Jagdhund ohne Jagdschein?
Der Sommerkurs zum Buch

Kurs Frühjahr 2011
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Die Belohnung

Haben Sie je einen Jäger gesehen, der seinen erwachsenen Hund für jeden Apport mit einem Leckerli belohnt, oder anders und treffender gefragt: haben Sie
(Schweissarbeit ausgenommen) je einen Jagdgebrauchshund im Einsatz gesehen, der Interesse an irgendwelchen Extrahäppchen hat?
Der Hund arbeitet, weil das seinen Instinkten entspricht, weil es ihn befriedigt, zutiefst beglückt, nicht, weil er auf ein paar Brocken Futter hofft!
Natürlich kann man bei einigen wenigen Übungen Futter als Lohn einsetzen, und natürlich ist es in Ordnung, dem Welpen oder neu erworbenen Tierschutzhund, dessen Talente und Vorlieben man noch nicht kennt, gelegentlich mit einem Häppchen zu zeigen, dass er gerade etwas unbedingt Erwünschtes getan hat, aber die Betonung liegt auf "gelegentlich", denn sonst entsteht im Hund schnell die irrige Verknüpfung,
dass der finale Schritt vieler "Übungen" im Verzehr eines Futterstücks besteht: Fressen = Gehorsam; sagt ihm dann die rasche Geruchsprüfung, dass Herrchen oder Frauchen diesmal kein Futter dabei hat, folgt für ihn, dass heute nicht "geübt" wird, und da Gehorsam ja nie ohne Futterzusammenhang gelehrt wurde, geniesst der Hund eben seinen "freien Tag"...

Es ist für mein Empfinden eine tiefe Beleidigung hundlicher Intelligenz, wenn man ernsthaft glaubt, der Vierbeiner zeige echte Leistungen, nur weil er ein Stück Futter dafür bekommt. (Es sagt auch einiges über den Menschen aus, der glaubt, nur als mobile Feldküche Bindung und Beziehung zu seinem Hund aufbauen und erhalten zu können.)
Was ist nur in der Hundeerziehung passiert, dass man die geistigen und seelischen Fähigkeiten des Hundes heutzutage mit standardisierten, mechanischen Geräuschen und einer schwindelerregenden Auswahl von industriell produzierten Futterbelohnungen ansprechen und "bändigen" will? Da wird einerseits die Lernfähigkeit des Hundes in den Himmel gelobt, aber andererseits sollen sie doch alle nach Schema F erziehbar sein, brav im 10 m Radius um ihren Halter bleiben und ihre Individualität nur dadurch zum Ausdruck bringen, welche Leckerlis sie für welche Übung akzeptieren?? Früher diente Hundeforschung zum besseren Verständnis des Hundes, zur Schaffung einer seinen Bedürfnissen gerechten Beziehung zum Leitbild Mensch, heute scheint sie eher der Industrie die Argumente zu liefern, mit der ahnungslose Hundebesitzer dann überzeugt werden, dieses geniale Spielzeug, Futter und Kauprodukt oder jene Bio-Pülverchen, Tropfen und Pflegemittel zu kaufen...


Für den Jagdhund, wie hier Pointer Cora, ist seine rassegerechte Arbeit sicher die beste "Belohnung". (Foto: Lone Nielsen)
Startfoto: BGS Sophi.

Klar kann man der Werbung nicht die alleinige Schuld in die Schuhe schieben, denn die Verantwortung für den Hund liegt in letzter Konsequenz immer bei uns, den Haltern. Und wir müssen unseren Teil dazu beitragen, damit die Beziehung Hund-Mensch funktioniert, und das bedeutet sehr viel mehr als nur mit den bequemsten Mitteln, die gerade in sind, zu versuchen, das Individuum Hund so zu verbiegen und kaputt zu dressieren, dass es sich möglichst problemlos in unser Leben einpassen lässt.
Ein erster Schritt in die richtige Richtung dürfte in der Frage bestehen: womit kann ich meinen Hund belohnen? Welche Aktivitäten liebt er, welche Gerüche ziehen ihn besonders an, und welche bevorzugten Aktionen und Gerüche kann ich tatsächlich nutzen und bestärken, weil sie (natürlich in Abhängigkeit von Rasse und persönlicher Vorerfahrung des Hundes) nicht zu den Unarten oder neurotischen Ersatzhandlungen zählen?
Und damit sind wir nach einigen Umwegen wieder beim Thema "Spurensuche" angelangt. Hunde zeigen ziemlich unmissverständlich, was sie spannend finden und das wird man sich als kluger Halter merken. Entdeckt man beim nächsten Mal selbst und als Erster so einen Ort oder so ein Ding, winkt oder ruft man den Hund heran und zeigt ihm als "Lohn" fürs Kommen diesen Fund.
Je frischer Tierspuren jeder Art sind, desto attraktiver duften sie in der Regel für die Hundenase. Neue Borsten am Malbaum, einzelne Haare, die das Reh beim frühmorgendlichen Durchschlüpfen der Schlehenhecke verloren hat, noch feuchte Kotpillen vom Hasen auf der Wiese, aber auch Fegestellen, deren herabhängende Borkenstreifen noch nicht vertrocknet sind und eine frische Rupfung, sind für den Hund, wenn Herrchen oder Frauchen sie ihm zeigen, ein guter Grund, auch dem nächsten Ruf wieder willig zu folgen. Das heisst nicht, dass der Hund gleich vor Aufregung durchdreht, bloss weil wir ihn auf so etwas hinweisen, aber es ist für ihn, der ja bestrebt ist, sich über die (Wildtier-) Situation im Gebiet klar zu werden, ein wichtiger Hinweis - und wir haben ihm den gegeben.


"Schau was ich gefunden hab!" Rhodesian Ridgeback Danae untersucht die Hasenwolle, die Frauchen ihr gezeigt hat.

Freilich darf man es mit dem Heranrufen zu Funden nicht übertreiben. Alle zehn Minuten zur Inspektion von etwas eingeladen zu werden, was vielleicht ohnehin nicht in seiner Top Ten steht, lässt das Interesse des (erwachsenen) Hundes daran schnell erlahmen. Als Lohn und Anreiz für künftigen Gehorsam nutzt man besser die aus Sicht des jeweiligen Vierbeiners "bedeutsamsten" Entdeckungen.
Frage: bringt es den Hund auf die schiefe Bahn, wenn wir ihn gezielt auf Wildspuren im weitesten Sinne hinweisen und ihn loben, wenn er seinerseits etwas anzeigt?
Nein, denn man kann
ihn ohnehin nicht davon abhalten, die Umgebung jeden Moment auf Gerüche zu kontrollieren, die ihn anziehen. Er schnüffelt ständig, nur dass wir die meiste Zeit keinen blassen Schimmer haben, was genau er da riecht. Und deshalb greifen wir oft viel zu spät oder gar nicht ein, wenn er plötzlich durchstarten will. Ihn zu lehren, dass man Entdeckungen zunächst einmal gemeinsam kontrolliert, fördert nicht nur die Bindung Hund-Mensch, es unterstreicht auch unsere Autorität, denn wir Zweibeiner entscheiden ja, was aufgrund des Fundes nun weiter zu geschehen hat.
In vielen Fällen sind die Spuren, die wir finden, so harmlos, dass wir den Hund nach seinem angenehmen kleinen Aha-Erlebnis ohne weiteres wieder voraus schicken können. Nur ausnahmsweise wird uns das aufgeregte Vibrieren des Vierbeiners nötigen, aus der geplanten Belohung ein Stück echte Arbeit zu machen, denn wenn seiner Ansicht nach da ganz wörtlich was im Busch ist, treten wir entweder den geordneten Rückzug an (bei Verdacht auf Haarwild) oder wir fordern ihn auf, an der Leine behutsam voran zu gehen (Federwild). Vielleicht hat er ja das Glück, nach wenigen Schritten einen Vogel vorstehen zu können, und so ein Erlebnis erhöht das Ansehen des Menschen, der es ermöglicht, ganz enorm. Kein Hund mutiert zum zügellosen Jäger, bloss weil wir ihn für das disziplinierte Anzeigen der Hinterlassenschaften vom Wild loben; gefährlich ist, seinen Interessen keine Beachtung zu schenken.


"Kommst du mal kucken?" (Foto: D. Nagel)

Aber Belohnung hat ja noch ganz andere Gesichter, wenn man sie als etwas auffasst, das nicht nur aus greifbaren Dingen, sondern auch aus gemeinsamem Erleben besteht.
Ein kurzer Hindernislauf durch den Wald (bei uns sehr einfach zu haben, da die Wälder sich weitgehend selbst überlassen bleiben und überall umgestürzte Bäume liegen, kleine Bäche fliessen, Dickichte aus Wacholder und Unterholz zu umgehen sind) ist für jeden gesunden Hund eine grössere Motivation, dem Boss zu folgen, als ein schnödes Stück Futter!
Bedenken Sie immer: Hunde lieben Bewegung, sie lieben die Herausforderung eines "schwierigen" Terrains, sie geniessen es, Geschick, Schnelligkeit und Ausdauer zu nutzen. Und sie lieben Abwechslung. Die Faulpelze sind wir. Aber Jagdhunde sind eben nicht nur hübsch anzusehen, sie stellen auch Ansprüche und verdienen es, dass wir diese so gut es geht erfüllen - statt unserer eigenen Bequemlichkeit den Vorrang zu geben.


Ein "schwieriges" Terrain zügig und geschickt zu erforschen macht jedem gesunden Hund Freude.

Action ist für den Hund ein geschätzter Lohn - Relax aber auch. Wenn der dreistündige morgendliche Rundgang sich seinem Ende zuneigt, sollte jedes Duo sich einen hübschen Platz in Wald oder Wiese suchen und mal für ein Viertelstündchen gemeinsam die Ruhe der Natur geniessen.
Dass das nicht immer gleich auf Anhieb klappt, liegt, wie sooft, nicht am Hund. Einfach mal loszulassen, sich nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, was man im Laufe des Ausgangs gelernt hat und nachmittags vielleicht lernen wird, sondern in aller Ruhe den Duft von Harz und Wildblumen zu schnuppern, dem Kuckuck zu lauschen und dem Bach in der Nähe, und dem Hund dieses Gefühl von Zufriedenheit, von inniger Gemeinschaft mitzuteilen, fällt so manchem Menschen anfangs doch arg schwer. Und solange der Zweibeiner unruhig ist oder mit seinen Gedanken ganz woanders, bleibt auch der Vierbeiner in Alarmbereitschaft. Umgekehrt kann es ein wunderbarer Abschluss für eine spannende, abwechslungsreiche Expedition sein, da ein Weilchen miteinander in der Sonne zu sitzen und sich dem Fluss des Lebens anzuvertrauen, wie die Buddhisten sagen würden...


Gemeinsam zu entspannen ist auch eine Belohnung. BGS Sophi machts vor. (Foto: S. Fritsch)

Fotos wenn nicht anders angegeben: Sabine Middelhaufe.
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