Leseproben

Die zweite Chance.
Wildtier- und andere Geschichten

41. Willi - der Schlüsselanhänger


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Willi - der Schlüsselanhänger

Es war an einem Wochenende, als ein Mann in der Tierarztpraxis an die Anmeldung trat. In der Hand hielt er eine winzige Stachelkugel. Er hatte den kleinen Igel bereits vor einigen Tagen etwas matt in seinem Garten gefunden und jemanden um Rat gefragt, der offensichtlich keine Ahnung gehabt und sich auch nicht die Mühe gemacht hatte, den Kleinen näher anzuschauen. So setzte der Mann ihn auf Geheiß dieser Person mit einem Napf voller Katzenfutter wieder in den Garten zurück.
Die Folge war, dass der kleine Stachelritter, der zu diesem Zeitpunkt gerade mal 60 Gramm auf die Waage brachte und noch keine Zähne besaß, nun - 3 Tage später - völlig ausgekühlt und ziemlich am Ende vor mir auf dem Tresen hockte.
Das Geburtsgewicht bei Igeln liegt - abhängig von der Größe des Wurfes - zwischen 11 und 25 Gramm nach etwa 7 Tagen bei 22 bis 50 Gramm..
Ich übernahm den Igel, nicht ohne dem Mann zu sagen, dass die Chancen denkbar schlecht waren. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon sehr viele Jungigel überwintert, doch noch nie einen so kleinen Babyigel. Der erste Schritt bestand darin, das völlig unterkühlte Kerlchen wieder auf normale Tempe-ratur zu bringen. Dann musste ich erst einmal Bücher wälzen, um dem kleinen Kerl auch die richtige Hilfe bieten zu können.
Die Aufzucht junger Igel ist nicht so einfach, wie man denkt. Die meisten im Handel erhältlichen Er-satzmilchpräparate für Hunde oder Katzen sind von der Zusammensetzung her nicht geeignet. Igel-milch besitzt nämlich einen extrem hohen Fettgehalt bei einem vergleichsweise sehr geringen Laktose-wert. Zu niedrige Fettgehalte tolerieren Jungigel eine Zeitlang, doch einen zu hohen Laktosewert ver-tragen sie nicht und sterben.

Ich besorgte mir - Beziehungen sind manchmal Gold wert - die am besten geeignete Aufzuchtmilch, die leider sehr teuer ist. Langsam kehrten die
Lebensgeister meines Stacheltiers zu-rück, und die mittels einer Plastik-spritze verabreichte Ersatzmilch nahm es nun auch an.
Wie bei allen jungen Säugetieren muss nach der Fütterung die Verdauung an-geregt werden, indem man Bauch und Analregion mit einem feuchten Tuch oder Wattestäbchen massiert. Solange

die Jungen noch hilflos sind, kümmert sich das Muttertier darum, das Nest und den Nachwuchs sauber zu halten.
Die einzige Möglichkeit das Fettdefizit der Ersatznahrung auszugleichen besteht darin, die kleinen Igel so früh wie möglich auf feste Nahrung umzustellen. Logischerweise aber erst, wenn sie dazu im - stande sind, diese auch aufzunehmen. In den ersten zwei bis drei Lebenswochen müssen Igelbabies den ganzen Tag über alle zwei Stunden und auch nachts mindestens zweimal gefüttert werden. Danach wird die Anzahl der Fütterungen schrittweise reduziert, wobei die Futtermenge langsam erhöht wird. Ab der dritten Woche können nun feste Bestandteile hinzugefügt werden.
Nachdem der kleine Willi - wie er mittlerweile hieß - sich stabilisiert hatte, mussten wir noch zwei Rückfälle wegstecken, bei denen ich dachte, er würde nun doch noch sterben. Kleine Igel sind in punc-to Verdauung sehr empfindlich und reagieren auf kleinste Veränderungen mit Blähungen und Durchfall, die schnell zum Tode führen können. Aber nach drei Wochen konnte ich nachts endlich wieder durch-schlafen, und auch tagsüber musste nicht mehr so oft gefüttert werden, da der Kleine bereits begann, selbst zu fressen.

Als ich eines Tages nach der Arbeit mein Au-to bei unserem Mechaniker zur Reparatur abliefern musste, unterlief mir ein kleiner Fehler. Willi befand sich mitsamt seinem Abendessen in der Transportschachtel hinter dem Fahrersitz. Ich übergab das Auto und stieg zu meinem Mann in den anderen Wagen. Zu Hause angekommen bemerkte ich entsetzt, was ich vergessen hatte - nämlich die Schach-tel nebst Willi aus meinem Auto zu nehmen. Da die Werkstatt einige Kilometer entfernt liegt, blieb mir nichts anders übrig, als den Mechaniker anzurufen. Scheinheilig fragte ich ihn, ob er im Auto etwas gefunden hätte.
Nach anfänglicher Verneinung, sagte er plötzlich, er hätte lediglich einen Schlüsselanhänger in Igelform im hinteren Beifahrerfußraum gesehen. Ich erklärte ihm, daß es sich bei dem vermeintlichen Schlüssel-anhänger um einen echten Igel handelte und bat den verblüfften Mann, Willi mit etwas Katzenfutter in einen großen Karton zu setzen, bis ich das Auto mitsamt Igel abholen könnte.
Noch heute erzählt er mir diese Geschichte oft, wenn ich bei ihm in der Werkstatt bin.
Trotz des unfreiwilligen Ausflugs wuchs und gedieh der kleine Igel weiterhin prächtig und wurde zu-nehmend griesgrämiger. Ich freute mich, wenn die kleine Kugel bei Berührung wütend "puffte". Nur ein Igel, der sich in der Natur bei Annäherung eines Tieres oder Menschen schnell zusammenrollt, hat eine Chance zu überleben. Viele Leute erzählen begeistert, wie gut sich der zu überwinternde Igel mit der Katze oder dem Hund des Hauses angefreundet hätte. Bei diesen Erzählungen befällt mich immer ein leicht mulmiges Gefühl…
Willi verbrachte den Winter in meiner Obhut und konnte im Frühjahr gut gerüstet in die Freiheit entlassen werden. Ein Grundstück in Ortsrandlage am Ende einer Sackgasse - mit dichtem Bewuchs und weit entfernt von viel befahrenen Straßen - wurde sein neues Zuhause.
Natürlich habe ich ihn nie wieder gesehen, doch ich hoffe, dass er in diesem wunderbaren Revier bleiben konnte und nicht von einem bereits ansässigen Stacheltier vertrieben wurde.
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