Was
bedeutet "Autorität" für den Hund?
Von Sabine Middelhaufe
Jedes Lexikon bietet zwar eine Definition des Begriffes Autorität",
aber wir erhalten dort keine Auskunft darüber, wie sie
entsteht und angewandt wird - erst recht nicht beim Hund, und
schon gar
nicht beim Vertreter einer bestimmten Hunderasse. Um
zum Beispiel meinem Husky eine Autorität zu sein, also die aufgrund
meiner Erfahrungen und Leistungen von ihm anerkannte Persönlichkeit,
der er im Bedarfsfalle folgt, muß ich ja erst einmal wissen,
welche Erfahrungen und Leistungen, und auch wel -che psychischen
Merkmale dem Vertreter dieser Rasse überhaupt etwas bedeuten,
wie er sie erkennt, wie sie ihm hundegerecht demonstriert werden
und in welcher Weise und in welchem Maße er einer anerkannten
Autorität" dann wirklich folgt. Mit anderen Worten:
Erst wenn ich weiß, wie Huskyel- |
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tern
ihre Sprößlinge erziehen und ausbilden, welche Verhältnisse
zwischen den Eltern und ihren bald erwachsenen Nachkommen herr -schen,
welche Rechte der Einzelne innerhalb der Gruppe genießt und
wie er sie aufrechterhält und vieles mehr, kann ich entscheid-en,
was ich selbst tun muß, um meinem Husky gegenüber Autorität
und Familienoberhaupt zu sein. Ohne dieses vorherige Wissen lau
-fe ich Gefahr, entscheidende Fehler beim Umgang mit dem Hund zu
machen. Entweder verzichte ich ganz auf die Schaffung einer Beziehung,
in der ich gewisse Vorrechte habe und gewisse Leist-ungen von meinem
Hund fordern kann, weil ich nämlich festgestellt habe, daß
es gar nicht so einfach ist, einen Husky im landläufigen
Sinne zu erziehen. Oder ich folge ahnungslos einem Erziehungs-konzept,
das zwar meinen Vorstellungen wünschenswerter Leistung
-en des Hundes entspricht, aber mitnichten den rassebedingten Fähigkeiten,
Möglichkeiten und Bedürfnissen dieser speziellen Rasse.
Huskys gelten als sehr selbständig in ihrem Handeln und hinsichtlich
ihrer sozialen Bedürfnisse als ziemlich unabhängig
vom Menschen. |
Dackel,
heißt es, sind stur und schwer zu dominieren".
Münsterländern hingegen sagt man nach, wun-derbar leichtführig
zu sein, also sehr willig, sich den Forderungen des Menschen
unterzuordnen.
Für diese drei Beispielrassen bedürfte es nicht nur verschiedener
Arten, Autorität zu demonstrieren, denn bedenkt man, daß
sie für ganz unterschiedliche Leistungen gezüchtet werden,
leuchtet es ein, daß den Dackel auch ganz andere Fähigkeiten
seines menschlichen Bosses beeindrucken werden als den Hus -ky oder
Münsterländer.
Wovor wir uns bei der praktischen Umsetzung des Autoritätsbegriffes
also hüten müssen, ist erstens, alle Rassen über
einen Kamm zu scheren, und zweitens Gehorsams- und Leistungsanforderungen
an ein-en Hund zu stellen, die er aufgrund seiner Rassezugehörigkeit
(und individuellen Fähigkeiten) über-haupt nicht erfüllen
kann.
Ich setze hier einmal als selbstverständlich voraus, daß
kein Hundefreund auf die Idee käme zu ver-suchen, seinen Dackel,
Husky usw. durch Schläge, Tritte, Stachelhalsband, Teletakt,
Zwingereinzel-haft, Futterentzug und ähnliche Formen der Mißhandlung
dazu zu nötigen, die menschliche Autorität anzuerkennen
bzw. auf dieser Grundlage Leistungen zu erbringen. Und ebenso setze
ich voraus, daß es kein Hundefreund, aus welchen Gründen
auch immer, unterlassen würde, die Talente seines Vierbeiners
hinreichend und angemessen zu fördern, um u.a. dadurch zur
anerkennenswerten Autorität zu werden. |
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Ich
sagte eingangs, daß wir nur von sehr weni-gen Rassen wissen,
wie ihr Familienleben als natürliches Vorbild der Mensch-Hund-Bezieh
-ung eigentlich funktioniert.
Aus meinen eigenen Beobachtungen an Spani-els, Laufhunden und
Settern möchte ich einmal in groben Zügen nachzeichnen, was in
einer solchen Gruppe abläuft.
Das Spiel zwischen Mutter und Welpen ist schon recht früh dadurch
gekennzeichnet, daß sie die Kleinen klare Benimmregeln lehrt.
Zu festes Zupacken und Zerren am mütterlichen Nacken etwa
wird bei Kampfspielen konse- |
quent abtrainiert", wobei zu fest" natürlich
relativ ist und von der Schmerzempfindlichkeit des jeweiligen er-wachsenen
Hundes abhängt. Jedenfalls lernt der Welpe im zweiten und dritten
Lebensmonat bereits, wie weit er bei den Älteren gehen darf,
und daß mangelnde Selbstbeherr- schung für ihn unangenehme
Folgen hat. Dennoch fördert der erwachsene Hund den Kleinen
immer wieder dazu auf, ihn mutig, geschickt und hartnäckig
anzugreifen", seiner- seits mit den Spielattacken des
Älteren fertig zu werden und das Signal zum Kampfabbruch zu
respektieren. Die Großen haben folglich nichts gegen Kampfspiele,
sie be-stehen indes auf einem kontrollierten Einsatz der Zähne.
Ferner lernt der Welpe, das Recht des erwachsenen Hun- |
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des
an der Beute" anzuerkennen, ihn nicht mit Spielan-trägen
zu belästigen, wenn der Ältere ruht oder ander-weitig
ernsthaft" beschäftigt ist und vieles mehr. Beide
Elternteile legen demnach sehr frühzeitig fest, in welchen
Zusammenhängen sie Vorrechte fordern, welche Manier-en"
akzeptabel sind, und sie beweisen, daß sie unzweifel-haft
imstande sind, die Hausordnung" durchzusetzen und
aufrechtzuerhalten.
Aber natürlich pflanzen sie nicht nur Verbotsschilder in die
Welt der Junghunde. Sie zeigen ihnen auch ganz klar, daß sie
die Anlagen und Bedürfnisse ihrer Sprößlinge zu
fördern bzw. zu befriedigen verstehen.
Für den Menschen heißt das, es reicht nicht, dem achtwöch- |
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igen
Welpen notwendige Tabus zu setzen. Er muß dem
jung-en Hund auch von Anfang an demonstrieren, daß das, was
für den Kleinen der große Antrieb ist, das Ziel, das
ihn aufgrund seines rassebedingten und persönlichen genetisch-en
Make-ups unwiderstehlich anzieht, in unserem Beispiel also das
Jagen, vom Menschen meisterlich beherrscht wird. Daß die
Junghunde ihren Eltern auch mit fünf, sechs Monat-en noch
folgen, sofort zur Stelle eilen, wenn gerufen", liegt
ja nicht daran, daß Papa sie im zarten Alter mal heftig
gebeutelt hat, als sie frech waren. Vielmehr folgen die Jun-gen
ihren Eltern. weil
diese kontinuierlich beweisen, daß sie in der Tat die besseren,
erfahreneren, erfolgreicheren Praktiker in ihrem gemeinsamen
Beruf
sind. Erfolg sichert |
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den Älteren ihre Position und ermöglicht den Jüngeren
außerdem, ihre eigenen Talente zu perfektion-ieren, denn wahre
Meister bilden auch besonders gute Gehilfen heran. Bedenkt man nun
noch, daß es dem Hund die denkbar tiefste Befriedigung verschafft,
erfolgreich in dem Bereich zu arbeiten, für den er bestimmt
ist, verwundert es eigentlich nicht, daß der berufstätige" Hund
eben dem Menschen am innigsten verbunden ist, gerade
ihm folgt, ihn als Autorität behandelt, der ihm die
Feinheiten des Jobs bei-gebracht hat und nun aktiv mit ihm arbeitet.
Natürlich hat diese hundegemäße Autorität auch
ihren Haken, denn ob Zwei- oder Vierbeiner - wer seine Meisterschaft
einbüßt oder von seinem Gehilfen übertroffen wird,
der verliert eben seine Position als Leitfigur, als Boß. Zwar
kann man einen Hund bluffen, und je weniger gut er für seine
bestimmte Aufgabe veranlagt ist, desto einfacher geht das, aber
der wirklich talentierte, zum Meister aufgestiegene Hund durchschaut
sehr rasch, daß Mensch oder Eltern nicht mehr können,
wie früher mal, und damit schwindet ihr Führungsanspruch,
schwinden ihre Vorrechte auch in anderen Bereichen, ja, schwindet
eben ihre Autorität. Damit der Hund seinen Menschen lebenslang
als Autorität im Beruf und nach Feierabend" anerkennt,
muß der Mensch dafür sorgen, daß seine Leistungen
und Führungsqualitäten, aus der Perspektive des Hundes
gesehen, immer eine Nasenlänge vor denen seines Mitarbeiters
rangieren. So bleibt für den Hund der Anreiz bestehen, in Gemeinschaft
mit seinem Menschen zu arbeiten, und so bleibt auch seine Bereit-schaft
bestehen, ihm, dem Boß, zu folgen, zu "gehorchen".
Man darf also wohl ganz allgemein sagen, daß die Voraussetzungen
für die Entstehung einer "Autori-tätsperson"
reale praktische und psychische Fähigkeiten sind. Folge der
Autorität ist die Anerkenn- |
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ung
der Anführerschaft und Vorrechte dieser Person. Autorität
ist aller -dings für keinen Hund, ganz gleich welcher Rasse,
ein starres, unverän-derliches Etwas. Die Autorität wird
ganz im Gegenteil fortwährend ge-prüft, durch die Reaktion
auf sie bestätigt oder angezweifelt, und wenn starke Zweifel
sich als berechtigt erweisen, übernimmt eine andere Per-sönlichkeit
die Position und Funktion der Autorität und stellt damit inner
-halb der Gruppe wieder klare Verhältnisse her.
Die "richtige" Erziehung und Ausbildung des Hundes
ist ein ganz wesent
-licher Bestandteil der Hundehaltung und hat nicht nur für
den Hund selbst eine extrem große Bedeutung. Ohne klare Verhältnisse
zwischen Lehrer und Schüler, und das heißt eben auch:
ohne eine anerkennenswerte Autorität, kommt man dabei jedoch
nicht sehr weit. Wir sollten es also als dringliche Aufgabe betrachten,
durch die Beobachtung von Rassehun-defamilien dahinterzukommen,
inwiefern sich das Autoritätsbild des |
Zwergpudels
von jenem der Dogge unterscheidet, welche Demonstrationsform
der
Autorität den Salu-ki anspricht, und welche den Mops, was die
Autoritätsperson aus der Sicht eines Abruzzenschäferhun
-des können muß usw., denn erst wenn Mensch und individueller
Hund mit Autorität" dasselbe meinen
und verwirklichen, besteht wirklich Hoffnung auf eine gute Zusammenarbeit
und ein problemlos Zusam -menleben. |
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Foto
1 und 8 Daniele Chiefa
Foto 2: Laura Ferrari
Foto 3: Cornelia Bögli
Foto 4-7: Sabine Middelhaufe |
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