Robbi, der bayrische Bub

Was mich an Robbi sofort faszinierte war verständlicherweise seine Eleganz, die Schnelligkeit und Wendigkeit mit der er über unsere Wiesen preschte, nie in Gefahr den eigenen Bremsweg zu unter- oder die eigene Kurvenlage zu überschätzen, wie das einem Bracco schon gern mal passiert.
Von der Zurückhaltung gegenüber Fremden, die beim Bayrischen Gebirgsschweisshund scheinbar recht häufig zu finden ist, war bei Robbi nichts zu sehen; er verhielt sich völlig offen und vertrauensvoll und schloss auch sofort Freundschaft mit den anderen Hunden.


Oben: Robbi, elegant, schnell, wendig und ein echter junger Gentleman. (Fotos: Sabine Middelhaufe)
Unten: Freundlich-entspanntes Kennenlern-Ritual. (Fotos: Hans Wecker)

Bei unserer ersten gemeinsamen Runde im Wald fiel mir auf - und ich hatte ja bereits drei Tage Nuccia als Vergleich erlebt, die an diesem Morgen mit ihrem Chef allein übte - dass Robbi sich noch sehr viel enger an seine Besitzer hielt und ganz selbstverständlich auf deren Verbleib achtete. Wenn er mal 20 m voraus geriet, dann entweder, weil Herrchen oder Frauchen anhielten, um etwas am Wegrand zu betrachten, oder weil er Julian folgte.
Natürlich schnupperte Robbi hier und stutzte dort, schaute aufmerksam um sich und nahm kurze Inspektionen vor, nur geschah das alles mit einer erstaunlichen Ruhe und Gelassenheit und fern jeder Absicht, sich für eine Weile allein in die Büsche zu schlagen.
Nun mag man einwenden, dass wohl jeder junge Hund in fremder Umgebung seinen Übermut anfangs im Zaum hält, allerdings benahm sich der brave bayrische Bub am letzten Kurstag in dieser Hinsicht auch nicht anders. Während unserer täglichen Streifzüge stiessen wir ausserdem mehrfach auf ganz frische Fährten von Rehwild und Sauen, und die verführten ihn mitnichten zum Durchstarten.


Oben: Sehr aufmerksam und im Wald nur ausnahmsweise 20 m voraus. (Foto: Hans Wecker)
Unten: Robbi hielt sich draussen gern mal an den älteren Bracco. (Fotos: Sabine Middelhaufe)

Da wir im Wald und auf den Heuwiesen nie fliehendes Wild antrafen, sollte auch Robbi zumindest mal die jungen Wildschweine am Gatter kennen lernen, um zu sehen, wie er darauf reagieren würde.
Obwohl er den intensiven Geruch von Schwarzwild sicherlich schon wahrnahm, bevor die Verursacher in sein Blickfeld traten, blieb Robbi cool. Sogar als die neugierigen Schweinchen an den Zaun kamen, änderte sich an seiner Haltung im Prinzip nichts: die Rute pendelte bedächtig, die Ohren blieben oben, ohne Alarmbereitschaft oder Jagdlust auszudrücken, und insgesamt könnte man sein Benehmen als nur höfliches Interesse interpretieren. Für einen Jagdbegleithund bestimmt kein Nachteil...!


Kein Grund zur Aufregung: Bei der Begegnung ging Robbi über höfliches Interesse nicht hinaus. (Fotos: Sabine Middelhaufe)

Im Gegensatz zu den morgendlichen Expeditionen, die normalerweise jedes Herrchen oder Frauchen mit dem Vierbeiner allein macht (wieso, werde ich gleich noch genauer erklären) laufen die Übungen wie Schleppe, Apport usw. in der Gruppe ab. Das bedeutet freilich, dass das Gespann, das gerade nicht an der Reihe ist, dem anderen zuschauen soll. Jedenfalls ist das die Grundidee bei der Geschichte. Robbi und Nuccia waren sich schon beim ersten Durchgang einig, dass es so nicht geht. Abwarten müssen? Geduldig ansehen, wie der Kollege etwas offensichtlich hoch dramatisches tut und selbst still sitzen oder liegen bleiben müssen? Unter überhaupt keinen Umständen! Die beiden lamentierten abwechselnd um die Wette ob so viel himmelschreiender Ungerechtigkeit, und es kostete den jeweiligen Halter eine Menge Überzeugungskraft seinem Hund das Prinzip der geordneten Reihenfolge klar zu machen.
Entsprechend gross war dann natürlich die Aufregung, wenn's endlich zum Anfang der Geruchsspur ging und Robbi zeigte, dass auch bayerisches Temperament überschäumen kann, zumal er ein Hasenfell schon daheim kennen gelernt und
zur "uneingeschränkt erstrebenswerten Beute" erklärt hatte! Logisch, dass ihn der Anblick Nuccias mit einem ebensolchen Fell im Fang aus dem Häuschen brachte. Kommt hinzu, dass beide Junghunde diese Art der Gruppenarbeit noch nicht wirklich gewöhnt waren.


Oben: Robbi wird am Anfang der Schleppe angesetzt. (Foto: Hans Wecker)
Unten: Weiter gehts zum nächsten roten Fähnchen, das einen Kurswechsel der Schleppe anzeigt. (Foto: Sabine Middelhaufe)


Oben: Dem Kaninchenfell auf den Fersen.
Unten: Geschafft! (Fotos: Sabine Middelhaufe)

Ich sprach anfangs von Theorien und wie die einen in die Irre führen können.
Theoretisch ist der Bayrische Gebirgsschweisshund ein Spezialist für die Arbeit auf der Schweissfährte, und da auch Nuccia daheim schon erfolgreich eine lange und vor allem alte Fährte gesucht hatte wollte ich den beiden Experten selbstredend nicht mit Babyfährten kommen und offerierte ihnen deshalb zur Einstimmung gleich eine ordentliche 8-Stunden-Fährte.
Oh, Asche auf mein Haupt! (Als wär das nicht schon grau genug!) Die armen Hunde hatten ihre liebe Müh' mit der Arbeit fertig zu werden, mussten immer wieder neu angesetzt und ermutigt werden und ich hätte mir am liebsten selbst... na, Sie wissen schon.
Merke: es gibt Genies, aber die sind die Ausnahme von der Regel. Jeder normale Hund ohne Vorerfahrung auf seinem Spezialgebiet wird für eine einfache Aufgabenstellung, die er problemlos und mit Gusto lösen kann, als Einstieg dankbar sein...!


Nach der Schweissfährte war die freie Suche nach verlorenen "Schätzen" eine wahre Wohltat. (Foto: Sabine Middelhaufe)

Apropos Einstieg - da watete Robbi einmal im Wald in einen Weiher, vermutlich ein bisschen gedankenverloren, und merkte zu spät, dass der nächste Schritt ihn in ungeahnte Tiefen führte. Er paddelte ziemlich frenetisch zurück ans Ufer und war, glaube ich, doch ein kleines bisschen geschockt.


Reingefallen - Robbi beim unbeabsichtigten Bad im Weiher. (Fotos: Sabine Middelhaufe)

Ganz anders als seine Altersgefährtin Nuccia, die beim Spielen, Rennen, Kampf ums Stöckchen eigentlich immer die Initiative ergriff, und sich beim Freilauf im Wald nicht die Bohne um Julian kümmerte, sondern sehr zielstrebig ihr eigenes Ding machte, liess sich Robbi durchaus, freilich in Grenzen, von seinen Kollegen beeinflussen.
Mit Julian im Wald schien er den älteren Rüden nachzuahmen und sich wie ein disziplinierter aber aufgeweckter Jungjäger zu benehmen. Mit Nuccia auf den Wiesen liess er sich zu wilden Renn- und Kampfspielen hinreissen - aber vielleicht konnte er auch einfach ihrem feurigen Temperament nicht widerstehen...


Spiel mit Nuccia. (Foto: Sabine Middelhaufe)

Was mir bei beiden Junghunden auffiel, war, dass sie (wie übrigens auch mein eigener, treuer Hund) sehr rasch und intensiv auf die nachlassende oder fehlende Aufmerksamkeit ihrer Halter reagierten, doch ist das ein Aspekt, der ein eigenes Kapitel verdient...

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