Spanische Straßenhunde und andere Unwägbarkeiten
Von Anja Arend

Als wir uns entschieden, als Pflegestelle für Windhunde aus Spanien tätig zu werden, ahnten wir noch nicht, was sich für uns durch diese Entscheidung alles verändern würde.
Wir hatten kurz zuvor unseren 16-jährigen Mischlingsrüden Buck einschläfern lassen müssen, und die Lücke, die er hinterließ war riesig. Ich hatte ihn mit sieben Wochen bekommen und er war mir immer ein toller Freund und Begleiter gewesen, wenn auch manchmal auf recht schrullige Art!
Mein Lebensgefährte Peter und ich vermissten ihn sehr, und auch unsere beiden anderen Hunde, Kira und Ike verhielten sich ungewöhnlich ruhig und gedämpft. Aber wir wollten die Lücke nicht nur des Füllens wegen füllen und entschieden uns deshalb, zunächst einem Hund aus Spanien als Pflegehund eine Chance zu geben.

Ein Galgofreund war ich schon lange, aber bisher hatten die Rahmenbedingungen einfach nicht gepaßt. Jetzt hingegen schon, und des-halb war es für uns keine Frage - es sollte ein Galgo sein.
Nach einigen "Irrfahrten" durchs Internet und einem Kontakt "zum Abgewöhnen" lande-te ich schließlich durch den Tipp einer Freun-din bei einer Organisation, zu der wir bis heute in gutem Kontakt stehen. Nach einem langen und sehr netten Telefonat vereinbart-en wir einen ersten Kennenlern-Termin für den kommenden Samstag in der Hauptpflege-stelle des Vereins. Wir waren uns auf Anhieb sympathisch und ich lernte eine Menge Galgos
kennen, Rüden und Hündinnen, alt und jung, groß und klein, selbstbewußt und schüchtern. An diesem Tag erreichten zwei Hundemädchen die Hauptpflegestelle. Avisiert und gekonnt fotografiert wirkten sie auf den Fotos wie Galgos, entpuppten sich aber nach ihrer Ankunft als etwas über 50 cm große, sehr hübsche Galgo-Mischlinge, Mutter und Tochter.
Zum ersten Mal blickte ich in die Au-gen von Spaniern, die noch frisch un-ter dem Eindruck ihrer Vergangenheit standen, noch keine Pufferzone auf-gebaut hatten... und verstand den An-trieb der Menschen, die sich manch-mal ein ganzes Leben für diese Hunde einsetzen.
Die beiden Hündinnen waren sehr ver-schüchtert, reagierten kaum auf An-sprache und zitterten sich im Hunde-zimmer erst einmal in den wohlver-dienten Schlaf.
Wir vereinbarten, dass man vor dem nächsten Transport auf mich zukom-men würde, und so fuhr ich an diesem Tag glücklich und aufgeregt, aber auch sehr nachdenklich, nach Hause.
Ein Galgo würde bald bei uns als Pflegehund einziehen, und wir würden ein tolles Zuhause für ihn oder sie finden... Schon am folgenden Mittwoch aber kam ein Anruf des Vereins: Die beiden Mädels, die am Samstag angekommen waren, mussten getrennt werden. Sie waren beide sehr ängstlich und bestärkten sich immer wieder gegenseitig in ihrer Angst. Bedingt durch meine Erfahrung mit verhaltensauffälligen Hunden sollte eine der Hündinnen bei uns auf das neue Leben vorbereitet werden. Also fuhren wir am gleichen Abend noch los und holten Rena zu uns nach Hause.
Ich hatte schon häufig mit ängstlichen Hunden gearbeitet und war deshalb guter Dinge. Aber mit dem, was jetzt folgte, hatten wir nicht gerechnet. Rena war nicht nur ängstlich, sie reagierte mit Panikat-tacken auf unbekannte Situationen, Geräusche etc. Einerseits wollte sie den Anschluss an die Mensch-en nicht verlieren, war aber andererseits nicht in der Lage, mit einem Menschen einen Raum zu be-
treten, den sie nicht überblicken konnte. Unbeleuchtete oder enge Räume, alle Räume, die ihr keine Fluchtmöglichkeit ließen oder die keinen ausreichenden Abstand zum Menschen zuließen, machten ihr Angst.
Glücklicherweise wohnen wir auf dem Land und so endete jeder Gas-sigang erst einmal damit, dass Re-na noch mindestens eine halbe Stun -de vor der weit geöffneten Haus-tür im eingezäunten Vorgarten stand, bis sie sich durch den Haus-flur traute, während wir drinnen - scheinbar unbeteiligt - unseren häuslichen Tätigkeiten nachgingen.
Es dauerte fünf Monate, um diese Ängste zumindest ansatzweise zu überwinden.
In den ersten Monaten kauerte Rena sogar in "Ruhephasen" immer auf ihren vier Beinen, um schnell hoch zu kommen, falls eine Katastrophe über sie hereinbrechen sollte. Zum Entspannen fehlten ihr Ver -trauen und Mut. Nur bei unseren beiden Hunden suchte sie Schutz und fand etwas Ruhe.
Schnelle Bewegungen veranlassten sie dazu, blindlings die Flucht zu ergreifen, und es war ihr dabei völlig egal, ob geschlossene Türen im Weg waren. Sie würden schon nachgeben, wenn man nur kräftig genug Anlauf nahm. Auch nach Wochen löste jedes unbekannte Geräusch, jede ungewohnte Bewegung diese Panikattacken aus.
Einmal fand ich sie nach einer solchen Attacke, den Kopf tief in einen Wäschekorb vergraben, der in einer Zimmerecke stand, wie Espenlaub zitternd. Ein anderes Mal erschrak sie sich draußen wegen einer runtergelassenen Jalousie so sehr, dass sie sich durch die Stäbe unseres Gartentores quetschte (sie hätte sich die Rippen brechen müssen, denn normalerweise paßt da kein Hund durch), nur um dann draußen vor dem Tor festzustellen, dass die Welt dort noch viel furchterregender ist.
Ich glaube, es verging während dieser Zeit kaum eine Woche, in der wir nicht die Zäune erhöhten, die Gitterstäbe der Tore verengten, die Räume sicherer gestalteten, Rückzugsmöglichkeiten für Rena schafften etc. Es waren schlimme Wochen für uns alle, aber ganz besonders für Rena, die sich in einer völlig neuen Welt zurechtfinden mußte. Manchmal fühlten wir uns trotz aller Erfahrungen überfor-dert, aber wir wollten nicht aufgeben. Rena sollte irgendwann ein „normales“ Leben führen dürfen.
Der Umstand, dass sie sich draußen wesent-lich vertrauensvoller auf die Menschen ein-ließ, legte den Schluss nahe, dass sie ihre schlechtesten Erfahr-ungen sicher nicht auf der Straße gesammelt hat. Bei einem Tier-arztbesuch wegen einer wunden Stelle am Ohr stellte sich heraus, dass Rena Leishmaniose hat. Laut dem noch in Spanien durchgeführten Test war sie negativ. Das haben wir nach zwei
Schüben momentan gut im Griff, aber wir hatten auch einen guten Arzt und viel Glück – andere leider nicht. Außerdem stecken in Renas Brustbereich mehrere Schrotkugeln, die sich unter der Haut verkap -selt haben, und sie hat einige Narben, aber da sehen viele andere Hunde wesentlich schlimmer aus. Renas größte Wunde ist ihre Seele.
Nach reiflicher Überlegung adoptierten wir Rena nach zwei Monaten. Es hatte sich niemand für sie interessiert und uns tat das Herz weh bei dem Gedanken, die Maus wie-der abzugeben. Für uns die beste Voraussetzung für eine Adoption. Uns war klar, daß ihre seelischen Narben noch lange brauchen würden, um zu heilen. Rena würde nur in ihrem eigenen, verlangsamten Tempo lernen, daß sie wieder jemandem vertrauen darf – und auch nur dann, wenn sie soweit ist.
Nach Wochen kam der erste zaghafte Wedler, wieder Wochen später ein erster freudiger Hopser im Garten. Eines Tages legte sie sich zum ersten Mal in unserem Beisein entspannt auf die Seite...
So geht es stetig bergauf. In engen, unbekannten Räumen hat sie auch heute noch Angst, aber sie tapst uns vertrauensvoll hinterher. Sie verschläft heute den Abend mit uns auf der Couch, und wir müssen nun auch mal schieben, damit wir Platz für unsere Füße haben – denn sie springt nun nicht häufiger auf, als unbedingt nötig. Heute freut sie sich, wenn ich sie mit zu meiner Hundegruppe nehme oder wir zum Trailen fahren. Dann wedelt und hüpft sie zu allen Hunden hin, begrüßt sie und springt manche Menschen sogar an. Und das darf sie auch ruhig, solange es niemanden stört. Sie macht jeden Tag klei-ne Fortschritte – man kann sie nur nicht immer sehen. Sie hat viel gelernt, in den letzten zweieinhalb Jahren – und wir auch: Man muß Geduld haben und Zeit geben. Das Tempo bestimmt immer der Hund.
Man kann nichts beschleunigen oder gar erzwingen. Alle „Erfahrung“ er-setzt nicht die Ruhe und Gelassenheit, die man sich aneignen muß, will man Fortschritte erzielen. Man lernt, sich bewußter zu bewegen, nicht nur manchmal, sondern immer. Manche Dinge sind uns sehr schwer gefallen, z.B. Rena ihre eigenen Erfahrungen machen zu lassen, anstatt immer hel-fen zu wollen. Oder sich weg zu dreh-en, wenn man sie doch am liebsten in den Arm nehmen möchte...

Und noch etwas habe ich gelernt, das heute meinen vierbeinigen Schützlingen und ihren Menschen viel-leicht ein wenig zugute kommt: Wenn man selbst emotional gebunden ist, ist manches leicht gesagt, aber vieles schwer umgesetzt!

Alle Fotos: Anja Arend

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