Mit
der Segugio-Meute auf Hasenjagd
Von Sabine
Middelhaufe
Ich bin keine
Jägerin. Folglich war ich wohl als Gast bei Schleppjagden, Schweißprüfungen
und der-gleichen, aber nie auf einer echten Jagd.
Bis zu dem Tag, als Mario, ein lieber Freund, mich einlud, seine Segugi
(Plural von Segugio) in Aktion zu sehen.
Ich war ziemlich unentschlossen. Der Gedanke, der Tötung eines
unschuldigen kleinen Hasen beizu-wohnen, schreckte mich definitiv
ab. Der Gedanke, eine Segugio-Meute bei der Arbeit zu beobacht-en,
zog mich magisch an. Und außerdem würde es sich nicht um
irgendwelche Segugi handeln; dieser liebe Freund gehörte immerhin
zur Elite italienischer Züchter und hatte der Rasse eine Unmenge
von Arbeits- und Schönheitschampions beschert. Also sagte
ich zu.
Es war Ende September, und als ich um kurz vor sieben am Treffpunkt,
Marios Villa, anlangte, war es noch stockfinster und biestig kalt.
Drei Jäger standen bereits palavernd bei ihren Geländewagen
und beäugten mich mit einer Mischung aus Neugier und Mißbilligung.
Niemand begriff so recht, was meine Präsenz zu bedeuten hatte,
und als Mario, der Chef der Gruppe, schließlich auftauchte war
keine Zeit für Fragen.
Wir fuhren ein beträchtliches Stück talaufwärts, dann
einen engen, serpentinenartigen Feldweg hin-auf bis auf etwa 700 m
Höhe, parkten im ersten Dämmerlicht am Wiesenrand, und
nach zwei Schrit-ten im Gras dankte ich der Vorsehung, Gummistiefel
eingepackt
zu haben - alles troff von Tau.
Ich dankte der Vorsehung allerdings auch, mich überhaupt an diesen
Ort gebracht zu haben. Der sanf -te, von Wäldern gekrönte
und mit Heuwiesen getüpfelte Bergzug auf dem wir uns befanden
badete seine rechte Wange gerade im rötlichen Licht des Sonnenaufgangs,
während die schattige linke Wange nach Nordwesten wies, wo der
gesamte Horizont von der schneebedeckten, rot-orange schimmernden
Alpenkette erfüllt war. Mochte tief unten, wo wir hergekommen
waren, auch eine Landstraße verlauf- en - hier oben hörte
man keinen menschengemachten Laut. Ein Eichelhäher informierte
den Rest der Tierwelt von unserer Ankunft; ansonsten war es vollkommen
still. Die kühle, klare Luft verführte die Sinne regelrecht
dazu, ganz und gar wach zu werden, die Tauperlen auf Grashalmen und
Spinnennetz-en zu sehen, das kaum merkliche Säuseln des Windes
in den Kastanienblättern zu hören, die eigentüm-lichen
Düfte von Erde, Wald und Gras zu schnuppern und mal sachte mit
dem Finger über die glatte Rinde eines
alten Kirschbaums am Wegrand zu fahren. |
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Derweil
sprangen fünf ausgeschlafene Segugi aus der Trans-portkiste eines
Geländewagens, pinkelten seelenruhig, erledigt- en sonstige Geschäfte,und
Mario erklärte den anderen Männern unterdessen mit leiser
Stimme, wer was zu tun hätte, und daß ich, "la Sabina",
dem Hundeführer folgen würde. (Einem Hunde-führer,
der, logischerweise, seine Vierbeiner in Marios Zwinger erworben
hatte.)
Selbiger Hundeführer schien eher verdutzt als verärgert,
und außerdem glaubte er, mich ohnehin nicht lange ertragen zu
müs-sen, denn er sagte gleich hilfsbereit:"Wenn Ihnen das
'rumlauf- en zu viel wird, können Sie ja wieder zu Ihrem Auto
zurückgeh-en." Ich nickte höflich.
Die drei übrigen Jäger, Mario vornan, fuhren mit ihren Wagen
weiter hügelauf, die vergleichsweise kleinen, ungemein elegant- |
en,
windhundartigen Segugi begannen merklich interessiert bestimmte
Stellen in der mit
gut 30 cm hohem Gras bewachsenen Heuwiese zu untersuchen, und ich
trottete reichlich nutzlos, ahnungslos und hilflos dem Hundeführer
und seinen fünf vollends aufgewachten Vierbeinern hinterher.
In der ersten halben Stunde begriff ich rein gar nichts. Wir folgten
einfach den mit tiefer Nase und aufgeregt pendelnden Ruten vorauseilenden
Hunden, die systematisch die weiten, von Hecken, Baum-gruppen und
vereinzelten Obsthainen unterbrochenen Wiesen absuchten und uns
allmählich
bergauf, Richtung Kastanienwald lotsten. Die älteste Hündin
und Meuteführerin hielt gelegentlich an, beschnup -perte, umringt
von ihren Genossen, intensiv einen Fleck am Boden, doch gab sie nicht
Laut, und folg-lich hatte die Meute noch keine verheißungsvolle
Fährte gefunden.
All das schien normal, denn der zweibeinige Hundeführer achtete
kaum auf die Tiere sondern bemüh-te sich stattdessen, wohlerzogen
mit mir Konversation zu machen.
Das Bild änderte sich urplötzlich, als nämlich die
älteste Hündin mit einemmal ihr typisches Geläut an
-stimmte. Zunächst sporadisch, dann sicher und volltönend,
und schon stimmten ihre vier Gefährten ein. Sie hatten endlich
eine frische Hasenfährte gefunden, galoppierten, Nase förmlich
am Boden festgesogen, auf einer unsichtbaren Linie, und warfen den
Kopf nur himmelwärts um ihren melodischen Spurlaut auszustoßen.
Wir legten aufgeregt einen Schritt zu, und zu meinem Erstaunen
stellte ich fest, daß man den Segugi für die Hasenjagd, im Gegensatz
zu den Segugi für die Wildschweinjagd, ohne nennenswerte Atem-probleme
folgen kann. Sie galoppieren, aber eher verhalten, und der Hundeführer
kann mühelos in Kon -takt mit ihnen bleiben. Die Meute wischte
in eine Dickung, gab erregt Laut, und ich stutzte ob der Tatsache,
daß mein Begleiter noch nicht einmal das Gewehr von der Schulter
nahm. |
Er
wußte natürlich warum. Die Hunde hatten zwar die Fährte
gefund-en, die der Hase nach Abschluss seines nächtlichen Mahls
bei Verlas-sen der Wiese produziert hatte, nicht aber seine Schlafmulde
oder gar den Hasen selbst; der war vermutlich noch ein gutes Stück
voraus.
In der Tat verließen die fünf Hunde die Dickung bald wieder,
ver-stummten und mühten sich offensichtlich, die Geruchsrätsel
zu entwir-ren, die ihnen der Mümmelmann stellte.
Zu meiner stillen Freude (von wegen Dilettant will mit auf Jagd
geh-en
)
entdeckte ich auf unserer Route frische Hasenlosung, zupfte meinen
Begleiter am Ärmel und wies zu Boden. Er schaute, bückte
sich, grummelte vor sich hin und nickte zufrieden. Die Losung war
frisch. Kaum stand er wieder, stimmten die Hunde so an die 200 m vor
uns ihr leidenschaftliches Geläut an, stoben vorwärts,
und dann hallte aus ein- |
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er Hecke nahebei
ein Schuß, ein zweiter, der Hundeführer lauschte der
Stimme in seinem Ohrknopf, antwortete hastig in das winzige Mikrofon
auf seinem Jackenkragen, und wir spurteten über eine ge-schnittene
Wiese, wurstelten uns durch eine Brombeerhecke und eilten weiter
bergauf. Hier hatte der Hase zwei "unserer" Schützen
wohlbehalten passiert, war in den nahen Wald getaucht, und die Meute
fegte hörbar und sichtbar hinterdrein. Bei einem kleinen, unbestellten
Acker am Waldrand stoben sie zwischen die Bäume, und kaum war
der letzte Segugio verschwunden, erschien nur wenige Meter unterhalb
und aus dem Wald ausbrechend ein Hase, der ahnungslos auf uns zurannte.
Mein Be-gleiter riß das Gewehr an die Wange, zielte, schoß,
verfehlte Meister Lampe und ich jubilierte inner-lich. Guter Hase!
Ein Stück unterhalb echote ein anderer Schuß, dann ein
zweiter, aber aus dem Dialog per Mikro be-griff ich, daß der
tüchtige Hase auch die anderen überlistet hatte.
Unsere Meute kehrte unterdessen aufgeregt aus dem Wald zurück,
folgte der Hasenspur ein gutes Stück und kam dann zum Stehen.
Etwas verwirrte sie. Etwas fehlte. Die Fortsetzung der Spur wahr-scheinlich.
Sie wuselten erregt, mit ihren langen, dünnen, fast senkrecht
gestellten Ruten wedelnd auf einem Wiesenstück herum, aber
niemand gab Laut. Sie hatten den Hasen fürs erste verloren.
Da Meister Lampe scheinbar hügelab geflüchtet war, besprachen
die Jäger sich per Mikrofon und die drei Jeeps bewegten sich
wieder abwärts.
Die Hunde suchten von dem Punkt ausgehend,wo die Spur sich scheinbar
in Nichts aufgelöst hatte, ver
-warfen die neue Richtung nach wenigen Metern, tüftelten von
neuem, ein junger Rüde brach ungeduld -ig aus der Gruppe und
fegte im gestreckten Galopp in ein Haselgebüsch, kehrte aber
ziemlich schnell und frustriert zur Meute zurück, die unter
Führung der Althündin methodisch und unendlich genau den
Anschluß der verlorenen Fährte suchte.
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Wo
Wasser ist, ist Leben heißt es, und außerdem ziehen
Pfützen
mich unwiderstehlich an. Während ich, ein Auge auf die Meute
gerichtet, mit dem an -deren den feuchten, morastigen Grund der
ehemaligen
Pfütze inspizierte, sah ich ganz am Rand ein frisches Trittsiegel.
Vom Hasen. Ich winkte den Jäger heran, der schaute, stutzte,
nickte, rief winkend die Hunde zu uns, und schon echote ihr Geläut:
sie hatten die frische Fährte an der Pfütze wieder
aufgenommen.
Ich schätze, in dem Moment wurde meinem Begleiter klar, daß
meine Prä- senz durchaus ihre Vorteile hatte.
Die Hunde galoppierten jedenfalls triumphierend bergab und wir
hinter-her, wenn auch nicht im Galopp. Die grazilen, sandfarbenen
und braunen
Tiere durchquerten zügig einen Obsthain, einige Terrassen
mit Weinreben, |
stoben
zu einer dichten Hecke zwischen zwei Wiesen und kamen erneut
zum Stehen.
Das Geläut ver-stummte. Marios Stimme ihm Ohrknopf meines Begleiters
dagegen war ziemlich wortgewaltig und gar nicht erfreut. Aus der Antwort
entnahm ich, daß Mario mit der (menschlichen) Führung der
Meute überhaupt nicht einverstanden war. Offensichtlich meinte
der Meister, nicht die Hunde seien am bis-herigen Mißerfolg
schuld, sondern ihr schlafmütziger Führer.
Um dem etwas peinlichen Dialog der beiden Männer nicht beizuwohnen,
folgte ich dem guten Beispiel der Segugi und suchte die Hecke nach
Spuren ab. Sie suchten rechts oben, ich links unten, und - ja! da,
zwischen den Brombeerblättern stak Hasenwolle! Frisch? Ich winkte
frenetisch den Hundeführer herbei, der musterte den Fund, rief
die Hunde, und - oh ja! das war frische Wolle! Der Spurlaut der Althündin
erschien fast wie ein Klagen, als sie mit tiefer Nase die Spur
wieder
aufnahm.
Die Meute bewegte sich jetzt stetig bergab, überquerte einen
schmalen Bach und diesmal kamen wir Zweibeiner zum Stehen. Denn auf
der anderen Seite lag eine steile, feucht-morastige Bergschulter auf
der keiner von uns beiden Lust hatte, herumzuschlittern und einzusinken.
Immerhin untersuchte ich, inzwischen von echtem Jagdfieber erfüllt,
das diesseitige Ufer des Baches und wurde mit dem frischen Fährtenbild
eines flüchtigen Hasen belohnt. Wir bezogen Position wo wir standen,
ein Jeep hielt nahebei, zwei andere fuhren weiter abwärts.
Das Geläut der Meute war aufgeregter denn je, entfernte sich
zunächst ein Stück und schien dann näher zu kommen.
Im selben Moment, da auf der glitschigen Bergschulter der erste Segugio
in Sicht kam, überquerte direkt vor uns der Hase den Bach. Mein
Begleiter schoß, der Hase machte noch ein paar groteske Sprünge,
fiel zu Boden, zitterte und starb.
Im selben Moment erfüllte mich ein Gefühl, als wenn jemand
den Stecker aus der Steckdose gezogen hätte und ein strombetriebenes
Spielzeug jäh zum Halten kommt. Und ich meine damit nicht den
arm-en Hasen, sondern meine kurzlebige Passion für die Jagd.
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Die
Meute setzte auf unsere Seite des Baches über, beroch kurz den
Hasen und trollte sich dann gleichgültig. Der Schüt -ze
nahm die tote Beute auf, ein kleines, mageres Tierchen, und fragte
die inzwischen eingetroffenen Gefährten, ob je-mand es wolle.
Nein, hieß es, das lohne ja nicht mal das Öl in der Pfanne.
Der tote Hase wurde nachlässig in den Landrov-er meines Begleiters
geworfen, während Mario sich lange und heftig über die schlechte
Führung der Hunde beklagte. Einer der Jäger rief einfach
"Tschüß" und fuhr heim. Die anderen posierten
für die Photos mit den Hunden.
Von kurz nach sieben bis fast um elf hatten wir alle gemein-sam
einen Hasen verfolgt, und nun da er tot war, interessier-te er
niemanden
mehr; nicht mal die Hunde
Meine Empfindungen auf dem Heimweg waren höchst zwie- |
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spältig.
Einerseits hatte ich zum ersten Mal erlebt, wirklich gefühlt,
wie das ist, einer lebenden "Beu -te" nachzustellen, Spuren
zu verfolgen, Hinweise zu suchen, und ich muß gestehen, es
ist wie eine Droge, die Ruhe und Erregung zugleich liefert. Was
mich zutiefst ernüchterte war der Anblick des sterbenden Hasen,
sein letzter, instinktiver Versuch, trotz der tödlichen Verletzung
im Leib noch zu fliehen, und die komplette Gleichgültigkeit
der Jäger für dieses nutzlos geopferte Leben.
Als ich schließlich heimkam, rief ich meine Hunde, Springer
Spaniel Giada und Laufhund Jonas, und machte erst mal einen langen,
ruhigen Spaziergang mit ihnen. Wie üblich fanden wir eine Menge
Tritt -siegel und Losung im Wald und auf den abgeernteten Heuwiesen,
aber während ich diese Indizien so betrachtete wurde mir auch
klar, daß es zumindest mir völlig reicht, sie zu finden,
zu wissen, daß es hier Hasen, Füchse, Dachse usw. gibt;
ich muß sie nicht umbringen und nachhause tragen. Ganz im
Ge-genteil - seit diesem seltsamen Jagdtag bin ich froh zu wissen,
daß sie alle in eigener Sache durch die Landschaft streifen
und es hoffentlich solange tun, wie ihre natürliche Lebensspanne
erlaubt.
Fotoalbum
Segugio Italiano
Kurzportrait
Segugio Italiano
Die Jagdweise des Segugio
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Alle Fotos:
S. Middelhaufe
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