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Rif kam als
winziger Welpe zu seinen neuen Besitzern, einem jungen Ehepaar und
ihrem elfjährigen Sohn, um dem von innerfamiliären Problemen
gestreßten Jungen Spielkamerad und Gesellschafter zu sein.
Zwar kam es niemandem in den Sinn Rif konsequent (oder überhaupt)
zu erziehen, aber der auf-geweckte kleine Kerl lernte wie von selbst
eine Menge lustiger "Kunststücke", genoß es,
mit seinem jungen Menschenkumpan zu balgen, im Garten herumzufegen,
im Bett zu schlafen und das bestaunte, verwöhnte, geliebte
Zentrum seiner kindlichen Welt zu sein.
Rif war gerade erwachsen als die Familie - wieder einmal - umzog.
Diesmal aufs Land. Das hatte auch für Rif viele Konsequenzen.
Sein junges Herrchen verließ nun morgens um sieben das Haus,
um zur Schule in die Stadt zu fahren, kam erst am späten Nachmittag
heim, und die voll berufstätigen Eltern fanden es ganz in Ordnung,
Rif also tagsüber allein in dem abgelegenen Weiler herumstromern
zu las-sen. Dort lebten bereits - auch weitgehend sich selbst überlassen
- der siebenjährige Maremmanomix Capuccino, Lagotto Sally,
zwei Jahre alt, ihre einjährige Tochter Maria und der Mischling
Argo, ein Fliegengewicht wie Rif und kaum viel älter.
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Nach
anfänglichen Rangeleien ordnete sich der friedliebende Rif in
die Gruppe ein, und bald zog die Bande gemeinsam in den angrenzenden
Wald jagen, oder sie machten Besuche in den umliegenden Dörfern,
die Hunde-herren gingen selbstredend auf Brautschau, und irgendwann
bemerkten Leute aus der Umgebung das Fehlen von Hühnern (die
natürlich auch frei herumliefen). Die Untersuchung ergab sehr
rasch, daß die Bande das Fe-dervieh auf dem Gewissen hatte,
und zumindest Rif bekam erst einmal Stubenarrest. Allerdings nicht
wortwörtlich in der Stube, sondern in ei-nem anderthalb mal anderthalb
Meter großen Käfig im Schuppen neben dem Haus. Abends endlich
aus dem Verlies befreit, stand ihm nicht immer unbedingt der Sinn
nach Herrchen. Oftmals war die Alternative wesent-lich attraktiver:
sich nämlich nahebei zu verstecken, die Dunkelheit ab- |
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zuwarten
und dann wieder mit der restlichen Bande loszuziehen, oder einfach
tagelang allein spurlos zu verschwinden. Rif freute
sich natürlich
immer noch, mit dem Sohn der Familie zu spielen, im Bett zu schlafen
und tagsüber auf dem Sofa zu kuscheln - vorausgesetzt,
er hatte keine anderen Verabred-ungen.
Zu seinem zweiten Geburtstag war Rif schon ein mit allen Wassern
gewaschener kleiner Herumtreiber, lieb, verschmust, aufgeschlossen
gegenüber
Menschen, absolut verträglich mit anderen Hunden, aber eben
inzwischen freiheitsgewöhnt und bestens befähigt, sich
allein zu arrangieren. Daß ihm die geleg-entliche Käfighaft
gefiel, darf man bezweifeln, doch aus dem Gleichgewicht brachte
sie ihn wohl
nicht.
Kinder können ziemliche Egoisten sein. Daß Rif keineswegs
mehr auf Abruf bereitstand wenn sein jung-er Herr gerade Lust zum
Spielen
oder Knuddeln mit ihm hatte, nahm der Junge wohl etwas übel.
Vielleicht war es auch einfach der Drang nach einem neuen Spielzeug,
jedenfalls überredete er seine Eltern zur Anschaffung eines
zweiten Hundes. Und da Maria von nebenan gerade geworfen hatte,
be-kam er
einen dieser Welpen geschenkt. An dieser Stelle erinnerte sich der
Vater des Jungen wohl an seine pädagogische Elternpflicht und
beschloß, daß der neue Vierbeiner, eine kleine Hündin,
einen Sinn, eine Aufgabe habe müsse. Was lag näher als
die Ausbildung zum Trüffelhund, war doch zumindest die
eine Großmutter
des Wurfs ein reinrassiger Lagotto. Mit Papas Hilfe sollte Sohnemann
die auf den Namen Juna getaufte Hündin also zum Trüffler
machen. Selbstverständlich hatte niemand die geringste
Ahnung wie man das bewerkstelligt, und folglich holte Vater
sich bei den
Trüffelsuchern der Umgebung Rat. Er kam mit einer langen mentalen
Liste zurück, die alles beinhaltete, was der Hund (angeblich)
nicht tun darf. Um ein tauglicher, wetterfester, "ernsthafter"
Arbeiter zu werden darf der Welpe nicht mit Menschen spielen, nicht
mit anderen Hunden toben, nicht einmal Kontakt mit anderen Hunden
haben, nicht im Haus gehalten werden, nicht durch Zuwendung verwöhnt
werden, draussen nicht frei herumlaufen usw. Ehrlich bemüht,
Juna zu einem nützlichen Mitglied der Familie zu machen,
befolgte die Familie getreulich die Anweisung praxiserfahrener
Trüffelsucher.
Rifs Käfig wurde Junas Käfig, und da saß das arme
kleine Ding nun allein, kläffend, jammernd, isoliert von der
Welt, während die Ban-de, Junas Geschwister inbegriffen, es
im Weiler schlimmer denn je trieb. Nur abends kam der Welpe mal
kurz
heraus, aber Zeit und Lust dann mit ihr zu den Trüffelfeldern
zu gehen hatte Sohnemann selten, zumal er auch nicht recht wußte,
wie die Ausbildung denn an der Stelle weitergehen sollte.
Ob den Besitzern von Maria nebenan nur das tägliche, unaufhörliche
Jaulen und Bellen von Juna auf die Nerven ging ist nicht überliefert,
in jedem Falle aber riefen sie mich eines Tages an, um zu fragen,
wielange ein künftiger Trüffelhund denn wohl klagend im
Käfig sitzen muß ehe die zweite Phase der Aubildung beginnen
kann. Die Antwort veranlaßte Marias Frauchen unter Aufbietung
aller diplomati-schen Finessen Junas Frauchen und mich gemeinsam
zum
Tee einzuladen und dann, ganz zufällig versteht sich, das Thema
auf Hundeausbildung, Welpen in Käfigen usw. zu bringen. Junas
Frauchen war am Ende unseres Gespräches so bestürzt,
daß sie versicherte, am Abend gleich ihren Mann ins Bild
zu setzen.
Am nächsten Tag war Juna frei. |
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Ihre
Geschwister hatten, bis auf die Hündin Lucia, unterdessen neue
Be-sitzer gefunden, und so stromerte wieder nur der harte Kern der
Bande durch die Gegend: Capuccino, Sally, Maria, Lucia, Rif und bisweilen
Ar-go. Wie fest Juna sich anschloß ist nicht bekannt, aber daß
sie in Win-deseile lernte zu wildern und Hühner umzubringen
ist erwiesen.
Wahrscheinlich hätte die Geschichte früher oder später
ein böses Ende genommen, wenn Maria & Co. nicht fortgezogen
wären. Im Weiler fand sich jetzt nur noch der kleine Argo, und
ab und zu Rif, wenn er von sei-nen oft wochenlangen Ausflügen
mit unbekanntem Ziel gesund, wohlge-nährt und glücklich
heimkehrte. |
Mit
den Eltern des Jungen tagsüber außer Haus und dem
Buben in der Schule, weiß niemand genau, was die Hunde, sich
selbst
überlassen, trieben. Außerdem pendelten die Haltungsbedingungen
für Juna und Rif mehr oder weniger langfristig zwischen überschwänglicher
Zuwendung, Schlafplatz in Söhnchens Bett, Spiel, Sport, Spannung,
und dann Haft im Käfig oder Schuppen, vollkommenes Desinteresse
und schließlich totale Freiheit für die Hunde, die
entweder wildern gingen oder, was Rif anbelangt, spurlos verschwand.
Rif zählte drei, Juna ein Jahr, als Freunde die Familie darum
baten, ihre Hunde für ein paar Monate aufzunehmen. Und so zogen
Ettore, ein etwa zwölfjähriger Golden Retriever-Maremmano-Mischling
und die gerade in die Pubertät gekommene Maremmanohündin
Agata ein. Ettores permanente, aggressive Anwesenheit in seinem
Heim
erster Ordnung veranlaßte Rif gewissermaßen die Koffer
zu packen. Er ging eines Abends aus dem Haus und tauchte für
viele Wochen nicht mehr auf. Ettore bei der gelegent-lichen Rückkehr
dann immer noch vorzufinden bewog den freundlichen, kleinen Rif
nach
wenigen Tagen Streß daheim lieber wieder zu verschwinden. Juna
und Agata, die nebenbei bemerkt auch keine be-sonders erfreuliche
Kindheit
genossen hatte, schienen sich zunächst gut zu verstehen, aber
das Erwach-senwerden der Maremmanodame, die Begeisterung der Familie
für die schönen, großen Hunde, die dar-aus resultierende
Vernachlässigung der beiden "Kleinen" und vermutlich
auch Junas Geschichte bieteten genügend Zündstoff. Als
es dann tatsächlich knallte, bissen sich die beiden Hündinnen
sehr ernsthaft, was bei Agata fast zum Verlust eines Auges geführt
hätte.
Schließlich kehrten der Besitzer der beiden Gasthunde von ihrer
langen Reise zurück, bezogen die ehe-malige Wohnung von Maria
& Co. nebenan, und die zwei Hündinnen einigten sich auf
eine Art Burg-frieden, der zeitweise sogar Freundschaft wurde. Ettore
hingegen
zeigte sich nicht im mindesten ge-willt, einen anderen Rüden
in seinem neuen Territorium zu akzeptieren. Der kleine Argo lebte
im
stän-digen Alarmzustand, bis es seinem Herrn eines Tages zu
bunt wurde und er persönlich Ettore auf sehr drastische Weise
klarmachte, daß Machogehabe überhaupt nicht erwünscht
ist. |
Die
Komik des Lebens: als Junas Familie eines Tages be-schloß,
mich zu besuchen, fuhren sie durch ein ihnen bis da-to fremdes Dörfchen.
Dort saß ein niedlicher kleiner Hund vor einem Haus, der
beim Anblick des Autos sofort er-freut angerannt kam - Rif?! Natürlich
hielten sie an, um Rif in den Wagen hüpfen zu lassen. Die
alte Dame, die aus dem Haus eilte, war damit freilich gar nicht
einverstanden
- wer läßt sich schon den eigenen Hund unter der Nase
wegsteh-len? Und so kam Rifs Geheimnis ans Licht: fröhlich
auf Brautschau hatte er irgendwann die Hündin jener Dame kennengelernt,
und war als vermeintlicher Streuner gleich adoptiert worden. Er
lebte
dort im Haus, wurde verwöhnt, gebadet, parfümiert, (übermäßig)
gut gefüttert, hatte stets wohlwollende Gesellschaft, konnte
kurze Abstecher zu anderen Freundinnen machen und hatte, wie
die nachfolgen- |
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de
Umfrage ergab, schon eine Menge kleiner Riffis in die Welt gesetzt.
Die Dame war tief traurig, als man ihr überzeugend darlegen
konnte, daß Rif bereits ein Zuhause hatte und man seine "Wanderlust"
künftig unterbinden würde. Ja, überhaupt sollte demnächst
alles anders werden. Die Eltern würden von nun an zuhause arbeiten,
für den Sohn stünden erst einmal fast drei Monate Sommerferien
an, Rif und Juna würden unter Führung meiner braven
Springerhündin
Giada zu echten Trüffelsuchern heranreifen, und alles sah
rosarot und erfreulich aus.
Für Rif muß die Heimkehr sehr ernüchternd gewesen
sein: Ettore war immer noch da, verfolgte ihn, provozierte und attackierte
ihn, biß ihn mehrmals recht ernsthaft, obwohl Rif sich stets
nach Kräften bemühte, freundlich, friedlich und so unterwürfig
zu sein, wie es seine Würde erlaubte. Zu allem Über-fluss
war kurz zuvor ein herrenloser, mittelalter Neufundländer
im Weiler aufgetaucht, der sich stän-dig mit den anderen
anlegte, weil Ettore ihn anmachte. Rif ergriff die erstbeste
Gelegenheit, um
aus diesem Chaos wieder zu der alten Dame zurückzukehren. Seine
Familie fuhr in Urlaub, und Juna bekam Giada, Jonas und mich als
Babysitter.
Rif fand das heraus und kam regelmäßig "zu Besuch
nachhause", da er sich mit Giada und Jonas prächtig verstand,
in uns drei zuverlässige Bodyguards hatte und ebenso wie Juna
tatsächlich Talent für die Trüffelsucherei bewies.
Doch die Aussicht, wenn er mal alleine vorm Haus herumlungerte,
wieder
von Ettore fertiggemacht zu werden, trieb ihn am Ende doch stets
wieder in die Flucht.
Dann war plötzlich Herbst, wir drei Babysitter gingen heim, für
Sohnemann begann ein neues Schul-jahr, seine Eltern hatten wegen der
neuen Arbeit nicht die geringste Zeit für die Hunde, die -
wieder mal - nach einer Phase voller Aufmerksamkeit, Sofakuschelei
usw. abgeschoben
wurden. Entweder streunten sie, oder kamen in Haft.
Die Monate vergingen. Das bittere Ende nahte. Ziemlich plötzlich
entschieden die Eltern nämlich, doch lieber wieder in der Stadt
zu leben und zu arbeiten. Der Sohn, inzwischen sechzehn, hatte
nun
auch ganz andere Dinge im Kopf als Hunde und würde die nächsten
Schuljahre ohnehin im Internat absol-vieren.
Wohin nun mit den Hunden?
Da man Rifs "Zweitfrauchen" damals praktisch untersagt hatte,
den Hund noch einmal in ihr Haus ein-zulassen, war an sie als Lösung
nicht zu denken. Gewiß hätte dieser oder jener Profitrüffelsucher
Rif oder Juna übernommen. Aber die Familie war inzwischen aufgeklärt
genug, um zu wissen, wie die Hun-de dort in der Regel gehalten werden
und welches Schicksal sie erwartet, wenn sie die Arbeitsanfor-derungen
nicht erfüllen können.
Tierheim also? Wer je ein Tierheim von innen gesehen hat, überlegt
sich diesen Schritt sehr, sehr gut. Wohin nur mit den Hunden?? Unterdessen
besserte sich Rifs und Junas Lage begreiflicherweise nicht. Die meiste
Zeit streunten sie. War die ganze Familie aus irgendwelchen Gründen
abwesend, wurden sie auch mal vier, fünf Tage lang mit einer
Riesenration Trockenfutter und Wasser im Schuppen einge-sperrt.
Schließlich
begannen die Umzugsvorbereitungen in eine Wohnung, in der Tierhaltung
strikt ver-boten war.
Während Rif und Juna sich vielleicht gegenseitig Trost spendeten,
fiel, um es symbolisch auszudrücken, ein Steinchen ins Wasser
und die unscheinbaren Wellen erreichten schließlich Ufer:
Wolfenbüttel,
Wuppertal, Mailand.
Die Besitzer von Rif und Juna erklärten sich bereit, die Tiere
entwurmen, impfen, mit Chip versehen und auf Mittelmeerkrankheiten
untersuchen zu lassen. Dies getan und gewiß, daß die beiden
gesund waren, begann für die Vierbeiner die lange Reise aus
Norditalien nach Nordeutschland, wo man sie schon mit Freude und
Neugier erwartete. |
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Als
Rif bei seiner deutschen Pflegefamilie aus dem Auto hüpfte, ahnte
zwar noch niemand, daß es das Ende seiner Reise wäre, doch
tatsächlich war das Ehepaar, vor allem aber ihr Hund Jonny (eb-enfalls
ein kleiner Italiener mit trauriger Vorgeschichte) ganz begeistert
von Rif, und nahm ihn definitiv als Zweithund in die Familie
auf. Nun hat der kleine Kerl endlich stabile Lebensver-hältnisse,
emotionale Wechselbäder gehören der Vergangenheit an, seine
feinfühlige Erziehung macht Riesenschritte vorwärts, |
und
in seinem neuen vierbeinigen Kumpel scheint er einen echten Seelenbruder
gefunden zu haben, denn die beiden haben sich vom ersten Augenblick
an prächtig verstanden.
Juna lebt auch ganz in der Nähe. Sie hat eine liebevolle Familie
mit Kindern gefunden, wo sie freilich weder Spielzeug noch emotionales
Ersatzobjekt ist, und wo die Eltern ganz genau wissen, daß Kinder
dem Hund Spielkameraden sein können, aber nicht vollverantwortliche
Hauptbezugspersonen; den Job müssen die Erwachsenen schon übernehmen.
Als die ehemaligen Besitzer Rif und Juna auf Fotos in ihrer neuen
Heimat sahen und erfuhren, welche Streiche sie im fernen Deutschland
aushecken, daß es ihnen noch immer keine Spur gefällt,
im Regen spazierenzugehen, aber sie mit ihren neuen Menschen wirklich
glücklich sind, hat sie das tief berührt. Sie sind froh
zu wissen, daß sie jederzeit Neuigkeiten erfahren können
und noch viele weitere Fotos anschauen werden, wodurch sicherlich
ein feines inneres Band zwischen ihnen, Rif und Juna bestehen bleiben
wird.
Alle Fotos:
Dorsch-Rieger
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Jonny
von Stefanie Dorsch-Rieger
Jonny kam
im Sommer 2003 zu uns. Damals war er etwa 4 Jahre alt, vermutlich
eine
Mischung aus Set-ter und Bretone. Über seine Vorgeschichte
wissen wir nur, dass er vorher in Italien lebte, dort ausge-setzt
und an
einem Baum angebunden gefunden wurde. Die Finderin übergab
ihn einer Tierschutzorgan-isation aufgrund deren Kontakte er nach
Deutschland kam.
Körperliche Merkmale lassen darauf schließen, dass er
in Italien unter sehr schlechten Bedingungen gelebt haben muss.
Seine leichte Fehlstellung der Vorderbeine weist laut Tierarzt auf
eine Wachs-tumsstörung hin, hervorgerufen durch minderwertiges
Futter und beengte Lebensverhältnisse. Außer-dem hat
er sehr abgenutzte Zähne und ein typisches Zwingergebiß,
d.h. er muss immer wieder an den Gitterstäben seines Verschlags
genagt haben.
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Gravierender
aber sind seine psychischen Probleme. Als wir ihn in seiner Pflegestelle
das erste Mal sahen, floh er unter den Schreibtisch. Dort saß
er völlig verängstigt und war nicht bereit, hervorzukommen.
Mög-licherweise hatte er sich aber doch überlegt, dass es
an der Zeit war, sich ein neues Zu-hause zu suchen, denn beim späteren
gemein-samen Spaziergang nahm er all seinen Mut zusammen und ließ
zu, dass wir ihn berühr-ten. Welch grosses Vertrauen er uns damit
entgegenbrachte konnten wir damals nicht ermessen.. Heute wissen wir,
dass er sich von Fremden nicht anfassen ließ, und das hat
sich |
|
bis
heute nicht geändert. Sein Mißtrauen Menschen gegenüber
sitzt immer noch sehr tief. Wir wissen nicht was er erlebt hat,
doch
aus seinem Verhalten sprach schweres seelisches Leid.
Bei uns angekommen zeigte er sich stark verunsichert. Immerhin
verschwand er nicht unter dem Tisch, sondern blieb in unserer Nähe. Dennoch
erschrak er bei den geringsten Alltagsgeräuschen. Jede hef-tige
Bewegung versetzte ihn in Panik. Er traute sich kaum aufrecht zu gehen,
sah sich ständig um, of-fensichtlich in der Angst, ihm könne
etwas Schreckliches geschehen. Mit weit aufgerissenen, angster-füllten
Augen sah er uns an, hin- und hergerissen zwischen seinem Mißtrauen
und dem Bedürfnis nach Nähe und Zuwendung. Wir ließen
ihn in Ruhe und bedrängten ihn nicht. Im Haus fühlte er
sich nach einigen Wochen so sicher, dass er sich nicht mehr vor jedem
Geräusch hinter dem Bett versteckte. Er ließ uns nicht
aus den Augen und lernte langsam, Streicheln und Berührungen
zu tolerieren und auch zu genießen.
Draußen jedoch zeigte er starke Unsicherheit. Vielleicht ist
er in Italien kaum aus seiner Hütte, oder wo immer man ihn gehalten
haben mag, herausgekommen. Stets versuchte er ein Dach über dem
Kopf zu bekommen. Anfangs wollte er in jedes Haus hinein, in jedes
Auto einsteigen. Die größte Panik hatte er vor Kindern.
Die Tatsache, dass wir neben einer Schule wohnen, gestaltete sich
als schwierig.
Noch sehr lange konnten wir uns nicht darauf verlassen, dass er
in angstauslösenden Situationen in un-serer Nähe blieb. Sein
Drang, in einem geschlossenen Raum Zuflucht zu suchen, war größer.
Um ihm ständigen Stress zu ersparen, fuhren wir häufig mit
ihm in ruhige, menschenleere Gebiete. Gleichzeitig versuchten wir
mit Hilfe einer Hundetrainerin an den Problemen zu arbeiten. Bis heute
besucht er eine Hundeschule und hat von den anderen Hunden vor allem
in der Einübung von Alltags-situationen stark profitiert. Zusätzlich
behandeln wir ihn homöopathisch mit Bachblüten und Banis-
Tropfen.
So schreckhaft er sich Menschen gegenüber verhält,
so souverän tritt er anderen Hunden gegenüber auf. Wie
so viele Hunde aus Südeuropa zeichnet ihn ein hervorragendes
Sozialverhalten und ein ein- |
wandfreier
Charakter aus. Zwar ist er eher zurück-haltend
und lässt sich nicht zum Spielen animieren, doch ist er stets
freundlich und lässt sich nie pro-vozieren. Weder Menschen
noch Hunden gegenüber zeigte er jemals aggressives Verhalten.
Inzwischen lebt Jonny 3 Jahre bei uns. Sicher ist er kein angstfreier
Hund, aber er ist selbstsicherer geworden und traut sich wesentlich
mehr zu. Deut-lich merkte man ihm an, wie wichtig das Gefühl
der Sicherheit für ihn war, denn nach und nach bewies er,
wieviel Lebensfreude in ihm steckt. Er ist der |
|
liebenswerteste
Hund, den man sich vorstellen kann, immer geduldig, bescheiden
und dankbar, nie stellt er Forderungen. Uns, die
wir das
Glück hatten, sein Vertrauen zu gewinnen, begegnet er mit beding-ungsloser
Liebe. Was auch immer man an Zuneigung in ihn investiert, er gibt
es vielfach zurück.
Die Freude, die man empfindet, wenn er sich vor Vergnügen auf
einer Wiese kugelt, wenn er fröhlich und ausgelassen um uns
herumspringt, uns zum Spiel auffordert und manchmal richtig albern
ist, gleicht
alle Sorgen, Schwierigkeiten und Einschränkungen restlos aus.
Hinzu kommt, dass er nur positive Eig-enschaften hat. Er ist intelligent,
sensibel, freundlich, anhänglich, verträglich, gehorsam
und gesund-heitlich robust. Wir würden uns jederzeit wieder
für
ihn entscheiden, denn wir halten ihn für einen ganz besonderen
Hund. |
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Schon
längere Zeit spielten wir mit dem Ge-danken einen zweiten
Hund aus dem Tier-schutz aufzunehmen. Eine hübsche Setter-hündin
schwebte uns vor, doch Jonny durch-kreuzte unsere Pläne,
indem er sein Herz an den kleinen 5-jährigen
Rif verschenkte, der zu uns in die Pflegestelle kam und eigentlich
vermittelt werden sollte. Obwohl es sich um zwei unkastrierte
Rüden
handelt, verstanden sie sich vom ersten Tag an und unternahmen
fortan
alles gemeinsam. Zum ersten Mal zeig-te Jonny Spielverhalten einem
Hund gegen- über. Und weil man zwei so dicke Freunde |
nicht
trennen soll, blieb Riffi eben bei uns. Seitdem ist Jonny noch
fröhlicher geworden, und mittler-weile haben auch wir begriffen,
- was der kluge Jonny längst erkannt hatte -, dass Riffi
bestens zu uns passt.
Alle Fotos:
Dorsch-Rieger
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