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Die Macht
der Gewohnheit
Von Sabine Middelhaufe
Seit Anfang 1985 lebe ich in Italien. Immer in winzigen Dörfern,
und natürlich immer mit Hunden. In der Gegend zwischen Siena
und Pavia habe ich für unterschiedlich lange Zeitspannen
an vielen Orten gewohnt, und weil Hunde in jeder Hinsicht zu
meinem
Dasein einfach dazugehören, habe ich überall nach Vierbeinern
Ausschau gehalten; wie sie sich benehmen, wie sie gehalten werden,
welche Beziehung zwi-schen ihnen und ihren Besitzern besteht, was
sie tun, wenn ein menschlicher Betreuer fehlt, wer sie schützt,
wer sie ignoriert u.v.m.
Die Beiträge auf dieser Seite sind folglich Ergebnis ganz
persönlicher
Erfahrungen und Beobachtung-en. Wie Hunde in italienischen Städten
gehalten werden weiß ich hauptsächlich vom Hörensagen
und kann deshalb keine vernünftigen Aussagen darüber
machen. Welche "Hundekultur" südlich der Toskana
existiert, weiß ich ebensowenig, weil ich nie dort gewesen
bin.
Wer in einem oberbayrischen Dörfchen lebt, und nun (zumal als
Ausländer) zu wissen meint, wie "die Deutschen" ihre
Hunde halten, ist wohl genauso auf dem sprichwörtlichen Holzweg,
wie derjenige, der die Beziehung "der Deutschen" zu ihren
Hunden aus seinen Beobachtungen im Hamburger Stadtpark ableitet.
Nehmen Sie die Artikel dieser Seite bitte als genau das, was sie
sind: Einzelfälle. Vielleicht existiert eine Menge identischer
Einzelfälle; vielleicht gibt es aber auch ebenso viele gegenteilige
Beispiele, die hier nicht auftauchen, einfach weil die anderen Autoren
und ich sie nicht kennen.
Als ich vor
vielen Jahren mit meinen beiden Hunden in dem 28-Seelen-Dorf in
den Bergen ankam, in dem ich noch heute lebe, löste das einige
Verwunderung aus.
Man fragte sich (und sehr bald auch mich), wieso z.B. ich jeden
Vormittag und jeden Spätnachmittag mit den Schlappohrern durch
die Wiesen und angrenzenden Wälder zog, ob's nun in Ströme
goß oder die
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Sabine mit Jacqueline und Daniel |
Sonne lachte.
Na ja, erklärte ich, erstens geh' ich gern spazieren, und
zweitens brau-chen die Hunde freien Auslauf, rassegerechte Beschäftigung,
Erziehung.
Meine Freude an der Bewegung konnten sie noch akzeptieren, schließ-
lich
kommen auch die Sommerfrischler in die Berge um ein bißchen
zu wandern. Aber wenn Hunde 'rumlaufen wollen, können sie das
doch al-lein tun?! Man überläßt sie einfach sich
selbst und dann bewegen sie sich schon, wenn sie Lust dazu haben.
Während mich die bloße Vorstellung erbleichen ließ,
einen dreimonati-gen Welpen unter Führung des zweijährigen
Kumpels aus Haus und Ver-antwortung zu entlassen, auf daß sie
sich künftig allein arrangieren, schüttelten die
Dorfbewohner die Köpfe ob meiner Entschlossenheit, die
beiden Hunde doch lieber zu begleiten.
Aber
warum immer an der Leine, wollten sie wissen. Nicht
immer, ant-
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wortete
ich, nur innerhalb des Dorfes, und zwar damit sie erst gar nicht
zu
der Gewohnheit fänden, ihre Geschäfte auf der einzigen Straße
zu verrichten. Mittels Leine konnte ich sie immerhin zügig bis
zu den ersten Wiesen lotsen, und dort störten die Häufchen
ja wohl niemanden mehr. |
Irrtum!
Während nämlich die Hinterlassenschaften der ört-lichen
Hunde im Dorf niemanden irritierten, obwohl man oft genug mit
dem
Fuß hineingeriet, war Kot auf den Wiesen ein großes Ärgernis.
Die Wiesen wurden nämlich geschnitten, zu Heu umgewandelt
und das dann verkauft. Und scheinbar wei-gern sich Kühe, Heu
mit klitzekleinen Stückchen getrock-netem Hundekot zu fressen.
Was mich an der Geschichte noch heute verwundert ist die Tatsache,
daß die Kühe
dageg-en offenbar willig die getrockneten Exkremente von
Wild- |
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schweinen,
Füchsen, Mardern, Katzen und Hühnern mitfressen.
Na ja, jeder nach seinem Geschmack
Für das Problem der hundlichen Hinterlassenschaften fand sich
rasch ein simpler Kompromiß: weder im Dorf, noch auf den Wiesen,
sondern am Rande der Feldwege durften meine Hunde künftig
mit gutem Gewissen ihre Geschäfte verrichten.
Ein alter Herr, Pippo mit Namen, gab sich mit meiner Erklärung
bezüglich der Leine indes nicht zu-frieden. Er raunzte mich eines
Tages allen Ernstes an, es sei Tierquälerei die armen Viecher
an der Leine zu halten, sein Hund kenne nicht einmal ein Halsband.
Ich muß gestehen, daß mich diese Attacke, zumal am frühen
Morgen, etwas schockierte. Vor allem auch, weil der alte Pippo einfach
nicht hören wollte, daß "die armen Viecher" ja
doch nur dreihundert Meter an der Leine gehen müßten
und dann, von Halsband und Leine befreit, ihr Recht auf freie Bewegung
be-kämen. Dies also ignorierend warf er mir stattdessen mit
lauter Stimme, quasi als Draufgabe, noch vor, ich würde den
Tieren unnötiges Leid verursachen, weil ich sie im Haus hielte.
Ein Hund müsse frei sein, zu tun was er will, wann und wo er
will, vorausgesetzt er jagt die Hühner nicht. |
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Dorfhunde
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Giada
war damals noch ein Welpe, und folglich übten wir draußen
in den Wiesen gelegentlich Sitzen und Bleiben, Suche auf Handzeichen
und all so was, und irgendjemand aus dem Dorf muß uns dabei
beobach-tet haben, denn bald kam mir das Gerücht zu Ohren,
ich quälte den armen kleinen Welpen mit unsinnigen Befehlen.
Daß das "gequälte" Hündchen mit wackelndem
Steert und Feuereifer bei den Erziehungs-spielen mitmachte,
hatte
der "Spion" wohl nicht bemerkt (oder nicht in seine Berichterstattung
aufge-nommen). Wohlgemerkt bezweifelte niemand die Nützlichkeit
eines bei Bedarf gehorsamen Hundes. Es war nur meine Methode die
manche Leute in Harnisch brachte. Statt dem Welpen über
Wochen hinweg allmählich klarzumachen, was er tun soll,
bevorzugten sie ihre Direktmethode: sobald der Hund erst-mals
Küken verfolgt,
bezieht er mit dem Reisigbesen, Knüppel, Schuh oder was immer
gerade griffbe-reit ist, eine derartige Tracht Prügel, daß
das Thema für ihn lebenslänglich erledigt ist. Ihn hingegen
schon als Welpen durch schrittweise, freundliche Gewöhnung
zur künftigen Duldung allen Federviehs anzuhalten fanden
sie höchst tierquälerisch. |
So
recht sichtbar wurde meine mangelnde Tierliebe freilich erst,
als
die Leute (nein, nicht die Leute, in Wahrheit nur ein paar von
ihnen) feststellten, daß ich meine be-dauernswerten Hunde
wirklich täglich für etliche Stunden mit in die freie
Natur nahm, Monat für Monat, gnadenlos.
Wieso durften die armen Tiere nicht wenigstens einige Monate über
in aller Ruhe in einem Zwinger sitzen? Wieso mußten sie
immer mit hinaus?
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Offensichtlich
gehörten die Vertreter dieser Meinung nicht zu Pippos Partei
(Totale Freiheit für alle Hunde!). Ich begriff erst allmählich,
daß die jeweilige Vorstellung im direkten Zusammenhang
mit der Haltung der eigenen Hunde stand. Wer Frieden und Erholung
im Zwinger
propagierte, hielt garantiert in irgendeinem Käfig oder Verschlag
einen, mitunter auch drei bis vier Hunde, die in der Tat nur we-nige
Tage im Jahr überhaupt sichtbar wurden. Die Freiheitsforderer
wiederum nannten einen Hund ihr eigen, der nach Belieben streunte,
vor gastfreundlichen Haustüren geduldig auf Essensreste wartete
und garantiert keine Hühner belästigte.
Es gab allerdings auch ein paar paradoxe Fälle, will sagen,
Familien, die einen Hund im Haus hielten, weil er ohne nützliche
Fähigkeiten
"nur" als Gesellschafter taugte, und ein paar andere in
engen Zwing-ern, wo sie auf den seltenen Einsatz bei der Jagd oder
Trüffelsuche warteten.
Ziemlichen Wirbel verursachte es, als im zweiten Jahr meines Lebens
im Dörfchen herauskam, daß ich meine Welpen (die Kinder
von Jonas und Diana)
entwurmen und impfen lassen wollte. |
Daß
das im wahrsten Sinne des Wortes "Wirbel" heraufbe-schwor
kann man nur nachvollziehen wenn man sich folgendes Bild vorstellt:
Frühsommerabend in einem kleinen, italien-ischen Bergdorf. Die
Männer sitzen nach dem, mit Rotwein wohl begleiteten Essen
auf irgendeinem Mäuerchen und jemand erwähnt, daß "die
Deutsche" heute doch tatsächlich von Nachbar Giovannis
Telefon aus den Tierarzt angerufen hat, um einen Termin für
die Impfung ihrer Welpen zu ver-einbaren. Entwurmt hat sie sie
schon.
Aus der Vehemenz, mit der "dieser Unsinn" zunächst
einmal spontan von der gesamten Herrenriege abgelehnt wurde, hätte
man glauben können, die Tierarztrechnung wäre an-schließend
schnurstracks zu ihnen geschickt worden. Man diskutierte laut
und
lange und wild gestikulierend wieviele Hunde im Dorf gelebt hätten,
ohne je "geimpft!!" worden zu sein, und als schließlich
die alten Erinnerungen an all die
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Argos,
Fidos, Ciccios usw. ausgingen, und vielleicht weil der Wein ab
einem bestimmten Quantum auch beruhigt, versuchte jemand,
mich in Schutz zu nehmen. Er sagte: "Sie ist eben Deutsche,
bei denen wird das alles anders gemacht." Diese ausdrückliche
Hervorhebung meiner Nationalität nun verursachte un-weigerlich
einen kurzfristigen Abstecher zu ihren Memoiren des Zweiten
Weltkrieges
(den die meisten Beteiligten bestenfalls als ABC-Schützen miterlebt
hatten) und ging dann in eine erhitzte Debatte über die Ruchlosigkeit
der Tierärzte über, die allesamte studierte Halsabschneider
seien, aber von Tieren in Wahrheit rein gar nichts verstünden.
Beim Stichwort Tierarzt erzählte Giovanni (vermutlich schon
seit Jahrzehnten, so sich die Gelegenheit bot, und in jedem
Falle
noch viele Male nach jenem Abend) die Geschichte eines Nachbarn,
der zwei Mulis hatte, den Tierarzt rief und dieser Dummkopf
nicht mal
den kranken vom gesunden Muli zu unterscheiden wußte.
Unterdessen war die Sonne längst untergegangen, die Fledermäuse
schwirrten um die Häuser, wer doch noch nicht Abendbrot gegessen
hatte mußte nun heimgehen, und man beschloß die Impf-Diskussion
ein-mütig und ganz gelassen mit:"Die Deutschen
!
Und außerdem ist es ja ihre Angelegenheit." |

Trüffelsucher aus dem Dorf |
Als
der Tierarzt dann tatsächlich kam, um meine sieben Zwerge
zu imp-fen, nickten sich diverse Nachbarn wissend zu. Jetzt
war alles
klar! Ein junger, sehr hübscher Tierarzt kam und
ging. Deshalb war "die Deutsche" auf die blödsinnige
Idee verfallen, ihre Hunde impfen zu lassen
!
Meine Vorstellungen von Hundefutter entfachten wenig später
wiederum ein langes Palaver beim abendlichen Treff der Männer.
Ich hatte nämlich (ziemlich verärgert, will ich gestehen)
die Allgemeinheit gebeten, keine verdorbenen Essensreste mehr
in den
Welpenauslauf zu kippen, nachdem ich bei den Kleinen fürchterlichen
Durchfall feststellte und einen jungen Rüden deshalb sogar
zum Tierarzt bringen mußte, weil er sich vor Ent-kräftung
kaum noch auf den Pfoten hielt. Was die Welpen hinten und vor-ne
heftig
herausbeförderten bestand zu einem Großteil aus verfaulten,
rohen Kartoffeln, die ihnen irgendjemand, sicherlich
mit den allerbesten |
Absichten,
hingeworfen hatte. Ob gekauftes Fertigfutter nun wirklich das
Nonplusultra ist, bezweifle auch ich. Aber Frischfutterzubereitung
hat ebenfalls ihre Tücken, und als Alternative einfach Essens-reste
zu geben dürfte nicht der Weisheits letzter Schluß sein.
Wie dem auch sei, meine Nachbarn diskutierten heiß und heftig,
daß Hunde "immer schon" bestens von Resten gelebt
hätten. Einer beschrieb das lebenslängliche Menü seiner
Vierbeiner so: Reste aus der Küche, reichlich Knochen, Speckseite
(für den menschlichen Genuß nicht mehr geeignet, versteht
sich), Milchprodukte, die im Kühlschrank vergessen worden
waren und längst das Haltbarkeitsdatum über-schritten
hatten und Leckereien dieser Art. Darauf fiel ihm ein Alter
aufgeregt ins Wort
und rief, es sei verrückt, solche guten Dinge nicht in den Schweinetrog
zu kippen. Sein Hund bekäme nur aufge-weichtes, altes Brot
mit Knochen, ab und zu ein paar Nudelreste und schaut doch, wie
tüchtig
der Trüf-fel sucht!
Ein jüngerer Mann gab zu bedenken, daß ein Hund der arbeitet
auch anständiges Fressen verdient, wo-rauf der Alte zustimmend
nickte, denn er fand die Ernährung seines Hundes perfekt.
Gingen ihre Vor-stellungen, was angemessenes Futter ist im einzelnen
auch
auseinander, bestand doch über eines völlige Einigkeit:
für viel Geld fertiges Hundefutter zu kaufen ist der größte
Blödsinn, von dem man je gehört hat.
Begreiflicherweise schüttelten meine Mitbewohner auch nur verständnislos
die Köpfe, als ich in höch-ster Aufregung die damals siebenmonatige
Jacqueline zum Tierarzt brachte, weil sie von einer Viper in die
Lefze
gebissen worden war. Solche Unfälle kurierte man im Dorf, indem
man den Biß kreuzweise einschnitt und basta; entweder das
Tier
überlebte oder nicht. Der Tierarzt schnitt nicht kreuzweise
und wartete dann ab, sondern er tat sehr viel mehr, und er tat es
außerdem
sehr schnell.
Und er rettete die Hündin. |
Wenn
im Juni die italienischen Schulen für drei lange Ferienmonate
die Pforten schließen, reisen aus Mailand, Pavia u.a. Städten
die Großeltern mit ihren Enkeln an, um in den weitaus
kühleren
Bergen Kinder hütend den Sommer in Miniappartments zu verbringen.
Auch unser Dörfchen war von Juni bis Anfang September stets
reichlich mit Touristen ge-füllt, und viele brachten neben
Enkeln und Fernseher auch den Fami-lienhund mit.
Anfangs glaubte ich Opfer einer akustischen Täuschung zu sein,
wenn meine Mitbewohner mit unüberhörbarem Lokalpatriotismus
auf die Fragen solcher Touristen antworteten: Das ist Sabina mit
ihren Hund-en. Selbstverständlich sind die tiptop gepflegt
und wohlerzogen! Sie hält sie ja auch im Haus und gibt ihnen
teures Futter. Ja ja, sie geht jeden Tag zweimal mit ihnen spazieren,
deshalb sind die so in Form! Richtig schöne Tiere, nicht wahr?
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Touristen mit Hund Tommy |
Wie
das genau zuging weiß ich zwar nicht, aber im Laufe der
Jahre wurde "Sabina
mit den Hunden" eine Art kultureller Besitz des Dorfes, den
man bei passender Gelegenheit gern vorzeigte und sei es nur als ortseigene
Kuriosität. Man hatte mir am Ende die Impfungen, die "gnadenlosen"
Spaziergänge und sonstigen "Unsinn" also doch verziehen |
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