Schweigegelübde

Ich hoffe, dass jeder, der den Kurs hier mitgemacht hat, jedesmal, wenn er oder sie zuhause mit dem Hund unterwegs ist und sich gerade anschickt, die Plauderei mit einem anderen Hundebesitzer, einem Freund oder dem Partner zu beginnen, so eine Art Fata Morgana sieht, in deren Zentrum ein kleiner Waldschrat zornschnaubend auf und ab hüpft und ihm oder ihr zuraunt: "Schweigegelübde!!"
Wieso? Machen Sie sich mal die Mühe mindestens zwei Hundehalter zu beobachten, die ins Gespräch vertieft durch die Landschaft schlendern während ihre Vierbeiner frei laufen. Vorausgesetzt, die Sache ist nicht schon zur üblen Gewohnheit geworden (in welchem Falle sich die Hunde wahrscheinlich eh ausser Sichtweite befinden) werden Sie wahrscheinlich als erstes feststellen, dass die Vierbeiner immer mal wieder fragende Blicke zu ihrem jeweiligen Menschen werfen, um artig in Erfahrung zu bringen, ob das, was sie gerade tun oder sich zu tun anschicken, die Gunst des Meisters geniesst. Da selbiger aber mit seinem Artgenossen schwatzt, kann er den fragenden Blick natürlich nicht beantworten. Je nach Charakter des Hundes zuckt der, im übertragenen Sinne, die Schultern und tut, was er selbst für richtig hält, oder er nähert sich seinem Besitzer noch ein paar Schritte, schaut ihm erneut ins Gesicht und steht in Ermangelung einer Antwort dann ziemlich ratlos in der Gegend. Falls er ein "braver" Hund ist. Wenn nicht, ist er eben weg und wohl bekomm's.


Wenn die Menschen schwatzen, darf der Hund tun, was ihm beliebt - oder zumindest folgert er das! (Fotos: Hans Wecker)

Mögen unsere Vierbeiner lieb und nett sein, sie sind auch Opportunisten, immer darauf bedacht, den eigenen Freiraum ein klitzekleines Stückchen zu erweitern. Ergo merken sie sehr schnell, dass wir ihnen verbotene Dinge durchgehen lassen (weil wir sie in Wahrheit nicht oder zu spät bemerken), dass wir Befehle nicht konsequent durchsetzen (wiederum weil wir es in Wahrheit nicht oder zu spät bemerken), dass wir ihnen einen grösseren Aktionsradius zugestehen usw. usf. einfach, weil wir ins Gespräch mit XY vertieft sind.
Nicht nur wird unser Hund das früher oder später systematisch zu seinen Gunsten nutzen, nein, er wird auch messerscharf folgern, dass alle üblichen Regeln ausser Kraft gesetzt sind, sobald sein Mensch zum Plausch mit Irgendwem ansetzt. Und wer will ihm, dem Hund, das denn verübeln? Schliesslich hat er anfangs oft genug brav "um Erlaubnis" gebeten und entdeckt, dass keine Antwort "ja" bedeutet.


Kommt auf den fragenden Blick keine Antwort, heisst das für den Hund: "Ja, geh ruhig." (Foto: Sabine Middelhaufe)

Vom schleichenden Verlust des Gehorsams mal abgesehen bedeutet unsere mangelnde Aufmerksamkeit für den Hund aber auch und vor allem einen Vertrauensbruch. Da haben wir uns monatelang bemüht, ihm klar zu machen, dass wir seine jagdhundlichen Interessen teilen, haben jeden Falter und Maulwurfshügel mit ihm bestaunt, ihn für jeden Hinweis auf Trittsiegel oder leibhaftiges Wild gelobt, seine Willigkeit, nicht impulsiv hinterher zu rennen belohnt - und auf einmal ignorieren wir seine Blicke, sein Verweisen, sein eindeutiges Beschnüffeln der Hecke oder des Weges.
Für den Hund ist das unverständlich, denn seine Welt hat sich ja nicht verändert; er läuft weiterhin pflichtbewusst (und gern) vor uns, den angeblich so grandiosen Jagdanführern, und alles was er registriert, ist, dass irgendwie der Draht zwischen ihm und seinem Menschen gekappt ist und letzterer nichts mehr von ihm mitbekommen will. Aussperrung nennt man das, und kaum etwas ist für einen Hund schlimmer, als sich ausgeschlossen zu fühlen.
Man kann die Angelegenheit auch sachlicher sehen: Der Jagdhund und sein Mensch bilden ein Team, das nur dann wirklich funktionieren kann, wenn ein ständiger Informationsaustausch besteht; du zeigst mir, was du findest, ich zeige dir, was ich entdeckt habe. Man achtet also ständig aufeinander, denn auf der Grundlage von und in Abwägung beider Informationen entscheidet der Chef, wie es in der jeweiligen Situation weitergehen soll.


Wenn ihr palavert, gehen wir schon mal und machen unsren eigenen Kram. (Foto: Hans Wecker)

Aber die Quelle allen Elends sind ja nicht nur die anderen Hundehalter, mit denen man plaudert. Oft genug lenken wir uns auch ganz allein ab. Ich habe beispielsweise die Gewohnheit, mich verzückt auf alles zu stürzen, was man fotografieren kann und selten teilt mein Hund diese Begeisterung. Da gibt es eigentlich nur zwei Lösungen: entweder ihn anzuweisen, geduldig zu warten, bis ich mit dem Knipsen fertig bin, oder ihn mit "Lauf! ausdrücklich in die Freiheit zu entlassen, was logischerweise nur dann und dort möglich ist, wo ich nicht befürchten muss, dass er Unfug anstellt oder sich selbst in Gefahr bringt. Obwohl die beiden letzten Optionen Gottlob recht selten sind, merke ich doch immer wieder, dass das "Lauf!" nicht wirklich gut ankommt, wenn es zu häufig ertönt.
Und das erinnert mich dann daran, dass der Hund, diese treue Seele, sein Erleben da draussen eben wahrhaftig mit uns teilen will, und an unserem Erleben teilhaben möchte. Hunde sind alles in allem keine Freiheitsfanatiker. Sie lieben und brauchen eine gewisse Freiheit, klar, aber vor allem lieben und brauchen sie uns, den Menschen, der ihrem Dasein Perspektive und innere Sicherheit gibt. Da sollten wir es doch fertig bringen, unsererseits wenigstens die 3-4 Stunden, die wir täglich mit dem Hund ausserhalb der heimischen vier Wände verbringen, so zu gestalten, dass wir wirklich gemeinsam Spass dran haben, oder?


Gemeinsames Erleben verbindet: Julian mit seiner "Kurs-Leihtante".
(Foto: Hans Wecker)

Bei Streifzügen in der Natur weitgehend den Schnabel zu halten hat übrigens auch praktischen Nutzen, Sie kriegen nämlich viel besser mit, wenn's in den Büschen raschelt, nahebei ein Rehbock "bellt", die Eichhörnchen sich lauthals im Baum da vorne streiten oder verräterisches Piepsen aus einem Vogelnest am Wegrand ertönt. Gar nicht so erstaunlicherweise bemerkt auch der Hund des Menschen Aufmerksamkeit und gewöhnt sich meist schnell an, sinnvoll auf unser Tun zu reagieren. Sie brauchen dem Vierbeiner bloss mehrmals ein "Halt! zuzuraunen, sobald Sie selbst abrupt stehen bleiben, weil Sie beispielsweise in eine unsichtbare Wolke aus Fuchsgeruch geraten sind, und der Hund lernt schnell, zu bremsen, wenn Sie es tun.
Ganz ähnlich funktioniert es mit dem Hinhocken. Anhalten, sich ducken und konzentriert auf einen bestimmten Punkt zu schauen wird vom Hund ganz selbstverständlich als Jagdverhalten interpretiert. Probieren Sie's mal aus: knien Sie sich in Sichtweite Ihres (nicht anderweitig abgelenkten) Vierbeiners hin und starren gebannt auf den Boden vor Ihren Füssen, vielleicht während Sie dabei auch noch mit der Hand im Gras oder Laub scharren. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kommt der Hund gelaufen, um sich an der offenbar spannenden Untersuchung zu beteiligen!


Wo die Hunde in einem sicheren Terrain gefahrlos spielen können, darf man auch mal schwatzen, andernfalls nimmt man sie besser kurzfristig an die Leine. (Fotos: Sabine Middelhaufe)



Das Schweigegelübde auch in Bezug auf den Hund zu üben ist, nebenbei bemerkt, keine schlechte Sache. Zum einen ist es viel entspannender, wenn Sie und Ihr Vierbeiner sich weitgehend durch Blicke, Körperhaltung, Gesten und leise Geräusche verständigen, zum anderen wird Ihnen, wenn Sie das mal als bewusste Übung einbauen, vieles klar.
Zum Beispiel, dass der Hund mehr oder weniger deutlich signalisiert, bevor er zu einer Tat schreitet. Beobachten Sie ihn, können Sie rechtzeitig gegensteuern, und oft reicht ein strenger Blick oder ein Handzeichen. Beobachten Sie ihn hingegen nicht, werden Sie feststellen, dass der sich in zielstrebiger Eile entfernende Vierbeiner auch durch wiederholtes Rufen eines Befehls bei zunehmender Lautstärke nicht mehr zu stoppen ist.
Verbale Befehle sind schön und gut und sicherlich nützlich - aber sie zeitigen keine Wirkung, wenn sich der Angesprochene bereits in zügiger Gangart an die 400 m entfernt hat... Je öfter und lauter Sie nun rufen, desto fester und tiefer prägt sich dem Vierbeiner ein, dass er Ihre Kommandos ebenso gut ignorieren kann.
Statt sich auf Worte zu verlassen, was wir Menschen natürlich gewohnheitsgemäß tun, sollten Sie viel mehr Gewicht auf die Signale legen, die Ihr Körper geben kann - und der Ihres Hundes, denn nicht nur entsteht dadurch eine intensivere Bindung und Verbindung, Sie können auch viel erfolgreicher eingreifen, wenn er den Pfad der Tugend zu verlassen droht.


Meinst du mich?? (Foto: Sabine Middelhaufe)

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