Das Streunerproblem in Italien: Zahlen, Fakten und Initiativen
Von Sabine Middelhaufe

Streunende Hunde schaffen Probleme, darüber besteht Einigkeit. Sie können das Ausgangszentrum an -steckender Krankheiten werden, Verkehrsunfälle provozieren, je nach ihrem individuellen Charakter eine Bedrohung für Artgenossen und Menschen bedeuten, zum Ärgernis werden, wenn sie auf der Su-che nach Abfällen Mülltonnen umwerfen oder gar direkt auf den Hühnerstall zusteuern. Aber sind Streuner in Italien so zahlreich, dass sie eine echte Gefährdung darstellen?
Um das herauszufinden führte das Istituto Nazionale per la Fauna Selvatica (Nationales Institut für Wildtiere) vor einigen Jahren eine vom Ministerium für Agrarpolitik finanzierte, landesweite Unter-suchung durch, deren Ergebnisse im Jahre 2000 veröffentlicht wurden.
Die Studie wurde zu einer Zeit gemacht, als Hundebesitzer bereits verpflichtet waren, ihre Vierbein -er mit einer Tätowierungsnummer versehen zu lassen. Dennoch erklärten nur 41,1% der befragten Halter, dies tatsächlich getan zu haben. Da die Aussage natürlich nicht kontrolliert wurde geht man in der Auswertung von einer faktisch noch viel geringeren Zahl tätowierter Hunde aus.

Die Vermutung liegt nahe, dass es mit der inzwischen herrschenden Mikro-chip-Pflicht ähnlich aussieht. Anders ist die Diskrepanz zwischen der im Jahre 2000 aufgeführten Anzahl von Hunden in Italien und jener für 2007 schwer zu erklären: nach Angaben des Instituts für Wildtiere belief sich die Hundepopulation 1999/2000 auf 7,5 Millionen Tiere, die einen Besitz-er hatten; die jährliche Zuwachsrate wurde auf 5% geschätzt.

Anfang 2007 gab das Italienische Gesundheitsministerium die Zahl gechipter und registrierter, also offiziell erfaßter Hunde mit 5,35 Millionen an. Der Schluss drängt sich auf, dass auch heute noch sehr viele Hunde nicht im Haustierregister erscheinen.
Von den 7,5 Millionen Hunden lebten stolze 6,1 Millionen in ländlichen Gebieten; kleine Städtchen in-begriffen. (Quelle: L'impatto dei cani vaganti) Eine sehr eindeutige Verteilung,die allerdings nicht erstaunt, wenn man betrachtet, wie schwierig das Leben für Hundebesitzer in den großen Städten mittlerweile ist. Wer etwa in Mailand mit seinem Vierbeiner spazieren geht, ohne das vorgeschriebene Schäufel-chen für die Beseitigung seiner etwaigen Exkremente ebenfalls dabei zu haben, muss sich auf Bußgeld-er zwischen 25 und 154 Euro gefasst machen; Blinde mit ihrem Führhund ausgenommen.
In Turin winken Strafen von 25 - 500 Euro, wenn man Fido's Kot nicht mit der kleinen Schüppe auf-nimmt, ins obligate Tütchen steckt und den Beutel vorschriftsmäßig in die Abfallbehälter am Straßen-rand wirft. Die Stadtpolizei wacht streng über die Einhaltung des Gebotes.
Die Gemeinde Trento stellt das Instrument zum Kotaufnehmen immerhin gratis zur Verfügung. Wer sich bei Nichtbenutzung erwischen lässt ist dann allerdings 51 Euro ärmer. Auf der Insel Ischia sind es 154,94 Euro, und auf Capri gibt es angeblich gar die Fernüberwachung der Hundehalter via Kame-ras an strategisch günstigen Punkten.
In Rom schließlich sind 103 Euro fällig, wenn der Tierhalter seinen Bello oder Argo ausführt, ohne mit den nötigen Hilfsmitteln für die Beseitigung der Exkremente ausgestattet zu sein. Das eigens für die Kontrolle von Herrchen und Frauchen zuständige Personal hat das Recht, Namen und Anschrift der Hundebesitzer sicherzustellen und den Strafzettel auszuschreiben, sollte der Tierhalter nicht die zwei erforderlichen, verschließbaren Plastiktüten für die Entsorgung der Exkremente vorweisen kön-nen. (Quelle: Le sanzioni)

Verständlich also, dass mehr Vierbeiner in kleinen Orten leben, wo man die Dinge längst nicht so genau nimmt und oft auch bei-de Augen zudrückt. Oder gleich auf dem Lande, wo die Frei-heit (fast) grenzenlos zu sein scheint.
Zumindest ergab sich aus der Untersuchung des Instituts für Wildtiere, dass von den in ländlichen Gegenden gehaltenen Hun -den 19,7%, d.h. über 1,2 Millionen Tiere, von ihren Besitzern täglich zum selbständigen Streunen entlassen wurden. Da nicht einmal 17% der Hündinnen sterilisiert waren, ergab sich ein theoretischer jährlicher Zuwachs von etwa 1,5 Millionen Welp -en, die, sagt die Studie, ihren Teil zur Vergrößerung der Po-pulation von Streunern und verwilderten Haushunden beitrag-en. Und hier zeigt das 1991 erlassene Gesetz, das die Tötung herrenlos aufgefundener Hunde verbietet, seine Schattenseite: die Tierheime quellen über, Plätze sind oftmals derart knapp, dass an das Einfangen weiterer Streuner überhaupt nicht zu denken ist, weil man nicht wüsste, wohin mit ihnen. Und so be-


schränken viele Gemeindeverwaltungen, die ja außerdem die finanziellen Mittel für den Unterhalt der Tiere zur Verfügung stellen müssen, sich auf das Einfangen gefährlicher oder schwer kranker Hunde.
Die Auswertung der Untersuchung konstatierte außerdem, dass die Gewissheit, dass die Tiere nicht mehr getötet werden dürfen eher zu einer allgemeinen Zunahme der Aussetzungen, speziell von Welp-en beigetragen haben dürfte.

Trotz der schwindelerregenden Zahlen schienen die meisten Italiener das Phänomen streunender, verwilderter, ausgesetzter Hun -de nicht als Problem zu sehen. 51,1% der für die Untersuchung befragten Personen antwor -teten in der Tat in diesem Sinne. Nur 6,3% äußerten eine gegenteilige Auffassung: Streu -ner schaffen Probleme. Die allgemeine Mein -ung zielte eindeutig in Richtung "je weniger man eingreift, desto besser". 6% der Inter-viewten waren der Überzeugung, man müsse gar nichts unternehmen, 3,8% befanden, es sei besser, eingefangene Streuner einschläf-ern zu lassen, statt sie in Tierheimen einzu-sperren, und nur 0,8% hielten die Geburten-
kontrolle für eine nützliche Art, dem Streunerproblem zu begegnen.
Erst in diesem Zusammenhang wird verständlich wieso die Studie aus dem Jahre 2000 eine strengere, sorgfältig kontrollierte Meldepflicht für Hunde forderte, Strafen für Hundehalter, die ihre Tiere streunen lassen, Sterilisationsprogramme für Streuner, verwilderte Haushunde, aber auch eine "Ste-rilisationsermutigung" für die legalen Halter von Vierbeinern, die Wiedereinführung der Möglichkeit einer Euthanasie in Tierheimen nach einer bestimmten Aufenthaltsdauer des Hundes, die Wiederein-führung der Möglichkeit einer direkten Tötung streunender Hunde, sofern diese eindeutig die Erhalt-ung anderer Wildtierarten gefährden, vor allem aber Erziehungs- und Aufklärungsprogramme gegen das Aussetzen von Hunden.
Tierschützern und Hundefans sind Anspielungen auf erlaubte Tötungen der Vierbeiner naturgemäß ein Dorn im Auge. Angesichts der hier zitierten Zahlen und Informationen sollte man allerdings auch die Kehrseite der Medaille betrachten. Al-lein die 1,2 Millionen part-time Streuner, also Hunde, die von ihren Haltern täglich in die grenzenlose Freiheit entlassen wur-den geben zu denken. Die Zahl herrenloser Streuner ist unbe-kannt. Wenn bis zu 25% der in Naturschutzgebieten wieder eingebürgerten Rehe und Hirsche von streunenden Hunden ge-

tötet werden können, oder fünf Hunde ausreichen, um eine komplette Kolonie von Flamingos auszulö- schen, so geschehen in Molentargius, sollte man auch solche Daten in die Überlegungen einbeziehen. Selbst für Stammvater Wolf sind streunende Hunde in Italien eine Gefahr, denn nicht nur stellen sie beide den gleichen Beutetieren nach, die herrenlosen Haushunde sind auch zahlenmäßig weit überlegen. Deshalb kommt es oft genug vor, dass die Tötung von Weidevieh oder Haustieren irrtümlich dem "bös-en Wolf" zugeschrieben wird, den man dann voller Zorn und Hass erlegt - die Haupttodesursache für Wölfe in Italien. (Quelle: : L'impatto dei cani vaganti)
Eine interessante Initiative, die auf regionaler Ebene zu verschiedenen Zeitpunkten gesetzlich veran-kert wurde, für die es aber noch immer keine landesweit bindende Regelung gibt heißt "cani di quar-tiere", übersetzbar ungefähr als "Stadtteil-Hunde", die z.B. in der Region ("Bundesland") Campania folgendermaßen definiert wird:

1. Dort wo die Ungefährlichkeit für Menschen, Tiere und Dinge sicherge-stellt ist, wird dem Hund das Recht zuerkannt, ein freies Tier zu sein. Dies-es Tier wird als Stadtteil-Hund bezeichnet.
2. Die Bedingungen, die die Anerkennung des Stadtteil-Hundes ermöglichen, werden vom Veterinärdienst der lokalen Gesundheitsämter in Absprache mit den im Gebiet arbeitenden Volontärvereinigungen [Tierschutzorganisationen] definiert, dem Bürgermeister vorgeschlagen und von diesem reglementiert und den Bürgern mitgeteilt. Die genannten Vereinigungen schlagen den Ge-sundheitsämtern die einzelnen Tiere vor, für deren Haltung sie Kosten und Verantwortung übernehmen.
3. Die Stadtteil-Hunde müssen geimpft und sterilisiert werden.
4. Die Stadtteil-Hunde müssen im Haustierregister eingetragen, im Namen der Gemeinde, in der sie leben markiert werden und ein gut sichtbares Er-kennungszeichen tragen (Halsband mit Erkennungsmarke; in Rom z.B. steht darauf "cane libero accudito", etwa "freier, versorgter Hund") .
(Quelle: legge regionale 16_01)

Mit anderen Worten: herrenlose Hunde mit freundlichem Wesen, die sich in irgendeinem Quartier ei-ner Stadt niedergelassen haben, weil sie dort menschliche Duldung und genug Nahrung fanden und ver-träglich mit bereits vorhandenen Hunden sind, können von Anwohnern bei der örtlichen Tierschutzor-ganisation gemeldet werden. Diese oder die lokale Gesundheitsbehörde fängt die Tiere ein, der Amts-tierarzt stellt ihren Gesundheitszustand fest, führt ggf. die nötigen Therapien durch, impft, sterili-siert, chipt und registriert sie, und dies getan werden die Hunde an den Ort zurückgebracht, wo man sie ursprünglich eingefangen hatte. Von nun an sind sie offiziell anerkannte Bewohner der Stadt, die sich frei bewegen dürfen und von der verantwortlichen Tierschutzvereinigung, meist unter Beihilfe einiger Quartiersbewohner, täglich gefüttert, mit frischem Wasser und einem geeigneten Schlafplatz versorgt und in regelmäßigen Abständen vom Amtstierarzt durchgecheckt werden. Schäden die solche Hunde gegenüber Dritten (Personen, Tieren, Dingen) verursachen, werden von den Gemeinden bezahlt, in denen sie leben.

Eine aus der Sicht der Hunde zwei-fellos begrüßenswerte Alternative zum engen Zwinger im überfüllten Tierheim oder dem Tod durch Hung-er und Krankheit.
Dieses lokale "dog-sharing" hat na-türlich auch seine Gegner. Nicht jed -er Bürger ist von der Präsenz "freier Hunde" vor seiner Haustür begeistert. Wer vielleicht generell keine Tiere mag, wird darauf besteh -en, dass jeder Hund in unvorherseh -baren Situationen eine Gefahr wer -den kann und für hundeängstliche Menschen einen permanenten Streßfaktor darstellt. Zum anderen muss sich jede Stadt auf eine be-
stimmte, relativ geringe Zahl von Stadtteil-Hunden beschränken, denn schließlich kann der Sinn der Initiative nicht sein, herrenlose Tiere nun ausgerechnet in die urbane Landschaft zu ziehen. Und in der Tat stellt sich die Frage, ob das scheinbar so freie, sorglose, weil von netten Privatpersonen und dem Ge-sundheitsamt gesicherte Leben der Stadtteil-Hunde nicht so manchen schlecht beratenen Zeitgenossen erst recht davon überzeugt, dass seinen überflüssigen Hund auszusetzen am Ende gar keine gewissen-lose Handlung ist….Der "cane di quartiere" kann demnach keine Dauerlösung für das Streunerproblem sein, scheint aber bei verantwortungsvoller Umsetzung zumindest eine kleine Hilfe.
Das italienische Experiment könnte übrigens einen sehr interessanten Nebenaspekt haben, denn die Zukunft wird nicht nur zeigen, welcher Typ Hund sich als angenehmer Stadtteil-Hund profiliert, son-dern auch, welcher sich letztlich ganz generell als geeigneter Stadthund qualifiziert. Man betrachte einmal aufmerksam die Auswahlkriterien: beste soziale Verträglichkeit mit Artgenossen, Befähigung zur problemlosen Integration in eine bestehende Hundegruppe, menschenfreundlich, kinderfreundlich, kontaktbereit, eher "fröhlich" und "intelligent", verkehrstauglich, minimaler Jagdtrieb (es würde die Stadtverwaltungen teuer zu stehen kommen, für jeden Unfall bezahlen zu müssen, den ein Stadtteil-Setter,- Pointer oder -Segugio bei der Jagd auf Tauben und Katzen verursacht..!), ohne äußere Merk-male, die hundeängstliche Personen, speziell Kinder erschrecken könnten, also sicher eher klein bis mittelgroß, weit entfernt vom Bild sg. Kampf- bzw. gefährlicher Hunde, zu denen in Italien Rottweil-er, American Bulldog, Dogo Argentino, Fila Brasileiro, Pit Bull, Tosa Inu, Mastino napoletano, Perro da canapo maioero, Perro da presa canario, Anatolischer, Kaukasischer und Zentralasiatischer Schä- ferhund und diverse andere zählen. (Quelle: Anagrafe canina)
Nun, so (relativ) rosig die Zukunft für einige vier-beinige Stadthunde (im Moment) aussieht - für die Mehrheit der Stadtstreuner geht es vermutlich här-ter zu denn je. Stress macht intolerant, ob Zwei- oder Vierbeiner. In Städten mit hohem Streuner-aufkommen, wie etwa Neapel, gehen auch immer wie-der Berichte durch die Presse, dass große Streuner -rudel zur echten Gefahr werden. Letztes Jahr (2006) beispielsweise meldete man für verschiede-ne Zonen der Stadt bis zu 10 Köpfe starke Rudel, die ihre Reviere gegen jeden menschlichen Eindring -ling verteidigten, besonders in den Abend- und Nachtstunden, ob er nun zu Fuß daher kam oder mit einem Fahrzeug. Hafenarbeiter, die in der Dunkel-heit zu ihrem Auto auf dem Parkplatz gehen müssen,
wurden, so ein Zeitungsbericht, häufig Opfer hundlicher Aggression. Touristen erstatteten Meldung bei der Polizei, nachdem sie sich von Streunergruppen bedroht gesehen hatten. "Die Tiere sind harm-los und freundlich", sagten andere Personen; genau jene, die die Hunde täglich füttern und eben da-durch zu ihrer "festen Ansiedlung" ermutigten, aus der dann das für Fremde riskante Reviervertei-digungsverhalten entstand… (Quelle: Cani randagi "pericolosi" )
Bei alledem sei nicht vergessen, dass der Hauptan-teil italienischer Hunde immer noch im ländlichen Gebiet lebt, wo um das Jahr 2000 fast jeder 5. Hund täglich zum Streunen entlassen wurde, und es gibt keine gesicherten Hinweise dafür, dass es im Jahre 2007 sehr viel anders ist. In den kleinen Städtchen und winzigen Dörfern zeigt man den Nachbarn nicht an, weil er seinen Vierbeiner unge-chipt und frei laufen lässt, Carabinieri und Forst-aufseher klappern nicht die Weiler ab, um zu kon-trollieren wessen Hund registriert ist, und Tierärz -te verscherzen sich die ohnehin karge Kundschaft nicht mit Drohgebärden wider den Halter eines un-gechipten Hundes. Man weist ihn auf die Registrier -pflicht hin, der Besitzer kann begütigend vorschla -gen, die Angelegenheit beim nächsten Mal zu erle-digen und jeder kann reinen Gewissens nachhause
gehen. Viele Hundehalter auf dem Lande sehen im Chip vermutlich sowieso nur eine finanzielle Bereicherung für den Veterinär, der ihn einsetzt und ein unangenehmes, staatliches Mittel, um sie, die Hundebesitzer zur Rechenschaft ziehen zu können, wenn das Tier irgendwo Schaden anrichtet.
Dass man sich oft nur sehr vage für die Handlungen des eigenen Hundes verantwortlich fühlt, wurde an anderer Stelle schon erwähnt. Es wird auch gern damit argumentiert, dass das Tier ja nicht wirk-lich streunt, sondern nur seine gewohnten Runden in der Nachbarschaft dreht. Außer während der Läufigkeitsperioden trifft das auch weitgehend zu. Die Hunde, ob nun allein oder in kleinen Gruppen, haben ihr bestimmtes Revier und selten die Tendenz, darüber hinaus zu wandern. Von klein auf daran gewöhnt, Gefahren selbst einzuschätzen, sind die Überlebenden erstaunlich verkehrssicher und gerat-en wohl hauptsächlich in außergewöhnlichen Situationen unter die Räder: etwa wenn Rüden um eine läufige Hündin kämpfen, Schreckmomente zur Unaufmerksamkeit führen und dergleichen.
Wäre der größte Teil dieser Hündinnen und Rüden steri-lisiert, könnte man ihnen ihre Freiheit schulterzuckend zugestehen. Leider trifft das Gegenteil zu, und die resul-tierende Welpenflut schafft zwangsläufig weitere Prob-leme. Daran ändert auch der auf dem Lande herrschende, rege Hundeaustausch nichts. Wenn Signor A aus dem Dorf B seine sechs Welpen glücklich in die umliegenden Ortschaften verschenkt hat, werden einige von ihnen schon im nächsten Jahr selbst für Nachwuchs sorgen, und vielleicht fühlt Signor A sich verpflichtet oder versucht, im Laufe der Zeit einen Enkel oder Ururenkel seiner braven Hündin als Geschenk von Signor X aus dem Dorf Y zu akzeptieren, der dann ein Jahr später… usw.
Tiere, die der Besitzer tagsüber vollständig oder stundenweise aus seiner Verantwortung entlässt, sind im Normalfalle natürlich keine wertvollen Arbeitshunde.
Jagd,- Trüffel- und notwendige Wachhunde hält man gewisser-maßen hinter Schloss und Riegel, und "befreit" sich erst dann von ihnen, wenn sie (nach Meinung des Halters) keine Leistung (mehr) erbringen. In dem Moment werden sie zu Leichen oder echten Streunern, die man wohlweislich fern der Heimat "verlor -en" hat.
Um zur ursprünglichen Frage zurück zu kommen: sind Streuner in Italien so zahlreich, dass sie ein echtes Problem darstellen? Die Antwort lautet auch 2007 eindeutig: Ja.
Das Italienische Gesundheitsministerium gab die Zahl der amtlich erfassten Streuner im Januar dies-es Jahres mit 690.000 an. Tierschutzorganisationen hingegen stockten auf über 1 Millionen geschät-zter, herrenloser Hunde auf. Selbst wenn diese niedrige Zahlenangabe zuträfe, und die Daten von 2000 sprechen eher dagegen, trotten gegenwärtig 1 Millionen Hunde, oft alt, krank, desorientiert, in ihrer "Leistungsfähigkeit" stark beeinträchtigt auf der Suche nach Küchenabfällen, der zufälligen Futterschüssel oder dem unachtsamen Huhn, ohne sicheren Schlafplatz, ohne ein echtes "Heim", der Unbeständigkeit des Wetters wie der menschlichen Laune ausgesetzt durch bella italia, und wissen nicht wohin. Dass sie durch Aggressivität oder unachtsames Verhalten im Straßenverkehr eine Gefähr -dung für den Menschen darstellen dürfte eher die Ausnahme sein. In der Regel gefährden sie vor al-lem sich selbst.

Streuner sind nicht in erster Linie ein Problem, sondern sie haben ein Problem. Nämlich das, von unseren Artgenossen angeschafft und irgendwann weggeworfen worden zu sein als wären sie nur ein Ding, ein Objekt, ein Instrument, nicht ein fühlendes Wesen, das sich nach Kräften bemüht hat, dem Menschen zu gefallen, der es mit nach-hause nahm, ihm seine Unterlassungssünden nicht ankreidete, sondern trotzdem begeistert mit der Rute wedelte, auch wenn es für Fröhlichkeit wen -ig Gründe gab.
Italia - vita da cane?

 

 

 

Alle Fotos: S. Fenski

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