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In Italien
gibt es viele Bergdörfer, die, von ihren ursprünglichen
Bewohnern fast oder gänzlich ver-lassen, von Großstädtern
neu "besiedelt" werden. Entweder renoviert man sich ein
altes Haus für die langen Sommerferien und Wochenenden, oder,
jung und tatenlustig, läßt man sich wirklich nieder um
den Traum vom Leben auf dem Lande zu verwirklichen - mit Hunden,
Katzen, Hühnern, Schafen usw.
Solche winzigen Weiler, "Fraktionen" genannt, bilden,
obschon mehrere Kilometer voneinander ent-fernt in den Bergen verstreut,
offiziell eine einzige Gemeinde, und teilen folglich den Schulbus,
den Bürgermeister, das Postamt (falls vorhanden), die Kirche
und die Bar. Wie intensiv der Austausch von Neuigkeiten zwischen
den Fraktionen ausfällt, hängt weitgehend vom Interesse
der jeweiligen Be-wohner an solchem Austausch ab.
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Nun,
eines morgens im April 2004 schaukelte ein gigantischer, schwarzer
Hund in so eine Fraktion und wurde vom frenetischen Kläffen
der ansässigen Vierbeiner begrüßt. Die Be-wohner,
zwei junge "stadtflüchtige" Paare, waren einigermaßen
verblüfft, diese enorme schwarze Masse, die sich von dem hysteri-schen
Gebelle nicht im mindesten aus der Ru-he bringen ließ, vor
der Haustür Nummer eins zu finden.
Der unerwartete Besucher nahm dankbar Was-ser und Futter an,
und als die jungen Leute zum Spaziergang mit ihren eigenen Hunden
aufbrachen,
schloß sich der Schwarze wie selbstverständlich an. Daß
es sich um einen sehr großen Neufundländer handelte war
offensichtlich, ebenso daß er deutlich hinkte und sich im
Zustand extremer Verwahrlosung |
befand;
wie abgemagert das große Tier war, entdeckten sie allerdings
erst beim behutsamen Strei-cheln. Ohne langes Zögern wurde
beschlossen den "Bruno" getauften Findling zunächst
einmal im Weiler zu halten, bis Nachforschungen vielleicht herausbrächten,
woher der reinrassige Hund kam. Bruno schien ganz ähnliche
Pläne
zu hegen, denn er legte sich, vom Rundgang mit ihnen heimgekehrt,
gelassen vor die gastfreundliche Haustür Nummer eins und
genoß
die Frühlingssonne.
Ein bißchen enttäuscht waren die Zweibeiner also schon,
als sie Bruno abends nicht mehr vorm Haus fanden.
Ein freundlicher Herr aus dem Hauptort der Gemeinde hielt im Weiler
seine Hühner und Hunde und wurde am nächsten Morgen, mehr
pro forma, gefragt, ob er nicht zufällig einen großen,
schwarzen, streunenden Hund gesehen hätte.
Er hatte. Und aus Sorge um seine Hühner und kleinen Hunde hatte
er ihn am Vorabend gleich in den Kofferraum gelotst und bei der
Heimfahrt
in den Hauptort an einer bestimmten Kreuzung wieder "verloren".
Eines der jungen Paare sprintete allsogleich zum eigenen Auto,
fuhr zur bezeichneten Kreuzung und begann die Große Suche nach Bruno.
Natürlich baten sie in jedem Weiler um sofortigen Anruf, sollte
Bruno wieder auftauchen oder jemand etwas über seinen Verbleib
erfahren. Vergebens. Die Wochen zogen ohne irgendwelche Nachrichten
ins Land.
Bis eines Tages das zweite der im Weiler lebende Pärchen von
einer alten Dame angehalten wurde, die genau an der berühmten
Kreuzung wohnte, wo Bruno neuerlich ausgesetzt worden war. Sie
hatte
vom Fahrer des Schulbusses gehört, daß jemandem in einem
Dörfchen gut 15 Autominuten entfernt und auf der anderen Seite
des Tals ein großer schwarzer Hund zugelaufen war. (Ich bin
nicht mehr sicher, ob nicht auch der Bäcker, der das ganze
Gebiet mit seinem Wägelchen durchquert um die Ortschaften
mit Brot zu versorgen eine Rolle in dieser Kommunikationskette
spielte.) Wie auch
immer, die Aktion "Save Bruno" lief sofort an. In ihrem
winzigen R4 fuhren die jungen Leute unverzüglich in jenes Dörfchen
auf der gegenüberliegenden Bergschulter und, ja, hier
war kürzlich ein großer, schwarzer Hund aufgetaucht
, aber wo der nun sein mochte, wußte niemand. Zumindest nicht
unten im Dorf. Also kletterte man bei der Haus zu Haus Befragung
allmählich
das steile Sträßchen aufwärts und erreichte das Ende
des Weilers. "Einen schwarzen Hund sucht ihr? Doch nicht etwa
den?" fragte ein Großvater, öffnete die Tür
seines Schuppens, und hinaus kam Bruno. |
Erstaunlicherweise
freute sich Bruno so eindeutig, die bei-den Zweibeiner, die er
doch
imgrunde gar nicht kannte, wiederzusehen, daß niemand Einspruch
erhob, als er sich hinten in den klapprigen R4 hievte, bereit für
die Abreise.
Nachdem
die Suche einer Tätowierungsnummer in Brunos Ohren und Schenkeln
ergebnislos verlaufen war, und da sich niemand aus der Umgebung
in
Sachen "Neufundländer ge-sucht/gefunden" gemeldet
hatte, wurde in einer hochoffi-ziellen Versammlung der Bewohner
des Weilers
beschlossen, Bruno quasi als Maskottchen des Kollektivs zu behalten.
Folglich wurde Bruno zuerst einmal in die Tierklinik ge-bracht.
Dort entdeckte man zwar keinen Mikrochip, aber auf dem Röntgenbild
einen sehr schlecht verwachsenen Bruch der Hüfte, (laut Hypothese
des Tierarztes das Ergebnis eines Autounfalls), Hinweise für
Arthrose und bestätigte
den allgemein miserablen Ernährungszustand
des
auf
circa 4 Jahre geschätzten Rüden. Er würde für
den Rest seiner Tage beim Gehen Probleme mit den Hinterläufen
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haben,
aber mit guter Pflege und Fütterung könnte man ihn ansonsten
wieder aufpäppeln. Man päppelte und pflegte, und Bruno
gedieh prächtig.
Hatte er in den ersten Wochen im neuen Heim noch die Gewohnheit,
plötzlich
zielstrebig davonzueilen, kehrte er nach ein paar Stunden doch immer
wieder zurück und strich im Laufe der Zeit diese Exkur-sionen
in eigener Sache fast völlig. Er wurde wirklich sesshaft.
Ruhig, freundlich und schmusig mit allen Menschen, speziell mit
Kindern, die im Sommer den Weiler bevölkerten, hätte seine Haltung
eigentlich recht problemlos sein müssen. Hätte. Wären
da nur nicht die anderen Hunde gewesen.
Die sehr kleinen Rüden des Weilers reagierten vielleicht aus
purer Panik ziemlich giftig auf die An-näherung des schwarzen
Koloß; und ebenso ihre Besitzer.
Die Maremmanohündin, die damals seine Ankunft signaliert hatte,
akzeptierte ihn inzwischen zwar. Aber leider gab es da noch ihren
Lebensgefährten, auch Maremmanoblut, 12 Jahre alt, und extrem
ty-rannisch gegenüber Geschlechtsgenossen. Als diesem Rüden
allmählich aufging, daß der Neuling zu bleiben beabsichtigte,
schlug seine anfängliche Passivität rasch in aktive
Unterdrückungsversuche
um. Wo immer der arme Bruno ging oder stand, eilte der Ältere
herbei, knurrte ihn an, knuffte, zwickte, provozierte, biß gelegentlich
auch zu, und der schwarze Riese tat nichts anderes als grummelnd
von
dannen zu schaukeln, was den anderen natürlich nicht die Spur
befriedigte. Hier und da hieß es, Bruno hätte sich auch
mal gewehrt, doch das übliche Bild war ein friedlicher, gelassener
Neufundländer, dem ein giftsprühender Maremmanomix permanent
auf den Nerven (und auf der Würde) herumtrampelte.
Um die Situation zu entschärfen entschied man, Bruno vor dem
Haus des anderen jungen Paares an-zubinden, Haustür Nummer zwei,
und den Provokateur beim Paar der Haustür Nummer eins zu halten,
wo er ja auch von Rechts wegen hingehörte.
Auf die Dauer bewahrte das den Neufundländer keineswegs vor den
Attacken seines selbsternannten Rivalen, das ständige Alleinsein
da vorm "fremden" Haus, zumal an der Kette, tat seinem Gemüt
gar nicht wohl, und er wurde, ganz im Gegensatz zu seinem ursprünglichen
Verhalten, allmählich grantig zu anderen Hunden.
So ersannen die jungen Leute, deren Hauseingang er nun zierte die
geniale Lösung: Bruno sollte mitsamt der Ziegenherde mit
auf die Alm kommen.
Er kam, und die neue Freiheit, vor allem aber das Fehlen täglicher
Anmachen seines Rivalen gefielen ihm ausgezeichnet. Zum Erstaunen
aller lehrte Bruno sich sogar von ganz allein die Aufgabe des "Ziegen-schutzhundes":
kaum entfernte sich eine der jungen Ziegen zu weit von der Herde,
eilte Bruno hin-terdrein, baute sich vor dem Tier auf, entschlossen
und im wahrsten Sinne des Wortes unverrückbar und schaute der
Ziege mit seinem leicht asthmatischen Hecheln auffordernd ins Gesicht.
Wer nicht sputete, den stieß er einfach mit seinem riesigen
schwarzen Kopf an.
Die Ziegen akzeptierten ihren Hüter recht bald. Ramon, der Bock,
mitnichten. Und verständlicher-weise, denn Bruno hatte seine
Schutzfunktion wohl irgendwie mißverstanden, er bemühte
sich nämlich nach Kräften (und nicht ohne großes persönliches
Risiko), seine Ziegen auch vor dem langbehörnten Ramon und dessen
sehr eindeutigen Absichten zu bewahren. Hirte, Bock und Hund zerbrachen
sich für eine Weile fast wörtlich die Köpfe auf der
Suche nach einer Lösung, die alle befriedigte.
Als schließlich sämtliche Ziegen ordnungsgemäß
gedeckt waren, hieß es heimzukehren in den Stall im Weiler,
wo die Tiere den Winter verbrachten - beschützt von Bruno, der
kein Interesse mehr daran zeigte, vor irgendeiner Haustür
zu liegen. Vielleicht hatte er den Job seines Lebens gefunden. |
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Dummerweise
spielt einem das Leben bisweil-en einen Streich. Das Hirtenpaar
nebst An-hang verließ sehr plötzlich den Weiler, und
der somit wieder arbeitslose Bruno mußte wohl oder übel
zurückkehren zur ersten Haustür, vor der er sich mehr
als ein Jahr zuvor prä- sentiert hatte. Das verwirrte ihn
beträchtlich,
und er pendelte noch eine ganze Weile ziemlich desorientiert zwischen
dem verwaisten Stall, Haustür Nummer zwei und Haustür
Nummer eins hin und her. Und natürlich ging der Streit
mit seinem Erzfeind auch wieder los, denn im-merhin wohnte
der ja in Haus
eins. |
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Daß sich
all diese Verwirrung plus des häufigen
Angebundenseins nicht unbedingt positiv auf sein Wes-en auswirkte
ist verständlich.
Sein alter Widersacher starb ganz plötzlich, und vermutlich
brauchte es einige Zeit bis Bruno regi-strierte, daß da
niemand mehr durch den Weiler stolzierte um ihn anzupflaumen.
Die Maremmanodame,
mittlerweile drei Jahre alt, ist heute seine beste Freundin; mit
den Hühnern, Schafen, Pferden und Katzen lebt er im besten
Frieden; gelegentliche Besucher mit Welpen im Gefolge brauchen
sich
auch keine Sorgen zu machen, nur mit anderen, erwachsenen Rüden
ist Bruno (noch?) eine Spur unfreundlich, doch besteht Aussicht,
daß die Ruhe, die er nun hoffentlich genießen darf,
aus ihm wieder den friedli-chen Riesen macht, als der er vor
fast
zwei Jahren in den Weiler kam. |
Fotos: Sabine Middelhaufe 1; Simona Cova
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