Nura - Podencomix

Podencos und ihre Mischlinge aus dem spanischen Tierschutz bereiten ihren neuen Haltern oft eine Menge Kopfschmerzen, denn diese schnellen, passionierten Fernaufklärer werden in ihrem Ursprungsland vor allem für die Kaninchenjagd gezüchtet und eingesetzt und wollen ihren Jagdtrieb natürlich auch in der neuen Heimat ausleben, was für den Podenco Besitzer äusserst stressig werden kann und noch viel schlimmer für den Hund selbst, der wohl oder übel an der Schleppleine bleiben muss. Dass es freilich auch ganz anders geht, bewies Nura.
Die inzwischen 9 jährige Podenco Mischlingsdame kam schon als Welpe aus Spanien zu ihrer neuen schweizer Besitzerin, was natürlich ein Vorteil war, aber vor allem kam sie zu jemandem, der wirklich Verständnis für ihre Bedürfnisse hatte und nicht im Traum daran dachte, ihre Freiheit ständig durch die Leine zu beschränken. Stattdessen bot Frauchen ihrer Nura neben guter Grunderziehung immer neue Beschäftigungsarten: Agility stand (ohne irgendwelche Wettkampfabsichten) auf dem Programm, Longieren wurde geübt, Fährten- und Clickerkurse besucht, alle möglichen Suchspiele in die täglichen Ausgänge eingebaut, Mantrailing "für den Hausgebrauch" einbezogen und das zahlte sich aus, denn nicht nur wurde die kleine Hündin jeden Tag körperlich und geistig gefordert, sondern es entstand sehr schnell eine intensive Bindung zwischen den beiden.


Nura und Frauchen - ein starkes Team!

Natürlich löste sich dadurch Nuras Jagdtrieb nicht in Luft auf, wurde aber sehr gut lenkbar, denn wenn der Hund erst durchschaut, dass er und sein Mensch ein echtes Team sind, mit dem Zweibeiner als zuverlässigem Anführer, richtet er sich auch in puncto Jagen viel williger nach seinem Chef.
Wie das in der Praxis aussieht zeigte Nura gleich beim ersten gemeinsamen Rundgang im Wald in Begleitung von Bracco Julian und meinem "Patenhund" Pimpa, einer 10 jährigen Golden Retriever Dame. Wer von den Dreien das Reh zuerst witterte bekamen wir zwar nicht mit, doch wir sahen sehr wohl wie plötzlich alle Hunde zielstrebig den steilen Hang unterhalb des Waldweges herunter fegten, Nura gab kurz Laut, das Trio galoppierte nach links, und dann sprintete das Reh auch schon an uns Menschen vorbei, den Hang oberhalb des Pfades hinauf und verschwand im Dickicht. Keiner der Hunde versuchte, dem Wild die Böschung hinauf nachzustellen. Stattdessen verfolgten sie die Fährte kurz bis zu einem bestimmten Punkt zurück und kamen dann auf Ruf ohne Widerrede sofort zu uns.
Nura, immer und überall freilaufend, zeigte im Laufe der täglichen Expeditionen mehrfach frisch benutzte Wildwechsel an, indem sie stehen blieb und gebannt in die Büsche schaute, in die der Wechsel führte, und zumindest einmal, als ich leise ein paar Schritte ins Dickicht schlich, sah ich ein Reh aufmerksam in meine Richtung schauen. Aber Nura wies ihr Frauchen eben nur auf die frische Witterung hin und versuchte nicht, auf eigene Faust zu forschen.


Rehe hetzen? Iwo!
Nura zeigte in der Regel nur sehr deutlich: "Da ist was!"

Eine bestimmte jagdliche Leistung, mit der Nura zuhause glänzt, konnte sie uns in Italien nicht vorführen, da die erforderliche Beute fehlte. Nura ist nämlich eine sehr erfolgreiche Mäusejägerin. Freilich nicht in dem Sinne, dass sie wie besessen nach den kleinen Nagern gräbt und dabei bisweilen eher zufällig einen erwischt. Weit gefehlt. Nura wittert zuverlässig, ob auf einer Wiese jene Mäuse leben, die mit einer gewissen Regelmäßigkeit an die Oberfläche kommen, und denen lauert sie dann auf, geduldig und instinktsicher wie ein Fuchs, und wie Reineke erbeutet sie ihre Opfer mit dem typischen Mäuselsprung. Eine vielversprechende Mause-Wiese, erzählte Nuras Halterin, ist einer der wenigen Gründe, für die Nura sich von jeher viel weiter als gewöhnlich entfernt und beim Rückruf auch gern mal die Ohren auf Durchzug stellt.
Zwar gibt es bei uns eine Menge Schermäuse und Spitzmäuse, aber die weckten ihre Jagdlust offensichtlich nicht, denn zu Frauchens grossem Erstaunen versuchte Nura kein einziges Mal ihr Glück auf den Heuwiesen.
Dafür bereitete sie ihr beim traditionellen Saugatter Besuch eine grosse Überraschung. Entgegen den Voraussagen schritt die Podenco Hündin nämlich, kaum dass sie Witterung von den Borstentieren bekam, mit hoch erhobener Rute und gesträubtem Rückenfell auf den Zaun zu, nicht im mindesten eingeschüchtert von den Schweinen, und bellte ihnen sehr entschieden ins Gesicht. Von Angst keine Spur; von ungesundem Übermut allerdings auch nicht. Sie verhielt sich einfach wie ein selbstsicherer Hund, der die Situation korrekt einschätzt und sich nicht aus der Ruhe bringen lässt.


Auf auf zum "Sau-Watching".

Nuras Besitzerin hatte berichtet, dass die Hündin schon in der Jugend ziemlich unsicher im Umgang mit Artgenossen gewesen und später oberdrein Opfer zweier Beissunfälle geworden war. Tatsächlich bellte sie bei jedem Wiedersehen zur morgendlichen Expedition oder den nachmittäglichen Übungen erst mal kräftig in die Runde, aber dies erledigt ging es munter wedelnd und selbstbewusst an die Arbeit.
Gut, sie nahm nie an den wilden Rennspielen und Raufereien des jungen Gemüses teil, und Shaka (18 Monate), Nuccia (18 Monate), Julian (3 Jahre) gaben es auch schnell auf, sie "anzuspielen"; erst am letzten Tag liess sie sich ausnahmsweise herab, im Wald eine ganze Weile mit Shaka zu toben.
Dafür brachte Nura aber eine angenehme Ruhe in die Gruppe. Anders als die beiden gerade erst erwachsenen Hündinnen war sie ja problemlos abzusetzen oder abzulegen, und ein bisschen färbt so etwas immer auf die Störenfriede ab.
Machten wir draussen Pause zum Kaffeeklatsch suchte Nura vor allem Schatten; wenn wir hingegen abends im Hotel noch zusammen sassen, die drei Hündinnen unterm Tisch dicht beieinander, spürte man förmlich Nuras Ausstrahlung als ruhender Pol, der ganz gewiss dazu beitrug, die herum zickenden Junghündinnen zur Räson zu bringen.


Einmal in die Runde gebellt und dann ist alles okay.


Ausnahme: Nura tobt ausgelassen mit Shaka.
Kaffeeklatsch und Zwangspause für Nura, Shaka, Julian und Nuccia.

Nura war in Sachen Nasenarbeit ja glänzend vorbereitet, allerdings hatte sie noch nie Hasenschleppen oder Kunstschweissfährten versucht.
Ich glaube, für ihr Frauchen war es ein kleines Aha-Erlebnis zu sehen, mit welcher Begeisterung die Hündin der Duftspur des Fells folgte und es dann ganz stolz zum Anfang der Schleppe zurück brachte
In der Schweiz sehen es die Jäger angeblich überhaupt nicht gern, wenn Laien mit ihren Jagdhunden so "unnütze" Übungen wie Kunstschweissfährten machen, weshalb Nuras Besitzerin für Tropffährten mit "unverfänglicheren" Flüssigkeiten optierte. Die Podenco Dame machte ihre Sache dabei auch wunderbar, zeigte aber, als sie einmal zufällig auf eine Kunstschweissfährte für Kollegin Shaka geriet, dass (Rinder-)Blut eben doch ein ganz besonderer Saft ist, viel faszinierender als schnöde Fleischbrühe...!


Warten vorm Start auf der Schleppe.

Als Hobby-Fährtenhund und Neo-Mantrailer hatte Nura wie vorauszusehen keinerlei Schwierigkeiten, ihr Frauchen über die Führerfährte wiederzufinden, Bringsel zu suchen, die von ihr unbeobachtet geworfen oder versteckt wurden, und es machte wirklich Freude, zu sehen, mit welcher Begeisterung diese 9 jährige Hündin jede neue Aufgabe annahm und mitunter sogar dermassen in Fahrt geriet, dass sie gebremst werden musste. Vor allem die Kombination aus "Indianerspiel", Schleppe und Apport schien ihr zu gefallen.
Klar, einem so "vielseitig gebildeten" Hund wie Nura, die zudem keine wirklichen Probleme hat, kann der Kurs kaum Erleuchtungserlebnisse verschaffen und nicht so furchtbar viel Neues bieten. Aber ich hoffe, die beiden haben trotzdem ein paar interessante Erfahrungen gemacht, die ihnen auch daheim nützen werden.
Für mich jedenfalls war es spannend und lehrreich, so ein wunderbar aufeinander eingespieltes Team kennen zu lernen und in der Praxis zu sehen, dass ein Podenco Mischling aus dem spanischen Tierschutz ein klasse gehorchender, frei laufender Jagdhund sein kann, wenn man nur nicht versucht, seine Anlagen zu unterdrücken oder schlimmer noch: zu ignorieren!


Oben: Nura konnte immer und überall frei laufen.
Unten: Auf Frauchens Fährte.

Foto 4: Anita Züseli; 6 Heidi Braun ; alle übrigen: Sabine Middelhaufe.
Text (c) 2010

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