Die Jugendentwicklung des Hundes
Von Sabine Middelhaufe

I. DIE 1.-8. LEBENSWOCHE
Das für uns beobachtbare Leben eines Welpen beginnt gleich bei seiner Geburt, die wir deshalb stets ganz detailliert protokollieren werden. Um in den nächsten Tagen dann wirklich genaue Informationen über die Entwicklung der Kleinen sammeln zu können, müssen wir sie allerdings rund um die Uhr beobachten, um tatsächlich das erste Reagieren auf Geräusche, die erste Sehleistung, das erste Lagerverlassen uvm. mitzubekommen. Da reicht es nicht, sich mal ein Stündchen neben die Wurfkiste zu setzen...!
Die Anlagen eines Welpen können sich natürlich nur entfalten, wenn von Anfang auch die notwendigen äußeren Bedingungen dafür vorhanden sind: Betreuung des Wurfes durch eine instinktsichere Hündin oder „Ziehmutter", geeignete räumliche Bewegungsfreiheit für Welpen und Mutter (besser noch: Mutter und Vater !) und konstruktive Beeinflussung der Welpen durch den Menschen.
Um die Entwicklung eines Welpen beurteilen zu können, bedarf es ferner eines Maßstabes. Er soll hier versuchsweise durch die Betrachtung des frühreifen und des spätreifen Hundes gegeben werden, so daß Sie selbst Ihren Welpen zwischen oder in diesen diesen beiden Extrempositionen einordnen können.

I.1. Der frühreife Welpe: Erkundung
Die folgenden, hier vereinfacht dargestellten und stark zusammengefaßten Beobachtungen habe ich an diversen Gordon und English Setter Würfen gemacht.
Der frühreife Welpe, nicht selten mit geringerem Geburtsgewicht, aber hervorragendem Biotonus (Vitalität), verläßt vielfach bereits am 10. oder 11. Lebenstag erstmals die Wurfkiste um in bis zu drei Meter Entfernung zu urinieren und zu koten.
Am 13. Tag hat er bereits eine hinreichend gute Sehfähigkeit erlangt und geht folglich ab diesem Tag von sich aus und allein auf Erkundung im Welpenzimmer.
Es ist also wesentlich, den Welpen das selbständige Verlassen des Wurflagers zu ermöglichen!
Der Raum wird zunächst erforscht, indem der Welpe den Wänden als Orientierungshilfe folgt. Um den 15. Tag unternimmt er die ersten Diagonaldurchquerungen, setzt sich dabei nach erstem, kurzen Schreck (Wegzucken vom Objekt) intensiv mit Gegenständen auseinander; er beriecht, beäugt, beknabbert sie. Am 18. Lebenstag ist der „Frühreife" mit dem (in meinen Untersuchungen 15 qm großen) Welpenzimmer bestens vertraut. Er erweitert jetzt von sich aus sein Territorium um die (in unserem Falle) angrenzenden Räume von 30 bis 45 Quadratmeter Neuland.

I.2. Spiel und Stimmung
Mit Einsatz der Sehfähigkeit beginnt der Welpe auch, spielerische Attacken auf seine Geschwister auszuüben. Er packt und schüttelt am Nackenfell, zerrt an den Behängen, an Rute und Läufen. Er benutzt schon den zum Beriechen hingehaltenen Finger des Menschen, um den „Totschüttelreflex" auszuführen, und drückt um den 18. Tag deutlich Stimmungen - wie freudige Erregung, Unsicherheit, Aggression - durch die Ohren- und Rutenhaltung sowie durch Fellsträuben, Zähnchenzeigen und Knurren aus. In den folgenden Tagen benutzt der Welpe seine Geschwister, Hände und Ärmel des Menschen und die Decke im Lager, um das Anschleichen, Anspringen, das Zu-Boden-Drücken und das Totschütteln zu üben.

I.3. Jagdspiel und territoriale Expansion
Um den 21. Tag zeigt ein frühreifer Welpe ohne Aufforderung oder Anleitung eine Jagdsequenz an einem geeigneten Objekt, zum Beispiel einem Lederlappen. Er registriert zunächst die Präsenz der „Beute" in seinem

Territorium und fixiert sie einen Moment ganz konzentriert. Dann nähert er sich im geduckten, langsamen Schleichgang bis auf zirka einen Meter, hält inne, wittert, pirscht noch ein Stück näher, unendlich langsam und verblüffend geschickt, verhält etwa dreißig Zentimeter von der Beute, senkt den Vorderkörper, fixiert nochmals das Ziel und - springt! Mit den Vorderpfoten drückt er sofort das Beuteobjekt zu Boden, packt es jedoch dabei blitzschnell mit den Zähnchen und rennt - die "Beute" totschüttelnd - damit fort, um sie zu zerfetzen und zu verteidigen. Letzteres allerdings nur kurzfristig. Ab der vierten Woche wird das Erjagen eigenständig gewählter Objekte weiterhin selbständig geübt.
Um den 28. Tag erwacht Interesse an echter Beute; Mauselöcher, Kaninchenbaue und Maulwurfhügel werden mit Eifer untersucht und aufgegraben. In der vierten Woche befriedigt der Welpe auch seine territorialen Expansionensgelüste, indem er bis zu sechzig Quadratmeter freies Außengelände erkundet und sich damit vertraut macht. Das bedeutet, daß die Welpen ab der vierten Woche freien Auslauf haben müssen! Der Hündin oder dem menschlichen Betreuer folgt der frühreife Welpe in dieser Zeit schon bis zu einhundert Meter über die Grenzen des vertrauten Gebiets hinaus, ohne Furcht zu bekunden. Eine instinktsichere Hündin und räumliche Möglichkeiten vorausgesetzt, beginnt ab der fünften Lebenswoche seine Erziehung und zunächst spielerische Jagdausbildung durch die Mutterhündin.
I.4. Der spätreife Welpe
Ein solcher Welpe zeigt oft ein sehr gutes Geburtsgewicht, aber relativ schlechteren Biotonus. Er erlangt die volle Sehfähigkeit erst um den 20. Tag und setzt sie lediglich dazu ein, den besten Platz beim Saugen und Schlafen mit der Mutter zu erobern. Er kotet und uriniert - wenn nicht so-gar im Lager - in seiner unmittelbaren Nähe und zeigt keine Intentionen, selbständig das Welpenzimmer zu erkunden. Nur wenn er richtig wach ist, während die Geschwister das Lager verlassen, läuft er ihnen laut jammernd und unsicher nach. Oft kehrt er als erster ins Lager zurück. Seine Reaktion auf die Spielattacken der keckeren Gefährten ist lautstarke Flucht; Interesse an der
Auseinandersetzung mit Subjekten und Objekten zeigt er noch nicht.
Den Totschüttelreflex übt der spätreife Welpe erstmals um den 30. Lebenstag an einem vertrauten Objekt, zum Beispiel an der Decke im Lager. Die sinngemäße Anwendung der neuen Lernerfahrung auch an anderen Gegenständen bleibt noch aus. Um den 30. Tag vom Betreuer absichtsvoll angebotene Beuteobjekte wie Papierkugeln, Lederlappen, Hasenbalg werden nach langsamer Annäherung in unge-schickter Gangart vorsichtig berochen, dann entweder zerfetzt oder ins Lager getragen und dort zerfetzt. Und wie das Welpenzimmer wird auch das freie Außengelände vom Welpen nur in dem Sinne erkundet, daß er seinen Geschwistern dorthin folgt, ohne sich allerdings mit dem Territorium oder den dort befindlichen Objekten auseinanderzusetzen. Alles geschieht mit deutlichen Anzeichen der Unsicherheit, mit eingeklemmter Rute, weit nach hinten-oben gezogenen Behängen und Jammern. Ins Neuland folgt der „Spätzünder" nur in Begleitung der ganzen Hundefamilie und dies erst ab der achten Lebenswoche. Versuche der Mutterhündin, diesen Welpen erzieherisch zu beeinflussen, bleiben bis zur zehnten oder elften Woche ganz aus. In dieser Zeit genießt er seitens der Hündin weiterhin die Narrenfreiheit eines völlig unreifen Welpen.
I.5. Der frühreife Welpe: Jagdübungen
Der frühreife Welpe geht in der sechsten Woche auf Jagd. Er pirscht - wie einst den Lappen - jetzt Tiere von der Fliege über den Vogel bis zu anderen Hunden an. Mit großer Kon-zentrationsfähigkeit, Geduld und un-ter Ausnutzung von Gelände und Wind versucht er, seiner Beute nahe zu kommen. Jetzt ist es unbedingt an der Zeit, daß der Mensch den Welpen zweckmäßig beeinflußt. Tut er dies nicht, geht der Welpe rasch dazu über, seiner Beute nachzuhetzen und
sich dieses lustvolle Vorgehen zur Gewohnheit zu machen. Ließe man ihn gewähren, würde er später seine Anlagen nur dazu einsetzen, um in Eigenregie der Beute habhaft zu werden. Ab diesem Zeitpunkt ist es also wichtig, den Kleinen zum Stoppen an wegflüchtendem Wild und möglichst schon zum festeren Vorstehen anzuhalten, sofern er zu den Vorstehhunderassen gehört.
Ähnlich ist es mit der Apportieranlage. Der frühreife Welpe begreift Beuteersatz-Objekte schon in der fünften bis sechsten Woche als solche und bewacht sie gegen seine Geschwister. Greift der Mensch nicht durch spielerische Erziehung ein, zeigt der Welpe bei entsprechenden Tests mit sieben bis acht Wochen deutlich, daß er die Beute als sein Eigentum betrachtet, sie vom Menschen in Sicherheit bringt und gegen ihn verteidigt. Die spätere Ausbildung zum verläßlichen Bringen wird dann ungleich schwerer ausfallen.
Versuche auf einfachen Schleppen beweisen, daß der frühreife Welpe um die sechste Woche bereits den unbedingten Willen besitzt, zur Quelle des erregenden Duftes zu gelangen. Er arbeitet die Schleppe im Galopp, korrigiert sich selbst, voll konzentriert, packt das Schleppobjekt am Ziel und macht sich damit eiligst vondannen. Es gilt demnach auch hier, den Welpen früh genug zur Zusammenarbeit mit dem Menschen zu bewegen, ohne dabei Eifer, Schneid und Talent zu unterdrücken. Der Welpe soll merken, daß letztlich nur die Zusammenarbeit Hund-Mensch zum Besitz der Beute führt.
I.6. Der spätreife Welpe: Jagdanlagen
Konfrontiert man den spätreifen Welpen, der von sich aus die Präsenz eines Beutetiers bestenfalls mit einem staunenden Blick quittiert, mit den genannten Tests, stellt man fest, daß er in der achten Woche - seiner Entwicklung angemessen - verblüffend willig ist, zu tun, was der Mensch verlangt, wenn der kleine Kerl nur durchschaut, was gefordert wird. Das Apportieren gelingt ihm meist auf Anhieb, da ihm völlig die Tendenz fehlt, sich allein von einem Gefährten zu entfernen und er mit dem Apportel schein-

bar nichts anderes anzufangen weiß, als es zum Werfer zurückzubringen. Der Vorstehtest verläuft in der Regel eben so erfolgreich, denn der Welpe erwartet, in Vorstehpose verharrend geradezu, daß ihm jemand sagt, wie es nun weitergehen soll. Er hat keine Ambitionen zur Jagd unter eigener Regie. Einzig der Schleppentest bringt meist Probleme, da man dem Welpen sehr geduldig klarmachen muß, was es mit der Duftspur auf sich hat. Dies begriffen, sucht er ruhig, langsam und relativ verläßlich - wieder einmal froh, wie es scheint, daß er einem genau vorgeschriebenen Aktionsplan folgen kann und keine eigenständigen Handlungen verlangt werden.

I.7. Konsequenzen für die Welpenwahl
Ein Züchter kann sich die hier vereinfachten und zusammengefaßten Resultate ohne Zweifel zunutze machen. Etwas Beobachtungsgabe vorausgesetzt, läßt sich jeder Welpe als tendentiell früh-, spätreif oder durchschnittlich einordnen. Dafür ist freilich unerläßlich, den Wurf kontinuierlich zu beobachten, die Einzelergebnisse zu den Themen Orientierung, Erkundung, Spiel etc. nicht überzubewerten oder sie aus dem Gesamtverhalten zu reißen.
Haben die Welpen die achte Woche vollendet, ist es dem Züchter dann ein Leichtes, den angemessenen Menschen für den jeweiligen
Hund auszuwählen!
Der frühreife Welpe braucht sicherlich einen Chef, der mit der Ausbildung des Hundes zum Jagdgebrauchs- oder Jagdbegleithund unverzüglich, streng und gerecht beginnt. Dabei soll er die Vielseitigkeit, den „Abrichtewillen" und das ungestüme Temperament seines Zöglings nutzbar machen, ohne den „Jagdverstand", den Beutetrieb und das Selbstvertrauen des Welpen zu unterdrücken. Erziehungsfehler wirken sich nur allzu oft in Leistungsverweigerungen, nervösen Störungen und Lernunwilligkeit aus.
Der spätreife Welpe ist wohl besonders gut bei einem Menschen aufgehoben, der einen instinkt- sicheren erwachsenen Hund als „Anlerner" besitzt. Andernfalls gehört viel Geduld zu seiner Ausbildung. Der künftige Besitzer muß seinem Welpen tatsächlich ein Leitbild und Anführer sein, die Fähigkeit besitzen, dem Hund die eigenen „Jagdabsichten" verständlich zu machen und darf den Vierbeiner weder überfordern noch ungeduldig als Niete abstempeln. Daß man beim Spätzünder nach der Pubertät mit meist positiven Überraschungen rechnen kann, versteht sich!
Eine Beobachtung, die ich jedoch nur auf meine eigenen Forschungshunde beziehen kann, weist übrigens darauf hin, daß mehr Hündinnen zu den frühreifen Welpen zählen, während die Rüden mehr Spät-zünder stellen.

I.8. Fast zwei Jahre später....
Machen wir jetzt mal kurz einen Zeitsprung und schauen uns den oben als früh- und den als spätreif bezeichneten Hund zum Ende des zweiten Lebensjahres an. Dabei möchte ich hervorheben, daß meine Forschungshunde (wie erinnerlich Gordon und English Setter) fast ausschließlich dem erzieherischen Einfluß der Hundegruppe ausgesetzt waren! Sie sind also in erster Linie ein Beispiel für das, was passiert, wenn der Mensch nicht lenkend eingreift, oder in unserem Falle: nicht eingreifen will.
Die einst frühreifen Tiere erwiesen sich durchweg als ungemein selbständige, schnelle (galoppsuchende), spurwillige und spursichere Jäger, die ihre Methode ganz souverän den Gelände- und Windbedingungen und nicht zuletzt dem Beutetier anpaßten. Da diese Hunde durchaus auch allein Beute machen wollten, wurde das Vorstehen nur so befristet gezeigt, wie es für den erfolgreichen Jagdablauf sinnvoll war. Die Jagdpassion solcher Hunde grenzt schon fast ans Ungebärdige. Hatten sie erst einmal Wittrung aufgenommen, blieben sie unermüdlich auf der Spur, gleichgültig gegenüber Hindernissen im Gelände, Verletzungen und Unbilden des Wetters. Sie gingen mit demselben Erfolg Federwild, Hasen und Füchse an - stets unter eigener Regie.
Die früheren Spätzünder bestätigten ebenfalls die Prognose aus ihrer Welpenzeit: Sie entwickelten sich zu phlegmatischen, unterordnungsbereiten „Mitläufern" bei der Jagd. Sie suchten bedächtig-verläßlich, standen fest vor, hatten jedoch nur einen sehr begrenzten Aktionsradius und akzeptierten lediglich Federwild und eine gelegentlich wildernde Katze als Anreiz. Zu energischen Hunden mit deutlichem Schneid wurde keines meiner Versuchstiere, aber jeder Hund präsentierte nach der Pubertät ein gesundes Selbstvertrauen und die unbedingte Bereitschaft, gemeinsam mit der Gruppe Territorium, Objekte und Gruppenmitglieder zu verteidigen. Soziale Machtgelüste zeigten diese Hunde nicht; nur vereinzelt versuchten sie, sich in der Futterrangordnung höherzuarbeiten.

II. 3.LEBENSMONAT BIS PUBERTÄT
Normalerweise verlassen Welpen mit 8-10 Wochen Hundefamilie und Züchter. Bleibt der Clan hingegen (noch) zusammen, können Sie viele, höchst interessante Beobachtungen machen!

II.1. Kampfspiele
Kampfspiele sind sicherlich die Unternehm-ungen, die Welpen ab dem zweiten oder dritten Monat am meisten schätzen. Unter den Geschwistern entwickeln sie sich oft spontan aus dem Streit um ein Objekt, oder weil ein selbstsicherer Welpe seinen Bruder

regelrecht zum Kampf zwingt. Der erziehende erwachsende Hund benutzt das Spiel hingegen gezielt als Lehrmittel. Er fordert die Welpen dazu auf, indem er behutsame Kampfspielintentionen zeigt, oder indem er diese aus Körperpflegemaßnahmen entwickelt. Zunächst lenkt der Erzieher das Spiel so, daß er liegend oder stillstehend den Welpen durch Scheinbisse zu sinnvollen Gegenmaßnahmen animiert. Der Welpe springt also ungestört auf dem Älteren herum, rupft und zerrt ihm an Ohren, Nacken, Rute und Läufen und wird dabei zaghaft abgewehrt. Sobald der Kleine das nötige Selbstvertrauen demonstriert, beginnt der Große, ihn geschickt, schnell, aber stets vollkommen kontrolliert so „anzugreifen", daß der Jüngere durch Wegspringen, Ausweichen, Ducken oder Zurückschnappen Gelegenheit erhält, seine Defensivmaßnahmen einzuüben. Ebenso nehmen durch tägliches Spiel die Angriffsmanöver des Welpen an Geschicklichkeit, Flinkheit und Effektivität zu. Knurren, Bellen, Fellsträuben, Zähnefletschen werden als Ausdrucksformen der Aggression ausprobiert, genauso wie das Ruteklemmen, das Herabziehen der Ohren, Sich-auf-den-Rücken-Werfen und lautes „Schreien" als Demonstration der Unterlegenheit. Da es einiger Wiederholungen bedarf, bis der Welpe begreift, seinen vierbeinigen Lehrer heftig, aber ohne zu festes Schnappen und Zerren zu attackieren, wird der Spielabbruch oft als entsprechende Disziplinarmaßnahme vom Älteren angewandt. In seiner Vielfalt praktiziert, dient das Kampfspiel sowohl der Körperertüchtigung des Welpen als auch dem ersten Erlernen wichtiger sozialer Verhaltensweisen. Darüber hinaus hilft es, die Basis für die körperlichen und geistigen Fähigkeiten zu schaffen, die sich aus den weiteren Spielen ergeben.
II.2. Beutespiele
Beutespiele zwischen dem Welpen und seinem arteigenen Erzieher beginnen meist damit, daß der Ältere ein geeignetes Objekt herbei-trägt, es dem Welpen direkt vorhält und nun durch rasche Bewegungen das Interesse an dem Ding weckt. Bei Gegenständen, die sich zum Schütteln und Zerren eignen, bietet der erziehende Althund dem Welpen zunächst die Möglichkeit, genau dies zu tun. Er hält das Objekt im Maul, der Welpe reißt und rupft, so kräftig er kann, beginnt zu knurren und gerät bei diesem Spiel regelrecht in Rage.
Ab diesem Zeitpunkt geht der Erwachsene dazu über, den Gegenstand nur noch kurz vorzuweisen, ganz provokant, und den Welpen nun durch flinke, geschickte Kopfbewegungen zu zwingen, das lose Ende des Objekts zu erhaschen. Hat er dieses erwischt, darf er wieder zerren, bis der Ältere es ihm durch plötzliches, kräftiges Ziehen erneut abnimmt.
Bei kleinen runden Objekten, die rollen, entwickelt sich das Spiel meist daraus, daß der Erzieher den Gegenstand im Fang hält, den Welpen zum Zupacken ermuntert und erst „ausläßt", wenn sich der Welpe heftig um den Besitz bemüht. Das Objekt rollt fort, und der Welpe kann rasch hinterherlaufen und es erbeuten. Hat er diesen Schritt begriffen, tritt der Ältere in Wettstreit mit ihm: wer schneller und geschickter ist, gelangt in den Besitz der Beute, zieht damit ab und wird vom anderen verfolgt. Natürlich läßt sich der Erzieher auch hierbei wieder ganz absichtsvoll übertrumpfen und verhilft dem Welpen zu dem lustvollen Erlebnis, die Beute „unentreißbar" im Fang zu behalten!
Die Beutespiele sind der erste Ansatz zum Erlernen des wirklichen Fangens kleiner Tiere. Tatsächlich übt der Welpe in diesem Rahmen auch den „Mäuselsprung" unzählige Male.
Egal um welche Art von Objekten es sich handelt, der erziehende Vierbeiner besteht während der ersten Tage stets darauf, daß ihm der Gegenstand am Ende abgeliefert wird, beziehungsweise macht klar, daß eine entsprechende Aufforderung das Spielende darstellt. Nach nur wenigen Tagen beginnt der Welpe seinerseits mit einem Beuteersatz zum Erzieher zu laufen, sofern dieser deutlich seine Spielbereitschaft signalisiert hat, und das Beutespiel wird nun vom Jüngeren aufgebaut.
II.3. Beutefangspiele
Beutefangspiele entwickeln sich in der Regel aus dem fortge- schrittenen Stadium des Beute-spiels. Während letzteres noch auf relativ engem Raum ausge-tragen wurde, animiert jetzt der Erzieher den Welpen, das Objekt auch weiträumig zu ver-folgen. Er nimmt die Beute also auf, täuscht Fluchtversuche bei
deutlichem Blickkontakt vor, und der Jüngere bemüht sich folgerichtig, hinterherzulaufen. Hat er den Älteren eingeholt, wird kurz um das Objekt geran-gelt. Der Sieger nutzt die erst-beste Gelegenheit, wieder mit der Beute fortzurennen, ver-folgt vom Verlierer. Bei diesem Spiel geht es vor allem darum, schnell zu laufen, Haken zu
schlagen, durch Sprünge, Wen-demanöver usw. einem Beuteer-satz zu folgen bzw. ihn vor An-griffen zu schützen. Es versteht sich, daß der Große den Welpen auch gewinnen läßt, um dessen Beutetrieb zu befriedigen, und ihm das Beutemachen als äußerst lustbetonte Aktivität darzu-stellen.

 

II.4. Fang- und Verfolgungsspiele
Die Fang- und Verfolgungsspiele werden vom Erzieher anfangs durch kurze Scheinangriffe oder die typische „Brust-zu-Boden-Drücken-Position" initiert. Wendet sich daraufhin der Welpe interessiert dem Älteren zu, fegt dieser los, zunächst in engen Kreisen, der Welpe hinterdrein, und nach einem kurzen Wettlauf läßt sich der Große einholen. Es wird kurz gekämpft, doch bei erster Gelegenheit läuft der Ältere erneut davon und animiert den Welpen zum Mitlaufen. Je schneller und geschickter der Welpe wird, desto weiter werden die Kreise, die beide ziehen. Selten aber rennt der Erzieher geradlinig voraus, denn es soll hier ja nicht allein der Hetztrieb des Jüngeren geweckt, sondern die Fähigkeit gefördert werden, einer rasch fliehenden Beute körperlich und geistig zu folgen. Und in der Tat fällt auf, daß der Welpe während der ersten Spiele einfach hinterhersaust, getreulich den Wendungen des Erziehers folgend. Nach einigen Wiederholungen „durchschaut" er dann aber, daß er den Flüchtenden viel eher erreicht, wenn er ihn die Kurve durchlaufen läßt, selbst jedoch abwartet, bis der andere auf dem „Rückweg" wieder dort vorbeikommt, wo der Welpe aufmerksam seiner harrt. Und genau jetzt läßt der Erzieher sich fangen, belohnt also die „Einsicht" des Welpen mit dem Sieg! Nach einer Weile dieses Spiels ändert der Ältere seine Taktik Er springt zum Beispiel aus der Kurve direkt vor dem wartenden Welpen zurück, springt einfach über ihn hinweg, schlägt vor ihm einen Haken und läuft weiter usw. Beim Rollentausch ermöglicht der Große dem Welpen, auch seinerseits diese neuen Fluchtmethoden einzuüben. Brauchte es für das Beutefangspiel schon fünfzig Quadratmeter Außengelände, reichen diese fürs Verfolgungsspiel bald nicht mehr aus. Rund fünfhundert Quadratmeter Naturfläche sollten es schon sein!

II.5. Meutespiel
Hat der Welpe seine Eignung beim Verfolgungsspiel hinreichend bewiesen, baut der Erzieher es zum Meutespiel aus. Es wird, wie die Bezeichnung schon sagt, an sich mit der Mutterhündin oder dem Vaterrüden und sämtlichen Welpen zusammen gespielt. Es entfällt auch dann nicht, wenn die Hündin beispielsweise nur einen Welpen zu betreuen hat. Durch das „Sich-zu-Boden-Drücken" oder übertriebene Fluchtansätze gibt der Erzieher das Startzeichen für den Spielbeginn und rennt los; jetzt geradeaus! Doch geht es nicht etwa ins offene Gelände wie beim Verfolgungsspiel, sondern durch Dickichte, Unterholz, Hecken, rauhe Wiesen, über Bäche, durch Kanäle, bergauf und bergab. Hier wird nun also ganz deutlich der Ernstfall "Verfolgung flüchtenden Wildes" geübt.
Ein vier Monate alter Hund entwickelt bereits ein beachtliches Tempo, und da er aufgrund der bisherigen Spiele gut vorbereitet ist, kann der Erzieher bald die Anzahl der Übungen vergrößern und höhere Schwierigkeitsgrade einbauen.
Bemerkenswert wieder einmal: der die fliehende Beute mimende Erzieher achtet sehr wohl darauf, daß der Jüngere auch wirklich nachkommt. Zögert dieser vor einem Hindernis, kehrt der Ältere sofort zurück. Wird der Welpe durch akustische oder optische Reize abgelenkt, bricht der Große das Spiel einstweilen ab. Verliert der Verfolger im dicht bewachsenen Gelände die Orientierung, kommt der Ältere weit genug zurück, um gesehen zu werden. Er provoziert den Welpen erneut zur Jagd, und das Spiel geht weiter.
Von Anfang an steht am Ende der Hatz das Einholen der Beute. Das ist freilich nicht das vertraute

Kampfspiel, sondern die Unterweisung im Niederreißen der Beute durch gezielte Bisse. Der Welpe wird folglich angeleitet, durch einen geschickten Sprung von vorne und unten die Kehle der Beute zu erreichen, oder nach einem kraftvollen Sprung von schräg hinten ins Genick zu beißen. Auch Bisse in die Hinterhand werden geübt, um die Beute zum Stoppen zu zwingen. Die anfänglich noch spielerischen Bisse sind selbstredend kaum mehr als ein deftiges Zwicken.
Im letzten Stadium des Spiels, wenn sich nach ausdauernder Hatz im mindestens dreitausend Quadratmeter großen, hindernisreichen Terrain der beutemimende Erzieher "geschlagen" gibt, geht dieser oft dazu über, an einem günstigen Punkt, der ihm wenigstens Rückendeckung bietet, plötzlich den Verfolgern die Stirn zu bieten. Er behauptet plötzlich knurrend und schnappend seine Position, um den Welpen zu zwingen, bei günstiger Gelegenheit selbst flink zuzubeißen und Obacht zu geben, daß der Gestellte nicht aus seinem Schutz hervorschnellt und ihn überwindet, aber auch eine Weile geduldig bei der "wehrhaften Beute" Wache zu halten bis die anderen Geschwister anlangen gehört zum Training dazu.
Nur bei Teilnahme mehrerer Welpen gibt sich der Erzieher am Spielende nach ausreichend langer "Verteidigung" der Übermacht seiner grimmig entschlossenen Verfolger, sprich: seiner vielversprechenden Sprößlinge geschlagen.
Kennzeichnend für alle hier beschriebenen Spiele unter Anleitung des erziehenden Hundes ist, daß sie dem Welpen dazu verhelfen, die ihm angeborenen natürlichen Bewegungsformen und Verhaltensweisen hinreichend einzuüben beziehungsweise abzureagieren. Daher sind die Spiele für den Welpen eine Belohnung. Der Welpe wird niemals gezwungen mitzumachen; der Ältere bietet das Spiel an, und wer mitmachen will, ist herzlich willkommen! Der Spielablauf ist auch nie starr festgelegt. Es gibt zahl-
reiche Varianten zu den hier gelieferten Beschreib-ungen. Spiel heißt freie Entfaltung, freie Kombination von Möglichkeiten und was auch immer der Welpe von sich aus zum Spielverlauf beiträgt wird vom Erzieher akzeptiert. Das läßt sich sehr schön beobachten, wenn der ältere Hund es gleich mit mehreren Welpen zu tun hat. Obwohl er prinzipiell mit allen dieselben Spiele übt, kann sich deren Ablauf ganz erheblich voneinan-der unterscheiden, da die Kleinen unterschiedlich ent-wickelt sind und sehr verschiedene Interessenschwer-punkte haben können. Hundeeltern oder Zieheltern haben ein immens feines Gespür für den Entwicklungs-stand und die besonderen Talente ihrer Schützlinge!
Ein Welpe, der von einer instinktsicheren Mutterhün-din bzw. seinem Vater aufgezogen wird, oder mit acht Wochen in die Obhut einer Adoptivmutter gelangt, hat etwa gegen Ende des vierten Lebensmonats den Groß- teil seiner theoretischen Ausbildung absolviert.

II.6. Erziehung im Jagdrevier

Etwa zu Beginn des fünften Lebensmonats, wenn der junge Jagdhund durch die diversen Lernspiele mit Mutter, Vater oder Ziehmutter das nötige Rüstzeug entwickelt hat, darf er mit in ihr Jagdrevier . Da sie ihr Angebot an Spielen nun deutlich reduziert, der Junghund bereits aus Erfahrung weiß, daß es durchweg positiv ist, etwas gemeinsam mit ihr zu unternehmen, folgt er auch im Revier ohne weitere Aufforderung.
Bei der folgenden Beschreibung der Lehre des Junghundes sei berücksichtigt, daß es in diesem Beispiel um Stöberhunde, nicht um Vorstehhunde geht.
Fast den ganzen fünften Monat über tut der Junghund nichts anderes, als zuzuschauen. Sobald der vierbeinige Erzieher in ein Gebüsch oder weiten Wildwiesenabschnitt läuft, postiert sich der Lehrling vorzugsweise auf einem höheren Geländepunkt, von dem aus er möglichst viel des zu bejagenden Terrains überschauen kann. Liegt der Ausguck einmal versehentlich im Aktionsradius des Älteren, wird der Junghund recht unsanft angeraunzt, weil er im Wege steht und stört. So achtet er bald von selbst darauf, sich rechtzeitig woanders aufzustellen, falls der jagende Erzieher in seine Richtung arbeitet. Nie macht der vom Großen ja bereits in anderen Bereichen disziplinierte Junghund Anstalt-en, sich ins Jagdgeschehen einzumischen, und nie nimmt der Ältere von seinem Lehrling sichtbar Notiz, sofern dieser eben nicht stört. Der fünfmonatige Junghund lernt, auf jede stimmliche Äußerung des Erziehers zu achten und zu erkennen, welche Konsequenzen dessen vielfältige Vorgehensweisen haben.
Zu Beginn des sechsten Monats fordert der Ältere seinen Lehrling dann plötzlich auf, mitzumachen: Bevor er zum Stöbern in einer Dickung verschwindet, hält er an, schaut zum Junghund, wufft leise, wartet, bis der Jüngere neben ihm Aufstellung nimmt und eilt erst jetzt ins Gebüsch, nun gefolgt vom „Assistenten", dessen Präsenz mit einemmal ohne weiteres akzeptiert wird.
Die Assistentenzeit sieht zunächst so aus, daß der Junghund alle Bewegungen beim Stöbern, Hetzen und neuerlichen Suchen getreulich mitmacht, freilich stets ein kleines Stück hinter dem Erzieher und ohne ihn zu behindern. Ob der ältere Hund der Spur eines Kaninchens folgt, oder es bereits vor sich eräugt, die Beute innerhalb eines Suchabschnittes entkommt oder hakenschlagend und mit geschickten Luftsprüngen aus dem Dickicht flieht, stets
klingt das Bellen, der Laut, des Älteren anders. So lernt der Junghund rasch, die stimmlichen Äußerungen korrekt zu interpretieren, beziehungsweise nachzu-ahmen. Der jagderfahrene Erzieher lehrt seinen Assistenten, wie man mit hoher Nase sucht, wie
effektives Stöbern aussehen muß, wann eine Hatz sinnlos ist und deshalb abgebrochen werden sollte. Und, daß man sich vom Fluchtverhalten schneller, wendiger Beute nicht narren läßt.
Zum Ende des sechsten Monats hat der Assistent begriffen, wann es für den Jagdablauf notwendig ist, lautlos an die Beute zu pirschen und vorzustehen, oder am Ende des Stöberns die Beute aus dem Dickicht zu „sprengen" sowie zu hetzen und ähnliches. Der junge Hund hat gelernt, Wind- Boden- und Bewuchsverhältnisse richtig in seine „Berechnungen" mit einzubeziehen. Er hat auch seinem Erzieher gezeigt, wo er, der Junghund, seine besonderen Talente besitzt.

In einem Falle beispielsweise zog eine Cockerhündin einen English Springer auf, und da die Erzieherin kleiner, gewandter und somit im dichten Brombeergestrüpp. in den Wildhecken und dem Unterholz des Waldrandes beweglicher und wirksamer arbeitete, übernahm sie vorwiegend die Aufgabe des Stöberns und Treibens in derartigen Geländeabschnitten. Der Springer, der seine beschriebene Assistentenzeit erfolgreich beendet hatte, und nun knapp sieben Monate alt war, umkreiste indessen lautlos das jeweilige Gebüsch. Gab die Cockerhündin endlich mit Sichtlaut zu verstehen, daß sie der Beute nahe war. galoppierte der Springer in die günstigste Position am Dickungsrand. Erfahrungsgemäß trieb der Cocker die Beute so mit dem Wind, daß der harrende Springer dank Laut des Treiber-Hundes und der Wildwittrung im letzten Augenblick fast exakt dort Aufstellung nahm, wo Sekunden später die Beute heraussprang.
Auf ebener Strecke der entschieden Schnellere, übernahm der Springer unverzüglich die laute Hatz. Je nach den Gegebenheiten versuchte er, die Beute im Alleingang zu stellen. oder sie auf die aus der Dickung herbeieilende Erzieherin zuzutreiben. Ein einziges Bellen des Cockers aber genügte, um den hetzenden Springer von einer aussichtslosen Verfolgung zurückzubeordern. Der junge Helfer galoppierte ohne Verzug zurück zur Älteren. Befand im umgekehrten Falle die Cockerhündin die Erfolgsaussichten für gut, schloß sie sich dem Springer unter erregtem Sichtlaut an, und die beiden nahmen die verfolgte Beute in die Zange.
In weniger dicht bewachsenem Terrain beziehungsweise unter günstigen Bedingungen der Einzelarbeit forderte die Erzieherin den Assistenten mit einem typischen Laut auf, ihr zunächst bei der Suche zu helfen. Dann stöberten die beiden Spaniels gemeinsam in Linie nebeneinander oder aufeinander zu, ganz wie die Notwendigkeit es erforderte. Sobald einer dieser Zweier-Meute auf Beute stieß, brach der andere seine Suche sofort ab und übernahm entweder den Part des „Beuteempfängers" außerhalb der Deckung, oder er half, das Wild in die Zange zu nehmen. Nach einigen Wochen bildeten die beiden Hunde ein hervorragend aufeinander eingespieltes und entsprechend diszipliniertes Team, dem es gut gelang, Wild zu stellen.
Dabei zeigte sich nun, daß auch das Abtun der Beute zur Ausbildung gehört! Das erste Wildkaninchen beispielsweise, das die beiden Spaniels im Team erbeuteten, wurde vom Springer eingeholt, doch die Erzieherin eilte sofort zur Stelle, nahm dem Assistenten die Beute aus dem Fang und tötete sie.

Dieser Vorgang wiederholten sich etliche Male; stets bestand die Ältere auf dem Recht, die Beute abzutun, während der Assistent zwar erregt, jedoch ohne einzugreifen zuschaute. Als dieser schließlich erstmals die Erlaubnis erhielt, sich selbst am Abtun zu versuchen, gelang es ihm auf Anhieb: er packte ein Karnickel am Genick und tötete es unter leichtem Schütteln mit der sogenannten Brechschere binnen eines Augenblicks. All dies änderte freilich nichts an der Tatsache, daß der Assistent seine Beute nach wie vor bei der Erzieherin abliefern mußte. Und er tat dies, sicherlich dank der bisherigen Lernerfahrungen, ohne Zwangsmaßnahmen der Älteren.
II.7. Jagdtechniken
Noch einmal kurz zurück zur Fangtechnik ohne jegliche Beeinflussung durch den Menschen.
Außer dem bereits beschriebenen Vorgehen zeigte der Springer Spaniel eine interessante Methode im Zusammenhang mit dem sogenannten Mäuselsprung: In hoher Vegetation suchte er zunächst mit der Nase auf dem Boden. Dann arbeitete er sich mit senkrechten Sprüngen, die ihn über den bis zu 1,20 Meter hohen Bewuchs brachten, schnell an die Beute heran und trieb diese kurze Zeit vor sich her. War er auf diese Weise nahe genug ans Wild gelangt, machte er einen letzten kraftvollen Sprung, wobei er die Rute deutlich zum Gegensteuern einsetzte. Dabei stieß er von oben auf die Beute herab, drückte sie mit den Vorderpfoten zu Boden, packte sie am Genick, um sie dann wie beschrieben abzutun. Mittels Mäuselsprung wurden Mäuse, Ratten, Vögel und Kaninchen erbeutet.
Enten im Schilf oder im Wasser nahe des Ufers hingegen wurden lautlos gegen den Wind angepirscht, dann folgte kurzes Verharren in möglichst geringster Entfernung und schließlich in einem weiten Satz der (meist erfolglose ) Sprung auf eine Ente oder mitten zwischen die Breitschnäbel.
Bei Wasserwildküken wurde eine ganz andere Technik bevorzugt. Der Springer Spaniel pflegte nämlich aus erfolgversprechender Distanz ins Wasser zu gleiten und unendlich langsam und sehr leise auf die Küken zuzuschwimmen. Da Enten ein nur sehr grobes Bild von ihren Artgenossen haben, flohen die Küken nicht etwa vor dem braunen, aus dem Wasser ragenden Hundekopf, sondern schwammen
vertrauensselig darauf zu. Das war genau die Reaktion, auf die der Sprin ger wartete. Er blieb folglich behut- sam wassertretend auf der Stelle stehen, die Küken kamen neugierig in die Reichweite des Hundemauls, und es hätte nur noch des Zuschnappens bedurft, um Beute zu machen. Doch bevor es soweit kam, rief der Zwei-beiner seinen Hund ans Ufer zurück. Er gehorchte auch ohne Murren, schwamm heran, allerdings gefolgt von aufgeregten Küken, die ihren Irrtum erst dann erkannten, wenn der Hund wasserspritzend an Land sprang...!

Die Gewohnheit vor allem junger Hunde, hinter auf- oder tieffliegenden Vögeln kläffend herzugaloppieren, würde ich kaum als Fangtechnik bezeichnen, hätte mich nicht einer meiner Gordon eines besseren belehrt. Die Setterhündin, angespornt von der Erkenntnis, durch senkrechte Luftsprünge Schmetterlinge, Fliegen etc. fangen zu können - diese Erfahrung hatte sie im Welpenalter gemacht -, setzte dieselbe Methode als Junghündin auch bei der Vogeljagd ein. Sie schlich sich leise an auf dem Boden befindliche Vögel heran und schnellte einen Augenblick vor dem Abstreichen des Beutetieres senkrecht in die Höhe, und dies mit derartiger Präzision, daß es ihr tatsächlich gelang, auf diese Weise Beute zu machen. Die Gefährten dieser Hündin, die versuchten, ihre Technik nachzuahmen, verscherzten sich den Erfolg übrigens grundsätzlich durch Ungeduld. Sie waren, anders als die Hündin, nicht fähig, so langsam und geduckt voranzuschleichen, daß die Vögel sich nicht rechtzeitig in Sicherheit brachten.

II.8. Die Pubertätsphase
Meine erste Gordonhündin Gina war schon mit sieben Monaten ein außerordentlich folgsamer Hund und vor allem: sie gehorchte freudig. Selbst den Downpfiff vollführte sie mit wedelnder Rutenspitze und aufmerksam hochgezogenen Behängen. Freilich, sie hatte zwei ältere Hündinnen als Vorbild und Erzieher und anlagenmäßig einen hohen Grad an Führigkeit.
Mit siebeneinhalb Monaten begann Gina, zunächst kaum merklich, meine Weisungen etwas zögernder zu befolgen. Bald gestattete sie sich die Freiheit, erst ihre eigenen Unternehmungen zu beenden, bevor sie meinen Pfiff beherzigte. Mit acht Monaten schließlich lehnte sie sich offen gegen den Gehorsam auf. Pfiff ich, kam sie bis auf zwei, drei Meter heran und sprang kläffend und heulbellend eine geraume Zeit um mich herum.

Da ich schweigend stehen blieb, ohne die Weisung zu wiederholen, kam sie immer näher, drückte sich blaffend und wedelnd vor mir auf den Boden, sprang wieder zurück
und setzte ihren Teufelstanz fort. Das ging etliche Minuten so, bis sie sich schließlich vor mich setzte, wie ursprünglich gefordert, und freundlich meine Hand anstupste. Im Laufe der nächsten Wochen jedoch schien Gina sämtliche Weisungen zu vergessen. Wenig später trat die erste Läufigkeit ein. Gina war also zweifellos in der Pubertät.
Wenn Hunde sich der Geschlechtsreife nähern, spielen sich körperliche und seelische Veränderungen in ihnen ab, die sie, je nach Charakter, zum Aufbegehren gegen oder Kuschen vor dem bisher anerkannten Meister veranlassen. Der eine Hund reagiert plötzlich, ohne zunächst erkennbaren Grund, äußerst ängstlich und unsicher auf seine gewohnte Umwelt, klebt förmlich an seinem Herrn, wirkt aber eher lustlos und verstört beim Gehorsam, verlangt ein großes Maß an Zuwendung und scheint in seiner Stimmung ständig zwischen übernervösem Tatendrang und befristeter Lethargie zu schwanken. Dieser Typ erweckt den Eindruck, ständig eine Tracht Prügel von Unbekannt zu erwarten und folgt mit gesenkter Rute und hängenden Hauptes seinem Menschen.
Die andere Variante ist der Typ wie Gina. Er ist ständig überdreht, rebelliert gegen alles und jeden, hat kaum die innere Ausgeglichenheit, längere Zeit zu ruhen oder gar zu schlafen, und provoziert seine Artgenossen nicht weniger als seinen Zweibeiner.
Natürlich kann sich die Pubertät auch weniger drastisch zeigen, doch Spannungen in puncto Gehorsam, Umweltsicherheit und Vertraulichkeit mit gleichgeschlechtlichen Artgenossen treten fastimmer auf. Innerhalb einer Jagdhundgruppe geht es während der Pubertätsphase der Jüngsten recht turbulent , doch ohne gefährliche Aggression zu. Das Verhalten der Junghunde unter sich und gegenüber den Eltern oder Adoptiveltern erinnert eher an freche Streiche aus der Welpenzeit. Es wird versucht, den Älteren Futter zu stehlen, die Aufforderung zum Rückzug bei der echten oder gespielten Jagd wird geflissentlich überhört. Die Alten sehen sich ab und zu provokant angerempelt oder gar mit plötzlichen Kampfspielattacken überfallen. Ein selbstsicherer Junghund wird es nicht unversucht lassen, sich genau dort zum Ruhen niederlassen, wo bekanntermaßen der tabuisierte, persönliche Schlafplatz eines Älteren ist. Je nachdem in welchem sozialen Zusammenhang der jeweilige Althund unbedingten Wert auf seine Anerkennung legt, greift er mit kurzem Knurren und Schütteln des
Junghundes am Nackenfell durch. Sonst aber ignorieren die Älteren die Frechheiten der pubertären Flegel zunächst einmal gelassen. Unter sich rangeln die vor der Geschlechtsreife stehenden Hunde wieder häufiger miteinander, es wird bös' geknurrt und vielleicht auch einmal heftiger gezwickt. Aber zumindest bei meinen Cockern, Springern, Gordon und „Engländern" habe ich nie eingerissene Behänge, blutende Bißwunden, durchlöcherte Gliedmaßen oder ähnliches gesehen. Bei Hündinnen frühreifer Rassen kann sich die erste Hitze schon im siebten Monat einstellen. Bei Rüden liegt der Fall nicht so einfach, denn das Beinheben beim Nässen bedeutet ja keineswegs, daß der Rüde bereits deckfähig ist. Fangen die spätreifen Rüden um den zwölften Monat an, sich immer öfter danebenzubenehmen, Weisungen zu ignorieren, auf eigene Faust loszuziehen, haben auch sie die Pubertätsphase erreicht und werden in Bälde fortpflanzungsfähig sein. Vor allem im Umgang mit Artgenossen verändert der pubertäre Rüde sein Verhalten auffallend. Aus dem einst welpenhaften Benehmen wird jetzt die deutliche Mitteilung, ein möglicher Sexualpartner oder Rivale zu sein.
Für die Hündin geht die Pubertät in ihre Schlußphase, sobald die erste Läufigkeit endet. Eltern oder Ziehmutter fordern nun eine Weile absoluten Vorrang in allen sozialen Situationen und setzen ihre Rechte mit Knurren, Scheinschnappen und Schütteln am Nackenfell unmißverständlich durch. Sie führen sogar Bedingungen herbei, in denen die Jungtiere klar ihre Unterordnungsbereitschaft zeigen müssen. Widrigenfalls werden sie eben mit den schon genannten Mitteln dazu genötigt. Die schon zitierte Gina malträtierte ihre Springer Spaniel - Ziehmutter vorzugsweise damit, daß sie diese von hinten heranpreschend anrempelte und dann mit den wüstesten Spielattacken bedachte. Zu Beginn der Pubertät und während der Hitze der Jüngeren nahm die Ziehmutter den Flegel einfach nicht ernst, ignorierte die Attacken und ging wedelnd fort. Worauf Gina dann ziemlich verlegen in der Landschaft stand. Gegen Ende der Pubertätsphase jedoch reagierte die Ziehmutter plötzlich völlig anders. Kam Gina kläffend angaloppiert, nahm die Ältere die „Herausforderung" sofort an, packte Gina am Nacken, sprang zurück, raste mit übertriebener Kraftdemonstration erneut gegen die Setterhündin, zwickte ihr in den Nacken, wich zurück und attackierte wiederum mit Vehemenz. Sie machte Gina regelrecht nieder. Erst wenn jene ziemlich kleinlaut auf dem Rücken lag und nicht einmal mehr die Rutenspitze zu bewegen wagte, stupste die Ziehmutter ihr freundlich das Maul, schüttelte sich und ging wedelnd davon. Ein paar Wiederholungen, und Gina getraute sich nicht mehr, die Ältere mit ihren Flegelhaf-tigkeiten zu belästigen.
Daß die Anerkennung des bisherigen Erziehers durch den nun erwachsenen Junghund keineswegs eine Frage realer körperlicher Überlegenheit ist, zeigt ein weiteres Beispiel mit Gina: Mußte ihre Springer-Ziehmutter noch „handgreiflich" werden, hatte der ranghöchste Hund der Dreiergruppe (eine winzige Cockerhündin und selbst Ziehmutter des Springer Spaniels) das überhaupt nicht nötig. Schon zu Beginn der Pubertät und während der Läufigkeit Ginas reichte es vollauf, wenn der Cocker auf respektloses Benehmen der Setterhündin drohend knurrte. Als Gina zum Ende der Pubertätsphase noch einmal alle Energie zur Revolte konzentrierte, um ihre Rangposition auch gegenüber dem vierbeinigen Rudelchef zu klären, warf dieser nur drohende Blicke, und Gina gab klein bei. Eigentlich hätte die 20 Zentimeter höhere, kräftigere und schwerere Gina die grazile, fliegengewichtige Cockerhündin ohne Schwierigkeiten ausschalten können - statt dessen warf sie sich schon auf den Boden, wenn der winzige Chef nur bös' äugte.
Mit der Pubertät endet die Lehrzeit des Hundes. Was er in den vergangenen Monaten gelernt hat, wird, wie der Erzieher selbst, auf der Schwelle zum Erwachsenwerden geprüft und im positiven Falle für gut befunden. Im negativen Falle geschieht, was man „aus der Hand gehen" nennt. Der Hund stellt also endgültig fest, daß sein Herr nicht wirklich zum Meuteführer taugt und übernimmt diese Position selbst. Das drückt sich auch dadurch aus, daß der erwachsene Hund eben nicht zum freiwilligen, freudigen Gehorsam findet und von nun an, wann immer möglich, seine eigene Überlegenheit über den Herrn demonstriert. Er nimmt sich Freiheiten und unangemessene Behandlung seitens des aus der Sicht des Hundes rangtieferen Menschen heraus, zum Beispiel Knurren, Scheinschnappen, vielleicht sogar Beißen. Was bisher vernachlässigt wurde hinsichtlich Erziehung, Jagdausbildung, Dominanzverhalten und positiver Autorität seitens des Menschen, kann nach der Pubertät nur sehr mühsam gutgemacht beziehungsweise nachgeholt werden.

Foto 7, 14, 19, 21 Dorsch-Rieger. Foto 22 Bögli

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