Leseproben

Die zweite Chance.
Wildtier- und andere Geschichten

37. Rocky, das Wildkaninchen

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Rocky - das Wildkaninchen im Musikrausch

In Nürnberg findet alljährlich im Frühjahr ein großes Musikevent statt, dass sich über mehrere Tage ausdehnt. Es nennt sich Rock im Park und ist ein Open air Konzert, bei dem sich Tausende von Musik-begeisterten zusammenfinden. Die meisten von ihnen zelten auf dem Veranstaltungsgelände und ver-bringen die Tage zwischen Musikberieselung und Alkoholkonsum.
Im Jahr 2006 fanden Besucher dieser Veranstaltung ein junges Wildkaninchen, das wahrscheinlich durch den plötzlichen Ansturm von Tausenden von Menschen von seiner Familie getrennt worden war.

Es war in einem sehr schlechten Zustand, und so brachten sie es zu dem dort befindlichen Sani-tätszelt des Deutschen Roten Kreuzes. Einer der Sanitäter nahm sich des kleinen Tieres an, nahm es nach dem Dienst mit nach Hause und päppelte es so gut er konnte auf.Doch der Zustand ver-schlechterte sich und nachdem der Mann sich nicht mehr zu helfen wusste, kam der Findling zu mir.
Es war ein jämmerlicher Anblick und ich konnte dem Sanitäter nicht viel Hoffnung machen, dass das junge Kaninchen überleben würde.
Der Kleine war etwa 3 Wochen alt.
In diesem Alter verlassen junge Kaninchen zum ersten Mal

ihren sicheren Bau, um Ausflüge zu unternehmen. Da Kaninchen in Kolonien leben finden sich immer meh-rere "Babysitter", die die Aufsicht übernehmen und bei drohender Gefahr warnend mit den Hinter-läufen klopfen. Daraufhin verschwinden die Jungtiere blitzschnell in ihren Bauten.
Dieser Kleine hatte jedoch den Anschluß verloren und war wohl ohne Nahrung einige Zeit lang herumge-irrt. Er war sehr schwach und hatte die ihm angebotene Milch auch nicht angenommen.

Jungtiere kühlen sehr schnell aus und so setzte ich das Kaninchen in eine abgedun-kelte Box mit einer Wärmelampe. Mehrmals am Tag bot ich ihm vorsichtig mit einer Plastikspritze eine spezielle Milch an, bis er schließlich auf den Ge-schmack kam und langsam anfing, sie auf-zuschlecken.
Es dauerte einige Tage bis der kleine Findling richtig an der Spritze nuckelte und die aufgenommene Menge größer wur de. Mit jedem Tag wurde er ein bisschen lebhafter und ich entschloß mich, dem
Überbringer Bescheid zu geben, dass er es überstanden hatte. Aufgrund des Fundortes hatten die Kin-der des Mannes das Kaninchen "Rocky" genannt und so behielt er diesen Namen.
Nach einiger Zeit begann Rocky nun auch an den angebotenen Äpfeln, Karotten und Gurken zu knab-bern. Er zog in einen großen Käfig um und nachdem das Wetter langsam besser wurde, wanderte der Käfig nach draußen in einen überdachten Freisitz. Hier wuchs das kleine Kaninchen heran, doch die er-hoffte Scheu vor Menschen wollte sich nicht so recht einstellen.
Das größte Problem bei der Wildtieraufzucht ist eine vernünftige Auswilderung. Diese kann nur ge-lingen, indem man den Kontakt zu den Tieren stetig reduziert, sobald sie selbständig Nahrung aufnehm-en können. Normalerweise stellt sich die erwünschte Wildheit dann relativ schnell ein.
Rocky fand diesen Plan allerdings inakzeptabel. So-bald sich jemand zeigte, um ihm seine Futterration zu bringen, stand er am Gitter. Es kostete sehr viel Überwindung, ihn möglichst wenig zu beachten. Auch bei den angebotenen Freiläufen suchte er immer den Kontakt zu uns.
Schließlich bekam ich einen zweiten Findling. Es war eine kleine Wildkaninchendame, die schon etwas größer war als Rocky bei seiner Ankunft - und sie war relativ scheu. Die beiden gewöhnten sich sehr schnell aneinander, und endlich orientierte sich auch Rocky mehr an seiner Kameradin denn an uns.
Als die beiden groß genug waren suchte ich einen schönen Platz an einem See, an dem sich viele Wild-kaninchen tummeln. Nicht jedes Gelände ist für Kaninchen geeignet, da sie weit verzweigte Röhren unt-er der Erde graben.

Ich hatte überlegt, ihn an seinem Fundort aus-zuwildern, doch nachdem inzwischen in Nürn-berg die Myxomatose - eine tückische Krank-heit, die jedes Mal sehr viele Kaninchen das Leben kostet - ausgebrochen war, schien mir dies die bessere Lösung.
Als ich den Kennel öffnete, passierte zuerst einmal gar nichts. Wieso sollte man als Kanin-chen auch die sichere Höhle verlassen, wenn man nicht weiss, was einen draußen erwartet?
Schließlich kippte ich die Plastikbox so, dass die beiden langsam herausrutschten.

Nachdem sie sich kurz orientiert hatten, verschwanden sie gemeinsam im Brombeergestrüpp. Vielleicht haben sie dort einen neue Familie gegründet...
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