Die ungarische Fraktion
Von Sabine Middelhaufe

Der Vizsla gehörte definitiv zu den Rassen, mit denen ich vor anderthalb Jahren bei der Wahl meines neuen Hundes liebäugelte, und obwohl es bei mir dann doch ein Bracco Italiano wurde, freute ich mich riesig auf den Besuch der jungen Vizsla Lady Malu, die allerdings aus dem ungarischen Tierschutz stammt, nicht etwa vom deutschen Züchter.
Damit Zwei- und Vierbeiner sich nach der langen Anreise erst mal die Beine vertreten und relaxen, und die Hunde sich auf dem neutralen Boden unserer Heuwiesen kennen lernen können, machen wir
am Ankunftsnachmittag immer alle zusammen einen kleinen Spaziergang.


Allgemeine Begrüssung beim ersten gemeinsamen Spaziergang.

Schon nach dieser ersten gemeinsamen Runde begann ich, mir ernstlich Sorgen zu machen: welche tiefsitzenden, komplexen Probleme mochte Malu haben? Denn offensichtliche Probleme hatte sie ganz eindeutig nicht. Gegenüber den beiden älteren Pointer Hündinnen verhielt sie sich mit der geziemenden Rücksichtnahme, der stürmische Julian bekam die unbedingt angemessene Demonstration in Sachen korrektes Hofieren, und die fremden Menschen wurden mit maßvoller Neugier bedacht. Alles vollkommen in grünen Bereich. Im Gegensatz zu den zwei Turbo-Pointern - für die das Leben im Galopp wohl gemerkt ganz natürlich und rassebedingt ist - zeigte Vizsla Malu keine Tendenzen, sich weit von ihren Besitzern zu entfernen oder auf eigene Faust suchen zu gehen. Sie achtete ganz von selbst darauf, nicht den Anschluss an ihre Menschen zu verlieren und "beriet" sich durch höchst vielsagende Blicke mit ihnen. Mir kam die Idee vom "verantwortungsbewussten" Hund in den Sinn; Malu kannte das Konzept augenscheinlich auch...
Die intensive Bindung zu ihrem zweibeinigen Anhang hinderte sie freilich nicht daran, schon den ersten Freilauf im unbekannten Territorium zu geniessen und das mit dem Beine Strecken ganz wörtlich zu nehmen.


Malu inspiziert zielstrebig die neue Umgebung.

Was zum Teufel mochte mit diesem Hund also nicht in Ordnung sein? Schliesslich kommen Menschen ja nicht zu einem Hundekurs ohne Probleme zu haben. Oder??
Doch, sie kommen. Und ehe ich mir wegen Malu
eine schlaflose Nacht bereiten musste, wurde das Rätsel von Herrchen mit einem Schmunzeln gelöst: Malu sollte einfach eine Woche Ferien in Gemeinschaft mit anderen Hunden verbringen und idealerweise würden alle, Menschen und Hunde, dabei auch noch etwas lernen.
Ich war ziemlich platt ob dieser Eröffnung. Nicht Urlaub mit dem Hund, sondern Urlaub für den Hund. Wahnsinn...


Malu und ihr "Urlaubsflirt" Julian.

Besonders gefielen den Hunden natürlich die morgendlichen Erkundungsgänge durch den Wald. Anders als in Deutschland, trifft man bei uns dort keine Menschenseele und findet vom Wild höchstens Trittsiegel, Kot und Federn. Klar stossen die Hunde mal auf interessante Witterung und rennen dann, je nach Dringlichkeit der Fahndung und ihrem Temperament vielleicht ein Stück in die Büsche, aber dass sie dabei tatsächlich Wild entdecken oder aufstören ist sehr unwahrscheinlich. Denn obwohl die Bewohner der umliegenden Dörfer Bäume für Brennholz fällen, bleibt der Wald doch weitgehend sich selbst überlassen. Dadurch findet das Wild überall grosse, sichere Rückzugsgebiete, in die kein auch nur halbwegs Vernunft begabter Jagdhund einzudringen versuchen würde, erst recht kein Mensch. (Selbst die harten Wildschweinhunde meiden bestimmte Zonen, weil da für jemanden ohne dicke, schützende Schwarte kein Durchkommen ist.) Folglich darf man Vierbeiner mit einem "normalen" Aktionsradius gefahrlos und guten Gewissens frei laufen lassen, weil sie niemandem schaden können aber die unendliche Vielfalt von Gerüchen, die so ein Wald bietet, ungemein geniessen.

Man darf auch quer Beet gehen.

Diese Quer Beet Geschichte ist freilich auch für uns Menschen sehr angenehm, denn stösst man nicht dauernd auf Wild, kann man sich richtig entspannen, lernt ganz nebenbei, aufmerksam auf die Umgebung zu achten, auf die subtilen Signale des Hundes, der ja die Wahrnehmung blosser Hinweise auf Wildtiere ganz anders anzeigt, als Rehe und Hasen, die vor seiner Nase den Weg überqueren.
Ich könnte mir gut vorstellen, dass ein, durch die vielerorts hohe Wilddichte an diesbezügliche Reizüberflutung gewöhnter Jagdhund aus Deutschland es äusserst angenehm (wenn anfangs vielleicht auch verwirrend) findet, in einem riesigen Waldgebiet mal gerade zwei, drei Rehfährten zu entdecken, dafür aber Suhlen und Malbäume untersuchen zu können und am Rande der Waldwiese in aller Ruhe die Düfte zu analysieren, die der einzige Hase der Umgebung beim Weiden hinterlassen hat. Wer weiss, ob Hunde das nicht als "erholsamen Urlaub" empfinden..?


Waldwiese im Morgennebel - und Malu mitten drin.

So wichtig es ist, den eigenen Hund zu beobachten und zu verstehen, so aufschlussreich kann es sein, auch mal dem Vierbeiner Aufmerksamkeit zu schenken, dessen Nähe der eigene duldet oder sucht.
Dass Malu und Julian sich im Laufe der Zeit immer besser verstanden, lag, denke ich, nicht nur daran, dass die beiden Pointer Ladys das junge Gemüse ignorierten, (wahrscheinlich hätten sie in ihrem high-speed-Leben ohnehin keine Zeit für "lahme Enten" wie Bracco und Vizsla) sondern vor allem an Übereinstimmungen im Wesen. Na ja, Julian ist ein Tolpatsch und Clown und ziemlich extrovertiert, während Malu eine eleganten Hundedame ist, die garantiert nicht auf offener Wiese über ihre eigenen Pfoten stolpern würde und Kontakt seitens Fremder zwar freundlich akzeptiert, aber nicht unbedingt sucht. Dennoch haben die beiden viele Gemeinsamkeiten. Ein gemäßigtes Temperament zum Beispiel. Keine Tendenz, sich übermäßig weit vom eigenen Menschen zu entfernen. Weshalb es immer einen deutlichen Signalaustausch mit eben diesem Menschen gibt, der sagt: Kann ich losrennen? Ist es okay, wenn ich so weit vorauslaufe? Bist du noch da, Mensch? Jagdtrieb haben beide, ja, aber nicht so unbändig, dass deshalb die Welt um sie herum versinken könnte. Was bei anderen Hunden Jagdleidenschaft im wahrsten Sinne des Wortes ist (wobei ihre Halter darunter vermutlich mehr leiden als die Hunde selbst), zeigt sich bei Malu und Julian eher als immer waches Interesse und ständige Bereitschaft zum Einsatz, ohne dass sie jedoch draussen permanent vibrieren, wie Formel 1 Wagen am Start. Beide, Malu ebenso wie Julian, brauchen oft und reichlich Tuchfühlung, auch draussen im Gelände, und sind, wenn man es weniger schmeichelhaft ausdrücken will, abhängiger als etwa die Pointer (von den Laufhunden ganz zu schweigen!). Für manche Menschen sind solche Hunde schlichtweg langweilig, bieten zu wenig Nervenkitzel und Herausforderung bei der Erziehung. In Wahrheit liegt die Herausforderung einfach ganz woanders, und Malu nähme es wohl ebenso übel wie Julian, würde man ihre Bereitschaft und Fähigkeit zur "Selbstkontrolle" missverstehen und unangemessen darauf reagieren.
Nun, ich fand es sehr interessant, die zwei Hunde zu beobachten, ihren subtilen und mitunter stürmisch-verspielten Austausch zu sehen und werde das Gefühl nicht los, dass sich bei Hunden, wesensmäßig, gern Gleiches zu Gleichem gesellt und Gegensätze sich nur insofern anziehen, als "er" akzeptieren muss: "sie" ist der eigentliche Boss, und er darf nur dann die Muskeln spielen lassen, wenn andere Rüden zuschauen...


Vielleicht gilt unter Hunden, dass sich Gleiches zu Gleichem gesellt ..?

Was auch immer sich Vizsla und Bracco zu sagen hatten, nachmittags hiess es für beide, an die Arbeit!
Malu fand ihr erstes Hasenfall am Ende der Schleppe nicht gerade berauschend, liess sich aber weit mehr zum Aufnehmen und Tragen motivieren als ihre beiden englischen Mitstreiterinnen. Allerdings wurde auch schnell klar, dass sie vertraute Dummys, wie etwa den gefüllten Jutesack, viel williger als Beuteersatz annahm, und ich schätze, dies nicht wegen des darauf geträufelten Fasanen- oder Entenaromas sondern trotz dieses Geruchs (so er sich denn wirklich in dem Fläschchen befand und von dort auf den Dummy gelangte.)
Ein Umstand, der bei der Schleppe noch nicht auffiel, bei der Quersuche hingegen von Malu mit Konsternation quittiert wurde, war der, vermutlich ganz unbewusste Rollenwechsel zwischen Herrchen und Frauchen. Bei den üblichen Ausgängen mit Freilauf ist Frauchen der liberalere Partner, der die Vizsla Hündin auch ohne weiteres mal weiter vorauslaufen lässt und völlig darein vertraut, dass Malu keinen Unsinn anstellt und auf Ruf sofort zurück kommt. Und genau das tut sie auch. Herrchen ist da viel mehr auf Sicherheit bedacht, und Malu hat sich auf den Stil der beiden, in ihrer Erziehung und Beschäftigung gleichermaßen aktiven Besitzer längst eingestellt. Sie weiss genau, bei wem sie was darf, und da sie bei niemandem über die Stränge schlägt und ausgezeichnet gehorcht, war das nie ein Problem. Bis zum Kurs. Denn plötzlich strahlte Herrchen so viel Vertrauen in die Fähigkeit aus, seine Malu in dieser neuen Situation zu lenken, dass er sie fast spielerisch und in fröhlichster Laune ganz locker und frei an die verschiedenen Aufgaben heran und zum Erfolg führte.
Frauchen tat sich sehr viel schwerer, besonders bei den Übungen an der Leine, und Malu signalisierte prompt: Nö, das will ich so nich.


Arbeiten an der Leine? Nö, fand Malu. Sorglos, frei und beschwingt geht das viel besser.


Freie Suche mit Frauchen war dann wieder voll in Ordnung, was beweist, dass auch wir Menschen nicht über unseren Schatten springen können. Ich erkläre mir die Sache nämlich so: die jagdlichen Übungen spielen sich unter vollkommen sicheren Bedingungen ab; da kann der Hund nicht unter die Räder geraten oder sonstwie Schaden nehmen. Für Herrchens "Schutztrieb" ist diese Sachlage herrlich, er kann los lassen, weil die Sicherheit ja von aussen garantiert wird.
Für Frauchen hingegen präsentiert sich die ganze Geschichte als zu eng, zu starr, erfordert ihre direkte Kontrolle und lässt eigentlich keinen Spielraum für freie, fantasievolle Entfaltung des Hundes - auf der Schleppe etwa muss er notgedrungen dieser einen Spur folgen, Nase am Boden, um zum vorbestimmten Ziel zu gelangen. Wer solche Limitierungen nicht wirklich mag, (und ich gehöre auch zu diesen Leuten, weshalb mein Hund bevor er das Apportel übergibt gern alberne Schaueinlagen zeigt und zeigen darf), wer im tiefsten Innern die Kreativität des Hundes der Befolgung (anfänglich) starrer Vorgaben vorzieht, neigt dazu, selbst zu steif an die Übung heran zu gehen. Man fühlt sich eben nicht richtig wohl in der Rolle, und das spürt der Hund sofort. Bei einem sensiblen Vizsla wie Malu, die ja auf die feinsten Stimmungen ihrer Menschen reagiert, mag so ein unverhoffter Rollenwechsel Grund genug sein, zu zeigen: Nö, will ich nich!


Freie Suche? No problem für Malu und Frauchen.

Solche Erkenntnisse sind natürlich spannend, zumal sie zu Aha-Erlebnissen führen können, wenn einem plötzlich dämmert: Ja, Mensch, deshalb hat mein Hund neulich in diesem oder jenem Zusammenhang auch ganz komisch reagiert! Da hab ich unbewusst ein falsches oder widersprüchliches Signal gegeben, oder ihn mit etwas überrumpelt, was er von mir gar nicht kennt!
Echte Arbeit für Hund und Halter stellten natürlich die ganz neuen Übungen dar. Die kleine Kunstschweissfährte war eine davon. Weil die Vierbeiner der vorherigen Kurse die Blutspur mit echtem Enthusiamus angenommen hatten, bekamen Malu und ihre Kolleginnen sofort die 100 m Fährte mit 4 Stunden Stehzeit serviert. Malu ging als Erste an den Start und musste am Abgang zwar scharf nachdenken, was es mit dem unvertrauten Geruch auf sich hatte, nahm dann aber Witterung auf und lief getreulich auf der Fährte. Die Führer sollten bei dieser Lektion lernen, sehr genau auf die Signale des Hundes zu achten und sich von ihm lenken zu lassen, statt ihn, wohl wissend wo sich der Zielpunkt befand, bei der Suche zu beeinflussen. In der Praxis ist das gar nicht so einfach, denn wir tendieren wohl alle dazu, dem Hund zu sagen, was er tun soll - und fühlen uns ziemlich hilflos, wenn er uns zu verstehen gibt, wo's lang geht! Als Malu an den Winkel ihrer Schweissfährte gelangte gab es folglich kurze Meinungsverschiedenheiten mit der Chefetage, die, an geradlinige Übungsfährten gewöhnt, nicht recht glauben mochte, was die Hundenase behauptete. Natürlich hatte die Nase Recht und kam schliesslich zum Fell und der Futterbelohnung.


Malu auf der Schweissfährte.

Ein Hund, der die Schweissarbeit zunächst langsam und bedächtig angeht, ist bei der Ausbildung natürlich wesentlich angenehmer als einer, der voller Ungestüm vorauspreschen will und die Fährte deshalb ständig verliert. Malu hingegen machte ihre Sache gut. Nasenarbeit gefällt ihr, und ich könnte mir gut vorstellen, dass Fährten für sie daheim eine interessante neue Aufgabe werden - nicht zwangsläufig mit Rinderblut, denn sie fand Fleischbrühe ja beinahe attraktiver.
Während der jagdlichen Übungen gab es natürlich immer wieder Pausen, in den sich die Hunde frei in den Wiesen amüsieren konnten. Einen verblüffenden Unterhaltungswert hatten dabei die Grashüpfer.
Ich kann mich nicht erinnern, dass Julian je ernsthaft auf diese kleinen Tierchen geachtet hätte, die scharenweise im Gras sitzen oder vielmehr hüpfen. Malu und die Pointer aber fanden sie grandios und hatten ihren Spass bei der Jagd!


Malu auf der Jagd nach Grashüpfern.

Foto 9: H.T. Martens; alle übrigen: Sabine Middelhaufe.
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