Leseproben

Die zweite Chance.
Wildtier- und andere Geschichten

33. Donald - die Reiherente


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Donald - die Reiherente

Ich war auf dem Nachhauseweg von der Arbeit und überlegte, welchen Weg ich zum täglichen Abend-spaziergang mit meinen Hunden wählen sollte. Ich bog in eine Straße ein, die ich sehr selten fahre - eine geteerte Verbindungsstraße zwischen zwei Ortschaften. Als ich auf Höhe des letzten Gartenzaunes ankam, flitzte ein kleines, braunschwarzes Etwas am Zaun entlang. Ich hielt an und sah, daß es ein kleines Entenküken war. Als ich ausstieg, raste die kleine Ente wie wild davon. Ich hatte mir beim Aussteigen eine Decke gegriffen, die jetzt nützlich wurde: bevor das Küken das Ende des Zaunes erreichen konnte, warf ich die Decke und verhinderte so seine weitere Flucht. Vorsichtig nahm ich dann das Bündel auf und befreite die Kleine aus der Decke. Nun konnte ich mich endlich in Ruhe nach möglichen Artgenossen umsehen. Im Garten des zum Zaun gehörigen Hauses gab es schon mal einen Teich. Doch meine aufsteigende Freude wurde jäh gestoppt, als ich dort weder Geschwister, noch andere erwachsene Enten entdecken konnte. Das einzige Tier, das mich aus schmalen Augenschlitzen wütend anblickte, war eine große schwarze Katze. Ich suchte auch in den anderen Richtungen nach irgendwelchen Artgenossen der kleinen Ente - vergeblich. Da ich sie nicht hier allein zurücklassen wollte, nahm ich sie kurzentschlossen mit nachhause. Die Katze mußte sich nach einem neuen Opfer umsehen.

Es war klar, daß es sich weder um eine Haus- noch eine Stockente handelte, sondern um eine Wildente, und nach Sichtung der heimischen Lektüre stand fest: ich hatte eine Reiherente gefunden.
Von nun an fuhr das Entlein jeden Tag mit mir zur Ar-beit und erfreute dort das gesamte Personal. Junge Enten sind sehr anhänglich und folgen ihren Müttern normalerweise auf Schritt und Tritt. Vorerst war es allerdings in einer großen Kiste untergebracht und durfte nur zwischendurch einmal hinter mir her wat-scheln. Da Entenküken von Anfang an selbständig Nahrung aufnehmen und sich hauptsächlich von Insek-

ten ernähren, mußte das Futter in einer flachen Schale in Wasser eingeweicht angeboten werden. Ge-trocknete Insekten, die im Zoofachhandel teuer angeboten werden, bildeten in der ersten Zeit die Nahrungsgrundlage.
Die junge Reiherente wurde Donald getauft und schwamm in meinen Arbeitspausen in einem großen Waschbecken. Reiherenten gehören zu den Tauchenten und können schon im Alter von wenigen Tagen flink und wendig unter der Wasseroberfläche nach Nahrung suchen. Donald bekam also ein Wasser-becken, in dem das Futter "versenkt" wurde und er seine Fertigkeiten im Tauchen weiterentwickeln konnte.

Er wuchs sehr schnell und zog zuhause schließlich in ein Freigehege mit zwei anderen Enten, die sich mittler-weile eingefunden hatten. Den ganzen Tag war das Trio damit beschäftigt mit den Schnäbeln in der Erde her-umzustochern, das Wasser durchzufiltern, zu schwimmen und zu tauchen.
Unterdessen war Donald die Reiherente durchgefiedert und ich erwartete jeden Tag, daß aus den Flugversuchen ein Start in sein neues Leben werden würde.
Eines Morgens war es dann so weit. Donald flatterte wie wild mit seinen kleinen Schwingen, hob ab und flog davon.
Das Jugendgefieder von Erpeln ähnelt dem der weibli-chen Tiere sehr und wechselt erst mit der ersten Maus-er. Ich habe Donald nie wieder gesehen und weiß daher bis heute nicht, ob er wirklich ein Donald war...

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