| Lang lebe der Mischling!
Von Sabine Middelhaufe
Wilma ist ein Mischling, noch dazu aus dem Tierschutz, über deren mögliche Ahnen sich schon viele Leute den Kopf zerbrochen haben. Aber eigentlich ist das wurscht, denn Wilma selbst weiss ganz genau, und ohne den Schimmer eines Zweifels was sie ist: ein Jagdhund nämlich!
Wer einen Vierbeiner von Wilmas Aussehen aufnimmt ist darauf nicht unbedingt vorbereitet, ergo Frauchens Skepsis. Es wäre ja auch möglich, dass es sich einfach um einen Schäferhundmix handelt, der aus ganz persönlichen Gründen gelegentlich auf Tour gehen will...
Bei uns tragen praktisch alle Laufhunde im Dienst und auch die Vorsteher, wenn sie im Wald arbeiten müssen, ein Glöckchen. Dies a) damit der Jäger hört, wo sein Helfer steckt, und b) damit fremde Jäger am Klingeln erkennen, was da durchs Unterholz geistert und nicht versehentlich zum Gewehr greifen. Wilma bekam also gleich beim Kennenlernspaziergang ein Glöckchen ans Halsband und fand das Bimmeln keine Spur irritierend. Allerdings machte sie auch überhaupt keine Anstalten, sich auf den Wiesen von Frauchen oder der Gruppe zu entfernen. Sie schnüffelte und inspizierte ganz gelassen, wie die anderen Hunde auch.
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Wilma mit dem neuen Jagdhundglöckchen. (Foto: D. Dosch)
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Im Wald, am nächsten Morgen, änderte sich ihr Verhalten freilich dramatisch! Da schien sie plötzlich ganz in ihrem Element, hellwach, alle Sinne auf die Umgebung gerichtet und durchaus willens, sich auf eigene Faust davon zu machen. Dank des Klingelns konnten wir nun mitverfolgen, wie Wilma sich überhaupt ausserhalb unserer Sichtweite bewegte, ob sie also vorauseilte, langsam trabte oder schritt oder gar stehen blieb. Ausserdem mussten wir feststellen, dass sie sich in der Regel gar nicht weit von uns entfernte. Ohne das Glöckchen hätten wir sie überall und nirgends vermuten können; mit dem Glöckchen am Halsband hörten wir, dass sie uns kaum 10, 15 Meter seitlich vom Weg begleitete.
Und nicht nur das. Ohne auffordernden Ruf oder Pfiff kam sie in regelmäßigen Abständen ganz selbstverständlich zu Frauchen, kontrollierte die Lage und ging wieder gelassen voraus oder in die nächste Dickung. Schon bei diesem ersten Waldgang wurde ferner klar, dass Wilma nicht ziellos durch die Landschaft wanderte, sondern einen guten Grund hatte, wenn sie den Weg verliess. |

Wilma der Waldhund. (Foto: D. Dosch)
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Die Jäger hier bei uns sagen "un cane serio", "ein ernster Hund", wenn sie ausdrücken wollen, dass ein Jagdhund stets und vollkommen bei der Sache ist, seine Sinne instinktiv die Umgebung checken, um plötzlich anzuzeigen: Hey, da ist was! Das genaue Gegenteil des Hundes, der im Wald spielt und herumalbert und rein zufällig Witterung oder Wild findet und dann planlos hinterher jagt. Ein "cane serio" würde so etwas nie tun; er ist immer und aus eigenem Bedürfnis im Einsatz - mit und für seinen Menschen.
Als genau so ein Hund entpuppte sich Wilma. Und weder meine noch Julians, noch irgendeines anderen Menschen oder Hundes Präsenz brachte sie aus dem Lot; sie hatte einen Job zu erfüllen, und solange wir ihr nicht im Weg standen, war das okay.
Menschen, die so eine Art Jagdhund nicht kennen, rümpfen gern die Nase ob der selbständigen Entfernung des Vierbeiners von seinem Führer. Da fehlt die Bindung, heisst es dann herablassend. Irrtum. Grosser Irrtum.
Etliche Male, wenn Wilma und Julian ein gutes Stück auf dem Waldweg voraus liefen, versteckte sich ihr Frauchen hinter einem dicken Stamm. Ich ging einfach weiter, tat so, als sei nichts und folgte den Hunden. Es vergingen höchstens 60 Sekunden bis Wilma stutzte und mit der grössten Selbstverständlichkeit auf der eigenen Fährte zurück galoppierte, bis zu der Stelle, wo ihre Besitzerin den Pfad verlassen und ein Versteck gesucht hatte. Grosse Wiedersehensfreude!
Nachdem ich eine Weile ganz bewusst darauf geachtet hatte, war ich sicher: Wilma prüfte ständig quasi aus dem Augenwinkel oder mit halbem Ohr - und ganz bestimmt mit ganzer Nase - wo sich Frauchen befand und reagierte ohne Aufforderung wunschgemäß auf deren Richtungswechsel oder eben plötzliche Abwesenheit.
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Immer im Dienst. (Foto: D. Dosch)
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Wilma im Wald zu begleiten war faszinierend. Sie sammelte unablässig Informationen, ob mit tiefer Nase am Boden oder mit halb hoher Nase an Büschen und Bäumen. Nur ausnahmsweise liess sie sich von offensichtlich frischen Fährten in Alarmbereitschaft versetzen und stob davon. Nicht kopflos irgendwo hin. Nein, in einem schönen, weiten Bogen um uns herum und dann directement zu ihrer Halterin zurück.
Aber Wilma hatte noch ganz andere Trümpfe im Ärmel.
Die daheim versuchten Futterfährten waren immer mit dürftigem Erfolg geendet, weil Wilma in ihrem Ungestüm etliche Futterstückchen überlief und in erster Linie ans Ziel kommen wollte.
Als sie an ihre erste Hasenschleppe geführt wurde schwante mir Böses; ich sah vor meinem geistigen Auge schon einen vierbeinigen ICE mit defekter Bremse durch den Klee brechen. Doch weit gefehlt. Wilma nahm ganz ruhig und aufmerksam Witterung und schritt, Riecher am Boden, die Geruchsspur entlang, ohne Zerren an der Leine, ohne fatalen Übereifer, aber auch ohne jeden Zweifel. Der Duft von Wild, notfalls sogar von einem lumpigen Fell, ist dazu da, fehlerfrei verfolgt zu werden, das schien für Wilma sonnenklar. Der Dummy am Ende der Schleppe wurde beschnüffelt, versuchsweise ins Maul genommen, für interessant befunden und ganz cool zum Start zurück gebracht.
Übrigens entwickelte auch Wilma sehr rasch die Vorliebe für einen ganz bestimmten Dummy. Den kleinsten, mit dem wenigsten Fell (Breton-Mix Bambinos Favorit) mochte sie kaum; den grössten (Breton Jordis Liebling) nahm sie zwar auf, doch deutlich weniger motiviert. Ihr absolutes Wohlwollen hingegen genoss das zu einer kurzen, runden Form zusammengebundene Fell....
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Wilma mit ihrem Lieblingsdummy.
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Sobald die Hunde waches Interesse an Dummys demonstrieren, folgt die Quersuche. Dazu werfe ich an die Ränder einer langen, schmalen Wiese mehrere solcher Bringsel, und der Hundeführer soll seinen Vierbeiner nun an der Leine mit Pfiffen nach links und rechts führen, damit er lernt, ein Gelände systematisch und gegen den Wind nach möglicher "Beute" abzusuchen.
Als Wilmas Frauchen am Start den ersten, kurzen Pfiff abgab, schaute die Hündin zu ihr auf, sah den nach links weisenden Arm und eilte wie selbstverständlich in die gewünschte Richtung. Am Wiesenrand ein kurzer Doppelpfiff, Handzeichen für rechts und Wilma wandte sich in die neue Richtung. Wahnsinn. Als wäre die Übung für sie ein alter Hut. Wie das?
Frauchen versicherte mir, bisher nie solche Aufgaben mit der Hündin ausprobiert zu haben, und ich schätze, der wesentlichste Grund, wieso Wilma trotzdem alles so freudig und erfolgreich ausführte, lag am steten Funkenregen zwischen ihr und ihrer Besitzerin. Die Chemie zwischen den beiden war einfach fantastisch. Wilma achtete nicht nur beständig auf Signale, sie zeigte auch ganz klar, dass sie gern tat, wozu Frauchen sie aufforderte. Wohlgemerkt nicht im Sinne von "ich will gefallen", sondern "ich will mit dir arbeiten." Frauchen ihrerseits bewies von Anfang an die Gabe, ihren Hund richtig zu motivieren. Kurze, klare Anweisungen mit ermutigender Stimme, deutliche, ruhige Handzeichen, Tempowechsel in der Bewegung, um den Hund anzufeuern oder zur Vorsicht zu gemahnen, so ein wunderbares, dynamisches mit dem Hund Einssein während jeder Aufgabe, ehrliche, mitgefühlte Freude, wenn Wilma ihre Sache gut machte, und klappte etwas ausnahmsweise mal nicht auf Anhieb hiess Frauchens Botschaft "Für mich bist du trotzdem die Grösste!".
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Quersuche an der Leine (in einer Wiese, die nicht mehr gemäht wurde!)...
... mit Wonne und Erfolg absolviert!
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So mancher von uns neigt wohl dazu, in einer neuen Lernsituation ein bisschen befangen zu sein, speziell, wenn auch noch "Publikum" dabei ist, und bemüht sich, es besonders gut zu machen.
Ich vermute, Wilmas Frauchen hat selten einen Gedanken daran verschwendet, ob sie selbst "dumm dastehen" könnte, denn ihr Bestreben war so eindeutig, Wilma zu zeigen und spüren zu lassen: "Hey, wir zwei zusammen schaffen alles!" Und natürlich schafften sie es auch.
Um den Vierbeinern nach den etwas strikteren Übungen Gelegenheit zum Dampfablassen zu bieten, durften sie frei suchen. Das heisst, der Lieblingsdummy des jeweiligen Hundes wurde in einem bedeckten Wiesenstück von mir versteckt oder einfach hinein geworfen, und dann durfte der Hund mit "Such und bring!" los stürmen. Anders als bei der Nasenarbeit an der Leine, wo er entsprechend der Aufgabe mit dem Wind oder gegen den Wind angesetzt wurde, musste er sich nun allein zurecht finden, mit tiefer Nase auf meiner Fährte oder mit hoher Nase auf der Suche nach der Dummywitterung. Allein der Umstand, nach Herzenslust galoppieren zu dürfen fand natürlich grösste Zustimmung. Und dass die übrigen Hunde "neidisch" zuschauen mussten, während einer arbeitete, war bisweilen wohl auch ein Anreiz. |

Wilma bei der freien Suche.
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Bei einer dieser freien Suchen bot uns Wilma übrigens eine herrliche Demonstration hundlichen Weitblicks. Nachdem sie ihren Dummy mehrmals auf verschiedenen Geländeabschnitten gesucht und gebracht hatte, zögerte sie beim letzten Apport merklich, warf dann einen vielsagenden Blick zu ihrer Besitzerin und begann geschwind, ihre Beute zu vergraben! Ungefähr so, als wollte sie sagen: Bevor mir das Ding noch mal abhanden kommt, deponier' ich es besser an einem sicheren Ort!
Nach getaner Tat schaute sie zufrieden in die Runde und war ziemlich betrübt, ihr Bringsel am Ende doch wieder freilegen und übergeben zu müssen.
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Wilma vergrub ihren Dummy sorgfältig - vielleicht, um seine neuerliche "Flucht" zu vereiteln?
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Wilma gehörte auch zur Gruppe der Hunde, die Fährten mit Fleischbrühe und Würstchenwasser total öd fanden. Ganz anders die Kunstschweissfährte! Da war sie wieder voll in ihrem Element. Und weil sie die Babyfährte (20 m) mit so offensichtlicher Begeisterung gearbeitet hatte, legte ich speziell für sie noch eine zweite Fährte. 300 m lang, mit einem Winkel und mehreren leichten Kurven wo es durchs Wäldchen ging, Stehzeit 90 Minuten. Der "ernste Hund" nahm Witterung auf, folgte dem Geruch, führte Frauchen zum Winkel, ging kurz darüber hinaus, korrigierte sich selbständig (klar, denn Frauchen wusste erst recht nicht, wo es weiter ging) und erreichte ohne nennenswerte Probleme das Ziel, ihren heiss geliebten Hasendummy.
Ja, ich weiss, Schweisshunde Leute winken bei so was wahrscheinlich gelangweilt ab. 300 Meter? Anderthalb Stunden Stehzeit? Pah! Aber ich war restlos begeistert. Für einen völlig unerfahrenen Hund war das eine klasse Leistung, und Wilma wird in Zukunft garantiert noch weit, weit darüber hinaus gehen können.
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Am Ende der Schweissfährte.
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Wilma hat uns allen aber noch etwas ganz anderes gezeigt. Dass man nämlich einen Mischling nicht nach seinem Äusseren bevorurteilen sollte. Ausprobieren, heisst die Devise. Wichtig ist, was der Hund kann und gern tut, nicht dass er so aussieht als ob er es könnte!
Update 2010
Für Wilma hat sich das Leben seit der Heimkehr aus Italien letztes Jahr komplett verändert. Dank Frauchens tatkräftiger Unterstützung gelang es Wilma, nicht nur ihr Jungjäger-Herrchen von ihrer Begabung zu überzeugen, sondern auch die lokale Jägerschaft, mit dem Ergebnis, dass sie gemeinsam mit diversen reinrassigen Gebrauchshunden die Ausbildung für die Jagdeignungsprüfung begann. Natürlich soll Wilma später keine Fasanen vorstehen, sondern vorwiegend bei der Nachsuche auf Schalenwild geführt werden und sich bei Drückjagden nützlich machen. |

Reviergang mit Herrchen.

Auch das gehört zum Tagewerk eines Jagdgebrauchshundes: dem Chef bei der Winterfütterung zu assistieren.
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Der einzige Haken an der ansonsten schönen Geschichte: durch Wilmas Eintritt ins Berufsleben wurde Frauchen weitgehend arbeitslos... Doch für diesen unerfreulichen Zustand schuf der Familienrat rasch Abhilfe: in diesem Frühjahr zog nämlich Nachwuchs in Wilmas Heim. Der Perdiguero Portuguès Welpe Feijo hält nun alle auf Trab, und ich schätze, wenn auch er gross genug ist, um in die Jagdpraxis einzusteigen, macht Frauchen lieber selbst den Jagdschein... |

Wilma und Perdiguero Jüngling Feijo.
Foto 2-4, 11-13: D. Dosch ; alle übrigen: Sabine Middelhaufe.
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