Pointer Nero, das Multitalent

Nero stammt, wie viele heute in Deutschland lebende Pointer, aus dem Tierschutz. In seinem Falle begann die Odysee schon als Junghund, denn das (einzige existierende) Foto, das seine Vergangenheit dokumentiert zeigt ihn als eindeutig noch nicht ganz ausgewachsenen Jüngling in einer spanischen Tötungsstation. Von dort gelangte er in eine deutsche Vermittlungsstelle und hier verwoben sich die Schicksalsfäden definitiv zu seinen Gunsten, denn mit ca. 2 Jahren wurde er von einem jungen Ehepaar adoptiert und stand nun, rund ein Jahr später, mitsamt seinem menschlichen Anhang auf meinen heimischen Heuwiesen...
Was mir als erstes auffiel war Neros aufgeschlossenes, freundliches und ganz und gar vertrauensvolles Verhalten in einer völlig unbekannten Umgebung und gegenüber kompletten Fremden. Das ist (für mich) natürlich schon ein erster Grund aufzuatmen, denn ein erwachsener Hund, der gelassen und kontaktfreudig in den Kurs kommt, sagt mir schon mal, dass er sich
(zumindest) in Präsenz seiner Menschen sicher fühlt, weil er eine gute Bindung zu ihnen hat und deshalb keinen Grund sieht, auszuflippen oder sich gegen imaginäre Feinde zu verteidigen.
Na ja, das war beim ersten Kennenlernen und ich ahnte noch nicht, welche sonstigen Joker Nero im Ärmel hatte.


Nero, absolut cool, verträglich und Herr der Lage.



Wie erinnerlich hatten mich die Pointer im letzten Jahr ziemlich blamiert; es gibt beim Kurs nämlich keinen "Plan B". Hunden, die letztlich nur im Galopp und in weitgehender Selbstbestimmung lebendes Federwild suchen und vorstehen möchten, denen kann ich herzlich wenig bieten. Entsprechend skeptisch sah ich meinem ersten Pointer der Saison entgegen.
Die lange Morgenrunde Nummer eins in den Wiesen beruhigte mich allerdings schnell. Zwar galoppierte Nero mit unverkennbarem Genuss durchs Gras, stob in die Büsche, verfiel ganz selbstverständlich in Vorstehpose wenn er ein Vögelchen oder ein Nest in den Hecken entdeckte, aber sein Aktionsradius hielt sich für einen Pointer wirklich in absolut vertretbaren Grenzen und ausserdem blieb er praktisch jederzeit abrufbar. Dabei entdeckte ich schon, dass er, was relativ selten ist, beiden Besitzern auch in unterschiedlichsten Situationen gleichermaßen gut "gehorchte"; Nero bevorzugte weder Herrchen noch Frauchen, sondern war beiden ohne Plus und Minus zugetan, was, glaube ich, vor allem daran liegt, dass sie eine grundsätzlich gleiche Art haben, ihn liebevoll aber konsequent zu behandeln und als Ziel der Erziehung nicht den perfekt stramm stehenden Hund sehen, sondern den glücklichen, ausgelasteten Hund, der deshalb gehorcht.


Nero geniesst seine Galoppsuchen in den Heuwiesen.

Beim obligaten "Wildarteninteresse-Test" am folgenden Nachmittag fiel mir die nächste Ladung Geröll vom Herzen, denn obwohl Nero die Losung von Reh und Hase nicht als sonderlich spannend einstufte, fand er Hasenfell, Wildschweinschwarte- und schalen, die frischen Federn und ein Nest meiner Wachteln äußerst anziehend. Also eindeutig kein Fachidiot, der nur gelangweilt gähnt, wenn man ihm kein echtes, wildes Federvieh offeriert.
Eine für Frauchen und Herrchen vermutlich noch viel wichtigere Erkenntnis war freilich, dass Nero richtig gern und konzentriert mitmachte, wenn sie ihm so eine Übung anboten. Die eifrig wedelnde Rute, wenn seine Menschen ihn zu neuen Geruchsabenteuern einluden, sagt eigentlich alles.

Die begeistert wedelnde Rute sagt eigentlich alles...
Eine Übung, die entsprechend gut ankam, war das "Indianer spielen".
Die Grundidee besteht darin, dass sich der Mensch vorstellt, ganz weit hinten, am anderen Ende einer Heuwiese möglicherweise Wild gesehen zu haben. Folglich schleicht er langsam und vorsichtig auf die vermeintliche Beute zu, weist dabei den Hund mit Gesten oder kaum hörbaren Worten an, mal Sitz zu machen und still und ruhig neben ihm sitzen zu bleiben, dann zwanzig Meter weiter vielleicht Down zu machen und liegen zu bleiben, während er ein Stück allein voraus geht, um nach Trittsiegeln zu suchen, nähert sich schliesslich mit einem voll konzentrierten Hund an seiner Seite der Stelle, wo in der Fantasie das Wild sass und schickt ihn mit einem leisen, anfeuernden "Such!" voran. Klar, dass der Hund mit Wonne durchstartet! Und hat man ihm in weiser Voraussicht an besagter Stelle sein Lieblingsbringsel deponiert, macht es ihm noch mal so viel Spass.
Ich weiss! Manche Menschen finden so etwas schlichtweg albern, erst recht, wenn sie selbst wie Winnetou durchs Unterholz pirschen sollen. Ich glaube aber, was diese Menschen völlig unterschätzen, ist die Bereitschaft des Hundes, Stimmungen aufzunehmen und die Körpersignale des Partners korrekt zu interpretieren. Wenn etwa ein Pointer einen vorstehenden Kollegen sieht, fällt er in seiner Nähe ebenfalls in Vorstehhaltung - nicht nur wenn er selbst den Vogel wittert, sondern auch weil die Pose des Kollegen ihm sagt: Vorsicht, Wild!
Ganz ähnlich ist es bei diesem "Indianerspiel", nur dass wir damit den Hund bestimmte, notwendige Grundbefehle in einem Kontext lehren, der für ihn verständlich ist.
Sich auf den Boden zu werfen und liegen zu bleiben, nur weil mensch das eben so befiehlt, ist für den Hund ziemlich fade, um es nett auszudrücken. Präsentiert man demselben Hund denselben Befehl hingegen in einem jagdtechnisch einleuchtenden Zusammenhang, bleibt er brav liegen, und nimmt höchst interessiert und dennoch gehorsam am weiteren Verlauf des Geschehens teil, was mir persönlich um ein Vielfaches lieber ist, als ein Hund, der wie ein Stehaufmännchen Down-Auf-Down-Auf macht, als würde er nicht merken, dass ich eine Schraube locker hab...


"Indianerspiel".

Was mich an Nero im Laufe der Zeit immer mehr faszinierte, war seine Freude an jeglicher Arbeit mit seinen Leuten. Okay, er fand mitunter die Wildschweinschalen bei der Quersuche oder die Sauschwarte am Ende der Schleppe nicht so grandios wie die Hasenfelle oder sein Lieblingsbringsel, aber des ungeachtet liess er sich mit Wonne nach rechts und links über die Wiese schicken oder folgte brav der Schleppspur und tat uns sogar den immensen Gefallen, als reinrassiger, spritziger, vogellastiger Pointer Haarwild zu apportieren, und zwar ohne Igitt-Miene!


Haarwildapport - stolz und ohne Zwang.

Viele Pointer ziehen das freie, offene Gelände dem Wald vor. Für einen ausgesprochenen Vorstehspezialisten mit blauem, englischen Blut durchaus verständlich. Aber Nero hatte eigentlich gar keine Vorurteile dieser Art. Er galoppierte ebenso wonnevoll durch die Wiesen wie durch den Wald, liess sich überreden, in den Weiher zu hüpfen, buddelte hier und da diensteifrig, vermutlich nach Waldmäusen, tauchte ganz cool in die dichten Hundsrosendickichte ein (man will ja nichts verpassen!) und liess sich trotzdem problemlos vom fünften Gang herunter bremsen, um eine "abkühlende" Übung mit Herrchen oder Frauchen einzuschieben.

Also ganz eindeutig kein P wie Problem-Pointer, sondern ein Überraschungspointer, der sich als gut zu "handhabendes" Multitalent erwies!

 

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