt. Und wie das Welpenzimmer wird
auch das freie Außengelände vom Welpen nur in dem
Sinne erkundet, daß er seinen Geschwistern dorthin folgt,
ohne sich allerdings mit dem Territorium oder den dort befindlichen
Objekten auseinanderzusetzen. Alles geschieht mit deutlichen
Anzeichen der Unsicherheit, mit eingeklemmter Rute, weit nach
hinten-oben gezogenen Behängen und Jammern. Ins Neuland
folgt der Spätzünder" nur in Begleitung
der ganzen Hundefamilie und dies erst ab der achten Lebenswoche.
Versuche der Mutterhündin, diesen Welpen erzieherisch
zu beeinflussen, bleiben bis zur zehnten oder elften Woche
ganz aus. In dieser Zeit genießt er seitens der Hündin
weiterhin die Narrenfreiheit eines völlig unreifen
Welpen. |
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I.5.
Der frühreife Welpe: Jagdübungen
Der
frühreife Welpe geht in der sechsten Woche auf Jagd.
Er pirscht - wie einst den Lappen - jetzt Tiere von der
Fliege
über den Vogel bis zu anderen Hunden an. Mit großer
Kon-zentrationsfähigkeit, Geduld und un-ter Ausnutzung
von Gelände und Wind versucht er, seiner Beute nahe
zu kommen. Jetzt ist es unbedingt an der Zeit, daß der
Mensch den Welpen zweckmäßig beeinflußt.
Tut er dies nicht, geht der Welpe rasch dazu über,
seiner Beute nachzuhetzen und |
sich
dieses lustvolle Vorgehen zur Gewohnheit zu machen. Ließe
man ihn gewähren, würde er später seine Anlagen
nur dazu einsetzen, um in Eigenregie der Beute habhaft zu
werden. Ab diesem Zeitpunkt ist es also wichtig, den Kleinen
zum Stoppen an wegflüchtendem Wild und möglichst
schon zum festeren Vorstehen anzuhalten, sofern er zu den
Vorstehhunderassen gehört.
Ähnlich ist es mit der Apportieranlage. Der frühreife
Welpe begreift Beuteersatz-Objekte schon in der fünften
bis sechsten Woche als solche und bewacht sie gegen seine
Geschwister. Greift der Mensch nicht durch spielerische Erziehung
ein, zeigt der Welpe bei entsprechenden Tests mit sieben bis
acht Wochen deutlich, daß er die Beute als sein Eigentum
betrachtet, sie vom Menschen in Sicherheit bringt und gegen
ihn verteidigt. Die spätere Ausbildung zum verläßlichen
Bringen wird dann ungleich schwerer ausfallen.
Versuche auf einfachen Schleppen beweisen, daß der frühreife
Welpe um die sechste Woche bereits den unbedingten Willen
besitzt, zur Quelle des erregenden Duftes zu gelangen. Er
arbeitet die Schleppe im Galopp, korrigiert sich selbst, voll
konzentriert, packt das Schleppobjekt am Ziel und macht sich
damit eiligst vondannen. Es gilt demnach auch hier, den Welpen
früh genug zur Zusammenarbeit mit dem Menschen zu bewegen,
ohne dabei Eifer, Schneid und Talent zu unterdrücken.
Der Welpe soll merken, daß letztlich nur die Zusammenarbeit
Hund-Mensch zum Besitz der Beute führt. |
I.6.
Der spätreife Welpe: Jagdanlagen
Konfrontiert
man den spätreifen Welpen, der von sich aus die Präsenz
eines Beutetiers bestenfalls mit einem staunenden Blick quittiert,
mit den genannten Tests, stellt man fest, daß er in
der achten Woche - seiner Entwicklung angemessen - verblüffend
willig ist, zu tun, was der Mensch verlangt, wenn der kleine
Kerl nur durchschaut, was gefordert wird. Das Apportieren
gelingt ihm meist auf Anhieb, da ihm völlig die Tendenz
fehlt, sich allein von einem Gefährten zu entfernen
und er mit dem Apportel schein- |
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bar nichts anderes anzufangen weiß, als es zum Werfer
zurückzubringen. Der Vorstehtest verläuft in der
Regel eben so erfolgreich, denn der Welpe erwartet, in Vorstehpose
verharrend geradezu, daß ihm jemand sagt, wie es nun
weitergehen soll. Er hat keine Ambitionen zur Jagd unter
eigener Regie. Einzig der Schleppentest bringt meist Probleme,
da man dem Welpen sehr geduldig klarmachen muß, was
es mit der Duftspur auf sich hat. Dies begriffen, sucht
er ruhig, langsam und relativ verläßlich - wieder
einmal froh, wie es scheint, daß er einem genau vorgeschriebenen
Aktionsplan folgen kann und keine eigenständigen Handlungen
verlangt werden.
I.7.
Konsequenzen für die Welpenwahl
Ein Züchter kann sich die hier vereinfachten und zusammengefaßten
Resultate ohne Zweifel zunutze machen. Etwas Beobachtungsgabe
vorausgesetzt, läßt sich jeder Welpe als tendentiell
früh-, spätreif oder durchschnittlich einordnen.
Dafür ist freilich unerläßlich, den Wurf
kontinuierlich zu beobachten, die Einzelergebnisse zu den
Themen Orientierung, Erkundung, Spiel etc. nicht überzubewerten
oder sie aus dem Gesamtverhalten zu reißen.
Haben die Welpen die achte Woche vollendet, ist es dem Züchter
dann ein Leichtes, den angemessenen Menschen für den
jeweiligen Hund
auszuwählen!
Der frühreife Welpe braucht sicherlich einen Chef,
der mit der Ausbildung des Hundes zum Jagdgebrauchs- oder
Jagdbegleithund unverzüglich, streng und gerecht beginnt.
Dabei soll er die Vielseitigkeit, den Abrichtewillen"
und das ungestüme Temperament seines Zöglings
nutzbar machen, ohne den Jagdverstand", den Beutetrieb
und das Selbstvertrauen des Welpen zu unterdrücken.
Erziehungsfehler wirken sich nur allzu oft in Leistungsverweigerungen,
nervösen Störungen und Lernunwilligkeit aus.
Der spätreife Welpe ist wohl besonders gut bei einem
Menschen aufgehoben, der einen instinkt- sicheren erwachsenen
Hund als Anlerner" besitzt. Andernfalls gehört
viel Geduld zu seiner Ausbildung. Der künftige Besitzer
muß seinem Welpen tatsächlich ein Leitbild und
Anführer sein, die Fähigkeit besitzen, dem Hund
die eigenen Jagdabsichten" verständlich
zu machen und darf den Vierbeiner weder überfordern
noch ungeduldig als Niete abstempeln. Daß man beim
Spätzünder nach der Pubertät mit meist positiven
Überraschungen rechnen kann, versteht sich!
Eine Beobachtung, die ich jedoch nur auf meine eigenen Forschungshunde
beziehen kann, weist übrigens darauf hin, daß
mehr Hündinnen zu den frühreifen Welpen zählen,
während die Rüden mehr Spät-zünder stellen.
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I.8.
Fast zwei Jahre später....
Machen wir jetzt mal kurz einen Zeitsprung und schauen
uns den oben als früh- und den als spätreif bezeichneten
Hund zum Ende des zweiten Lebensjahres an. Dabei möchte
ich hervorheben, daß meine Forschungshunde (wie erinnerlich
Gordon und English Setter) fast ausschließlich dem erzieherischen
Einfluß der Hundegruppe ausgesetzt waren! Sie sind also
in erster Linie ein Beispiel für das, was passiert,
wenn der Mensch nicht lenkend eingreift, oder in unserem
Falle:
nicht eingreifen will.
Die einst frühreifen Tiere erwiesen sich durchweg als
ungemein selbständige, schnelle (galoppsuchende), spurwillige
und spursichere Jäger, die ihre Methode ganz souverän
den Gelände- und Windbedingungen und nicht zuletzt dem
Beutetier anpaßten. Da diese Hunde durchaus auch allein
Beute machen wollten, wurde das Vorstehen nur so befristet
gezeigt, wie es für den erfolgreichen Jagdablauf sinnvoll
war. Die Jagdpassion solcher Hunde grenzt schon fast ans Ungebärdige.
Hatten sie erst einmal Wittrung aufgenommen, blieben sie unermüdlich
auf der Spur, gleichgültig gegenüber Hindernissen
im Gelände, Verletzungen und Unbilden des Wetters. Sie
gingen mit demselben Erfolg Federwild, Hasen und Füchse
an - stets unter eigener Regie.
Die früheren Spätzünder bestätigten ebenfalls
die Prognose aus ihrer Welpenzeit: Sie entwickelten sich zu
phlegmatischen, unterordnungsbereiten Mitläufern"
bei der Jagd. Sie suchten bedächtig-verläßlich,
standen fest vor, hatten jedoch nur einen sehr begrenzten
Aktionsradius und akzeptierten lediglich Federwild und eine
gelegentlich wildernde Katze als Anreiz. Zu energischen Hunden
mit deutlichem Schneid wurde keines meiner Versuchstiere,
aber jeder Hund präsentierte nach der Pubertät ein
gesundes Selbstvertrauen und die unbedingte Bereitschaft,
gemeinsam mit der Gruppe Territorium, Objekte und Gruppenmitglieder
zu verteidigen. Soziale Machtgelüste zeigten diese Hunde
nicht; nur vereinzelt versuchten sie, sich in der Futterrangordnung
höherzuarbeiten.
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II.
3.LEBENSMONAT BIS PUBERTÄT
Normalerweise verlassen Welpen mit 8-10 Wochen Hundefamilie
und Züchter. Bleibt der Clan hingegen (noch) zusammen,
können Sie viele, höchst interessante Beobachtungen
machen!
II.1.
Kampfspiele
Kampfspiele
sind sicherlich die Unternehm-ungen, die Welpen ab dem
zweiten
oder dritten Monat am meisten schätzen. Unter den
Geschwistern entwickeln sie sich oft spontan aus dem Streit
um ein Objekt,
oder weil ein selbstsicherer Welpe seinen Bruder
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regelrecht zum Kampf zwingt. Der erziehende erwachsende
Hund benutzt das Spiel hingegen gezielt als Lehrmittel.
Er fordert die Welpen dazu auf, indem er behutsame Kampfspielintentionen
zeigt, oder indem er diese aus Körperpflegemaßnahmen
entwickelt. Zunächst lenkt der Erzieher das Spiel so,
daß er liegend oder stillstehend den Welpen durch Scheinbisse
zu sinnvollen Gegenmaßnahmen animiert. Der Welpe springt
also ungestört auf dem Älteren herum, rupft und
zerrt ihm an Ohren, Nacken, Rute und Läufen und wird
dabei zaghaft abgewehrt. Sobald der Kleine das nötige
Selbstvertrauen demonstriert, beginnt der Große, ihn
geschickt, schnell, aber stets vollkommen kontrolliert so
anzugreifen", daß der Jüngere durch
Wegspringen, Ausweichen, Ducken oder Zurückschnappen
Gelegenheit erhält, seine Defensivmaßnahmen einzuüben.
Ebenso nehmen durch tägliches Spiel die Angriffsmanöver
des Welpen an Geschicklichkeit, Flinkheit und Effektivität
zu. Knurren, Bellen, Fellsträuben, Zähnefletschen
werden als Ausdrucksformen der Aggression ausprobiert, genauso
wie das Ruteklemmen, das Herabziehen der Ohren, Sich-auf-den-Rücken-Werfen
und lautes Schreien" als Demonstration der Unterlegenheit.
Da es einiger Wiederholungen bedarf, bis der Welpe begreift,
seinen vierbeinigen Lehrer heftig, aber ohne zu festes Schnappen
und Zerren zu attackieren, wird der Spielabbruch oft als entsprechende
Disziplinarmaßnahme vom Älteren angewandt. In seiner
Vielfalt praktiziert, dient das Kampfspiel sowohl der Körperertüchtigung
des Welpen als auch dem ersten Erlernen wichtiger sozialer
Verhaltensweisen. Darüber hinaus hilft es, die Basis
für die körperlichen und geistigen Fähigkeiten
zu schaffen, die sich aus den weiteren Spielen ergeben. |
II.2.
Beutespiele
Beutespiele zwischen dem Welpen und seinem arteigenen Erzieher
beginnen meist damit, daß der Ältere ein geeignetes
Objekt herbei-trägt, es dem Welpen direkt vorhält
und nun durch rasche Bewegungen das Interesse an dem
Ding
weckt. Bei Gegenständen, die sich zum Schütteln
und Zerren eignen, bietet der erziehende Althund dem Welpen
zunächst die Möglichkeit, genau dies zu tun.
Er hält das Objekt im Maul, der Welpe reißt
und rupft, so kräftig er kann, beginnt zu knurren
und gerät
bei diesem Spiel
regelrecht in Rage. |
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Ab
diesem Zeitpunkt geht der Erwachsene dazu über, den Gegenstand nur noch kurz vorzuweisen,
ganz provokant, und den Welpen nun durch flinke, geschickte
Kopfbewegungen zu zwingen, das lose Ende des Objekts zu erhaschen.
Hat er dieses erwischt, darf er wieder zerren, bis der Ältere
es ihm durch plötzliches, kräftiges Ziehen erneut
abnimmt.
Bei kleinen runden Objekten, die rollen, entwickelt sich
das Spiel meist daraus, daß der Erzieher den Gegenstand
im Fang hält, den Welpen zum Zupacken ermuntert und erst
ausläßt", wenn sich der Welpe heftig
um den Besitz bemüht. Das Objekt rollt fort, und der
Welpe kann rasch hinterherlaufen und es erbeuten. Hat er diesen
Schritt begriffen, tritt der Ältere in Wettstreit mit
ihm: wer schneller und geschickter ist, gelangt in den Besitz
der Beute, zieht damit ab und wird vom anderen verfolgt. Natürlich
läßt sich der Erzieher auch hierbei wieder ganz
absichtsvoll übertrumpfen und verhilft dem Welpen zu
dem lustvollen Erlebnis, die Beute unentreißbar" im
Fang zu behalten!
Die Beutespiele sind der erste Ansatz zum Erlernen des
wirklichen Fangens kleiner Tiere. Tatsächlich übt der Welpe
in diesem Rahmen auch den Mäuselsprung" unzählige
Male.
Egal um welche Art von Objekten es sich handelt, der erziehende
Vierbeiner besteht während der ersten Tage stets darauf,
daß ihm der Gegenstand am Ende abgeliefert wird, beziehungsweise
macht klar, daß eine entsprechende Aufforderung das
Spielende darstellt. Nach nur wenigen Tagen beginnt der Welpe
seinerseits mit einem Beuteersatz zum Erzieher zu laufen,
sofern dieser deutlich seine Spielbereitschaft signalisiert
hat, und das Beutespiel wird nun vom Jüngeren aufgebaut. |
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II.3.
Beutefangspiele
Beutefangspiele
entwickeln sich in der Regel aus dem fortge- schrittenen
Stadium des Beute-spiels. Während letzteres noch
auf relativ engem Raum ausge-tragen wurde, animiert
jetzt der Erzieher den Welpen, das Objekt auch weiträumig
zu ver-folgen. Er nimmt die Beute also auf, täuscht
Fluchtversuche bei |
%20Beuteverfolgungsspiel%201.jpg) |
deutlichem
Blickkontakt vor, und der Jüngere
bemüht sich folgerichtig, hinterherzulaufen.
Hat er den Älteren eingeholt, wird kurz um
das Objekt geran-gelt. Der Sieger nutzt die erst-beste Gelegenheit,
wieder mit der Beute fortzurennen, ver-folgt vom Verlierer.
Bei diesem Spiel geht es vor allem darum, schnell
zu laufen, Haken zu |
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schlagen,
durch Sprünge, Wen-demanöver usw.
einem Beuteer-satz zu folgen bzw. ihn vor An-griffen
zu schützen. Es versteht sich, daß der
Große den Welpen auch gewinnen läßt,
um dessen Beutetrieb zu befriedigen, und ihm das Beutemachen
als äußerst lustbetonte Aktivität
darzu-stellen. |
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II.4.
Fang- und Verfolgungsspiele
Die
Fang- und Verfolgungsspiele werden vom Erzieher
anfangs durch kurze Scheinangriffe oder die typische
Brust-zu-Boden-Drücken-Position"
initiert. Wendet sich daraufhin der Welpe interessiert
dem Älteren zu, fegt dieser los, zunächst
in engen Kreisen, der Welpe hinterdrein, und nach
einem kurzen Wettlauf läßt sich der Große
einholen. Es wird kurz gekämpft, doch bei erster
Gelegenheit läuft der Ältere erneut davon
und animiert den Welpen zum Mitlaufen. Je schneller
und geschickter der Welpe wird, desto weiter werden
die Kreise, die beide ziehen. Selten aber rennt
der Erzieher geradlinig voraus, denn es soll hier
ja nicht allein der Hetztrieb des Jüngeren
geweckt, sondern die Fähigkeit gefördert
werden, einer rasch fliehenden Beute körperlich
und geistig zu folgen. Und in der Tat fällt
auf, daß der Welpe während der ersten
Spiele einfach hinterhersaust, getreulich den Wendungen
des Erziehers folgend. Nach einigen Wiederholungen
durchschaut" er dann aber, daß
er den Flüchtenden viel eher erreicht, wenn
er ihn die Kurve durchlaufen läßt,
selbst jedoch abwartet, bis der andere auf dem Rückweg"
wieder dort vorbeikommt, wo der Welpe aufmerksam
seiner harrt. Und genau jetzt läßt der
Erzieher sich fangen, belohnt also die Einsicht"
des Welpen mit dem Sieg! Nach einer Weile dieses
Spiels ändert der Ältere seine Taktik
Er springt zum Beispiel aus der Kurve direkt vor
dem wartenden Welpen zurück, springt einfach
über ihn hinweg, schlägt vor ihm einen
Haken und läuft weiter usw. Beim Rollentausch
ermöglicht der Große dem Welpen, auch
seinerseits diese neuen Fluchtmethoden einzuüben.
Brauchte es für das Beutefangspiel schon fünfzig
Quadratmeter Außengelände, reichen diese
fürs Verfolgungsspiel bald nicht mehr aus.
Rund fünfhundert Quadratmeter Naturfläche
sollten es schon sein!
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II.5.
Meutespiel
Hat der Welpe seine Eignung beim Verfolgungsspiel
hinreichend bewiesen, baut der Erzieher es zum Meutespiel
aus. Es wird, wie die Bezeichnung schon sagt, an
sich mit der Mutterhündin oder dem Vaterrüden
und sämtlichen Welpen zusammen gespielt. Es
entfällt auch dann nicht, wenn die Hündin
beispielsweise nur einen Welpen zu betreuen hat.
Durch das Sich-zu-Boden-Drücken"
oder übertriebene Fluchtansätze gibt der
Erzieher das Startzeichen für den Spielbeginn
und rennt los; jetzt geradeaus! Doch geht es nicht
etwa ins offene Gelände wie beim Verfolgungsspiel,
sondern durch Dickichte, Unterholz, Hecken, rauhe
Wiesen, über Bäche, durch Kanäle,
bergauf und bergab. Hier wird nun also ganz deutlich
der Ernstfall "Verfolgung flüchtenden
Wildes" geübt.
Ein vier Monate alter Hund entwickelt bereits ein
beachtliches Tempo, und da er aufgrund der bisherigen
Spiele gut vorbereitet ist, kann der Erzieher bald
die Anzahl der Übungen vergrößern
und höhere Schwierigkeitsgrade einbauen.
Bemerkenswert wieder einmal: der die fliehende Beute
mimende Erzieher achtet sehr wohl darauf, daß
der Jüngere auch wirklich nachkommt. Zögert
dieser vor einem Hindernis, kehrt der Ältere
sofort zurück. Wird der Welpe durch akustische
oder optische Reize abgelenkt, bricht der Große
das Spiel einstweilen ab. Verliert der Verfolger
im dicht bewachsenen Gelände die Orientierung,
kommt der Ältere weit genug zurück, um
gesehen zu werden. Er provoziert den Welpen erneut
zur Jagd, und das Spiel geht weiter.
Von Anfang an steht am Ende der Hatz das Einholen
der Beute. Das ist freilich nicht das vertraute
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Kampfspiel,
sondern die Unterweisung im Niederreißen der
Beute durch gezielte Bisse. Der Welpe wird folglich
angeleitet, durch einen geschickten Sprung von vorne
und unten die Kehle der Beute zu erreichen, oder nach
einem kraftvollen Sprung von schräg hinten ins
Genick zu beißen. Auch Bisse in die Hinterhand
werden geübt, um die Beute zum Stoppen zu zwingen.
Die anfänglich noch spielerischen Bisse sind
selbstredend kaum mehr als ein deftiges Zwicken. |
Im
letzten Stadium des Spiels, wenn sich nach ausdauernder
Hatz im mindestens dreitausend Quadratmeter großen,
hindernisreichen Terrain der beutemimende Erzieher
"geschlagen" gibt, geht dieser oft dazu
über, an einem günstigen Punkt, der ihm
wenigstens Rückendeckung bietet, plötzlich
den Verfolgern die Stirn zu bieten. Er behauptet plötzlich
knurrend und schnappend seine Position, um den Welpen
zu zwingen, bei günstiger Gelegenheit selbst
flink zuzubeißen und Obacht zu geben, daß der
Gestellte nicht aus seinem Schutz hervorschnellt
und ihn überwindet, aber auch eine Weile
geduldig bei der "wehrhaften Beute" Wache
zu halten bis die anderen Geschwister anlangen gehört
zum Training dazu.
Nur bei Teilnahme mehrerer Welpen gibt sich der
Erzieher am Spielende nach ausreichend langer "Verteidigung"
der Übermacht seiner grimmig entschlossenen Verfolger,
sprich: seiner vielversprechenden Sprößlinge
geschlagen.
Kennzeichnend für alle hier beschriebenen Spiele
unter Anleitung des erziehenden Hundes ist, daß
sie dem Welpen dazu verhelfen, die ihm angeborenen
natürlichen Bewegungsformen und Verhaltensweisen
hinreichend einzuüben beziehungsweise abzureagieren.
Daher sind die Spiele für den Welpen eine Belohnung.
Der Welpe wird niemals gezwungen mitzumachen;
der Ältere bietet das Spiel an, und wer mitmachen
will, ist herzlich willkommen! Der Spielablauf
ist
auch nie starr festgelegt. Es gibt zahl- |
reiche
Varianten zu den hier gelieferten Beschreib-ungen.
Spiel heißt freie Entfaltung, freie Kombination
von Möglichkeiten und was auch immer der Welpe
von sich aus zum Spielverlauf beiträgt wird vom
Erzieher akzeptiert. Das läßt sich sehr
schön beobachten, wenn der ältere Hund es
gleich mit mehreren Welpen zu tun hat. Obwohl er prinzipiell
mit allen dieselben Spiele übt, kann sich deren
Ablauf ganz erheblich voneinan-der unterscheiden,
da die Kleinen unterschiedlich ent-wickelt sind und
sehr verschiedene Interessenschwer-punkte haben können.
Hundeeltern oder Zieheltern haben ein immens feines
Gespür für den Entwicklungs-stand und die
besonderen Talente ihrer Schützlinge!
Ein Welpe, der von einer instinktsicheren Mutterhün-din
bzw. seinem Vater aufgezogen wird, oder mit acht Wochen
in die Obhut einer Adoptivmutter gelangt, hat etwa
gegen Ende des vierten Lebensmonats den Groß-
teil seiner theoretischen Ausbildung absolviert. |
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II.6. Erziehung im Jagdrevier
Etwa zu Beginn des fünften Lebensmonats, wenn
der junge Jagdhund durch die diversen Lernspiele mit
Mutter, Vater oder Ziehmutter das nötige Rüstzeug
entwickelt hat, darf er mit in ihr Jagdrevier . Da
sie ihr Angebot an Spielen nun deutlich reduziert,
der Junghund bereits aus Erfahrung weiß, daß es
durchweg positiv ist, etwas gemeinsam mit ihr zu
unternehmen, folgt er auch im Revier ohne weitere
Aufforderung.
Bei der folgenden Beschreibung der Lehre des Junghundes
sei berücksichtigt, daß es in diesem Beispiel
um Stöberhunde, nicht um Vorstehhunde geht.
Fast den ganzen fünften Monat über tut der
Junghund nichts anderes, als zuzuschauen. Sobald der
vierbeinige Erzieher in ein Gebüsch oder weiten
Wildwiesenabschnitt läuft, postiert sich der
Lehrling vorzugsweise auf einem höheren Geländepunkt,
von dem aus er möglichst viel des zu bejagenden
Terrains überschauen kann. Liegt der Ausguck
einmal versehentlich im Aktionsradius des Älteren,
wird der Junghund recht unsanft angeraunzt, weil er
im Wege steht und stört. So achtet er bald von
selbst darauf, sich rechtzeitig woanders aufzustellen,
falls der jagende Erzieher in seine Richtung arbeitet.
Nie macht der vom Großen ja bereits in anderen
Bereichen disziplinierte Junghund Anstalt-en, sich
ins Jagdgeschehen einzumischen, und nie nimmt der
Ältere von seinem Lehrling sichtbar Notiz, sofern
dieser eben nicht stört. Der fünfmonatige
Junghund lernt, auf jede stimmliche Äußerung
des Erziehers zu achten und zu erkennen, welche Konsequenzen
dessen vielfältige Vorgehensweisen haben.
Zu Beginn des sechsten Monats fordert der Ältere
seinen Lehrling dann plötzlich auf, mitzumachen:
Bevor er zum Stöbern in einer Dickung verschwindet,
hält er an, schaut zum Junghund, wufft leise,
wartet, bis der Jüngere neben ihm Aufstellung
nimmt und eilt erst jetzt ins Gebüsch, nun gefolgt
vom Assistenten", dessen Präsenz
mit einemmal ohne weiteres akzeptiert wird.
Die Assistentenzeit sieht zunächst so aus, daß
der Junghund alle Bewegungen beim Stöbern, Hetzen
und neuerlichen Suchen getreulich mitmacht, freilich
stets ein kleines Stück hinter dem Erzieher und
ohne ihn zu behindern. Ob der ältere Hund der
Spur eines Kaninchens folgt, oder es bereits vor sich
eräugt, die Beute innerhalb eines Suchabschnittes
entkommt oder hakenschlagend und mit geschickten Luftsprüngen
aus dem Dickicht flieht, stets klingt
das Bellen, der Laut, des Älteren anders. So
lernt der Junghund rasch, die stimmlichen Äußerungen
korrekt zu interpretieren, beziehungsweise nachzu-ahmen.
Der jagderfahrene Erzieher lehrt seinen Assistenten,
wie man mit hoher Nase sucht, wie
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effektives
Stöbern aussehen muß, wann eine Hatz sinnlos
ist und deshalb abgebrochen werden sollte. Und, daß
man sich vom Fluchtverhalten schneller, wendiger Beute
nicht narren läßt.
Zum Ende des sechsten Monats hat der Assistent
begriffen, wann es für den Jagdablauf notwendig ist, lautlos
an die Beute zu pirschen und vorzustehen, oder am
Ende des Stöberns die Beute aus dem Dickicht
zu sprengen" sowie zu hetzen und ähnliches.
Der junge Hund hat gelernt, Wind- Boden- und Bewuchsverhältnisse
richtig in seine Berechnungen" mit einzubeziehen.
Er hat auch seinem Erzieher gezeigt, wo er, der
Junghund,
seine besonderen Talente besitzt. |
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In
einem Falle beispielsweise zog eine Cockerhündin
einen English Springer auf, und da die Erzieherin
kleiner, gewandter und somit im dichten Brombeergestrüpp.
in den Wildhecken und dem Unterholz des Waldrandes
beweglicher und wirksamer arbeitete, übernahm
sie vorwiegend die Aufgabe des Stöberns und
Treibens in derartigen Geländeabschnitten.
Der Springer, der seine beschriebene Assistentenzeit
erfolgreich beendet hatte, und nun knapp sieben
Monate alt war, umkreiste indessen lautlos das jeweilige
Gebüsch. Gab die Cockerhündin endlich
mit Sichtlaut zu verstehen, daß sie der Beute
nahe war. galoppierte der Springer in die günstigste
Position am Dickungsrand. Erfahrungsgemäß
trieb der Cocker die Beute so mit dem Wind, daß
der harrende Springer dank Laut des Treiber-Hundes
und der Wildwittrung im letzten Augenblick fast
exakt dort Aufstellung nahm, wo Sekunden später
die Beute heraussprang.
Auf ebener Strecke der entschieden Schnellere, übernahm
der Springer unverzüglich die laute Hatz. Je
nach den Gegebenheiten versuchte er, die Beute im
Alleingang zu stellen. oder sie auf die aus der
Dickung herbeieilende Erzieherin zuzutreiben. Ein
einziges Bellen des Cockers aber genügte, um
den hetzenden Springer von einer aussichtslosen
Verfolgung zurückzubeordern. Der junge Helfer
galoppierte ohne Verzug zurück zur Älteren.
Befand im umgekehrten Falle die Cockerhündin
die Erfolgsaussichten für gut, schloß
sie sich dem Springer unter erregtem Sichtlaut an,
und die beiden nahmen die verfolgte Beute in die
Zange.
In weniger dicht bewachsenem Terrain beziehungsweise
unter günstigen Bedingungen der Einzelarbeit
forderte die Erzieherin den Assistenten mit einem
typischen Laut auf, ihr zunächst bei der Suche
zu helfen. Dann stöberten die beiden Spaniels
gemeinsam in Linie nebeneinander oder aufeinander
zu, ganz wie die Notwendigkeit es erforderte. Sobald
einer dieser Zweier-Meute auf Beute stieß,
brach der andere seine Suche sofort ab und übernahm
entweder den Part des Beuteempfängers"
außerhalb der Deckung, oder er half, das Wild
in die Zange zu nehmen. Nach einigen Wochen bildeten
die beiden Hunde ein hervorragend aufeinander eingespieltes
und entsprechend diszipliniertes Team, dem es gut
gelang, Wild zu stellen.
Dabei zeigte sich nun, daß auch das Abtun
der Beute zur Ausbildung gehört! Das erste
Wildkaninchen beispielsweise, das die beiden Spaniels
im Team erbeuteten, wurde vom Springer eingeholt,
doch die Erzieherin eilte sofort zur Stelle, nahm
dem Assistenten die Beute aus dem Fang und tötete
sie.
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Dieser
Vorgang wiederholten sich etliche Male; stets
bestand
die Ältere auf dem Recht, die Beute abzutun,
während der Assistent zwar erregt, jedoch ohne
einzugreifen zuschaute. Als dieser schließlich
erstmals die Erlaubnis erhielt, sich selbst am Abtun
zu versuchen, gelang es ihm auf Anhieb: er packte
ein Karnickel am Genick und tötete es unter leichtem
Schütteln mit der sogenannten Brechschere binnen
eines Augenblicks. All dies änderte freilich
nichts an der Tatsache, daß der Assistent seine
Beute nach wie vor bei der Erzieherin abliefern mußte.
Und er tat dies, sicherlich dank der bisherigen Lernerfahrungen,
ohne Zwangsmaßnahmen der Älteren.
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II.7.
Jagdtechniken
Noch einmal kurz zurück zur Fangtechnik ohne
jegliche Beeinflussung durch den Menschen.
Außer dem bereits beschriebenen Vorgehen zeigte
der Springer Spaniel eine interessante Methode im
Zusammenhang mit dem sogenannten Mäuselsprung:
In hoher Vegetation suchte er zunächst mit der
Nase auf dem Boden. Dann arbeitete er sich mit senkrechten
Sprüngen, die ihn über den bis zu 1,20 Meter
hohen Bewuchs brachten, schnell an die Beute heran
und trieb diese kurze Zeit vor sich her. War er auf
diese Weise nahe genug ans Wild gelangt, machte er
einen letzten kraftvollen Sprung, wobei er die Rute
deutlich zum Gegensteuern einsetzte. Dabei stieß
er von oben auf die Beute herab, drückte sie
mit den Vorderpfoten zu Boden, packte sie am Genick,
um sie dann wie beschrieben abzutun. Mittels Mäuselsprung
wurden Mäuse, Ratten, Vögel und Kaninchen
erbeutet.
Enten
im Schilf oder im Wasser nahe des Ufers hingegen
wurden
lautlos gegen den Wind angepirscht, dann folgte
kurzes Verharren in möglichst geringster Entfernung
und schließlich in einem weiten Satz der (meist
erfolglose ) Sprung auf eine Ente oder mitten zwischen
die Breitschnäbel.
Bei Wasserwildküken wurde eine ganz andere Technik
bevorzugt. Der Springer Spaniel pflegte nämlich
aus erfolgversprechender Distanz ins Wasser zu gleiten
und unendlich langsam und sehr leise auf die Küken
zuzuschwimmen. Da Enten ein nur sehr grobes Bild von
ihren Artgenossen haben, flohen die Küken
nicht etwa vor dem braunen, aus dem Wasser ragenden
Hundekopf,
sondern schwammen |
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vertrauensselig
darauf zu. Das war genau die Reaktion, auf die
der
Sprin ger wartete. Er blieb folglich behut- sam
wassertretend auf der Stelle stehen, die Küken kamen neugierig
in die Reichweite des Hundemauls, und es hätte
nur noch des Zuschnappens bedurft, um Beute zu machen.
Doch bevor es soweit kam, rief der Zwei-beiner seinen
Hund ans Ufer zurück. Er gehorchte auch ohne
Murren, schwamm heran, allerdings gefolgt von aufgeregten
Küken, die ihren Irrtum erst dann erkannten,
wenn der Hund wasserspritzend an Land sprang...! |
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Die
Gewohnheit vor allem junger Hunde, hinter auf- oder
tieffliegenden Vögeln kläffend herzugaloppieren,
würde ich kaum als Fangtechnik bezeichnen,
hätte mich nicht einer meiner Gordon eines
besseren belehrt. Die Setterhündin, angespornt
von der Erkenntnis, durch senkrechte Luftsprünge
Schmetterlinge, Fliegen etc. fangen zu können
- diese Erfahrung hatte sie im Welpenalter gemacht
-, setzte dieselbe Methode als Junghündin auch
bei der Vogeljagd ein. Sie schlich sich leise an
auf dem Boden befindliche Vögel heran und schnellte
einen Augenblick vor dem Abstreichen des Beutetieres
senkrecht in die Höhe, und dies mit derartiger
Präzision, daß es ihr tatsächlich
gelang, auf diese Weise Beute zu machen. Die Gefährten
dieser Hündin, die versuchten, ihre Technik
nachzuahmen, verscherzten sich den Erfolg übrigens
grundsätzlich durch Ungeduld. Sie waren, anders
als die Hündin, nicht fähig, so langsam
und geduckt voranzuschleichen, daß die Vögel
sich nicht rechtzeitig in Sicherheit brachten.
II.8.
Die Pubertätsphase
Meine
erste Gordonhündin Gina war schon mit sieben
Monaten ein außerordentlich folgsamer Hund
und vor allem: sie gehorchte freudig. Selbst den
Downpfiff vollführte sie mit wedelnder Rutenspitze
und aufmerksam hochgezogenen Behängen. Freilich,
sie hatte zwei ältere Hündinnen als Vorbild
und Erzieher und anlagenmäßig einen hohen
Grad an Führigkeit.
Mit siebeneinhalb Monaten begann Gina, zunächst
kaum merklich, meine Weisungen etwas zögernder
zu befolgen. Bald gestattete sie sich die Freiheit,
erst ihre eigenen Unternehmungen zu beenden, bevor
sie meinen Pfiff beherzigte. Mit acht Monaten schließlich
lehnte sie sich offen gegen den Gehorsam auf. Pfiff
ich, kam sie bis auf zwei, drei Meter heran und
sprang kläffend und heulbellend eine geraume
Zeit um mich herum.
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Da
ich schweigend stehen blieb, ohne die Weisung
zu wiederholen,
kam sie immer näher, drückte sich blaffend
und wedelnd vor mir auf den Boden, sprang wieder zurück
und setzte ihren Teufelstanz fort. Das ging etliche
Minuten so, bis sie sich schließlich vor mich
setzte, wie ursprünglich gefordert, und freundlich
meine Hand anstupste. Im Laufe der nächsten Wochen
jedoch schien Gina sämtliche Weisungen zu vergessen.
Wenig später trat die erste Läufigkeit ein.
Gina war also zweifellos in der Pubertät. |
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Wenn
Hunde sich der Geschlechtsreife nähern, spielen
sich körperliche und seelische Veränderungen
in ihnen ab, die sie, je nach Charakter, zum Aufbegehren
gegen oder Kuschen vor dem bisher anerkannten Meister
veranlassen. Der eine Hund reagiert plötzlich,
ohne zunächst erkennbaren Grund, äußerst
ängstlich und unsicher auf seine gewohnte Umwelt,
klebt förmlich an seinem Herrn, wirkt aber eher
lustlos und verstört beim Gehorsam, verlangt
ein großes Maß an Zuwendung und scheint
in seiner Stimmung ständig zwischen übernervösem
Tatendrang und befristeter Lethargie zu schwanken.
Dieser Typ erweckt den Eindruck, ständig eine
Tracht Prügel von Unbekannt zu erwarten und folgt
mit gesenkter Rute und hängenden Hauptes seinem
Menschen.
Die andere Variante ist der Typ wie Gina. Er ist
ständig
überdreht, rebelliert gegen alles und jeden,
hat kaum die innere Ausgeglichenheit, längere
Zeit zu ruhen oder gar zu schlafen, und provoziert
seine Artgenossen nicht weniger als seinen Zweibeiner.
Natürlich kann sich die Pubertät auch weniger
drastisch zeigen, doch Spannungen in puncto Gehorsam,
Umweltsicherheit und Vertraulichkeit mit gleichgeschlechtlichen
Artgenossen treten fastimmer auf. Innerhalb einer
Jagdhundgruppe geht es während der Pubertätsphase
der Jüngsten recht turbulent , doch ohne gefährliche
Aggression zu. Das Verhalten der Junghunde unter sich
und gegenüber den Eltern oder Adoptiveltern erinnert
eher an freche Streiche aus der Welpenzeit. Es wird
versucht, den Älteren Futter zu stehlen, die
Aufforderung zum Rückzug bei der echten oder
gespielten Jagd wird geflissentlich überhört.
Die Alten sehen sich ab und zu provokant angerempelt
oder gar mit plötzlichen Kampfspielattacken überfallen.
Ein selbstsicherer Junghund wird es nicht unversucht
lassen, sich genau dort zum Ruhen niederlassen, wo
bekanntermaßen der tabuisierte, persönliche
Schlafplatz eines Älteren ist. Je nachdem in
welchem sozialen Zusammenhang der jeweilige Althund
unbedingten Wert auf seine Anerkennung legt, greift
er mit kurzem Knurren und Schütteln des |
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Junghundes
am Nackenfell durch. Sonst aber ignorieren die Älteren die Frechheiten der pubertären
Flegel zunächst einmal gelassen. Unter sich rangeln
die vor der Geschlechtsreife stehenden Hunde wieder
häufiger miteinander, es wird bös' geknurrt
und vielleicht auch einmal heftiger gezwickt. Aber
zumindest bei meinen Cockern, Springern, Gordon und
Engländern" habe ich nie eingerissene
Behänge, blutende Bißwunden, durchlöcherte
Gliedmaßen oder ähnliches gesehen. Bei
Hündinnen frühreifer Rassen kann sich die
erste Hitze schon im siebten Monat einstellen. Bei
Rüden liegt der Fall nicht so einfach, denn das
Beinheben beim Nässen bedeutet ja keineswegs,
daß der Rüde bereits deckfähig ist.
Fangen die spätreifen Rüden um den zwölften
Monat an, sich immer öfter danebenzubenehmen,
Weisungen zu ignorieren, auf eigene Faust loszuziehen,
haben auch sie die Pubertätsphase erreicht und
werden in Bälde fortpflanzungsfähig sein.
Vor allem im Umgang mit Artgenossen verändert
der pubertäre Rüde sein Verhalten auffallend.
Aus dem einst welpenhaften Benehmen wird jetzt die
deutliche Mitteilung, ein möglicher Sexualpartner
oder Rivale zu sein. |
Für
die Hündin geht die Pubertät in ihre Schlußphase,
sobald die erste Läufigkeit endet. Eltern oder
Ziehmutter fordern nun eine Weile absoluten Vorrang
in allen sozialen Situationen und setzen ihre Rechte
mit Knurren, Scheinschnappen und Schütteln am
Nackenfell unmißverständlich durch. Sie
führen sogar Bedingungen herbei, in denen die
Jungtiere klar ihre Unterordnungsbereitschaft zeigen
müssen. Widrigenfalls werden sie eben mit den
schon genannten Mitteln dazu genötigt. Die schon
zitierte Gina malträtierte ihre Springer Spaniel
- Ziehmutter vorzugsweise damit, daß sie diese
von hinten heranpreschend anrempelte und dann mit
den wüstesten Spielattacken bedachte. Zu Beginn
der Pubertät und während der Hitze der Jüngeren
nahm die Ziehmutter den Flegel einfach nicht ernst,
ignorierte die Attacken und ging wedelnd fort. Worauf
Gina dann ziemlich verlegen in der Landschaft stand.
Gegen Ende der Pubertätsphase jedoch reagierte
die Ziehmutter plötzlich völlig anders.
Kam Gina kläffend angaloppiert, nahm die Ältere
die Herausforderung" sofort an, packte
Gina am Nacken, sprang zurück, raste mit übertriebener
Kraftdemonstration erneut gegen die Setterhündin,
zwickte ihr in den Nacken, wich zurück und attackierte
wiederum mit Vehemenz. Sie machte Gina regelrecht
nieder. Erst wenn jene ziemlich kleinlaut auf dem
Rücken lag und nicht einmal mehr die Rutenspitze
zu bewegen wagte, stupste die Ziehmutter ihr freundlich
das Maul, schüttelte sich und ging wedelnd davon.
Ein paar Wiederholungen, und Gina getraute sich nicht
mehr, die Ältere mit ihren Flegelhaf-tigkeiten
zu belästigen. |
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Daß
die Anerkennung des bisherigen Erziehers durch den
nun erwachsenen Junghund keineswegs eine Frage realer
körperlicher Überlegenheit ist, zeigt ein
weiteres Beispiel mit Gina: Mußte ihre Springer-Ziehmutter
noch handgreiflich" werden, hatte der ranghöchste
Hund der Dreiergruppe (eine winzige Cockerhündin
und selbst Ziehmutter des Springer Spaniels) das überhaupt
nicht nötig. Schon zu Beginn der Pubertät
und während der Läufigkeit Ginas reichte
es vollauf, wenn der Cocker auf respektloses Benehmen
der Setterhündin drohend knurrte. Als Gina zum
Ende der Pubertätsphase noch einmal alle Energie
zur Revolte konzentrierte, um ihre Rangposition auch
gegenüber dem vierbeinigen Rudelchef zu klären,
warf dieser nur drohende Blicke, und Gina gab klein
bei. Eigentlich hätte die 20 Zentimeter
höhere, kräftigere und schwerere Gina die
grazile, fliegengewichtige Cockerhündin ohne
Schwierigkeiten ausschalten können - statt dessen
warf sie sich schon auf den Boden, wenn der winzige
Chef nur bös' äugte.
Mit der Pubertät endet die Lehrzeit des Hundes.
Was er in den vergangenen Monaten gelernt hat, wird,
wie der Erzieher selbst, auf der Schwelle zum Erwachsenwerden
geprüft und im positiven Falle für gut befunden.
Im negativen Falle geschieht, was man aus der
Hand gehen" nennt. Der Hund stellt also endgültig
fest, daß sein Herr nicht wirklich zum Meuteführer
taugt und übernimmt diese Position selbst. Das
drückt sich auch dadurch aus, daß der erwachsene
Hund eben nicht zum freiwilligen, freudigen Gehorsam
findet und von nun an, wann immer möglich, seine
eigene Überlegenheit über den Herrn demonstriert.
Er nimmt sich Freiheiten und unangemessene Behandlung
seitens des aus der Sicht des Hundes rangtieferen
Menschen heraus, zum Beispiel Knurren, Scheinschnappen,
vielleicht sogar Beißen. Was bisher vernachlässigt
wurde hinsichtlich Erziehung, Jagdausbildung, Dominanzverhalten
und positiver Autorität seitens des Menschen,
kann nach der Pubertät nur sehr mühsam
gutgemacht beziehungsweise nachgeholt werden. |
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Foto
7, 14, 19, 21 Dorsch-Rieger. Foto 22 Bögli
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