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Ehemalige
Jagdhunde nur an Nicht-Jäger abzugeben!?
Von Sabine Middelhaufe
Jagdhunde
stellen einen ganz beträchtlichen Anteil der Hunde, die
aus südlichen
Ländern zur Adoption nach Deutschland gelangen, und so manche
ausländische Tierschutzorganisation besteht darauf, dass
diese Vierbeiner ausschließlich an Nicht-Jäger vermittelt
werden. Das hat gute Gründe. Nach 20 Jahren in meiner Wahlheimat
Italien kann ich bestätigen, dass die Haltung von Jagdhunden,
ob be-stammbaumter Rassevertreter oder selbstgestrickter Mischlinge,
oftmals reines
Entsetzen einflößt. (Nota bene: ich
beziehe mich in diesem Artikel ausschließlich auf meine
eigenen Beobachtungen sowie gesicherte Aussagen anderer Personen.
Ich erfreche
mich nicht zu behaupten "überall in Italien" sei
etwas wie beschreiben, oder "alle italie-nischen Jäger"
tun dies oder jenes. Bitte verstehen Sie verallgemeinernde Redewendungen
die dem besseren Lesefluss dienen in diesem Sinne.) Außenunterbringung
ist die Norm, wobei der "Zwinger" so ziemlich alles
sein kann, vom finsteren, engen Verschlag hinterm Stall bis
zur ausreichend
großen Zwingeranlage mit Schutz-hütte. Dass der Aufenthalt
im Freien für einen Gebrauchshund von Vorteil ist, steht
außer
Zweifel, vorausgesetzt, der Hund ist gesund, angemessen ernährt,
kann die Hütte durch eigene Körperwärme ausreichend
"heizen", der Auslauf wird sauber gehalten, bietet dem
Tier Beschäftigungsmöglichkeiten usw. Problematisch
wird die Sache allerdings auch beim schönsten Zwinger, wenn
der Vierbeiner dazu verurteilt ist, all die langen Monate außerhalb
der Jagdsaison Tag für Tag nur in diesem extrem be-grenzten
Raum zu fristen, und das scheint die Regel zu sein. Abgesehen
vom
ambitionierten Rassehund-führer, der an Prüfungen teilnimmt
und seinen Hund folglich dafür trainieren muß, haben
italienische
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| Zwingerhaltung
ist die Regel. Foto: Middelhaufe |
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Jäger
keineswegs die Gewohnheit, sich außerhalb des jagdlichen
Einsatzes sonderlich mit ihren Tieren zu beschäftigen.
Eher erwecken
sie den Ein-druck, dass der Hund, wie das Gewehr, ein notwendiges
Instrument für die Jagd ist, das man erst dann hervorholt,
wenn es tatsächlich gebraucht wird. Mag sein, dass der eben
erst neu erstandene Vierbeiner ein gewis-ses Interesse weckt,
mag
sein, dass der Junghund mit 6-7 Monaten schon mal mit in die Felder
oder den Wald genommen wird, um zu sehen, ob er was taugt. Doch
dass der Jäger eine intensive, komplexe Beziehung zu seinem
Jagdhund hat, die Bedürfnisse des Tieres kennt, respektiert
und befriedigt, ihn gar als Teil seiner Familie betrachtet und
entsprechend hält, dürfte die Ausnahme sein.
Vielfach wundern sich die neuen deutschen Besitzer eines ehemaligen
Jagdhundes aus dem Süden über das Fehlen von Spielverhalten
oder zu-mindest eine deutliche Hemmung in diesem Bereich. Das verwundert
wen-ig, wenn man bedenkt, dass Spiel mit dem Menschen nicht zur
Tagesord-
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nung
gehört. Zwar werden Hunde oft dazu angehalten, sich von
Kindern - sofern sie denn Kontakt zu diesen bekommen - klaglos
malträtieren
und tyrannisieren zu lassen, doch mit entspanntem, befriedi-gendem
Spiel hat das natürlich nichts zu tun. Erst recht lässt
sich der Herr Jäger nicht herab, mit seinem Welpen gemeinsam
um einen Lappen zu rangeln, mit ihm zu toben, ihn hinter der Reizangel
her fegen zu lassen und dergleichen. Einmal draußen im Feld
soll der junge Hund schon gar nicht "albern" sein, schließlich
macht man sich die Mühe ihn dorthin zu bringen damit er arbeitet,
nicht sich unterhält.
Üblicherweise lernt der Hund das Spielen also bestenfalls dann
kennen, wenn er mit anderen den Zwin-ger teilt und der oder die
Mitinsassen
bereit sind, mitzumachen.
Auch Erziehung gibt es für den Jagdhund im Grunde nicht, denn
da er weder im Haus lebt, noch Zugang dazu bekommt, nicht mit in
die Stadt oder den Urlaub genommen wird, keine Gelegenheit hat, Tante
Maria die Pizza vom Teller zu klauen oder Onkel Pippo mit schmutzigen
Pfoten anzuspringen, steht für ihn nur das Kapitel Ausbildung
an. Vorausgesetzt, der Jäger erwartet nicht, dass ein anständiger
Jagd-hund von selbst weiß, wie er seine Arbeit auszuführen
hat, wird ihm dies also auf mehr oder weniger verständliche,
konsequente und eindringliche Weise klar gemacht. Dass offensichtlich
eine beträcht-liche Zahl von Hunden, trotz der mangelnden pädagogischen
Fähigkeiten ihrer Besitzer die Lektionen begreift, liegt vermutlich
an den guten Jagdanlagen der Tiere und den, am deutschen Standard
gemes-senen geringen Ansprüchen den der Durchschnittsjäger
an sie stellt. |
Angesichts
einer solchen Beziehung verwundert es dann eigentlich nicht
mehr,
wenn der Vier-beiner bei "Versagen" ohne sonderliche moral-ische
Nöte seines Herrn einfach abgeschoben wird. Tätowierungsnummern
werden relativ schnell unleserlich, und sofern der Hund nicht
mit
Mikrochip versehen ist kann man ihn ohne größeres Risiko
irgendwo "verlieren". Dies geschieht in Italien während
und am Ende jeder Jagdsaison, also im Herbst/ Winter, ungezählte
Male. Die Hunde vagabundieren dann wochenlang allein herum,
ernähren
sich von Abfällen, werden von erzürnten oder verängstigten
Leuten ver-trieben, bisweilen geschlagen, verhungern, er-frieren,
enden
vielleicht als Verkehrsleichen, werden vielleicht aufgegriffen
und ein Tierheim eingewiesen. Manche können via Internet
von Deutschen adoptiert werden; vorausgesetzt die- |
| Sabine
Middelhaufe mit dem Ende Dezember 2006 von seinem Jäger-Herrn
offenbar "entsorgten", ca. 10 Jahre alten English
Setter Rüden Jules. Foto:
Monki |
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se
Deutschen
sind keine Jäger. Ich kann die Abneigung italienischer Tierschützer
gegen ihre landes-eigenen Jäger verstehen. Von den vielen Waidmännern
die ich südlich der Alpen kennengelernt habe, würde
ich auch nur einer Handvoll je einen Hund anvertrauen.
Leider hat die ganze Rechnung einen Haken, den individuellen
Hund nämlich.
Gerade weil Jagdhunde in Italien normalerweise nicht zum Spaß
an der Freude gezüchtet werden, son-dern für den praktischen
Einsatz, darf man getrost davon ausgehen, dass die meisten von ihnen
eines bestimmt besitzen: ausgeprägte Jagdpassion. Mit anderen
Worten: für diese Tiere ist Jagen nichts Geringeres als ihr
Lebensinhalt. Bei der Jagd leben sie auf, befriedigen ihre Instinkte,
koordinieren
all ihre psycho-physischen Fähigkeiten, ertragen willig Strapazen,
Schmerzen, Hitze, Kälte, Regen
Man muss einmal sehen,
mit welch eindeutiger Begeisterung Hunde, die vom Jäger praktisch
9 Monate lang vernachlässigt wurden auf seinen Wink in die
geöffnete
Transportbox im Kofferraum des Jeeps springen, weil sie aus Erfahrung
wissen, was das bedeutet: die Fahrt ins Revier und dann - Jagen!!!
Was ich sagen will: Jagdhunde jagen nicht deshalb, weil ihnen
das jemand eingebläut hätte, sondern weil es für sie
das Maximum an Lebensgenuss bedeutet. Oft, viel zu oft, bewirken
unangemessene
Ausbild-ungsmethoden, mangelnde Sensibilität des Jägers,
traumatische Erfahrungen während der Jagd u.ä. Faktoren,
dass der Vierbeiner den Dienst verweigert. Er zeigt dann definitiv
Angst oder zumindest Unsicherheit wenn er Jäger sieht, die üblichen
Kommandos und/oder Schußgeräusche hört, vielleicht
sogar wenn er auf Wild trifft. Der ahnungslose Betrachter würde
daraus wahrscheinlich voreilig fol-gern, dass zumindest dieser
Hund
die Nase voll hat von der Jagd und froh ist, künftig als geliebter
Fa-milienhund leben zu können. |
| Paul
war nicht die Jagd, sondern nur den falschen Jäger leid.
Foto: Middelhaufe |
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Einverstanden,
es gibt ehemalige Jagdhunde, die soviel durchge-macht haben,
dass
sie wirklich glücklich sind, nach dem täglichen, geruhsamen
Spaziergang auf dem Sofa zu ruhen, später eine Run-de im Garten
zu buddeln oder mit Herrchen/Frauchen shoppen zu gehen. Mein erster
italienischer Findling, ein junger English Set-ter Rüde namens Paul schien
ganz in die Kategorie "Jagd, nein danke!" Zu gehören. Er hatte Angst vor
Männern im allgemeinen und Jägern im besonderen, geriet
in Panik, wenn er sie in der Nähe ihre Hunde rufen hörte,
klemmte unverkennbar die Rute, sobald er Wild sah oder witterte,
(und tat dann natürlich so, als hätte er nichts gefunden),
liebte seinen Kuschelsessel
Gut ein Jahr später gab ich
Paul ab. An einen Jäger. Unter anderem weil ich erkannt
hatte, dass Paul nicht das Jagen leid gewesen war, sondern
nur den einstigen Jäger als Begleiter. Was immer sein Vorbesitzer
falsch gemacht hatte, 12 Monate mit meinen beiden Jagdhündinnen
und mir ließen die bösen Erfahrungen in Vergessenheit
geraten, und Paul fieberte
seinem praktischen Einsatz förmlich entgegen. |
Als
Nicht-Jägerin konnte ich ihm diese Befriedigung nicht verschaffen.
Sein neuer Herr hingegen ja, und da ich die beiden oft wiedersah,
kann ich mit Bestimmtheit sagen, dass Paul bis ins hohe Alter ein
passionierter, erfolgreicher und wirklich respektierter und geliebter
Jagdbegleiter mit Familienanschluß war, der die Schmuseecke
im Sofa unverzüglich verließ, sobald Herrchen das Gewehr
aus dem Waffenschrank nahm.
Ich glaube wir müssen ein bisschen umdenken: klar lieben Hunde
Bequemlichkeit, Zuneigung, Streichel-einheiten, ein angenehmes Leben
eben - aber unter Unständen lieben sie auch ihre Arbeit. Und
unter Umständen vermissen sie sie sogar und zeigen ihre Unzufriedenheit
recht deutlich. Für den neuen Be-sitzer und Nicht-Jäger
ist das schlimm, denn der einzig sichere Weg, den Hund vom Jagen
abzuhalten
ist die lange Leine. Für den Hund ist es noch schlimmer, denn
er darf nie das ausleben, wofür er gebor-en, vielleicht sogar
ausgebildet wurde. Noch einmal: für den passionierten Jagdhund
ist die Jagd keine Nebensächlichkeit, kein Zeitvertreib,
den man beliebig mit etwas anderem ersetzen kann. Für den
passionierten, begabten Jagdhund ist die Jagd sein Lebenszweck,
er braucht sie, um
wirklich aus-gelastet, ausgefüllt, befriedigt zu sein. Und
nur ein Mensch kann ihm das bieten: der Jäger nämlich.
Bevor nun der Chor der Buh-Rufe einsetzt: ich stimme denen vollkommen
zu, die berechtigterweise sag-en, dass ein "ausrangierter"
Jagdhund es unendlich viel besser hat, als geliebter, umsorgter Gefährte
vom Nicht-Jäger aufgenommen zu werden und von ihm mit Dummy-Übungen,
Mantrailing, Schleppen, Kunstfährten oder was es auch sei
beschäftigt
zu werden, als in irgendeinem Tierheim zu hocken, ob nun in Italien,
Spanien, Griechenland, Osteuropa oder Deutschland. |
Aber
ich bin eben auch der Meinung, dass es sehr kurzsichtig ist,
zu verfügen,
ehemalige Jagdgebrauchshunde dürften prinzipiell nie wieder
in Jägerhände gelangen. Dabei wird nämlich ganz
über-sehen, dass es durchaus "gute, nette", sensible
Jäger gibt. Zumin-dest in Deutschland. Es ist höchste
Zeit, unsere alten, liebgewon-nenen Vorurteile mal ein bisschen
kritischer
unter die Lupe zu nehmen!
Es gibt doch zu denken, dass ausgerechnet Jäger die Tierschutz-organisation Krambambulli ins
Leben gerufen haben, um in Not ge-ratene Jagdhunde aus dem In-
und Ausland
aufzunehmen, sie an Körper und Seele zu heilen und ggf. später
an gewissenhafte, sen-sible Jäger zu vermitteln, die diesen
Hunden das bieten können, wonach viele von ihnen längst
wieder lechzen: Jagen!
Und dass selbst gestandene Waidmänner ganz zart und mütterlich
werden, wenn es um ihre Schützlinge geht, zeigt das Beispiel
von Theo
und Toni.
JägerInnen bringen es gar fertig, kranke Jagd-hundwelpen von
spanischen Müllkippen zu adoptieren, wie der Fall |
| Junge
JägerInnen wie Sabine Hochhäu-ser
kümmern sich liebevoll und kompe-tent um in Not geratene
Jagdhunde aus dem In-und Ausland. Foto: Hochhäuser |
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Ayko beweist. Es
kann auch kein Zufall sein, dass in den Internet-Foren, die
sich mit Jagdhunden
be-schäftigen, junge Jägerinnen und Jäger Ratschläge
erteilen, Hilfestellung geben, ja praktische Unter-stützung
anbieten, damit auch der nicht-jagende Jagdhundehalter mit
seinem
Vierbeiner glücklich wird.
Ja, die JägerInnen der neuen Generation kümmern sich nun
sogar darum, Nicht-Jägern bei der Aus-bildung ihrer Jagdhunde
tatkräftig zur Seite zu stehen, wie etwa in Stefan Fügners
Jagd.blog und im Jagdhundehalter-Forum
vorgeschlagen.
Sicher, den alten Jäger vom Typ Schlag-ruhig-drauf gibt's
immer noch. Aber vor allem gibt es die jungen JägerInnen,
von denen nicht wenige - Ironie des Schicksals - überhaupt
nur deshalb zur Jagd gefunden haben, weil ihr adoptierter "Ausschuss-Hund"
so eindeutig danach verlangte, wieder zu ar-beiten...!
Meine persönliche Schlußfolgerung ist also diese: wenn
ein ehemaliger Jagdhund mit dem Waidwerk wirklich nichts mehr
am
Hut hat, ist es sicherlich angemessen, ihn an einen "ganz
normalen"
Hunde-freund zu vermitteln. Verzichtet der Vierbeiner zwar gern
auf die konkrete Jagd, besitzt jedoch eindeutig jagdliche Anlagen
(gute Nase, Beutetrieb, Finderwillen usw.) wäre es im Interesse
des Tier-es, als
neuen Halter einen Zweibeiner auszuwählen, der Zeit, Lust
und Wissen über Mantrailing, Schleppenarbeit, Kunstfährten,
Apportierübungen, Rettungshundeausbildung usw. besitzt,
um den Hund innerhalb dieser Disziplinen fordern und fördern
zu können. Der hochpassionierte Jagdgebrauchshund jedoch,
ja, der gehört in empfindsame Jägerhände. Und
zum Glück
gibt es die.
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