| Beute tragen und ausgeben
Den Hund zur freien Suche mit Apport zu schicken hat natürlich erst dann Sinn, wenn er verstanden und akzeptiert hat, dass die Beute Ihnen zusteht und sich nicht damit aus dem Staube macht, um sie irgendwo zu fressen. So gut der Gehorsam mit Qiuetschtieren, Bällchen, Holzapportels usw. vielleicht klappt, so dramatisch kann sich die Situation ändern, sobald Wild, meist in Form eines Stück Fells, hinzu kommt. Eigentlich logisch, denn selbst ein unerfahrener Junghund weiss instinktiv, dass es sich hier um echte Beute dreht - sobald er eventuelle Bedenken überwunden hat, zum Beispiel einen weichen Hasenbalg ins Maul zu nehmen.
Allen bisherigen und künftigen Kursteilnehmern zum Trost: fast jeder steht ziemlich ratlos bis schockiert vor seinem Vierbeiner, wenn er sich zum ersten Mal mit dessen Entschlossenheit konfrontiert sieht, das Fell um keinen Preis wieder herauszurücken.
Das mag verdrießlich sein, bringt aber in letzter Konsequenz nur Vorteile, denn a) haben Sie nun Gelegenheit sich mit dem Dominanzverhalten Ihres Hundes zu beschäftigen und die angemessene Reaktion darauf zu üben, b) besitzen Sie künftig ein Objekt, das garantiert Interesse und Aufmerksamkeit des Hundes auf sich und damit auf Sie lenkt, c) wird der Vierbeiner nach erfolgreich beendeter Übung später auch in unvorhersehbaren Situationen willens sein, irgendeine Beute an Sie, den Chef abzugeben. |

Die Beute hergeben? Um keinen Preis!
Startfoto: Bracco mit Quietschknochen. (Fotos: Sabine Middelhaufe)
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Da Hunde erst am Kurs teilnehmen können wenn sie die nötigen körperlichen Voraussetzungen erfüllen haben sie mit Sicherheit schon irgendeine Variante des spielerischen Bringens kennen gelernt und den Befehl "Aus!" oder ein anderes sinngemäßes Wort.
Je nachdem wie überzeugend Sie Ihrem Vierbeiner das Ausgeben daheim beigebracht haben, wird er den Hasenbalg also entweder nach kurzem Zögern loslassen oder nur ungläubig eine Braue hoch ziehen, derweil bestrebt, seine Beute aus Ihrem Aktionsradius zu entfernen, was, wie gesagt, im Kurs die übliche Variante ist.
Was Hundebesitzer an dieser Szene vermutlich am meisten verwirrt, ist die plötzliche Erkenntnis, dass auch der brave Haushund ein Raubtier ist, das knurren, schnappen, an der Beute reissen und diese versuchsweise verteidigen kann. Im Grunde ist das aber ein sehr förderlicher Schock, zwingt er uns doch, den Hund, - vielleicht zum ersten Mal - wirklich ernst zu nehmen, und unsere revidierte Haltung ihm gegenüber beeinflusst wiederum das Auftreten des Hundes uns gegenüber.
Deshalb eben sollten Sie sich vor allen jagdlichen Übungen Ihre Funktion vollkommen bewusst machen: Sie sind der nette, kluge Boss, der weiss, wo's lang geht, der genau weiss, was er erzielen will, und der Hund ist Ihr begabter Junior Partner, dessen Talenten Sie Form und Struktur geben wollen... alles übrige schafft er nämlich ganz allein.
Im Kurs macht der Hund meist bei der ersten Schleppe Bekanntschaft mit dem Hasenfell. Sinn der Schleppe ist, dass er auf Ihr Geheiß hin an der langen Leine einer Geruchsspur bis ans Ende folgt, wo er die Quelle des Duftes, nämlich das Fell findet. An dieser Stelle können Sie ihn gar nicht genug loben, denn er hat seine Hauptaufgabe soeben mit Bravour erledigt!
Dirigieren Sie Ihren Hund nach dem Loben und seinem Aufnehmen und Schütteln der Beute zügig und mit ermunterndem "Bring!" via Leine zum Schleppenanfang zurück.
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Nach dem Greifen und Beuteln geht's mit der Beute zurück zum Startpunkt. (Foto: Sabine Middelhaufe) |
Was bei den meisten Vierbeinern nach Erreichen der Beute hingegen gar nicht gut ankäme, wäre ein zu harsches, ungeduldiges "Bring!" Da hat man gute Aussichten, dass sie das Fell bald fallen lassen, die Rute etwas senken und ziemlich unentschlossen in der Landschaft stehen.
Vielleicht sperren sie sich auch einfach, ihrem Menschen zu folgen, die Beute zwischen den Zähnen, bereit zum Teufelstanz.
So ein bockiger, widerspenstiger Hund bringt uns oft spontan in Versuchung, nun besonders streng und laut zu reagieren, in der Annahme, das würde ihn wieder zur Vernunft bringen. Tut es natürlich nicht, denn vorausgesetzt man wendet keine starken körperlichen Strafreize an, steigert unsere offensichtliche Aufregung nur die des Hundes, die negative Emotionalität schaukelt sich hoch und verdirbt Mensch und Hund so richtig den Tag.
Warum weigert sich der Hund anfangs, mit dem Fell im Maul sofort gesittet den Fundort zu verlassen?
Weil er über eine mehr oder weniger lange Strecke Nase und Gehirn auf Hochtouren hat arbeiten lassen, um die Duftquelle überhaupt zu erreichen, und welche Empfindungen das auslöst, kann wohl nur ein anderer Hund nachvollziehen. Vielleicht ist er verwirrt, beglückt, voll neu entdeckter Beutegier; nur eines ist er gewiss nicht: gleichgültig nämlich.
Wenn er das Fell nun schüttelt und durch die Luft wirbelt läuft der nächste Schritt eines angeborenen Verhaltensmusters ab, das ihm sagt: Beute greifen und durch Schütteln töten!
Dass er in diesem Moment der Erfüllung und Ekstase nicht unbedingt für mahnende Worte empfänglich ist erscheint mir logisch.
Da das Hasenfell dank passiver Duldung der Beutelei diese Phase der Jagdsequenz rasch zum erlahmen bringt, - was sich nicht regt und quiekt weckt keine Lust, es zu schütteln - drängt sein Instinkt den Hund zum finalen Akt, dem Fressen der Beute.
Klar, dass Konkurrenz jeder Art in diesem Moment schiefe Blicke erntet!
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Die Beute wird totgeschüttelt oder ihre Leblosigkeit durch das Beuteln überprüft. (Foto: Sabine Middelhaufe) |
Jedenfalls dürfte nun klar sein, wieso wir vor allem beim noch unerfahrenen Hund rücksichtsvoll zu Werke gehen müssen. Es ist weder Albernheit noch Ungehorsam was ihn antreibt, sondern einfach sein Instinkt. Lassen wir ihn also getrost ein bisschen beuteln und hüpfen und gönnen ihm seinen Triumph; er kommt ohnehin sehr bald dahinter, dass man tote Felle nicht zu beuteln braucht und geht die ganze Geschichte von sich aus cooler an.
Klar ist ferner, dass wir durch übereiltes, hektisches oder gar drohendes Eingreifen im unpassenden Augenblick den Erregungspegel des Hundes nur noch weiter in die Höhe treiben.
Promptes Einschreiten ist während der anfänglichen Übungen erst dann nötig, wenn der Hund sich anschickt, das Fell in verschluckbare Stücke zu zerlegen. Jetzt heisst es "Bring!", und wir nötigen ihn mittels der Leine uns möglichst zügig zum Schleppenanfang zu folgen. Wenn es uns gelingt, dabei den richtigen Ton zu treffen, leise ermunternd bis ausgelassen anfeuernd, aber in jedem Falle mit echter Freude und Zufriedenheit in der Stimme, wird uns ein sehr stolzer Hund folgen!
Und dann? Dann folgt die Übergabe der Beute. Idealerweise setzt sich der Vierbeiner dazu vor den Zweibeiner, der sagt "Aus!", der Hund legt das Objekt in seine Hand und wird gelobt.
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Hinsetzen und auf Befehl die Beute abgeben. (Foto: Sabine Middelhaufe) |
Dieses Ritual anfangs im Stehen abzuwickeln ist auch noch in Ordnung. Aber was, wenn der Hund sich sträubt und windet und Ihre Hand nicht einmal in die Nähe der Beute kommen lässt, geschweige denn die letztere ausspuckt?
Cool bleiben, den Fuss auf die Leine setzen, um den Bewegungsradius des Unbezähmbaren drastisch zu reduzieren, sich über ihn beugen, mit einer Hand von oben über den Fang des Vierbeiners greifen, mit der anderen Hand das Fell fassen und unter "Aus!" seine Lefzen leicht gegen die Eckzähne drücken. Das tut nicht weh und hat mehr symbolischen Wert als Warnung des Ranghöheren, der damit sagt: "Wenn ich wollte, könnte ich dich jetzt ganz fies beissen!" Falls der Hund das bezweifelt, drücken Sie ein bisschen fester und nehmen ihm die Beute langsam und ruhig aus dem Maul. Loben!! Den Fuss gewissenhaft auf der Leine stehen lassen, das Fell verstauen, die Futterbelohnung heraus holen und den braven Hund damit entschädigen.
Was Sie in dieser Situation hingegen niemals tun sollten:
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dem Hund die Beute überfallmäßig entreissen, er merkt das nämlich sofort, hält umso fester oder schnappt nach, um das Fell sicher im Maul zu behalten und kommt dabei vielleicht versehentlich in Kontakt mit Ihrer Hand;
- aus der Übergabe ein Zerrspiel machen, darunter leidet ja nicht nur das Fell sondern vor allem Ihre Autorität dem Hund gegenüber;
- dem Hund von unten an den Unterkiefer greifen, um sein Maul aufzusperren, denn erstens kann er diese List ganz einfach kontern, indem er den Kopf senkt, zweitens haben Ihre Finger recht gute Aussichten zwischen die kraftvollen Backenzähne von Ober- und Unterkiefer zu geraten, falls der Hund seinen Griff auf die Beute festigt und, oha, das kann weh tun!
- die Ruhe verlieren, denn je nervöser Sie werden, desto mehr flippt der Hund aus;
- klein beigeben, dem Hund die Beute überlassen und ihn innerlich dem Teufel überantworten, denn er (der Hund, na ja, vielleicht auch der Teufel...) wird sich Ihre Schwäche merken und beim nächsten Mal nutzen.
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Wenn aus der Übergabe der Beute ein Zerrspiel wird, setzen Sie Ihre Autorität aufs Spiel. (Fotos: Sabine Middelhaufe)
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Also, atmen Sie tief durch und sagen sich, dass Sie Ihren Hund lieben und die ganze Überei ihm doch Freude machen soll, Freude, mit Ihnen gemeinsam etwas zu unternehmen, was seiner Natur entspricht! Buddhistisch ausgedrückt: was immer Sie mit Ihrem Hund zusammen tun, tun Sie's mit einem inneren Lächeln. Dadurch fällt es Ihnen viel leichter, mit ruhigen Befehlen und ruhigen, sicheren Bewegungen eine undramatische Übergabe der Beute zu erreichen; geduldige Wiederholung bewirkt dann den Rest.
Es gibt zig Methoden, wie man als Zweibeiner dem Vierbeiner durch Körperhaltung und Gesten Überlegenheit demonstrieren kann, ohne ihn zum Kriecher zu machen. Klar ist, dass man den Hund, der sich mit seiner Beute bequem zum Speisen niederlegt und dräuend aufblickt, wenn mensch ihm dabei zu nahe kommt anders kurieren muss, als denjenigen, der nur in spielerischem Eifer mit der Beute im Maul herum hüpft. Welche Form der Dominanzbekundung am besten zu Ihrem und Ihres Hundes Wesen passt, müssen Sie in der Praxis herausfinden.
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