Hunde aus dem Süden


Toni

Theo

 

 

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Toni, ein Todeskandidat mit Spitzenanlagen
Von Stefan Fügner

Der erste Kontakt: Ich war vorgewarnt. Vor der Zusendung der Photos eines Hundes, der aus einer Töt-ungsstation in Spanien gerettet und zuvor schwer mißhandelt worden war, hatte ich einen Anruf erhalt-en, ich möge beim Anblick der Bilder nicht erschrecken. Doch selbst für mich als Jäger, der schon ein-iges gesehen hat, übertrafen die Bilder meine Vorstellungskraft. Man hatte den Deutsch Kurzhaarrüden an der Rute und am Hals aufgehängt. Der Hund hatte ein deutliches, fingerbreites Würgemal am Hals, die Rute hatte man ihm amputieren müssen und die frischen Operationsnarben waren noch sichtbar.

Doch die vor Todesangst aufgerissenen Augen waren das schlimmste beim Anblick der Bilder. Sofort drückte ich die Löschtaste; die Impressionen waren für mich unerträglich. Ich bat um Bedenkzeit. Doch der Hund ließ mich nicht los, und ich erklärte mich einige Tage später bereit, mich des Tieres anzunehmen.
Ankunft in Deutschland: 2 Wochen später kam er dann mit einem Hundetransport
aus Spanien an, und ich nahm ihn auf einer Autobahnraststätte in Empfang. Mit Susann, die eine Drahthaarhündin aus dem Transport übernahm, war ich froh, nicht ganz alleine bei der Übergabe zu sein. Vor der Weiterfahrt zu mir wurde eine Runde auf der Raststätte gedreht, damit nach stundenlangem Transport das große und kleine Geschäft erledigt werden konnte. Der Hund konnte sich nur zerrend mit den Pfoten am Boden kratzend vorwärts bewegen. Leinenführigkeit war keine vorhanden. Wenigstens zeigte er großes Interesse beim Autofahren und schaute neugierig aus dem Fenster. Zuhause angekommen, wollte ich mit ihm eine kleine
Runde drehen. Dabei preschte er entweder an der Leine nach vorne, oder er legte sich ängstlich auf den Boden. Danach wurde er erst einmal angebunden, bekam eine Decke und wurde mit Futter versorgt. Er verschlang die erste Malzeit gierig und schaute dabei ständig ängstlich zu meiner Wachtelhündin. Im Umkreis von 20cm um den Napf lagen ein Gemisch aus Wasser, Speichel und Futterresten.
Die ersten Tage: Sein panikartiges Vorpreschen an der Leine hatte sich schon nach 3 Tagen fast voll-ständig gelegt, und auf das Kommando „Hier“ ging er sofort brav hinter mich. Die ersten 3 Tage blieb er angeleint in der Wohnung und wurde alle 2 Stunden in den Garten geführt. Mittags machte ich dann mit ihm und meiner Wachtel eine große Runde. Im Haus war der Hund ein einziges Bündel Angst. Näherte man sich ihm, so legte er sich nur mit dem vorderen Teil seines Körpers flach auf den Boden und schaute einen ängstlich an. Den ganzen Tag stand er auf seiner Decke und beobachtet das Treiben in der Wohnung sehr aufmerksam, ohne sich aber auch nur ein einziges Mal hinzulegen. Erst wenn abends das Licht ausgeschaltet wurde und kein Mensch mehr im Zimmer war, legte er sich hin. Freude zeigte er nur, wenn ich mit dem Napf kam, ansonsten gab es keinerlei Reaktionen. Als ich ihn am 5. Tag unter Aufsicht in der Wohnung erstmals frei laufen ließ, sprang er sofort auf mein Ledersofa, bohrte mit dem Kopf gegen die Lehne und wälzte sich knurrend auf der Sitzfläche. Das Eis war gebrochen, zum ersten mal zeigte er, daß er mich akzeptierte! Da er bis dahin keinen Namen hatte, gab ich ihm den Namen „Toni“.
Toni, der Hund mit den 2 Gesichtern: Mit dem ersten Freilauf in der Wohnung kam auf unseren großen Spaziergängen auch die Langleine zum Einsatz. Wie ein Tiger schlich Toni vor mir her und beobachtete die Vögel in den Hecken und Bäumen. Sah er einen, schoß er wie ein Blitz die Hänge der Hohlwege hinauf und buschierte. Seine Ängste waren auf den Spaziergängen völlig verflogen, und Toni war hier ein ganz anderer Hund! Am Ende der 2. Woche durfte er das erste Mal ohne Leine in den Garten. Nur ein einziges Mal mußte ich ihn ermahnen, das of-fene Grundstück nicht zu verlassen, von da ab verließ er das Grundstück nur noch einmal, als er den Maschendrahtzaun zum Nachbarn geöffnet hatte. Aber auch
hier gab es nur eine einzige Ermahnung, und er unterließ es von da ab, sich vom Grundstück zu entfern-en. Toni wußte Haus und Grundstück sofort als sein neues Heim zu würdigen! Der verspätete Frühling hielt Einzug, und Toni konnte mit meiner Wachtel den ganzen Tag im Garten bleiben. Mit strengem Blick stand Toni den ganzen Tag auf der Terrasse und beobachtet alles sehr genau. Ab und an schoß er zu den Kirschlorbeerbäumen und versuchte, die sich dort gerne aufhaltenden Amseln zu fangen, was ihm dann auch gelang! Scheinbar hatte er sich in seiner Zeit als Selbstversorger in Spanien auf das erfolg-reiche Vogelfangen spezialisiert. Auch auf unseren Spaziergängen äugte er ständig den Vögeln nach. Im Gelände hatte er schnell einen guten Appell, kam sofort freudig an und zeigte beim Üben des Komman-dos „Sitz“ keinerlei Ängste. War man hingegen in der Wohnung und rief ihn, blieb er stehen, ging man auf ihn zu, legte er sich ängstlich auf den Boden. Diese ängstliche Verhalten hat er bis heute nicht ver-loren, und wahrscheinlich wird Toni hier auch nie mehr ein normaler Hund.
Toni entwickelte sich zu einem Hund mit 2 Gesichtern. Trotz des strengen und gleichmäßigen Tages-ablaufs dauerte es viel Wochen, bis er anfing Freude zu zeigen. Seine Fröhlichkeit beim Anblick des Gartens am Morgen oder beim Anziehen meiner Wandersachen stellte sich erst nach vielen Wochen ein. Tiefes Mißtrauen begleitet ihn bei allem, was mit Menschen zu tun hat, und erst wenn sich etwas viel-fach über Wochen ständig wiederholte, schöpfte er Vertrauen.
Freßgier und Verdauung: Tonis gesamter Verdauungstrakt war schwer geschädigt. Aufgenommene Nahrung war binnen 2 Stunden vollständig verdaut. Dies führte dazu, daß er unter schlimmem Durchfall litt und fortwährend vom Hunger geplagt wurde. Die ersten Wochen wurde er nur von einem Gedanken getrieben, nämlich wie er den Menschen ihr Futter klaut. Er ging dabei so geschickt vor, daß man
nur staunen konnte. Wenn er abends noch einmal in den Garten geführt wurde, erledigte er schnell sein Geschäft und schoß dann wie ein Pfeil ums Haus, um in die Küche zu kommen. Bis ich im Haus war, hatte er geklaut, was erreichbar war und saß schon wieder brav vor der Küche und schleckte sich den Fang. Um ihn halbwegs satt zu bekommen, erhielt er in den ersten Wochen 4 mal soviel Futter, wie meine Wachtel mit gleichem Gewicht! Aber erst eine mehrwöchige Therapie mit Heilerde, gequollenem und pürriertem Kraftfutter, Lebertran und mehreren Mahlzeiten am Tag stabilisierte seine Verdauungs-organe.
Tonis großer Sprung: Tonis bereits erwähnte, unbändige Passion beim Vogel-fangen und das absolut angstfreie und neugierige Verhalten im Wald und im Feld ließ mir keine Ruhe. Trotzdem arbeitete ich weiterhin ausschließlich am noch nicht gefestigten Gehorsam. Die Konfirmation meines Patenkindes stand an und somit Tonis erste Reise. Ein ungutes Gefühl hatte ich schon, da Toni bisher nur
unseren Garten, das Umfeld um unser Haus und unsere Gäste kannte. Das Verhalten in größeren Men-schenansammlungen und Übernachtung in einer fremden Umgebung hatten wir noch nicht geübt. Die Bedenken wurden aber schnell von mir verworfen, schließlich ging es an den Niederrhein mit riesigen Feldern und großen Niederwildbeständen. Und dann noch im Frühjahr, wo man doch hervorragend in der jungen Saat üben kann. Hier sollte Toni mir zeigen, daß er nicht nur Amseln jagen kann!
War Toni in der ersten Woche noch wild im Auto herum gesprungen, wenn ich es kurz verließ, lag er auf der Fahrt zum Niederrhein brav in seinem Korb und betrachtete den Verkehr aus dem Rückfenster. Kaum am Niederrhein angekommen, wurden die Jagdsachen angezogen und mit Toni ging es an der Lang-leine in die Gemüse- und Getreidefelder des Niederrheins. Hier war er in seinem Element! Langsam ar-beitete er sich gegen den Wind durch das Gras und die Saat, den Kopf immer tief, weit unter dem Stich, daß ihm nur kein drückender Hase entgeht. Die Quersuche machte er routiniert, als ob er nie etwas anderes gemacht hätte. Die Wendung kam reflexartig beim Kommando „Hier“.
Ein Fasanenpaar stand er schon nach wenigen hundert Metern perfekt vor. Lang-sam verfolgte er die in der Saat flüchtenden Fasane, um erneut vorzustehen. Nur beim Aufsteigen der Fasane mußte die Langleine das Vorpreschen stoppen. Aber auf das Kommando „Hier“ kam er sofort zurück. Für Toni schien es nichts ander-es mehr zu geben, als Wiesen und Felder zu arbeiten. Unermüdlich und nie nach-lassend arbeitete er völlig ruhig und ohne Hast. Es war eine Augenweide, den Hund zu beobachten. Selbst seine Scheu vor dem Wasser verlor er hier. Als er am Ufer eines Kanals arbeitete und ans andere Ufer wechseln wollte, sprang er
ins Wasser und erreichte noch etwas unbeholfen planschend die andere Seite.
Der Kloß im Hals:
Ausgerechnet in diesen Tagen größter Freude über die erheblichen Fortschritte des Hundes erreichte mich der erste Anruf eines Interessenten. Man hätte den Toni im Internet entdeckt und habe großes Interesse. Sofort hatte ich diesen Riesenkloß im Hals, wie man ihn immer hat, wenn sich der erste In-teressent auf einen Pflegehund meldet, aber diesmal spürte ich ihn ganz deutlich und so stark wie nie zuvor. Verdrängt man doch immer das Wissen um eine Trennung von einem liebgewonnenen Pflegehund , die irgendwann ansteht. Erstmals wurde mir bewußt, dass mich zu diesem Hund etwas verbindet, was ich vorher zu keinem anderen Pflegehund hatte.

Toni stellt sich vor: Bis zum Tag, als der erste Interessent uns besuchte, hatte ich weiter an Tonis jagdlichen Fähigkeiten gearbeitet. Er machte täglich Riesen-sprünge. Insbesondere seine Ruhe, sich von meiner neben ihm stöbernden Wachtel nicht irritieren zu lassen, faszinierte mich. Als ich Toni dann in den Wiesen an der Langleine dem Interessenten präsentierte, spulte er ein Programm ab, wie es in ein

-em Lehrfilm für Junghundausbildung nicht besser darstellbar ist. Selbst seine noch vorhandene Skep-sis vor dem Wasser war wie weggeflogen. Die Langleine diente nur noch als Sicherheit und kam nicht ein einziges mal korrigierend zum Einsatz. Toni gab sich die beste Mühe, mich nicht zu blamieren!
Toni ist für mich der lebende Beweis für die unschätzbaren Werte, die in unseren Rassehunden stecken. Mit seinem Werdegang vom scheinbar hoffnungslosen Todeskandidaten zum leistungsfähigen Vorstehhund hat Toni bewiesen, welche Wesensstärke und Anlagen unsere Hunden haben. Es sind immer wieder wir Menschen, die diese Stärken nicht zu würdigen und zu fördern wissen.

(Erstveröffentlichung bei: Krambambulli Jagdhundhilfe e.V.)

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Theo, die Rose von Jericho

Von Stefan Fügner

Alle Pflanzenliebhaber kennen sie, die Rose von Jericho, ein kleines Naturwunder. Beheimatet im Vor-deren Orient, sehen sie in der Trockenperiode aus, wie ein faustgroßes zusammen geknäultes verdör-rtes Astwerk einer Konifere. In der Regenzeit aber, wenn der scheinbar vertrocknete Pflanzenrest Wasser bekommt, entfaltet sie sich binnen Stunden zu einer prächtigen, saftig grünen tellerartigen Bodenpflanze. Botaniker führen das Naturschauspiel gerne mittels eines mit Wasser gefüllten Tellers vor, in den man die Rose von Jericho hineinlegt, damit man sieht, wie scheinbar totes Geäst durch Was-ser plötzlich zu Leben erweckt wird.

Theo, der Deutsch Drahthaar Welpe, verdient den Beinamen „Die Rose von Jeri-cho“ ganz gewiß. Warum das so ist, möchte ich hier erzählen.
Es war Sonntag, spät am Nachmittag, als das Telefon klingelte:“ Hier ist der Hun-detransport. Wir sind gleich bei Ihnen und bringen Ihnen den Jagdhund aus der Türkei.“ Nach einer kurzen Beschreibung, wie man von der Autobahn zu mir kommt und dem Hinweis, daß ich im Wendehammer mit Leine warten würde, ging ich hinunter, um Theo in Empfang zu nehmen. Ein alter Lieferwagen erschien, und zwei grobe Männer stiegen aus. Eine kurze Begrüßung und der Hinweis, daß man schnell weiter wolle, schließlich sei man um 12.00 Uhr nachts
in Rumänien losge-
fahren und müsse noch nach Köln. Die Frage, ob die Hunde im Transporter zwischendurch ausgeführt worden waren, ersparte ich mir, als mir beim Öffnen der Tür Kot und Uringeruch entgegenkam.
Ein halbes Dutzend Hunde bellte mich aus Transportboxen mit ohrenbetäubendem Krach an. „Da ist er drin“, sagte eine der Männerstimmen und deutete auf eine der Boxen, sichtlich sich davor drückend, den Hund aus der Box zu holen. Vorsichtig öffnete ich das Verschlußgitter und versuchte Theo mit beruhig-ender Stimme zu locken, sofern das bei dem Lärm des Hundegebells überhaupt möglich war... Eine schwarze Hundenase zeigte sich kurz und verschwand auch sofort wieder. Ich beugte mich vor die Box und dort sah ich dann Theo zusammengekauert an die Rückwand der Box gedrückt. Beruhigend auf ihn einredend schob ich die Halsung, die ich wohlweislich sehr groß gestellt hatte, über seinen Kopf. Das klappte ohne Probleme - und vor allem ohne Biß in die Hand!
„Komm, Theo komm!“ versuchte ich ihn zu locken, und Theo kroch vorsichtig und zitternd aus der Box. Sofort sprang er einem der Männer an die Brust, versuchte sich mit den Vorderpfoten an dessen Bauch festzuklammern und vergrub seinen Kopf in des Mannes Pullover.
Der Mann befreite sich vom Hund und verabschiedete sich von mir. Ich sah noch dem verschwindenden Auto nach und dachte an die anderen Hunde im Lieferwagen, die einem hoffentlich guten Schicksal ent-gegenfuhren, aber da hatte mich die Realität in Gestalt eines neuen Pflegehundes schon wieder einge-holt.
Doch welch ein Anblick! Theos Kopf hing weit hinab, und so völlig abgemagert und mit seinem Krumm-rücken sah er aus wie ein alter Gaul. Die kleine Stummelrute war derart eingeklemmt, daß man sie nicht sah. Tief rotunterlaufene Augen mit einem traurigen Blick. So stand ich mit dem Haufen Elend an der Leine bei uns im Wendehammer. Das sollte ein 8 Monate alter Deutsch-Drahthaar Junghund sein? Das ganze Tier war ein Bild des Jammerns. Zudem roch es nach Kot und Urin, nicht nach dem nur für Hun-debesitzer angenehmen, typischen Hundegeruch.
„So, dann zeige ich Dir mal Dein neues Zuhause“ murmelte ich, auch um mich vom Schock des Anblicks zu befreien. Doch leichter gesagt, als getan. Kaum war ich 2-3 Schritte gegangen, sprang Theo mir an die Brust, klammerte sich mit den Pfoten am Mantel fest und drückte seinen Kopf an meinen Bauch, so wie er es beim Fahrer des Hundetransportes getan hatte. Ich streichelte ihn, nahm seine Beine und stellt ihn wieder hin. Dies ging nun immerfort, und an ein normales Laufen an der Leine war gar nicht zu denken. Als wir endlich das Haus erreichten, hatte er auf dem Weg dorthin wenigstens seine übervolle Blase geleert. Ich führte in durch den Garten, aber Theo stand immer nur da, zeigte keinerlei Interesse und schaute nur mit leerem Blick vor sich hin. Als er das Haus betrat, ließ ihn meine Wachtelhündin ohne zu knurren an der Haustür passieren. Dies war ein gutes Zeichen, da sie normalerweise alle Pflegehunde erst einmal anknurrt und ihnen dadurch zeigt, daß sie hier die Chefin ist. Aber scheinbar hatte auch meine ansonsten zickige Wachtel nur Mitleid mit Theo.
Kaum im Haus, hob er am Beistelltisch das Bein. Doch es kam noch besser. Als ich gerade dabei war, die Flecken des ersten Geschäfts zu beseitigen, saß er auf dem Teppich und verrichtete sein großes Ge-schäft. „Sauber ist er also auch noch nicht“ stellte ich mit mittlerweile wiedereingekehrter Nüchtern-heit fest! Als das Wohnzimmer sauber war, wollte ich mit ihm eine kleine Runde drehen, aber dies war leichter gesagt, als getan. Das kleinste Geräusch oder der Anblick eines Menschen verängstigte ihn derart, daß er sich vor mich stellte, mich ansprang, festklammerte und ein normales Laufen an der Leine gar nicht möglich war.
Das Fressen, das er am Abend bekam, war binnen Sekunden verschlungen. Für die Nacht hatte ich ihm eine große Decke an die Heizung gelegt, und nachdem es dann um 1.00 Uhr nachts noch einmal in den Garten ging, wurde er bei seiner Decke angeleint. Ganz früh am Morgen ging ich zu ihm, und das, was sich mir da bot, übertraf alles bisher Dagewesene. Theo lag inmitten mehrere Kothaufen seines Durch-falls, die er auf der Decke verteilt hatte. Als ich an ihn herantrat, schämte er sich derart, daß er zu-sätzlich noch unter sich urinierte. Vom Anblick derart erschüttert, mußte ich mich erst einmal hinsetzen und mich fassen. Er hatte noch nicht einmal die Decke verlassen, um seine Notdurft neben seinem Lager zu verrichten, was trotz Leine problemlos möglich gewesen wäre. Scheinbar hatte er jegliches Gefühl von Reinlichkeit verloren oder überhaupt noch nie verinnerlicht. Er wurde nun also stündlich in den Garten geführt. Am Abend ging es dann zum Tierarzt zwecks Generaluntersuchung. Als ich die Tür der Tierarztpraxis öffnete, legte Theo sich flach auf den Boden, urinierte in den Eingang und wollte keinen Millimeter mehr weiter. Scheinbar erinnerte ihn der Geruch an das Tier-heim, aus dem er kam.
Ich hatte aber schon am ersten Tag erkannt, daß sich das verkrampfte „auf-den-Boden-Legen“ mit einer ruhigen Stimme sofort aufheben ließ und er dann stattdessen zu mir kam. Wenn ich ihn nun noch am Kopf kraulte, schöpfte er Vertrauen und folgte mir. Dies klappte auch beim Tierarzt, und beim Gang zur Waage, den er abermals mit verkrampftem Hinlegen verweigerte, funktionierte es erneut. Als ich ihn beruhigend lockte, stieg er allein auf die Waage und ließ sich durch Kraulen entspannen; er blieb sogar brav sitzen.
Die ersten 5 Tage ging es wie gesagt stündlich in den Garten und nachts um 1.00 Uhr das letzte Mal. Doch bis zum Morgen "durchzuhalten" schaffte Theo erst am 6. Tag; erst jetzt hatte sich sein Darm stabilisiert. Theo bekam in diesen Tagen eine alte Liegestuhlauflage als Decke, und das hatte zumindest den Vorteil, daß er seine Notdurft nur noch auf dem Steinboden verrichtete und nicht mehr auf seiner Decke.
Den ersten Morgen, der ohne Wassereimer und Wischtuch begann, feierte ich innerlich wie einen großen Sieg.
Theos bereits erwähnte Fähigkeit, eine liebe, gütige Stimme von einer groben genau unterscheiden zu können, machte ich mir zunutze. Außerdem war Theo zwar erst 8 Monate alt, besaß aber die Lebens-erfahrung eines 3-4jährigen Hundes. Dadurch veränderte er sich stündlich! Durch seine schnelle Auf-fassungsgabe und die für sein Alter große Erfahrung erkannte er, daß hier jemand war, der ihm in Not-situationen half. Wenn Theo verängstigt den Schwanz einkniff, ging ich in die Hocke, nahm ihn in Emp-fang, setzte ihn vor mich hin, streichelte ich ihn und redete beruhigend auf ihn ein.
Dadurch wurde aus dem ängstlichen Häufchen Hund schon nach 3 Tagen ein selbstbewußter, pubertierender Jungrüde. Sah er einen Hund uns entgegen-kommen, schaute er kurz, ob meine Wachtel, seine große Schwester, neben ihm war, und ob ich, sein großer Bruder, hinter ihm stand. Dann nahm er Stellung auf wie ein Paradepferd und bellte den fremden Hund laut an. Am 4. Tag durfte er schon frei im Haus herumlaufen und nahm sofort die von meiner Wachtel ver-nachlässigte Hauswächterposition ein. Grollend stand er von nun an mit den Vor-derpfoten auf der Fensterbank, beobachtete den Garten und bellte, wenn das Postauto oder andere Besucher der Nachbarn den Berg hochkamen. Als er im

Weinberg das erstemal den Ziegen im Gatter begegnete, zeigte er seine typische Angsthaltung des „flach-auf-den-Boden-Legen“. Doch schon beim 2. Besuch bellte er zusammen mit meiner Wachtel mit tiefer Stimme die Ziegen an.
Bei unseren Spaziergängen zeigte er nach nur einer Woche alle Fähigkeiten, die ein 8 Monate alter, passionierter Jagdhund zeigen muß. Er arbeitete frische Fährten, steckte überall seine Nase hinein und jagte allem, was wegfliegt stürmisch und unbekümmert hinterher. Doch das größte Lob gab es vom Tier-arzt. Genau eine Woche später, am nächsten Montag, mußten wir zur Nachuntersuchung. Theo saß auf-merksam und sicher zwischen meinen Beinen im Wartezimmer, und jeder Hund, der hineinkam und nicht die nötige Furcht zeigte, wurde durch tiefes Knurren zurechtgewiesen. Theo war der Chef im Warte-zimmer und alles hörte auf sein Kommando! Als ich Theo dann dem Tierarzt vorführte, konnte dieser kaum fassen, daß das der gleiche Hund war, den er letzten Montag untersucht hatte. Auch er war von Theo´s Entwicklung völlig überrascht.
Noch nie habe ich in meinem Leben einen Hund erlebt, der sich in so wenigen Tagen von einem Haufen Elend zu einem fröhlichen, ungestümen Junghund entwickelte.
Deshalb wird Theo mir als „Die Rose von Jericho“ in ewiger Erinnerung bleiben.

(Erstveröffentlichung bei: Krambambulli Jagdhundhilfe e.V.)

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