Jagdhund ohne Jagdschein?
Der Sommerkurs zum Buch

Kurs Frühjahr 2011
Die Expeditionen
Die Belohnung
Der Schnupper-Parcours
Die Schleppe
Der Apport
Das Vorstehtraining
Die Kunstschweissfährte
Der Hund ist kein Kind
Streben nach Perfektion


Menü Kurs

home


Kurs Frühjahr 2011

Die Expeditionen

Statt wie üblich
die Kursberichte einzelner Hunde einzustellen, möchte ich dieses Jahr genauer auf Sinn und Zweck der verschiedenen Übungen eingehen, die wir während des Kurses machen.
Allmorgendlich wird jedem Teilnehmer eines der vier Territorien zugeteilt, die bei der Pernice Rossa beginnen, und das soll er nun, gemeinsam mit seinem Hund, für rund drei Stunden erkunden. Je einem Gespann folge ich für eine Weile, um zu schauen, wie Hund und Mensch sich dabei verhalten.
Da zwei der Gebiete vorwiegend aus vielen kleinen Heuwiesen mit dichten Heckengürteln drum herum bestehen, die beiden anderen fast ausschliesslich aus Mischwald, und natürlich jedes Duo mindestens einmal in jedes "Revier" geht, wird ziemlich schnell deutlich, ob der Hund da irgendwelche Präferenzen hat. Manche Vorsteher sind eindeutig "feldlastig", sie fühlen sich auf den offenen Wiesen wohler, sind dort wesentlich aktiver und selbständiger, dafür umgekehrt im Wald viel einfacher zu lenken.
Bei den ersten Ausgängen in der fremden Umgebung wird auch recht bald klar, welcher Vierbeiner tatsächlich selbständig und schneidig ist, und welcher anfangs doch lieber auf Tuchfühlung mit seinem Meister bleibt.
Problematischer ist die dritte Kategorie, nämlich der Hund, der zwar in höchster Verzückung voraus prescht, unbekümmert dem Horizont entgegen, sich aber spätestens nach 15 Minuten heillos verirrt hat, und dann irgendwo zerknirscht in der Landschaft sitzt und verzweifelt nach Herrchen oder Frauchen heulbellt, die ihn wiederfinden und einsammeln müssen.


Pointer Cora fand auch den Wald nach ihrem Geschmack. Titelbild: Mischling Laurin.


Pointer Gina war, wie schon beim ersten Kurs, stets zu Expeditionen bereit.

Im Normalfalle sind die Vorsteher jedoch willig genug, in einem vertretbaren Radius um ihren Menschen herum nach Geruchsabenteuern zu suchen, und genau das wollen wir, denn ein wichtiges Ziel bei den langen morgendlichen Ausflügen ist es, die Zusammenarbeit und den Team Geist zwischen Vier- und Zweibeiner zu verbessern. Dazu dienen zwei Übungen.
Die eine, "Pirschgang" genannt, lehrt Mensch und Hund, nur mit Handzeichen und knappen, leisen Pfiffen kommunizierend, zielstrebig das Gelände zu durchstreifen. Dabei wird ganz nebenbei das freie bei Fuss Gehen in unterschiedlichen Tempi geübt, das Sitz und Sitz bleib, Platz und Platz bleib, Hier, das Voraus, nur dass es für den Hund jetzt Sinn macht, denn ganz offensichtlich führt der Meister ja etwas im Schilde, ist auf der Suche nach etwas, und da spielt der Hund begreiflicherweise viel lieber mit, als bei den Unterordnungsübungen ohne echten Anreiz!
Erfolg oder Misserfolg dieser Übung hängen deshalb in erster Linie vom Menschen ab - nicht vom Hund! Ein Fehler, den man anfangs gern macht, ist der, auf die korrekte Ausführung einer Gehorsamsleistung, zum Beispiel bei Fuss Gehen, zu achten, statt dem Hund das Gefühl von positiver Spannung, von "wir entdecken gleich gemeinsam etwas Tolles" zu vermitteln.
Das Grundproblem hier ist letztendlich mangelndes Vertrauen - in den Hund und in die eigene Autorität. Solange man nämlich glaubt, dass der Vierbeiner nur deshalb gehorcht, weil man ihm in mühevoller Kleinarbeit eingetrichtert hat, dass er Befehle wie Bei Fuss, Sitz, Hier usw. nun mal ausführen muss und widrigenfalls kein Leckerli bekommt, sondern Ärger mit der Chefetage, fällt es schwer, stattdessen auf die eigene Leitbildfunktion zu bauen.
Ich weiss nicht woher diese Einstellung stammt, aber so mancher Mensch lebt mit der Überzeugung, dass er seinen Hund permanent "volltexten", ihn also mit Befehlen und Signalen ersticken muss, als würde der Vierbeiner unverzüglich "aus der Hand gehen", wenn nicht jede seiner Regungen über irgendwelche Ordern vorher genau bestimmt wird. Klar, dass es unter solchen Voraussetzungen schwer fällt, einfach mal über die Wiese zu gehen und darauf zu vertrauen, dass der Hund sich auch ohne viel Geplapper, Gepfeife und Getue an seinem Menschen orientiert...


Einem gemeinsamen Ziel entgegen streben - ohne Leine und ständige verbale Befehle, das zeigt gute Bindung.

Nicht nur ist es für den Hund natürlicher, auf Stimmung, Körpersprache und Bewegung seines Bezugspartners zu achten, - was durch die sonstige Dauerbeschallung seitens des Menschen leider weitgehend überflüssig gemacht wird - es schafft auch eine ganz andere Art der Bindung, weil der Mensch nun lernt, seine "Ausstrahlung" bewusst zu nutzen und den Feinheiten im Verhalten seines Hundes mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Nach der Anmeldung erhalten künftige Kursteilnehmer übrigens eine CD mit kurzen Videos, die sämtliche Übungen zeigen und zu vermeidende Fehler erklären. Einer dieser Fehler ist eben die unangemessene Ausstrahlung des Hundehalters. Der Pirschgang ist kein Ballet, kein Parademarsch, und man muss den Vierbeiner zu Beginn auch nicht erst forsch in die Hundeplatz konforme Ausgangsposition zwingen. Ebenso wenig muss der Zweibeiner Schritte zählen, Winkel auf seiner Route abmessen und sich darauf konzentrieren, bei der ganzen Sache eine möglichst gute Figur abzugeben. Locker werden, heisst die Devise!
Wer mit dem inneren Bild des Pirschgangs nichts anfangen kann, darf sich gern vorstellen, er sei ein Indianer, der gemeinsam mit seinem Hund nach Grizzlys oder Büffeln Ausschau hält, (tatsächlich hiess die Übung ursprünglich "Indianerspiel") oder was sonst ihm hilft, in die richtige Stimmung zu kommen. Fantasie ist willkommen, strenge Formalität nicht.
Für viele Vierbeiner ist es eine ganz neue Erfahrung, nicht ständig durch die Leine und verbale Befehle herumkommandiert zu werden, und
man bricht beim Pirschgang auch gleich mit einer weiteren schlechten Gewohnheit, nämlich dem entsetzlich öden, monotonen Spaziergehtempo!
Hat man sich überzeugt, dass auf der Wiese nicht gerade zufällig irgendwo ein Reh äst, lädt man den Hund also zum kurzen Sprint ein, und wenn er dabei nicht haargenau bei Fuss galoppiert, ist das wurscht, Hauptsache, er hält Herrchen oder Frauchen weiterhin im Auge!
Der Spurt kann an einer jagdtechnisch sinnvollen Stelle, zum Beispiel dem nächsten Heckenstreifen, abrupt enden, man hockt sich auf den Boden, und zögert der Vierbeiner, sofort an die Seite seines Menschen zu kommen, beginnt man sehr konzentriert mit den Händen im Boden zu scharren oder etwas im Gras zu suchen, ein Verhalten, das hochgradig ansteckend auf den Hund wirkt, der nun neugierig dazukommt, um zu checken, worum es geht.
Aber noch ist die Übung ja nicht zuende, der Vierbeiner soll jetzt zum Beispiel abliegen, während sein Meister behutsam aber zielstrebig die Hecke entlang schleicht, und ich meine wirklich schleichen, also ein bisschen gebückt ganz langsam vorwärts streben, vielleicht zwischendurch mal horchend anhalten oder den Boden kontrollieren, und schliesslich ein gutes Stück vom wartenden Hund entfernt und konzentriert nach vorn schauend eine Weile stehen bleiben. Erst dann holt man den Hund mit einem Wink oder leisen Pfiff nach und schleicht gemeinsam ein gutes Stück weiter.


Um die Aufmerksamkeit des Hundes aufrecht zu erhalten, wird zwischendurch auch mal gesprintet

Wichtig ist, einen abwechslungsreichen Rhythmus in die Geschichte zu bringen, keinen Moment die Spannung erschlaffen zu lassen, die man durch das eigene, ganz offensichtlich "jagdlich" motivierte Verhalten im Hund aufgebaut hat; deshalb schiebt man immer mal wieder ein Sitz-bleib oder Platz-bleib ein, schleicht oder sprintet ein Stück mit dem Hund, und bereitet schliesslich die Auflösung der Übung vor.
Zu diesem Zweck entfernt man sich betont langsam und stets zielstrebig ausser Sicht des Hundes, legt hinter einem Grasbüschel oder Baum sein bevorzugtes Bringsel ab, d.h. eine Rehdecke, den Sand gefüllten Hasenbalg, eine Sauschale, den getrockneten Fasan oder was sonst ihm aus meiner Sammlung von Trainingshilfsmitteln besonders gefallen hat, kehrt zum Hund zurück, pirscht mit ihm noch einmal einige Meter zurück Richtung "Beute" und schickt ihn endlich mit anfeuerndem "Such!" allein voraus.
Jetzt kann er Dampf ablassen, sich das Fell auch gern ein paar Mal um die Ohren hauen. Wichtig ist seine Erkenntis: es macht Freude mit dem Boss zu "pirschen", und am Ende machen wir sogar gemeinsam "Beute".


Damit der Hund die Pirsch mit etwas sehr Positivem verknüpft, darf er am Ende im Galopp die bevorzugte "Beute" suchen.

Skeptiker werden an dieser Stelle einige Einwände parat haben.
Zum Beispiel, dass der Hund nicht so dumm ist, ein Fell mit dem echten Beutetier zu verwechseln.
Aber mehr als Felle u.Ä. sind dem Jagdhund in Nichtjägerhand eben nicht erlaubt, und wer feststellt, dass seinem Hund der Beuteersatz auf die Dauer nicht genügt, sollte ihm zuliebe den Jagdschein erwerben, um ihn im praktischen Einsatz führen zu können.
Auch der genau umgekehrte Einwand wird vielleicht vorgebracht, dass nämlich das Herumhantieren mit Fellen, Läufen, Schalen, Abwurfstangen & Co. den Hund erst auf den Geschmack bringt, den lebenden Besitzern solcher "Ausbildungsmittel" nachzustellen.
Dabei wird allerdings übersehen, dass der Hund bei den Übungen nie aufgefordert wird, ein sich bewegendes Objekt zu verfolgen. Hingegen liegen die "Wildteile" am Ende von Geruchsspuren (Schleppen, Fährten), die er fast ausschliesslich an der Leine, stets auf eindeutiges Kommando seines Besitzers hin und meistens in dessen Begleitung erreicht.
Selbst wenn in manchen Fällen der Hasendummy vorm Hund hin und her bewegt wird, befindet sich die "Beute" stets in der Hand des Menschen, der ihn lediglich motiviert, das Ding zu tragen.
Ähnlich beim Apport: der Hund wird geschickt, ein unbewegtes Objekt zu suchen und zurück zum Herrn zu bringen.
Das einzige "fliehende Wild", das Vierbeiner beim Kurs gezielt zu sehen bekommen, ist das an einem langen Gummiseil befestigte Kaninchenfell, das unverhofft an ihnen vorbei saust; macht der Hund Anstalten, dem "Flüchtenden" nachzusetzen, geben Herrchen oder Frauchen den Befehl Halt oder Down und führen den Hund nach einer kurzen Pause in die, der Beute entgegengesetzten Richtung davon. Der Hund erhält also nicht die Gelegenheit, sich dem "Fluchttier" zu nähern, denn Sinn der Übung ist eben der, die Verfolgung von fliehendem Wild zu tabuisieren.


Irish Red and White Setter Ash auf Erkundung.

Die zweite Übung während der Morgenrunde heisst "Spurensuche" und meint genau das: Hund und Mensch suchen gezielt nach Indizien für die Präsenz wilder Tiere, nämlich Trittsiegel, Suhlen, Wechsel, Haare, Losung, Rupfungen usw., und zeigen idealerweise einander ihre Funde.
Auch bei dieser Aufgabe sind die meisten Hunde ihren Besitzern um etliche Nasenlängen voraus und das nicht nur, weil sie besser riechen, sondern weil es für sie selbstverständlich ist, nach solchen Dingen zu suchen.
Jedem Jagdhundehalter sei es ans Herz gelegt, sich ein handliches kleines Bestimmungsbuch zu kaufen, es zu studieren und bei Ausgängen immer parat zu haben. Um zu verstehen, was den eigenen Vierbeiner da draussen in der Natur besonders anzieht, was er beschnuppert oder ins Maul nimmt, muss man Spuren ja korrekt lesen können. Natürlich braucht das Übung, aber wenn man erst einmal Feuer gefangen hat, wird es enorm spannend! Dann entdeckt man nämlich beispielsweise, dass der Hund frische Kotpillen vom Reh links liegen lässt, hingegen höchst angetan von den Hinterlassenschaften des Hasen ist, oder des Wildschweins. Oder dass er nicht zufällig an charakteristischen Stellen ins Dickicht strebt, sondern weil dort ein Wildwechsel verläuft und die Trittsiegel auf dem feuchten Boden oder die einzelnen Haare im Weissdorngebüsch klären den Betrachter darüber auf, welches Wildtier unlängst dort hergegangen ist. Manche Hunde finden die Reviermarkierungen vom Fuchs oder Dachs extrem attraktiv, andere die Suhlen vom Schwarzwild, während wieder andere ganz akribisch den Ruheplatz des Rehs untersuchen.
Wo Spuren auftauchen, muss logischerweise auch der Verursacher präsent gewesen sein; lernt man, das Alter von Spuren einzuschätzen, und vor allem, in einem Gelände aus Erfahrung zu erkennen, wo wessen Spuren am wahrscheinlichsten zu finden sind, können derartige Erkenntnisse über die Gewohnheiten der Wildtiere und das jeweilige Interesse des eigenen Hundes an ihnen bei der Erziehung äusserst nützlich sein, nicht nur, weil man ihn nun rechtzeitig davon abhalten kann, verbotenermaßen im Wildwechsel zu entschwinden, sondern auch, weil man rasch an Ansehen beim Hund gewinnt, wenn man ihn heranwinkt und dann selbst zu einem faszinierenden Fund führt!
Darum gilt es bei der Morgenrunde, aufmerksam zu beobachten, wo der Hund innehält und sorgfältig riecht. Leises Lob sagt ihm schon mal, dass er da etwas äusserst Erwünschtes tut, selbst wenn er noch weit davon entfernt ist, seinem Menschen den Fund bewusst anzuzeigen. Und jetzt zügig aber leise hin zum Hund, mit ihm schauen, versuchen, das Rätsel zu lösen und derweil loben! Er soll möglichst schnell durchschauen, dass wir seine Interessen teilen, und natürlich winken wir ihn jedesmal heran, wenn wir selbst etwas entdeckt haben.


Pointer Cora hat eine Suhle entdeckt und geniesst es sichtlich, mal "den inneren Schweinehund" raus zu kehren.

Tja, und wenn das Corpus delicti, das er untersucht nur eine tote Waldmaus ist...? Loben! Denn in jedem Falle ist es besser, er lernt, seinem Menschen auch "Banalitäten" zu verweisen, als dass er sie kurzerhand verspeist oder sich drin wälzt!
Auch bei "Fundsachen" gibt es Prioritäten,
und es ist gar nicht so schwierig, ihm klar zu machen, was für uns top ist und zu durchschauen, was er bevorzugt..
Spuren zu erkennen und das Interesse des Hundes daran zu nutzen hat nebenbei noch eine andere Funktion, und das bringt uns zum leidigen Thema "Belohnung"....


Ein bewohnter Dachsbau steht für BGS Robbi und Mensch natürlich weit oben auf der Prioritätenliste!

Fotos: 1 D. Nagel; 2 I. Kohlhauer; 3 L. Nielsen, alle übrigen Sabine Middelhaufe. Text (c) 2011.
> Weiter zu:
Belohnung


home Seitenanfang