| Danny - Laufhundmix
Die schöne, reine Bergluft steigert bekanntlich den Appetit; nicht notwendigerweise auf Parma-Schinken und Lasagne, sondern in Dannys Falle auf die grosse Freiheit.
Die junge Mischlingshündin aus dem belgischen Tierschutz kam mit nur zwei harmlosen Unarten in den Kurs: gelegentliches Anspringen von Personen zwecks freundlicher Kontaktaufnahme und wenig Begeisterung, korrekt an der Leine zu gehen, einer Leine wohlgemerkt, die im Alltag nur der kurzfristigen Führung von Punkt A zu Punkt B dient, denn Danny ist kein genervter Schleppleinenhund. Sie darf praktisch überall frei laufen, auch im Wald, da sie, trotz deutlichen Interesses am Wild per Kommando "Auf den Weg!" ohne weiteres aus den Büschen am Rande abrufbar ist, bei Wildsichtung auf "Halt!" oder sogar ohne Anweisung verlässlich bremst und abwartet, nur ausnahmsweise einen Radius von 200 m um ihre Besitzer erreicht aber im Normalfalle erheblich näher und vor allem in Sicht bleibt. Man braucht nur die Finger einer Hand, um daran abzuzählen, wieoft Danny sich in ihrem bisherigen Vor-Kurs-Leben erlaubt hatte, ihre gute Erziehung kurzfristig zu vergessen und eine Weile unter eigener Regie Spass im Wald zu haben. |

Danny, vermutlich eine Kreuzung aus Vorsteh- und Laufhund.
|
Ich liebe solche unproblematischen Hunde, denn sie dienen den anderen zwei- und vierbeinigen Teilnehmern als gutes Beispiel, bringen Ruhe und Gelassenheit in die Gruppenarbeit und fördern die angenehme Urlaubsstimmung.
Bei den allmorgendlichen Expeditionen geht bekanntlich jeder Hundehalter mit seinem Vierbeiner und in reichlichem Abstand von den anderen eine vorher festgelegte Route durch den Wald, um dort gemeinsam mit dem Hund Trittsiegel, Wildwechsel, Suhlen, Malbäume und was nicht alles zu entdecken. Was Danny entdeckte wird ewig ihr Geheimnis bleiben, denn sie entschwand, kaum abgeleint, in den dichten Laubwald und ward nicht mehr gesehen. Auch nicht gehört.
Da sie zu rufen keine Wirkung zeitigte warteten wir. Vergebens.
Als das Schweigen im Walde allmählich bedrückend wurde, beschlossen wir, dass Herrchen an der Stelle ausharren sollte, wo Danny sich selbständig gemacht hatte, während ich zurück zum Blockhaus gehen würde, in dem sie und ihr Anhang wohnte, in der Hoffnung, die Hündin unterwegs irgendwo anzutreffen. Unterwegs traf ich sie nicht; sie sass nämlich bereits seelenruhig vor der Haustür und schien geduldig auf die Rückkehr ihrer Familie zu warten.
Gottlob liess sie sich aber protestlos von mir an der Leine zurück zu ihrem Herrn und Gebieter geleiten, der einen Kilometer entfernt nicht minder geduldig wartete, und so konnten die beiden ihre Expedition mit einiger Verspätung doch noch antreten.
Auch während dieses langen Ausgangs in völlig fremder Umgebung setzte sich Danny noch etliche Male ab, freilich nicht immer so lange und vor allem schien sie einen wichtigen Grundsatz begriffen zu haben:
wenn man sich schon unerlaubt entfernt, muss man zumindest so clever sein, Herrchen über dessen Fährte wiederzufinden...was sie auch sehr souverän tat.
Natürlich wurde Dannys ganz und gar untypisches Verhalten nach der Rückkehr aller Teilnehmer diskutiert. War sie einfach verwirrt, weil Frauchen mit Lola, der zweiten Hündin der Familie, eine andere Route gegangen war? Fand sie es befremdlich, dass Herrchen und Frauchen, sie und Lola
sich trennen mussten - eine völlig neue Erfahrung, denn zuhause gingen ja stets alle zusammen spazieren? Möglich...
|
Danny und Herrchen, wieder vereint.
|
Dem ersten Übungsnachmittag sahen Dannys Besitzer mit Zuversicht entgegen, denn daheim liess die elegante und spritzige Hündin keinen Zweifel an ihrem wachen Interesse an Rehen, Füchsen, Vögeln, den Fährten der Wildschweine. Entsprechend gross war folglich das Erstaunen, als ausgerechnet Danny nur einen Hasenbalg und eine Wildschweinschale auf dem Schnupper-Parcours witterte, hingegen die Wildschweinschwarte, den zweiten Fuss, eine frische Abwurfstange, ein "Wachtelnest", die kurze Schweissfährte und die Belohnungshäppchen an deren Ende einfach überlief.
Für die folgende Übung wurden Felle, Schalen und Nest an den beiden Längsseiten einer Wiese deponiert und die Stellen mit Fähnchen markiert, so dass Herrchen seine Danny zielstrebig und mit aufforderndem "Such!" zur beglückenden Erfahrung des Findens verhelfen konnte.
Ob Danny die Entdeckungen wirklich beglückend fand, weiss ich nicht, aber als ihr Chef sie zwecks Spielpause ableinte, verschwand sie in den Wald und kam erst nach einer reichlichen Runde zurück - definitiv beglückt von dem herrlichen Ausflug.
Wir ahnten an diesem Abend natürlich noch nicht, dass Danny ihren Urlaub richtig auskosten wollte und auch künftig jeden Vor- und Nachmittag mindestens einmal auf eigene Faust die stillen Wälder unserer Gegend erkunden würde, und nicht etwa, um Frauchen und "Schwester" Lola zu suchen...
|
Danny nutzte sehr geschickt die geringste Unaufmerksamkeit, um sich aus dem Staub zu machen...
|
Junge Hunde wie Danny, die darauf brennen, sich allein abzusetzen, um jagen oder zumindest erforschen zu gehen, sind bei den Übungen meist ziemlich unruhige Geister, die kläffen und fiepen und an der Leine zerren. Danny hingegen tat nichts dergleichen. Sie demonstrierte eine geradezu beispielhafte Ruhe wenn sie, mit den anderen am Wiesenrand sitzend, ihren Turnus abwarten musste. Ob das allerdings echte Geduld war, bezweifle ich fast, denn während sie brav da sass schloss sie ihre Augen ein wenig, wandte ihren ausdrucksvollen Brackenkopf dem Wald zu und witterte.
Ich könnte schwören, dass diese Hündin nichts von dem mitbekam, was ihre Kollegen auf der Wiese übten, aber haargenau wusste, was im Umkreis von vielen, vielen hundert Metern um die Wiese herum im Wald passierte. Danny war zwar anwesend, aber nicht wirklich präsent. Ihre Nase und ihr Riechhirn waren ganz woanders, dort wo die Wildschweine und Rehe entlang gezogen waren wahrscheinlich und vielleicht der eine oder andere Hase.
Ich muss gestehen, ich finde solche "ernsten" Hunde faszinierend; sie zeigen nur zu deutlich, dass sie all die Spielereien, die wir uns für ihre Beschäftigung ausdenken zwar im Bedarfsfalle wohlwollend zur Kenntnis nehmen, aber dass ihr eigentliches Streben und Begehren die weiträumige Inspektion des Territoriums ist. Nur: warum im wildarmen italienischen Wald und nicht im deutschen, wo ihr ständig Wild vor die Pfoten lief..?
|
Der begehrliche Blick in die Ferne.
|
Oh, wie war ich glücklich, als Danny ihre erste kurze Schweissfährte mit sichtlichem Interesse arbeitete! Am nächsten Tag bekam sie eine extra-schöne neue Fährte serviert - und stocherte gelangweilt und erfolglos darauf herum. Seufz... Den anschliessenden Alleingang im Wald fand sie aber "echt klasse" und kam nach getaner Tat mit strahlenden Augen zu Herrchen zurück.
Um ihre Eskapaden zumindest akustisch verfolgen zu können hängten wir ihr eines der berühmten Segugio Glöckchen ans Halsband und stellten fest, dass sie sich oft in einem durchaus akzeptablen Radius um uns her bewegte, doch früher oder später verstummte das leise Bimmeln und nur Danny allein wird wissen, wo in dem weiten Wald sie ihre Expeditionen betrieb.
Solche Erfahrungen machen natürlich auch einmal mehr deutlich wieso Jäger spurlaute Hunde wollen und wieso ihnen die stummen Amateure so suspekt sind, denn ein Hund, der nicht "sagt" was er gerade tut, auf wessen Spur er läuft, ob er dem Wild nahe oder fern ist, es vielleicht sogar sichtig vor sich her hetzt, den kann man aller möglichen Schandtaten verdächtigen.
Spurlaut ist Danny ganz sicher nicht; vielleicht sichtlaut, denn ein- oder zweimal hörte ich sie kurz und aufgeregt kläffen, aber in Anbetracht des Ortes kann es auch sein, dass sie plötzlich einem Wildschwein gegenüber stand und das Lautgeben eher Ausdruck der Verwirrung war.
Dass nun bitte niemand denkt Danny hätte mit Erlaubnis ihrer Besitzer gewildert. Da sie (hier jedenfalls) Null Interesse an Vögeln und Nestern bekundete und in keinen Dachsbau und keine Fuchsröhre passen würde, Rehe zwar vorhanden aber dünn gesät sind, die Geburt der wenigen Kitze eigentlich noch bevorstand und keine Junghasen da waren, die sie hätte verfolgen können, vor allem aber weil man einem unerfahren Hund anmerkt, ob er Beute gemacht hat, bin ich sicher, dass Danny stillvergnügt durch den herrlichen Laubwald gezogen ist, um hier ausgiebig zu schnüffeln und dort in aller Ruhe zu untersuchen, ohne irgendeinem Wildtier ernstlich in die Quere zu kommen. Mit Ausnahme vielleicht der Sauen, die, wenn sie Frischlinge führen, bekanntlich wenig Sinn für Humor und impertinente Haushunde haben und letztere sehr effektiv in die Flucht schlagen. Und ausserdem....
|
|

Oooops - Schweine...?!
|
...ja, ausserdem verschaffte Danny ihren Besitzern in puncto Schwarzwild einen weiteren Augenöffner. Ein Mitglied unserer lokalen Wildschweinjägertruppe hält in einem grossen Gehege derzeit einen Frischling und vier junge Sauen, die so gutmütig und an meine ständigen Besuche gewöhnt sind, dass ich nur "Schweinchen!" rufen muss, um die freundlichen Gesellen an den Zaun zu locken.
Als Danny, die als Startnummer 2 und nichts Böses ahnend (aber sicherlich riechend) an den Gehegerand geführt wurde die halbwüchsigen Schwarzkittel sah, zog sie sich mit einem Gesichtsausdruck und einer Bewegung vom Zaun zurück, der definitiv Cartoon würdig gewesen wäre. Vielleicht irritierte sie die fröhliche Sorglosigkeit der Schweinchen, aber eingedenk dessen, wie wütend viele ihrer Vorgänger die Wildschweine verbellt hatten würde ich die Aussage wagen, dass Danny gehörigen Respekt vor Schwarzwild empfindet und im Wald angesichts der überhaupt nicht fröhlichen Attacke einer zornigen Muttersau schleunigst das Weite suchen würde.
Deshalb bleibe ich bei meiner Hypothese: was Danny in unseren Wald trieb war vor allem Tatendrang, Neugier, die Lust am Rennen und Erkunden, querbeet, durch Büsche und Bäche und Suhlen, der Hunger nach Freiheit eben, gewiss nicht die gezielte, erfolgversprechende Suche nach Beute. |

Evviva la libertà!
|
Das berühmte "Indianerspiel" zur Festigung des Grundgehorsams machte Danny zwar willig genug mit, aber inzwischen hatte ich mich ja an ihren sehnsüchtigen Blick Richtung Wald gewöhnt und wunderte mich nicht mehr, wenn sie während des Sitzens oder Liegens ihren aristokratischen Kopf von ihrem Meister ab- und dem Ort ihres Begehrens zuwandte. Wohlgemerkt, durfte sie mit Herrchen in Bewegung bleiben oder das Hasenfell suchen, zeigte sie durchaus ein mildes Interesse an der ganzen Aktion, apportierte sogar, aber im Standby-Modus sich selbst überlassen wanderten ihre Sinne unvermeidlich gen Wald.
Was die Geschichte noch verkomplizierte war der Umstand, dass Danny bestimmte Übungen beim ersten Mal wunderbar machte, nur um in der Folge gähnendes Desinteresse zu manifestieren. Es schien fast so als wäre sie bereit, den Blödsinn einmal über sich ergehen zu lassen, aber bitte kein zweites Mal...
Paradoxerweise kamen ihre eigentlichen "Schwächen" nur sehr mäßig zum Vorschein; sie sprang gelegentlich den (ihr allerdings vertrauten) Besitzer eines anderen Hundes an, der dieses Verhalten überdies fast ein bisschen provozierte, und bei den Übungen an der Leine verhielt sie sich gehorsamer als manch anderer teilnehmender Hund.
|


Bewegung und gezielte Suche machte Danny sehr manierlich mit.
Fotos 1, 3, 5 - 9: Sabine Middelhaufe; Fotos 2, 4: F. Keymer
|
Man kann sich gut vorstellen, dass ihre Besitzer die Stirn runzelten und sich kopfschüttelnd fragten, was wohl in Danny gefahren sei. Vor allem fragten sie sich, was wohl passieren würde, wenn die einst brave, gehorsame Danny in ihre deutsche Heimat zurück käme.
Nun, sie kam und verhielt sich so folgsam wie zuvor. Frauchen machte sogar die Probe aufs Exempel und marschierte mit Danny quer durch den Wald, jenseits der Wege, dort wo Dickichte und Wildwechsel locken, nur um festzustellen, dass die Hündin getreulich an ihrer Seite blieb.
Es muss wohl wirklich an der Bergluft gelegen haben, die in ihrem speziellen Falle den Hunger nicht nach Pasta und Polenta sondern nach Freiheit steigerte...
Klar, dass wir uns gerade wegen dieser radikalen Verhaltensveränderung immer wieder Gedanken über die Gründe gemacht haben. Danny ist tatsächlich der erste, normalerweise folgsame Hund, der hier, in einem gänzlich fremden Territorium, sofort die Gelegenheit beim Schopfe fasste, sich selbständig und relativ weit von ihrem "Rudel" zu entfernen, Befehle geflissentlich zu überhören, die sie zuhause perfekt befolgt, ihre ganze Aufmerksamkeit weitgehend von den zwei- und vierbeinigen Bezugspartnern abzuziehen und auf "die Wildnis" zu richten.
Das erlaubt die Vermutung, dass ein Hund unter Umständen zwar einen bestimmten Ort (das vertraute Auslaufgebiet) mit bestimmten Verhaltensregeln verknüpft, aber nicht die Reglementierung seines Verhaltens an sich versteht. Konsequenterweise folgert der Hund, dass die Regeln an einem neuen Ort keine Gültigkeit haben.
Interessant und ermutigend ist wiederum, dass Danny, die bisher hauptsächlich mit ihrem praxiserfahrenen Frauchen und "Schwester" Lola hinaus zu gehen pflegte, ihr liebevoll-geduldiges Herrchen zunächst im Regen stehen liess, im Laufe der Tage durch die kontinuierliche Einzelarbeit mit ihm und sein echtes Bemühen, das Interesse der Hündin zu gewinnen, eine ganz neue, tiefe Bindung zu ihm entwickelte, die für die künftige Zusammenarbeit daheim nur Gutes verspricht. Denn das muss man einfach klar sagen: mit zwei Hunden spazieren zu gehen ist kein Problem; täglich mit zwei Hunden ernsthaft zu arbeiten, das ist ein Problem - es sei denn, man hat den ganzen Tag nichts anderes zu tun und kann sich der Reihe nach jedem Hund mehrere Stunden widmen, was wohl eher die Ausnahme ist und nicht die Regel.
Worüber wir natürlich alle ungläubig die weisen, pardon: greisen Häupter schüttelten war die Tatsache, dass die von Dannys Leuten erst 5 Monate zuvor adoptierte Pointer-Mischlingshündin Lola, die ich letztes Jahr bei ihrem Kurzbesuch als ziemlich entschlossenen Fernaufklärer kennen gelernt hatte, sich als Musterschülerin erwies.
> Weiter zu: > Lola - Pointermix
|
|