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Willi
- der Schlüsselanhänger
Es war
an einem Wochenende, als ein Mann in der Tierarztpraxis an
die Anmeldung trat. In der Hand hielt er eine winzige Stachelkugel.
Er hatte den kleinen Igel bereits vor einigen Tagen etwas
matt in seinem Garten gefunden und jemanden um Rat gefragt,
der offensichtlich keine Ahnung gehabt und sich auch nicht
die Mühe gemacht hatte, den Kleinen näher anzuschauen.
So setzte der Mann ihn auf Geheiß dieser Person mit
einem Napf voller Katzenfutter wieder in den Garten zurück.
Die Folge war, dass der kleine Stachelritter, der zu diesem
Zeitpunkt gerade mal 60 Gramm auf die Waage brachte und noch
keine Zähne besaß, nun - 3 Tage später - völlig
ausgekühlt und ziemlich am Ende vor mir auf dem Tresen
hockte.
Das Geburtsgewicht bei Igeln liegt - abhängig von der
Größe des Wurfes - zwischen 11 und 25 Gramm nach
etwa 7 Tagen bei 22 bis 50 Gramm..
Ich übernahm den Igel, nicht ohne dem Mann zu sagen,
dass die Chancen denkbar schlecht waren. Bis zu diesem Zeitpunkt
hatte ich schon sehr viele Jungigel überwintert, doch
noch nie einen so kleinen Babyigel. Der erste Schritt bestand
darin, das völlig unterkühlte Kerlchen wieder auf
normale Tempe-ratur zu bringen. Dann musste ich erst einmal
Bücher wälzen, um dem kleinen Kerl auch die richtige
Hilfe bieten zu können.
Die Aufzucht junger Igel ist nicht so einfach, wie man denkt.
Die meisten im Handel erhältlichen Er-satzmilchpräparate
für Hunde oder Katzen sind von der Zusammensetzung
her nicht geeignet. Igel-milch besitzt nämlich einen
extrem hohen Fettgehalt bei einem vergleichsweise sehr
geringen Laktose-wert.
Zu niedrige Fettgehalte tolerieren Jungigel eine Zeitlang,
doch einen zu hohen Laktosewert ver-tragen sie nicht und
sterben.
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Ich besorgte mir - Beziehungen sind manchmal Gold wert - die
am besten geeignete Aufzuchtmilch, die leider sehr teuer ist.
Langsam kehrten die
Lebensgeister meines Stacheltiers zu-rück, und die mittels
einer Plastik-spritze verabreichte Ersatzmilch nahm es nun
auch
an.
Wie bei allen jungen Säugetieren muss nach der Fütterung
die Verdauung an-geregt werden, indem man Bauch und Analregion
mit einem feuchten Tuch oder Wattestäbchen massiert. Solange |
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die
Jungen noch hilflos sind, kümmert sich das
Muttertier darum, das Nest und den Nachwuchs sauber zu halten.
Die einzige Möglichkeit das Fettdefizit der Ersatznahrung
auszugleichen besteht darin, die kleinen Igel so früh
wie möglich auf feste Nahrung umzustellen. Logischerweise
aber erst, wenn sie dazu im - stande sind, diese auch aufzunehmen.
In den ersten zwei bis drei Lebenswochen müssen Igelbabies
den ganzen Tag über alle zwei Stunden und auch nachts
mindestens zweimal gefüttert werden. Danach wird die
Anzahl der Fütterungen schrittweise reduziert, wobei
die Futtermenge langsam erhöht wird. Ab der dritten Woche
können nun feste Bestandteile hinzugefügt werden.
Nachdem der kleine Willi - wie er mittlerweile hieß
- sich stabilisiert hatte, mussten wir noch zwei Rückfälle
wegstecken, bei denen ich dachte, er würde nun doch noch
sterben. Kleine Igel sind in punc-to Verdauung sehr empfindlich
und reagieren auf kleinste Veränderungen mit Blähungen
und Durchfall, die schnell zum Tode führen können.
Aber nach drei Wochen konnte ich nachts endlich wieder durch-schlafen,
und auch tagsüber musste nicht mehr so oft gefüttert
werden, da der Kleine bereits begann, selbst zu fressen.
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Als
ich eines Tages nach der Arbeit mein Au-to bei unserem
Mechaniker
zur Reparatur abliefern musste, unterlief mir ein kleiner
Fehler. Willi befand sich mitsamt seinem Abendessen
in der
Transportschachtel hinter dem Fahrersitz. Ich übergab
das Auto und stieg zu meinem Mann in den anderen Wagen.
Zu
Hause angekommen bemerkte ich entsetzt, was ich vergessen
hatte - nämlich die Schach-tel nebst Willi aus meinem
Auto zu nehmen. Da die Werkstatt einige Kilometer entfernt
liegt, blieb mir nichts anders übrig, als den Mechaniker
anzurufen. Scheinheilig fragte ich ihn, ob
er im Auto etwas gefunden
hätte. |
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Nach
anfänglicher
Verneinung, sagte er plötzlich, er hätte lediglich
einen Schlüsselanhänger in Igelform im hinteren
Beifahrerfußraum gesehen. Ich erklärte ihm,
daß
es sich bei dem vermeintlichen Schlüssel-anhänger
um einen echten Igel handelte und bat den verblüfften
Mann, Willi mit etwas Katzenfutter in einen großen
Karton zu setzen, bis ich das Auto mitsamt Igel abholen
könnte.
Noch heute erzählt er mir diese Geschichte oft,
wenn ich bei ihm in der Werkstatt bin.
Trotz des unfreiwilligen Ausflugs wuchs und gedieh der
kleine Igel weiterhin prächtig und wurde zu-nehmend griesgrämiger.
Ich freute mich, wenn die kleine Kugel bei Berührung
wütend "puffte". Nur ein Igel, der sich
in der Natur bei Annäherung eines Tieres oder Menschen
schnell zusammenrollt, hat eine Chance zu überleben.
Viele Leute erzählen begeistert, wie gut sich der
zu überwinternde
Igel mit der Katze oder dem Hund des Hauses angefreundet
hätte.
Bei diesen Erzählungen befällt mich immer ein leicht
mulmiges Gefühl
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Willi
verbrachte den Winter in meiner Obhut und konnte im Frühjahr
gut gerüstet in die Freiheit entlassen werden. Ein Grundstück
in Ortsrandlage am Ende einer Sackgasse - mit dichtem Bewuchs
und weit entfernt von viel befahrenen Straßen - wurde
sein neues Zuhause.
Natürlich habe ich ihn nie wieder gesehen, doch ich hoffe,
dass er in diesem wunderbaren Revier bleiben konnte und nicht
von einem bereits ansässigen Stacheltier vertrieben
wurde. |
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