Lola - Pointer-Braquemix

Die inzwischen etwa drei Jahre alte Lola kam Mitte 2009 aus dem spanischen Tierschutz nach Deutschland und machte kurz darauf während des Italienurlaubs mit ihrer Pflegefamilie einen langen Spaziergang bei uns. Trotz der Augusthitze, die schon am Vormittag über den Wiesen hing, startete Lola, kaum von der Leine gelassen, durch. Sie galoppierte zielstrebig über das kurze Gras, stürzte sich in jedes Gebüsch, das, Dornen hin, Dornen her, flott durchsucht wurde, kam wieder zum Vorschein und fegte begeistert auf die nächste Wiese oder ins benachbarte Dickicht. Ihr Elan und ihre Ausdauer waren beeindruckend, aber vor allem bestand kein Zweifel, dass Lola genau wusste, was sie da tat. Das war kein planloses Herumrennen, nur um der Bewegung willen, das war ein Hund, der klare Vorstellungen von seiner jagdlichen Aufgabenstellung hatte; Rückkehr zum Führer inklusive, denn so weiträumig sie auch suchen mochte, kam sie doch auf Kommando immer brav zurück - zu einem "Pflegeherrchen", das sie erst wenige Tage kannte und das logischerweise Deutsch mit ihr sprach...
Was immer die Gründe für ihren Aufenthalt in dem Tierheim auf Mallorca gewesen sein mögen, mangelnde Führigkeit und fehlender Jagdinstinkt waren es garantiert nicht!


Lola 2009 in Italien: Leben im Galopp.

Lola als Pointer-Braquemix zu bezeichnen ist natürlich in erster Linie Ausdruck eines "kreativen Assoziierens", keine sichere Rassenbestimmung. Sie hat etwas vom Pointer und sie hat etwas vom Braque d'Auvergne, aber jemand, der sich mit der Morphologie und den Arbeitsstandards der verschiedenen Vorstehhunderassen wirklich auskennt, würde in ihr vielleicht noch ganz andere Vorfahren sehen. Dass der Halter ihrer Mutter in Lola und ihren eventuellen Geschwistern keine Pointerwelpen vermutete, sondern eher auf etwas Braque-ähnliches tippte, darf man aus der sehr kurz kupierten Rute schliessen; auch in Spanien würde wohl kein Hundehalter das Sakrileg begehen, einem kleinen Pointer den Schwanz abzuschneiden!
Aber ganz gleich aus welchen Rassen sie entstanden war, Lola zeigte also eine sehr, sehr ausgeprägte Jagdlust, schöne, weite Suchen, Resistenz gegen Hitze, Gleichgültigkeit gegenüber den Dornen der Schlehenhecken und dichten Brombeerbüsche, ein Suchtempo, das Jägerherzen höher schlagen lässt, Selbstsicherheit, Orientierungsvermögen, die so wichtige Bereitschaft, mit ihrem - selbst dem brandneuen - Menschen in Verbindung zu bleiben und als Sahnehäubchen ein ausgeglichenes, ruhiges und freundliches Wesen. Der Stoff, aus dem der mediterrane Jagdgebrauchshund ist; und vermutlich der Albtraum jedes deutschen Nichtjägers, denn einen Radius und eine Selbständigkeit wie bei uns würde sich Lola in Deutschland schwerlich leisten können.
Na ja, einige Monate nachdem ich sie kennen gelernt hatte, wurde Lola adoptiert und lebte nun mit Danny und deren Zweibeinern zusammen. Als letztere sich zum Kurs anmeldeten, dachte ich natürlich: Nachtigall, ick hör dir trapsen...Lola ist mit ihren jagdtechnisch durchaus angemessenen Aktionen irgendwo unangenehm aufgefallen und jetzt müssen wir die Bremsen nachstellen.

Lola mit ihrer Familie, Pointer Gonzo und Bracco Julian.

Zu irren kann ja so schön sein!
Lola hatte sich sehr verändert. Sie war deutlich reifer geworden, umsichtiger, irgendwie "vernünftiger". Das lag einerseits sicher am berühmten Dritten Jahr, in dem eigentlich jeder Hund erst so richtig erwachsen wird. Aber zu einem vielleicht noch größeren Teil an den neuen Lebensbedingungen und -partnern. Ihr jagdhundegewöhntes Frauchen hatte beispielsweise die angenehme Gewohnheit, Lola zunächst mit einem sehr leisen Pfiff oder Ruf herbeizuordern und in den meisten Fällen langte das völlig aus, die brave Hündin zum Gehorsam zu motivieren. Eine Zunahme der Phonstärke erfolgte erst, wenn die junge Damen ihre kurzen Schlappohren ausnahmsweise auf Durchzug stellte, und dann wirkte der autoritäre Ton auch erwartungsgemäß gut.
Für Hunde, denen ja die Fähigkeit mit in die Wiege gelegt wird, leise Geräusche und Nuancen, Stimmungen und geringste Körpersignale wahrzunehmen, muss es eine wahre Wohltat sein, nicht permanent mit menschlichen Lautäußerungen im roten Dezibelbereich beschallt und mit menschlicher Grobmotorik belästigt zu werden.
Vor allem aber hatte Lola in den vergangenen sechs Monaten eine echte Bindung zu ihrem Frauchen entwickelt. Die beiden traten ihre erste morgendliche Expedition gemeinsam an
- wie erinnerlich von Danny und Herrchen getrennt - und beendeten sie auch gemeinsam. Natürlich untersuchte und erschnüffelte Lola unterwegs diensteifrig die Büsche und entfernte sich auf dem Waldpfad auch mal (erlaubterweise), aber weder hatte sie irgendwelche Ambitionen, den Rest des Rudels zu suchen, noch kam ihr in den Sinn, solo jagen zu gehen. Sie erkundete mit Frauchen eines neues Terrain und genau das war der Sinn der Übung.

Lola und Frauchen.

Während ihre Besitzer zu Beginn des schon zitierten "Schnüffel-Parcours" geschworen hätten, dass Danny die Sache besonders gut machen würde, stellte in Wahrheit Lola die beiden anderen Hunde in den Schatten und arbeitete sogar interessiert die kurze Schweissfährte am Ende des Durchgangs. Auch bei der anschliessenden Übung, die dem jeweiligen Hundeführer erlaubt, seinen Vierbeiner gezielt zu einem attraktiven Wild-Fund zu lotsen, erledigte Lola ihre Aufgabe prima.
In der Lockerungspause danach setzte Danny sich still und heimlich ab; Lola dachte nicht im Traum daran auszubüchsen. Allerdings warf sie auch keine sehnsüchtigen Blick zum Waldrand. So eindeutig ihre Sinne arbeiteten und so konzentriert sie die Informationen zu verarbeiten schien, nahm sie doch auch die spannendsten Details nie zum Anlass, auf eigene Faust los zu rennen.
Bei den Waldrundgängen mit der ganzen Gruppe fiel mir das besonders auf: Lola entfernte sich (entgegen den Gewohnheiten im Vorjahr) fast nie sehr weit von ihren Leuten und blieb ausserdem immer mal wieder stehen, um durch Blickkontakt Frauchens Pläne zu checken. Dabei ergab sich mitunter eine Situation, von der wahrscheinlich alle Hunde ein leidvolles Lied singen könnten: Lola stand still und brav hinter irgendwelchen Büschen und schaute aufmerksam zu ihren Besitzern, um deren weitere Ordern abzuwarten. Herrchen und Frauchen jedoch, obwohl laut Definition Augentiere, sahen den in der Nähe harrenden Hund überhaupt nicht, sondern befürchteten, wie es vermutlich die meisten Hundehalter in solch einem Moment tun würden, dass Lola sich längst viel zu weit entfernt hatte und riefen, nicht ohne eine gewisse Unruhe in der Stimme nach ihr, die scheinbar aus dem Nichts auftauchte und gehörig gelobt wurde.
Manchmal muss es für das Nasentier Hund wirklich arg frustrierend sein mit einem Geschöpf zu leben, dessen angeblich bester Gesichtssinn gerade in kritischen Situationen so kläglich versagt. (Ich weiss wovon ich rede, denn mein Hund ist ein Braunschimmel, der sich, im kontraststarken Spiel von Licht und Schatten im Wald für mich fast unsichtbar, sicher oft fragt, wieso ich ihn so dringend rufe, obwohl er doch praktisch vor mir steht, gelassen und getreulich zu mir blickend...)
Lola jedenfalls, im krassen Gegensatz zu ihrer "Schwester" Danny, war sehr darauf bedacht zumindest ihrerseits den Blickkontakt zu ihrem Frauchen nicht zu verlieren und verstärkte damit noch den Eindruck, dass sie inzwischen erwachsener geworden war und ihr daran lag, mit ihrem Bezugspartner Mensch gemeinsam zu handeln. Dabei ergab sich allerdings ein ungeahntes Problem.

Anfängliche Verständigungsschwierigkeiten beim "Indianerspiel".

Das Problem bestand darin, dass Frauchen anfangs den Sinn des berühmten "Indianerspiels" ein bisschen missverstand. Natürlich dient es der Festigung von Grundkommandos wie Fuss, Sitz, Platz, Steh, Bleib und Such, aber das ist nur die erwünschte Nebenwirkung, nicht der Anreiz für den Hund. Die Motivation für den Vierbeiner soll das jagdtechnisch clevere, gemeinsame Anschleichen an eine Beute, den Wilddummy, sein. Ergo muss man sich als Hundeführer wirklich in diese Fantasie fallen lassen, dass dort, in der Ferne, vielleicht ein Stück Wild sitzt und dem Hund die zunehmende Spannung mitteilen, die am Ende selbstverständlich durch das erlösende "Such!" aufgehoben wird, wenn er lossausen und den Dummy suchen und im Triumph zurückbringen darf.
Irgendwie scheint dieses Konzept im Widerspruch zur üblichen Erziehung zu stehen, weshalb Frauchens Aufmerksamkeit beim ersten Versuch hauptsächlich darauf gerichtet war, ob Lola brav sitzen oder liegen blieb und nicht, ob sie mit ihr gemeinsam einer Beute entgegenstrebte.
Beobachten Sie mal einen halbwüchsigen Vorstehhund, der mit seinem erwachsenen Mentor ins Feld zieht. Der Ältere sucht, findet, steht vor und es interessiert ihn nicht die Bohne, was der Knirps in seinem Kielwasser tut; wahrscheinlich würdigt er ihn keines Blickes. Der kleine Wicht hingegen hat (fast) nur Augen für den Großen, verfolgt dessen Bewegungen, ahmt sie nach und fällt hinter dem erwachsenen Hund in Vorstehhaltung - nicht weil er selbst den Vogel auch wittert, iwo, weil ihm die Körperhaltung und Ausstrahlung des Großen als eindeutiges Signal dient.
Hunde haben offensichtlich keine Zweifel, ob ihre Zöglinge sie verstehen. Wir jedoch sind so darauf fixiert, unserem Vierbeiner einen bestimmten Befehl beibringen zu müssen, dass wir ständig das Kommando wiederholen, den Hund anstarren, uns ansatzweise und bedrohlich zu ihm zurück bewegen und ihm den Spass an der Sache schnell vermasseln.
Okay, wir sind keine Hunde und ich verlange auch von niemandem, dass er auf allen Vieren läuft und sich für Mogli hält (obwohl diese Variante bei den Hunden bestimmt ein Lacherfolg würde), aber
sich so ein kleines bisschen in die Welt des Hundes hinein zu versetzen wirkt Wunder. Auch bei Lola, die nach einigen Wiederholungen aufmerksam und manierlich neben ihrem Frauchen ging, die Weisung "Bleib" beherzigte, wenn die Chefin erst mal allein weiter vorwärts pirschte und das Hasenfell als Beuteersatz am Ende nicht nur suchte, sondern auch willig apportierte und abgab.

Belohnung fürs brave Bringen.

Wenn die diversen Bringobjekte dem Hund erst einmal gefallen, kann man damit auch freie Suche mit Apport und die Quersuche üben, und Lola erledigte beide Aufgaben mit Eifer und Erfolg.
Obwohl sie auf dem Schnüffel-Parcours als einzige die kurze Schweissfährte entdeckt und bis zum Ende verfolgt hatte, fand sie die längere Fährte am nächsten Tag nicht mehr so spannend und hatte auch Mühe, den tieferen Sinn der Hasenschleppe zu durchschauen, obwohl sie das Hasenfell als Beute sehr ins Herz geschlossen hatte. Nun darf man daraus keine voreiligen Schlüsse ziehen; in einer Woche kann man die verschiedenen Disziplinen gerade mal antippen, und wenn der Hund bei seiner ersten Schleppe nicht sofort vor Begeisterung Purzelbaum schlägt, heisst das ja nicht, dass er keine Begabung für die Arbeit mit tiefer Nase hat. Vielleicht tropft man die Fährte zunächst mit einer anderen Flüssigkeit oder verwendet für die Schleppe ein anderes Objekt; bevor man die Flinte ins Korn wirft sollte man jedenfalls verschiedene Möglichkeiten ausprobieren, denn je abwechslungsreicher man später die Arbeit mit dem Hund gestalten kann, desto besser.


Bei der Quersuche schrauben sich Hund und Führer, zunächst an der langen Leine, systematisch von einem Ende zum anderen Ende eines langen Wiesenstücks und finden an den Rändern gemeinsam "Beute".

Übrigens zeigte auch Lola unseren Gatter-Schweinchen die kalte Schulter. Da die Hunde ansonsten ja kein lebendes Wild zu Gesicht bekamen lässt sich schwer einschätzen, was Lolas bevorzugtes Beutetier wäre.
Eingedenk ihres Verhaltens im vergangenen Jahr hätte ich natürlich darauf gewettet, dass sie im Laufe einer ganzen Woche, mit täglich immerhin sechs, sieben Stunden in der freien Natur, ordentlich auf den Putz hauen würde. Tat sie aber nicht. Überhaupt nicht. Klar ging sie mal stöbern und erkunden, aber im Vergleich zum Vorjahr war das regelrecht harmlos. Frauchen war ihr inzwischen definitiv wichtiger als "der Ruf der Wildnis".
Lola zeigte nur eine neue Gewohnheit, die mich etwas irritierte, nämlich das frenetische Buddeln nach Mäusen in den langen Mittagspausen. Ein Hund, der frische Mäusewitterung in die Nase bekommt, verfolgt und gräbt, logisch. Aber bei manchen Hunden wird daraus so eine Art Verfolgungswahn oder Ersatzbefriedigung, und gegen so was bin ich ziemlich allergisch, weil die grosse weite Welt und der engagierte Hundehalter dem begabten Jagdhund nun wirklich mehr bieten kann als arme Nager. (Und ich sage das nicht nur, weil ich ein Mäusefan bin! Ich krieg auch beim Retriever, der nur noch für das eine Bringsel zu leben scheint, ein mulmiges Gefühl!)
Es gibt inzwischen wohl eine Menge deutscher Jagdhundebesitzer, die froh sind, wenn ihr Vierbeiner den besten Teil seiner open-air Zeit mit Mäusesuchen verbringt, denn wer Mäusen nachgräbt verfolgt keine Hasen und Rehe, klar.
Wären die Eltern eines musisch hochbegabten Kindes froh, wenn es auf seinen Fingernägeln kauen würde, statt auf dem verdammten Klavier herum zu klimpern? Wohl nur, wenn ihnen das Talent ihres Kindes entgangen wäre oder keine Wertschätzung genösse... Das klingt nun vielleicht ein bisschen zynisch, aber ich glaube, in manchen Fällen ist es durchaus so, dass ein Jagdhund angeschafft wird, ohne dass seine angeborenen und persönlichen Jagdqualitäten besonders erwünscht sind, und dann sind Mäuse halt die vielgepriesene Alternative zur wirklichen Arbeit.
Entsprechend erleichtert war ich, als sich Lolas Frauchen sehr kritisch zum Mäusewahn äusserte und das hundliche Fingernägelkauen kein bisschen wünschenswert und förderungswürdig befand. Sie war, ganz im Gegenteil, ziemlich ungehalten über das Wiederaufflackern dieser Gewohnheit, die sie Lola im Laufe der vergangenen Monate durch interessantere Aktivitäten "entzogen" hatte.


Mäusewahn?

Aber ausser Danny und Lola gab es im Kurs ja auch noch einen reinrassigen Pointer, Gonzo mit Namen, der im letzten Jahr schon zu Lolas Pflegefamilie gehört hatte und diesmal natürlich auch wieder mit von der Partie war...


Lola mit Frauchen und Julian.
Fotos 1-6, 11,12: Sabine Middelhaufe; Fotos 7-10: F. Keymer

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