|
Toni,
ein Todeskandidat mit Spitzenanlagen
Von Stefan Fügner
Der
erste Kontakt: Ich war vorgewarnt. Vor der Zusendung
der Photos eines Hundes, der aus einer Töt-ungsstation
in Spanien gerettet und zuvor schwer mißhandelt
worden war, hatte ich einen Anruf erhalt-en, ich
möge
beim Anblick der Bilder nicht erschrecken. Doch
selbst
für mich als Jäger, der schon ein-iges gesehen
hat, übertrafen die Bilder meine Vorstellungskraft.
Man hatte den Deutsch Kurzhaarrüden an der Rute
und am Hals aufgehängt. Der Hund hatte ein
deutliches, fingerbreites Würgemal am Hals,
die Rute hatte man ihm amputieren müssen und
die frischen Operationsnarben waren
noch sichtbar.
|
Doch
die vor Todesangst aufgerissenen Augen waren das
schlimmste beim Anblick der Bilder. Sofort drückte
ich die Löschtaste; die Impressionen waren für
mich unerträglich. Ich bat um Bedenkzeit. Doch der
Hund ließ mich nicht los, und ich erklärte
mich einige Tage später bereit, mich des Tieres
anzunehmen.
Ankunft in Deutschland: 2 Wochen später kam er
dann mit einem
Hundetransport |
|
|
|
aus
Spanien an, und ich nahm ihn auf einer
Autobahnraststätte in Empfang. Mit Susann, die eine
Drahthaarhündin aus dem Transport übernahm,
war ich froh, nicht ganz alleine bei der Übergabe
zu sein. Vor der Weiterfahrt zu mir wurde eine Runde
auf
der Raststätte gedreht, damit nach stundenlangem
Transport das große und kleine Geschäft erledigt
werden konnte. Der Hund konnte sich nur zerrend mit
den
Pfoten am Boden kratzend vorwärts bewegen. Leinenführigkeit
war keine vorhanden. Wenigstens zeigte er großes
Interesse beim Autofahren und schaute neugierig aus
dem Fenster. Zuhause angekommen,
wollte ich mit ihm eine kleine |
Runde
drehen. Dabei preschte er entweder an der Leine nach
vorne, oder er legte
sich ängstlich auf den Boden. Danach wurde er erst einmal
angebunden, bekam eine Decke und wurde mit Futter versorgt.
Er verschlang die erste Malzeit gierig und schaute dabei
ständig ängstlich zu meiner Wachtelhündin.
Im Umkreis von 20cm um den Napf lagen ein Gemisch aus
Wasser, Speichel und Futterresten. |
Die
ersten Tage: Sein panikartiges Vorpreschen an der
Leine
hatte sich schon nach 3 Tagen fast voll-ständig
gelegt, und auf das Kommando Hier ging er
sofort brav hinter mich. Die ersten 3 Tage blieb er
angeleint in der
Wohnung und wurde alle 2 Stunden in den Garten geführt.
Mittags machte ich dann mit ihm und meiner Wachtel eine
große Runde. Im Haus war der Hund ein einziges
Bündel
Angst. Näherte man sich ihm, so legte er sich nur
mit dem vorderen Teil seines Körpers flach auf
den Boden und schaute einen ängstlich an. Den
ganzen Tag stand er auf seiner Decke und beobachtet
das Treiben
in der Wohnung sehr aufmerksam, ohne sich aber auch nur
ein einziges Mal hinzulegen. Erst wenn abends das Licht
ausgeschaltet wurde und kein Mensch mehr im Zimmer war,
legte er sich hin. Freude zeigte er nur, wenn ich mit
dem Napf kam, ansonsten gab es keinerlei Reaktionen.
Als ich ihn am 5. Tag unter Aufsicht in der Wohnung
erstmals
frei laufen ließ, sprang er sofort auf mein Ledersofa,
bohrte mit dem Kopf gegen die Lehne und wälzte
sich knurrend auf der Sitzfläche. Das Eis war
gebrochen, zum ersten mal zeigte er, daß er mich
akzeptierte! Da er bis dahin keinen Namen hatte, gab
ich ihm den Namen
Toni. |
Toni,
der Hund mit den 2 Gesichtern: Mit dem ersten Freilauf
in der Wohnung kam auf unseren großen Spaziergängen
auch die Langleine zum Einsatz. Wie ein Tiger schlich
Toni vor mir her und beobachtete die Vögel in den
Hecken und Bäumen. Sah er einen, schoß er wie
ein Blitz die Hänge der Hohlwege hinauf und buschierte.
Seine Ängste waren auf den Spaziergängen völlig
verflogen, und Toni war hier ein ganz anderer Hund! Am
Ende der 2. Woche durfte er das erste Mal ohne Leine in
den Garten. Nur ein einziges Mal mußte ich ihn ermahnen,
das of-fene Grundstück nicht zu verlassen, von da
ab verließ er das Grundstück nur noch einmal,
als er den Maschendrahtzaun zum Nachbarn geöffnet
hatte. Aber auch |
|
hier
gab es nur eine einzige Ermahnung, und er unterließ
es von da ab, sich vom Grundstück zu entfern-en.
Toni wußte Haus und Grundstück sofort als
sein neues Heim zu würdigen! Der verspätete
Frühling
hielt Einzug, und Toni konnte mit meiner Wachtel den
ganzen Tag im Garten bleiben. Mit strengem Blick stand
Toni den
ganzen Tag auf der Terrasse und beobachtet alles sehr
genau. Ab und an schoß er zu den Kirschlorbeerbäumen
und versuchte, die sich dort gerne aufhaltenden Amseln
zu fangen, was ihm dann auch gelang! Scheinbar hatte
er sich in seiner Zeit als Selbstversorger in Spanien
auf
das erfolg-reiche Vogelfangen spezialisiert. Auch auf
unseren Spaziergängen äugte er ständig
den Vögeln
nach. Im Gelände hatte er schnell einen guten Appell,
kam sofort freudig an und zeigte beim Üben des
Komman-dos
Sitz keinerlei Ängste. War man hingegen
in der Wohnung und rief ihn, blieb er stehen, ging man
auf ihn zu, legte er sich ängstlich auf den Boden.
Diese ängstliche Verhalten hat er bis heute nicht
ver-loren, und wahrscheinlich wird Toni hier auch
nie mehr
ein normaler Hund.
Toni entwickelte sich zu einem Hund mit 2 Gesichtern.
Trotz des strengen und gleichmäßigen Tages-ablaufs
dauerte es viel Wochen, bis er anfing Freude zu zeigen.
Seine Fröhlichkeit beim Anblick des Gartens am Morgen
oder beim Anziehen meiner Wandersachen stellte sich
erst
nach vielen Wochen ein. Tiefes Mißtrauen begleitet
ihn bei allem, was mit Menschen zu tun hat, und erst
wenn
sich etwas viel-fach über Wochen ständig wiederholte,
schöpfte er Vertrauen. |
|
Freßgier
und Verdauung: Tonis gesamter Verdauungstrakt war schwer
geschädigt. Aufgenommene Nahrung war binnen 2 Stunden
vollständig verdaut. Dies führte dazu, daß
er unter schlimmem Durchfall litt und fortwährend
vom Hunger geplagt wurde. Die ersten Wochen wurde er nur
von einem Gedanken getrieben, nämlich wie er den
Menschen ihr Futter klaut. Er ging dabei so geschickt
vor, daß man |
nur
staunen konnte. Wenn er abends noch einmal in den
Garten geführt wurde, erledigte er schnell
sein Geschäft
und schoß dann wie ein Pfeil ums Haus, um in die
Küche zu kommen. Bis ich im Haus war, hatte er
geklaut, was erreichbar war und saß schon wieder
brav vor der Küche und schleckte sich den Fang.
Um ihn halbwegs satt zu bekommen, erhielt er in den
ersten Wochen 4 mal
soviel Futter, wie meine Wachtel mit gleichem Gewicht!
Aber erst eine mehrwöchige Therapie mit Heilerde,
gequollenem und pürriertem Kraftfutter, Lebertran
und mehreren Mahlzeiten am Tag stabilisierte seine
Verdauungs-organe. |
Tonis
großer Sprung: Tonis bereits erwähnte, unbändige
Passion beim Vogel-fangen und das absolut angstfreie und
neugierige Verhalten im Wald und im Feld ließ mir
keine Ruhe. Trotzdem arbeitete ich weiterhin ausschließlich
am noch nicht gefestigten Gehorsam. Die Konfirmation meines
Patenkindes stand an und somit Tonis erste Reise. Ein
ungutes Gefühl hatte ich schon, da Toni bisher
nur |
|
unseren
Garten, das Umfeld um unser Haus und unsere Gäste
kannte. Das Verhalten in größeren Men-schenansammlungen
und Übernachtung in einer fremden Umgebung hatten
wir noch nicht geübt. Die Bedenken wurden aber schnell
von mir verworfen, schließlich ging es an den Niederrhein
mit riesigen Feldern und großen Niederwildbeständen.
Und dann noch im Frühjahr, wo man doch hervorragend
in der jungen Saat üben kann. Hier sollte Toni mir
zeigen, daß er nicht nur Amseln jagen kann!
War Toni in der ersten Woche noch wild im Auto herum
gesprungen, wenn ich es kurz verließ, lag er auf
der Fahrt zum Niederrhein brav in seinem Korb und betrachtete
den Verkehr
aus dem Rückfenster. Kaum am Niederrhein angekommen,
wurden die Jagdsachen angezogen und mit Toni ging es
an
der Lang-leine in die Gemüse- und Getreidefelder
des Niederrheins. Hier war er in seinem Element! Langsam
ar-beitete
er sich gegen den Wind durch das Gras und die Saat, den
Kopf immer tief, weit unter dem Stich, daß ihm
nur kein drückender Hase entgeht. Die Quersuche
machte er routiniert, als ob er nie etwas anderes gemacht
hätte.
Die Wendung kam reflexartig beim Kommando Hier. |
|
Ein
Fasanenpaar stand er schon nach wenigen hundert Metern
perfekt vor. Lang-sam verfolgte er die in der Saat
flüchtenden
Fasane, um erneut vorzustehen. Nur beim Aufsteigen der
Fasane mußte die Langleine das Vorpreschen stoppen.
Aber auf das Kommando Hier kam er sofort zurück.
Für Toni schien es nichts ander-es mehr zu geben,
als Wiesen und Felder zu arbeiten. Unermüdlich und
nie nach-lassend arbeitete er völlig ruhig und
ohne Hast. Es war eine Augenweide, den Hund zu beobachten.
Selbst seine Scheu vor dem Wasser verlor er hier. Als
er am Ufer eines Kanals arbeitete und ans andere Ufer
wechseln wollte, sprang er |
ins
Wasser und erreichte noch etwas unbeholfen planschend
die andere Seite.
Der
Kloß im Hals:
Ausgerechnet in diesen Tagen größter Freude
über die erheblichen Fortschritte des Hundes erreichte
mich der erste Anruf eines Interessenten. Man hätte
den Toni im Internet entdeckt und habe großes
Interesse. Sofort hatte ich diesen Riesenkloß im
Hals, wie man ihn immer hat, wenn sich der erste In-teressent
auf
einen Pflegehund meldet, aber diesmal spürte ich
ihn ganz deutlich und so stark wie nie zuvor. Verdrängt
man doch immer das Wissen um eine Trennung von einem
liebgewonnenen
Pflegehund , die irgendwann ansteht. Erstmals wurde mir
bewußt, dass mich zu diesem Hund etwas verbindet,
was ich vorher zu keinem anderen Pflegehund hatte. |
|
Toni
stellt sich vor: Bis zum Tag, als der erste Interessent
uns besuchte, hatte ich weiter an Tonis jagdlichen
Fähigkeiten
gearbeitet. Er machte täglich Riesen-sprünge.
Insbesondere seine Ruhe, sich von meiner neben ihm
stöbernden
Wachtel nicht irritieren zu lassen, faszinierte mich.
Als ich Toni dann in den Wiesen an der Langleine dem
Interessenten präsentierte, spulte er ein Programm
ab, wie es in ein
|
|
|
-em Lehrfilm für Junghundausbildung nicht
besser darstellbar ist. Selbst seine noch vorhandene
Skep-sis vor dem Wasser war wie weggeflogen. Die Langleine
diente nur noch als Sicherheit und kam nicht ein einziges
mal korrigierend zum Einsatz. Toni gab sich die beste
Mühe, mich nicht zu blamieren!
Toni ist für mich der lebende Beweis für
die unschätzbaren Werte, die in unseren Rassehunden
stecken. Mit seinem Werdegang vom scheinbar hoffnungslosen
Todeskandidaten zum leistungsfähigen Vorstehhund
hat Toni bewiesen, welche Wesensstärke und Anlagen
unsere Hunden haben. Es sind immer wieder wir Menschen,
die diese Stärken nicht zu würdigen und zu
fördern wissen.
(Erstveröffentlichung
bei: Krambambulli
Jagdhundhilfe e.V.)
Seitenanfang
home
|
Theo,
die Rose von Jericho
Von
Stefan Fügner
Alle
Pflanzenliebhaber kennen sie, die Rose von Jericho,
ein kleines Naturwunder. Beheimatet im Vor-deren Orient,
sehen sie in der Trockenperiode aus, wie ein faustgroßes
zusammen geknäultes verdör-rtes Astwerk
einer Konifere. In der Regenzeit aber, wenn der
scheinbar
vertrocknete Pflanzenrest Wasser bekommt, entfaltet
sie sich binnen Stunden zu einer prächtigen,
saftig grünen tellerartigen Bodenpflanze.
Botaniker führen
das Naturschauspiel gerne mittels eines mit Wasser
gefüllten
Tellers vor, in den man die Rose von Jericho hineinlegt,
damit man sieht, wie scheinbar totes Geäst
durch Was-ser plötzlich zu Leben erweckt
wird.
|
|
|
Theo,
der Deutsch Drahthaar Welpe, verdient den Beinamen Die
Rose von Jeri-cho ganz gewiß. Warum das
so ist, möchte ich hier erzählen.
Es war Sonntag, spät am Nachmittag, als das Telefon
klingelte: Hier ist der Hun-detransport. Wir sind
gleich bei Ihnen und bringen Ihnen den Jagdhund aus
der
Türkei. Nach einer kurzen Beschreibung, wie
man von der Autobahn zu mir kommt und dem Hinweis, daß
ich im Wendehammer mit Leine warten würde, ging
ich hinunter, um Theo in Empfang zu nehmen. Ein alter
Lieferwagen erschien, und zwei grobe Männer stiegen
aus. Eine kurze Begrüßung und der Hinweis,
daß man schnell weiter wolle, schließlich
sei man um 12.00 Uhr nachts in
Rumänien losge- |
fahren
und müsse noch nach Köln. Die Frage,
ob die Hunde
im Transporter
zwischendurch ausgeführt worden waren,
ersparte ich mir, als mir beim Öffnen der Tür
Kot und Uringeruch entgegenkam.
Ein halbes Dutzend Hunde bellte mich aus Transportboxen
mit ohrenbetäubendem Krach an. Da ist er drin,
sagte eine der Männerstimmen und deutete auf eine
der Boxen, sichtlich sich davor drückend, den
Hund aus der Box zu holen. Vorsichtig öffnete
ich das Verschlußgitter und versuchte Theo mit
beruhig-ender Stimme zu locken, sofern das bei dem
Lärm des Hundegebells
überhaupt möglich war... Eine schwarze Hundenase
zeigte sich kurz und verschwand auch sofort wieder.
Ich
beugte mich vor die Box und dort sah ich dann Theo zusammengekauert
an die Rückwand der Box gedrückt. Beruhigend
auf ihn einredend schob ich die Halsung, die ich wohlweislich
sehr groß gestellt hatte, über seinen Kopf.
Das klappte ohne Probleme - und vor allem ohne Biß in
die Hand!
Komm, Theo komm! versuchte ich ihn zu locken,
und Theo kroch vorsichtig und zitternd aus der Box. Sofort
sprang er einem der Männer an die Brust, versuchte
sich mit den Vorderpfoten an dessen Bauch festzuklammern
und vergrub seinen Kopf in des Mannes Pullover.
Der Mann befreite sich vom Hund und verabschiedete
sich von mir. Ich sah noch dem verschwindenden
Auto nach und
dachte an die anderen Hunde im Lieferwagen, die
einem hoffentlich guten Schicksal ent-gegenfuhren,
aber da
hatte mich die Realität in Gestalt eines neuen
Pflegehundes schon wieder einge-holt.
Doch
welch ein Anblick! Theos Kopf hing weit hinab,
und so
völlig abgemagert und mit seinem Krumm-rücken
sah er aus wie ein alter Gaul. Die kleine Stummelrute
war derart eingeklemmt, daß man sie nicht sah.
Tief rotunterlaufene Augen mit einem traurigen Blick.
So stand
ich mit dem Haufen Elend an der Leine bei uns im Wendehammer.
Das sollte ein 8 Monate alter Deutsch-Drahthaar Junghund
sein? Das ganze Tier war ein Bild des Jammerns. Zudem
roch es nach Kot und Urin, nicht nach dem nur für
Hun-debesitzer angenehmen, typischen Hundegeruch.
So, dann zeige ich Dir mal Dein neues Zuhause
murmelte ich, auch um mich vom Schock des Anblicks zu
befreien. Doch leichter gesagt, als getan. Kaum war
ich
2-3 Schritte gegangen, sprang Theo mir an die Brust,
klammerte sich mit den Pfoten am Mantel fest und drückte
seinen Kopf an meinen Bauch, so wie er es beim Fahrer
des Hundetransportes
getan hatte. Ich streichelte ihn, nahm seine Beine und
stellt ihn wieder hin. Dies ging nun immerfort, und
an
ein normales Laufen an der Leine war gar nicht zu denken.
Als wir endlich das Haus erreichten, hatte er auf dem
Weg dorthin wenigstens seine übervolle Blase geleert.
Ich führte in durch den Garten, aber Theo stand
immer nur da, zeigte keinerlei Interesse und schaute
nur mit
leerem Blick vor sich hin. Als er das Haus betrat, ließ
ihn meine Wachtelhündin ohne zu knurren an der
Haustür
passieren. Dies war ein gutes Zeichen, da sie normalerweise
alle Pflegehunde erst einmal anknurrt und ihnen dadurch
zeigt, daß sie hier die Chefin ist. Aber scheinbar
hatte auch meine ansonsten zickige Wachtel nur
Mitleid
mit Theo.
Kaum im Haus, hob er am Beistelltisch das Bein. Doch
es kam noch besser. Als ich gerade dabei war,
die Flecken
des ersten Geschäfts zu beseitigen, saß er
auf dem Teppich und verrichtete sein großes Ge-schäft.
Sauber ist er also auch noch nicht stellte
ich mit mittlerweile wiedereingekehrter Nüchtern-heit
fest! Als das Wohnzimmer sauber war, wollte ich mit
ihm
eine kleine Runde drehen, aber dies war leichter gesagt,
als getan. Das kleinste Geräusch oder der Anblick
eines Menschen verängstigte ihn derart, daß
er sich vor mich stellte, mich ansprang, festklammerte
und ein normales Laufen an der Leine gar nicht möglich
war.
Das Fressen, das er am Abend bekam, war binnen
Sekunden verschlungen. Für die Nacht hatte ich ihm eine
große
Decke an die Heizung gelegt, und nachdem es dann um 1.00
Uhr nachts noch einmal in den Garten ging, wurde er
bei
seiner Decke angeleint. Ganz früh am Morgen ging
ich zu ihm, und das, was sich mir da bot, übertraf
alles bisher Dagewesene. Theo lag inmitten mehrere
Kothaufen
seines Durch-falls, die er auf der Decke verteilt hatte.
Als ich an ihn herantrat, schämte er sich derart,
daß er zu-sätzlich noch unter sich urinierte.
Vom Anblick derart erschüttert, mußte
ich mich erst einmal hinsetzen und mich fassen.
Er hatte noch nicht
einmal die Decke verlassen, um seine Notdurft neben seinem
Lager zu verrichten, was trotz Leine problemlos
möglich
gewesen wäre. Scheinbar hatte er jegliches Gefühl
von Reinlichkeit verloren oder überhaupt noch nie
verinnerlicht. Er wurde nun also stündlich in
den Garten geführt. Am Abend ging es dann zum
Tierarzt zwecks Generaluntersuchung. Als ich die Tür
der Tierarztpraxis
öffnete, legte Theo sich flach auf den Boden, urinierte
in den Eingang und wollte keinen Millimeter mehr
weiter.
Scheinbar erinnerte ihn der Geruch an das Tier-heim,
aus dem er kam.
Ich hatte aber schon am ersten Tag erkannt, daß
sich das verkrampfte auf-den-Boden-Legen mit
einer ruhigen Stimme sofort aufheben ließ und er
dann stattdessen zu mir kam. Wenn ich ihn nun noch am
Kopf kraulte, schöpfte er Vertrauen und folgte mir.
Dies klappte auch beim Tierarzt, und beim Gang zur Waage,
den er abermals mit verkrampftem Hinlegen verweigerte,
funktionierte es erneut. Als ich ihn beruhigend lockte,
stieg er allein auf die Waage und ließ sich
durch Kraulen entspannen; er blieb sogar brav sitzen.
Die ersten 5 Tage ging es wie gesagt stündlich in
den Garten und nachts um 1.00 Uhr das letzte Mal. Doch
bis zum Morgen "durchzuhalten" schaffte Theo
erst am 6. Tag; erst jetzt hatte sich sein Darm stabilisiert.
Theo bekam in diesen Tagen eine alte Liegestuhlauflage
als Decke, und das hatte zumindest den Vorteil, daß er
seine Notdurft nur noch auf dem Steinboden verrichtete
und nicht mehr auf seiner Decke.
Den ersten Morgen, der ohne Wassereimer und Wischtuch
begann, feierte ich innerlich wie einen großen
Sieg.
Theos bereits erwähnte Fähigkeit, eine liebe,
gütige Stimme von einer groben genau unterscheiden
zu können, machte ich mir zunutze. Außerdem
war Theo zwar erst 8 Monate alt, besaß aber
die Lebens-erfahrung eines 3-4jährigen Hundes.
Dadurch veränderte er sich stündlich! Durch
seine schnelle Auf-fassungsgabe und die für
sein Alter große
Erfahrung erkannte er, daß hier jemand war, der
ihm in Not-situationen half. Wenn Theo verängstigt
den Schwanz einkniff, ging ich in die Hocke,
nahm ihn
in Emp-fang, setzte ihn vor mich hin, streichelte ich
ihn und redete beruhigend auf ihn ein. |
Dadurch
wurde aus dem ängstlichen Häufchen Hund
schon nach 3 Tagen ein selbstbewußter, pubertierender
Jungrüde. Sah er einen Hund uns entgegen-kommen,
schaute er kurz, ob meine Wachtel, seine große
Schwester, neben ihm war, und ob ich, sein großer
Bruder, hinter ihm stand. Dann nahm er Stellung
auf wie ein Paradepferd
und bellte den fremden Hund laut an. Am 4. Tag durfte
er schon frei im Haus herumlaufen und nahm sofort
die
von meiner Wachtel ver-nachlässigte Hauswächterposition
ein. Grollend stand er von nun an mit den Vor-derpfoten
auf der Fensterbank, beobachtete den Garten und bellte,
wenn das Postauto oder andere Besucher der Nachbarn
den
Berg hochkamen.
Als er im |
|
|
Weinberg
das erstemal den Ziegen im Gatter begegnete, zeigte
er seine typische Angsthaltung des
flach-auf-den-Boden-Legen. Doch schon beim
2. Besuch bellte er zusammen mit meiner Wachtel mit
tiefer Stimme die Ziegen an.
Bei unseren Spaziergängen zeigte er nach nur
einer Woche alle Fähigkeiten, die ein 8 Monate
alter, passionierter Jagdhund zeigen muß.
Er arbeitete frische Fährten, steckte überall
seine Nase hinein und jagte allem, was wegfliegt
stürmisch
und unbekümmert hinterher. Doch das größte
Lob gab es vom Tier-arzt. Genau eine Woche später,
am nächsten Montag, mußten wir zur
Nachuntersuchung. Theo saß auf-merksam
und sicher zwischen meinen Beinen im Wartezimmer,
und jeder Hund, der hineinkam
und nicht die nötige Furcht zeigte, wurde
durch tiefes Knurren zurechtgewiesen. Theo war
der Chef im
Warte-zimmer und alles hörte auf sein Kommando!
Als ich Theo dann dem Tierarzt vorführte,
konnte dieser kaum fassen, daß das der
gleiche Hund war, den er letzten Montag untersucht
hatte. Auch er war
von Theo´s Entwicklung völlig überrascht.
Noch nie habe ich in meinem Leben einen Hund erlebt,
der sich in so wenigen Tagen von einem Haufen Elend
zu einem fröhlichen, ungestümen Junghund entwickelte.
Deshalb wird Theo mir als Die Rose von Jericho
in ewiger Erinnerung bleiben.
(Erstveröffentlichung
bei:
Krambambulli Jagdhundhilfe e.V.)
Seitenanfang
home
|
|
|
|