Der alte Hund
Von Sabine Middelhaufe

Unsere Gesellschaft hat sich in einen derart infantilen Jugendkult hinein gesteigert, daß man eigent-lich verständsnisvoll darüber lächeln müßte, wie bei pubertierenden kids, deren ganzes Lebensglück von einem endlich wieder pickelfreien Gesicht abzuhängen scheint. (Und sind die Pickel dann wirklich Geschichte, hängt das Glück natürlich längst von etwas ganz anderem ab.)
Das Lächeln erstarrt einem allerdings auf den Lippen, wenn man mal nachrechnet, mit welchen Summen sich die (vermeintlichen) Exorzisten des Dämons Alter ihre Dienste entlohnen lassen. Die jährlichen Profite der Industrie für Ewige Jugend könnten viele, viele hungrige Münder stopfen, grundlegende Gesundheit, Kleidung, Obdach, Bildung bieten (gemäß den jeweiligen lokalen Gepflogenheiten und Be-dürfnissen der Notleidenden, versteht sich).
Aber nein, die eigene Eitelkeit zählt halt doch mehr als der Hunger anderer. Hersteller und Anbieter können sich weiterhin hochzufrieden die Hände reiben, denn all die Salben, Pülverchen, Tropfen, Tab-letten, Bücher, Kuren, chirurgischen Eingriffe etc.pp., die ein perfekt jugendfrisches Aussehen, eiser-ne Gesundheit, himmelstürmende Sexualkraft und was nicht alles prophezeien, sind beinahe ein so gutes Geschäft wie die Rüstung. Bezeichnenderweise kämpfen beide gegen einen Feind; und ist das Alter nicht ebenso erschreckend wie ein Terrorist? Fast erstaunt es, daß noch niemand einen speziellen No-belpreis für die effektivste Anti-Falten-Creme oder Lifting-Methode bekommen hat, schließlich stellt sich der innere Frieden bei Mann und vor allem Frau scheinbar erst dann ein, wenn das Spieglein an der Wand die vergangenen 20, 30 Jahre nicht mehr anzeigt.

Laufhund Jonas, oben mit 5 Mon., rechts im Alter von fast 14 Jahren.
Hunde bekommen die ersten weißen Haare im Gesicht (je nach Fellfarbe mehr oder weniger deutlich zu sehen) meist irgendwann zwischen dem 5. und 8. Geburtstag. Die nachlassende Elastizität der Haut schreitet normalerweise so gemächlich voran, daß man ihre sichtbare Wirkung oft erst durch den Vergleich mit früheren Fotos feststellt: die veränderte Rücken-und Bauchlinie verrät das zunehmende Alter. Gottlob verzweifeln unsere Hunde nicht beim Anblick ihres Spiegelbildes, und ich nehme an, niemand greift zum Haarfärbemittel, um seinen Vierbeiner optisch zu verjüngen.
Auch um unseren Freund faktisch möglichst lange fit zu erhalten braucht's keine bunten Tabletten, Tröpfchen oder Tricks, sondern viel, viel artgemäße Bewegung an der frischen Luft und bei jedem Wetter (sofern der Tierarzt aus triftigen Gründen keine diesbezügliche Einschränkung anrät), sinnvolle, den individuellen Anlagen angemessene Beschäftigung mit uns Zweibeinern (denn das schafft körperliche und seelische Befriedigung, Ausgeglichenheit und hält die intellektuellen Fähigkeiten in Schwung) sowie vernünftige Unterbringung (also weder neben der Heizung, noch im feuchten Zwinger).
Beim jährlichen Impftermin auch gleich den Zustand der Zähne begutachten und bei der Hündin das Gesäuge sorgfältig abtasten, bei betagten Vierbeinern durch eine simple Urin-und Blutuntersuchung die Funktionstüchtigkeit der Nieren und sonstigen Organe prüfen zu lassen gehört noch dazu, und dann selbstredend die angemessene Ernährung.
Letztere ist in der Hundehaltung ein ebenso heikler Punkt wie der Tierarzt, der sie empfiehlt. Fangen wir mal mit dem letzteren an.
Giada, links mit 6 Mon., rechts knapp 11 Jahre alt
Statt "Tierarzt" sollte man eigentlich "Tierarzt des Vertrauens" sagen und diese Unterscheidung sehr ernstnehmen. Gerade wenn der Hund in die Jahre kommt, steigt die Wahrscheinlichkeit, uns öfter im Behandlungszimmer aufzuhalten als uns lieb ist. Und mehr denn je wollen wir darauf vertrauen können, daß unser Vet gesundheitliche Störungen des vierbeinigen Gefährten möglichst frühzeitig erkennt, korrekt benennt und so wirksam wie möglich behandelt - ohne uns dadurch an den Bettelstab zu bringen, zu unnötigen Untersuchungen, Eingriffen und Medikamentengaben zu "überreden", und erst recht ohne uns zu ahnungslosen Versuchskaninchen irgendwelcher neuen Produkte zu machen.
Daß er Zeit für uns und den alternden Pazienten hat ist ebenfalls wesentlich, denn um den in Ehren ergrauten Hund auch daheim richtig zu behandeln, müssen wir verstehen, was ihm fehlt, was das im größeren Zusammenhang des Alltags bedeutet, möchten wir wissen, ob es Alternativen zu einem bestimmten tiermedizinischen Vorgehen gibt, möchten wir verstehen, ob die oft sehr kostspieligen Untersuchungen einfach nur möglich oder tatsächlich nötig und sinnvoll sind.
Gerade bei unklaren Krankheitsbildern, die beim alten Hund oft und gern auftreten, kann der Tierarzt eine Fülle von Examen durchführen und pharmazeutische Neuigkeiten ausprobieren, und beides ist aus seiner Sicht ohne weiteres zu rechtfertigen. Frage ist bloß: wie nützlich ist das alles am Ende für den Pazienten? Wieviel Lebensqualität bleibt ihm angesichts der natürlichen Veränderungen, die das Altern nun mal mitbringt, der gesundheitlichen Störungen, die die täglichen Medikamente nur befristet und nur teilweise lindern, der Einschränkungen, die sich aus diesen Störungen ergeben, angesichts auch der häufigen Tierarztbesuche, die wohl nur sehr wenige Hunde auf die Dauer lieben. Kurz: es kann nicht das Ziel sein, den alten Hund einfach nur möglichst lange am Leben zu erhalten, sondern ihm so lange es geht ein aktives, freudiges Dasein und seine Dignität als fühlendes und intelligentes Lebewesen zu erhalten. Das Recht, zu sterben bevor leben zur Qual wird gehört unbedingt dazu. Ein Tierarzt, der da einfach nur entgegnet:"Na, wenn Ihnen der alte Hund die Ausgaben für diese oder jene Untersuchungen nicht wert ist......" verdient die Bezeichnung "Tierarzt des Vertrauens" wohl kaum. Zuletzt sei auch noch bedacht, daß es mit ziemlicher Sicherheit dieser Tierarzt sein wird, der uns und unserem vierbeinigen Lebensgefährten eines (hoffentlich noch sehr fernen) Tages beistehen wird, wenn letzterer seine Reise in die Ewigen Jagdgründe antritt. Man wähle ihn also mit Bedacht....
Baky, oben als junge Hündin, rechts mit 11 Jahren "in Ehren verblaßt"
Der Vet wird uns beim Routinebesuch wahrscheinlich irgendwann darauf hinweisen, daß alte Hunde andere Nahrungsbedürfnisse haben als junge. Erst recht, wenn der Senior bereits unter bestimmten Störungen leidet. Und mit fast vollkommener Gewißheit wird uns der Vet zur Gabe eines Markenfutters raten, bzw. im Krankheitsfalle zu speziellem Diätfutter. Das leuchtet uns ein, wir nicken, denn der Schlag trifft uns erst später, beim Bezahlen im Futterladen.
Ob Tierärzte auch egoistische Gründe haben, um Spezialnahrung zu empfehlen, weiß ich nicht. Ob dieses Futter wirklich so lupenrein und wundersam ist wie Vet und Hersteller versichern, weiß ich ebenso wenig. Was ich hingegen sagen kann, ist, daß die Nahrungsbestandteile in den Beuteln und Packungen mit Goldstaub angereichert sein müßten, um den Preis zu rechtfertigen.
Die Hypothese sei erlaubt, daß da ganz gelassen unsere Bereitschaft ausgenutzt wird, unserem Hund, speziell in bedeutsamen Lebensabschnitten, wie Welpenalter, Schwangerschaft, Krankheit und Alter, nur das vermeintlich Beste zu bieten.
Nützt es tatsächlich, das "medizinische Futter"? Die Hersteller bejahen und weisen Untersuchungen vor; die Tierärzte bejahen, und verweisen wahrscheinlich oft auf eben diese Untersuchungen und ein paar Fälle aus der eigenen Praxis.
Als mein Veteran Jonas im 14. Lebensjahr nach jeder Fütterung deutliche Symptome von Unwohlsein manifestierte, die zunehmend länger anhielten, eilten wir zum Vet. Das Resultat diverser Untersuchungen brachte u.a. eine Niereninsuffizienz ans Licht, und der Tierarzt riet mir dringend zur künftigen Fütterung mit Spezialnahrung. Mit der denkbar größten Skepsis zählte ich fast ein Viertel meines Monatseinkommens auf den Ladentisch des Futterhändlers, schleppte dafür 14 kg Diätnahrung nachhause, dankte dem Schicksal, daß Jonas die winzigen Futterpillen überhaupt annahm und mußte feststellen, daß er von Stund an nach dem Fressen auch nicht den Ansatz von Unwohlsein mehr zeigte....Eindeutig ein Plus in Sachen Lebensqualität. Aber keine Garantie, daß es bei jedem Hund funktioniert!!
Berryl, links als flotte Junghündin, rechts als alte Dame

In jedem Falle sollten wir nicht einfach blind vertrauen, sondern kritisch prüfen. Das gilt in Bezug auf den Tierarzt, aufs Fertigfutter und natürlich all die Produkte, die uns für unseren alternden Hund ein phantastisches Fell, rheumafreie Knochen, perfekte Verdauung, strahlend weiße, gesunde Zähne, Energie wie in den besten Jahren und vieles mehr verkaufen wollen. Sogar die sg. Alternative Medizin hat den Hundehalter als zahlungswilligen Kunden entdeckt und bietet Kuren, Heilmittel, Behandlungs- methoden jeder Art.
Wohlgemerkt: oft genug helfen diese oder jene Tropfen und Therapien wirklich, aber all das ändert nichts an der Tatsache, daß es für unseren Vierbeiner die Ewige Jugend genauso wenig gibt wie für uns selbst. Altern ist natürlich. Altern gehört zum Leben. Altern ist keineswegs immer angenehm, doch ein Gutteil des Unangenehmen hat psychische Wurzeln: uns ist nämlich von einer weitverzweigten Industrie eingebleut worden, daß Altern nur dann akzeptabel ist, wenn wir ihre natürlichen Begleiterscheinungen geschickt verstecken oder entfernen lassen.
Hunde kennen dieses Problem nicht. Und welche Ausstrahlung haben alte Hundeherrschaften oftmals! Wie überraschend zügig ziehen sich viele junge Rüpel dezent zurück, sobald ein achtbarer Senior die Szene betritt! Ich sehe das derzeit fast täglich. Unser gerade viermonatiger Oberflegel Jens (Deutsch Kurzhaar) spielt gern mit dem knapp einjährigen, derzeit gleich großen Mischling Piru-Piru, und da fliegen dann natürlich die Fetzen. Tritt bei so einer Gelegenheit "Opa" Jonas vors Haus, wo die beiden jungen Nichtsnutze begeistert toben, macht sich Piru-Piru garantiert von seinem Sparring Partner frei, eilt tief wedelnd zu Jonas, stupst und leckt ihm die Mundwinkel, schaut ihm einen Moment ins Gesicht, so als wollte er sich vergewissern, ob der alte Herr keine Einwände hat, und erst danach gehts zur nächsten Spielrunde. So unaufgefordert seinen Respekt zu bekunden fühlt sich der junge Mischling gegenüber den anderen, drei-bis achtjährigen Hunden im Dorf keineswegs verpflichtet. Bisweilen begleitet Piru-Piru uns auch beim Spaziergang und achtet stets peinlichst genau darauf, Jonas nicht anzurämpeln, wenn er bei der Verfolgungsjagd mit Jens haarscharf an ihm vorbeisprintet. Falls es ausnahmsweise doch mal schiefläuft, weil Jens ihm just in dem Moment in den Nacken springt, wenn sie auf Jonas' Höhe sind, "entschuldigt" sich Piru-Piru mit Stupsen, Lecken und tiefem Wedeln unverzüglich für die dreiste Belästigung und würde sich niemals erlauben, den alten Hundeherrn ins wilde Spiel einzubeziehen.
Jens ist da weitaus weniger rücksichtsvoll; vielleicht weil Jonas "sein Opa" ist, und er sich folglich mehr Freiheiten erlauben kann. Mitunter bin ich versucht unwirsch dazwischenzufahren, wenn dieser kleine Unhold Jonas malträtiert. Aber meist bremse ich mich rechtzeitig, in klarer Erinnerung der Lektionen die "Opa" erteilt, wenn er es für angemessen erachtet. Und in klarer Erinnerung, wie betroffen und kleinlaut Jens sich hernach bemüht, sich bei "Opa" wieder beliebt zu machen...

Oh nein, ich will das nun nicht glorifizieren. So wie bei uns gibt es auch unter Vierbeinern solche, die mit zunehmendem Alter immer unver-und unerträglicher werden, und junge Hunde die von Respekt vorm Alter augenscheinlich nie etwas gehört haben. Aber vermutlich hängt beides auch davon ab, wie sie aufgewachsen sind, was irgendwelche Zwei- und Vierbeiner ihnen vermittelt haben.
Um zum Ende zu kommen: zu den vorhin genannten Faktoren, die unserem Hund erlauben, aktiv, freudig und möglichst schmerzfrei zu altern, gehört sicherlich auch unsere eigene, innere Bereitschaft, das Altern als natürlichen Teil des Lebens nicht nur zu akzeptieren, sondern zu bejahen, also die positiven Aspekte in den Vordergrund zu stellen: das Mehr an Erfahrung etwa, das Zunehmen von "Weisheit und Tolleranz", die Würde, die ein alter Hund ausstrahlen kann und die seine körperlichen Beschränkungen mehr als ausgleicht...
Eine liebe Freundin von mir hat seit Jahren eine Schwäche für alte Hunde. Ich hab ihr Loblied auf das Alter früher nie recht verstanden. Vielleicht weil keiner meiner bisherigen Hunde den 11. Geburtstag erleben durfte. Jonas ist der erste, der definitiv in die Kategorie "Opa" herübergewechselt ist. Seither, und vor allem mit dem spritzigen Dreikäsehoch Jens im Haus, habe ich angefangen, die Vorzüge und den Zauber des Alters zu begreifen.
Hunde hören eben nie auf, uns - ahnungslos - etwas zu lehren. Wir müssen nur offen dafür sein.