Der Sommerkurs 2010
Von Sabine Middelhaufe

Ich gerate immer in hochnotpeinliche Erklärungsschwierigkeiten wenn Kursinteressenten mich (vor der eventuellen Anmeldung) fragen, auf welche Lerntheorie ich eigentlich schwöre und nach welcher Methode ich ihren Hund auszubilden gedenke.
Nein, nein, nein, das muss ein schreckliches Missverständnis sein, denn ich bilde Ihren Hund überhaupt nicht aus! Das tun Sie bitte selbst!
Ausserdem halte ich - und das wird manchen Leser nun bitter enttäuschen - nicht viel von Theorien und alleinseligmachenden Methoden. Die haben nämlich meistens den Nachteil, dass man a) vielleicht übersieht, was tatsächlich im Hund steckt, b) Hund und Mensch möglicherweise Dinge aufzwingt, die zwar der Theorie aber eben nicht diesen beiden Individuen entsprechen, und c) echte Probleme bekommt, wenn man es zeitgleich mit ganz gegensätzlichen Hundepersönlichkeiten zu tun hat - denn die Theorie und Methode müsste doch eigentlich auf alle passen, oder?
Unser Trio im ersten Kurs des Jahres war ein schönes Beispiel dafür.

Seitenanfang


Segugio Mischling Nuccia (man spricht das übrigens Nútscha ). Foto: Hans Wecker.
Startfoto: "Kampf der Giganten". Foto: Sabine Middelhaufe
Dreiecksbeziehung
Da war also Nuccia, 11 Monate jung, eine Kreuzung aus rauhaarigem Segugio Italiano und vermutlich Jura Laufhund, die auf Sardinien von einem italienischen Jäger für den praktischen Einsatz gezüchtet und als winziger Welpe von einem deutschen Jäger ins Sauerland mitgenommen worden war. (Wie es dazu kam können Sie übrigens hier nachlesen.) Jedenfalls stand Nuccias Schicksal von Anfang an fest: sie sollte ein brauchbarer Hund für die Jagdpraxis werden.
Und dann war da Robbi, der 9 Monate alte Bayrische Gebirgsschweisshund, dessen Berufsziel "zuverlässiger Jagdbegleithund" hiess.


Robbi, der Bayrische Gebirgsschweisshund. Foto: Hans Wecker.

Zu den beiden gesellte sich mein Bracco Italiano Julian, der mit seinen zweieinhalb Jahren zumindest anfangs bisweilen etwas blasiert herum stolzierte und die "Kinder" beim Spielen einfach ignorierte. Diese Demonstration von Überlegenheit hielt aber nicht lange vor und sehr bald mischte er eifrig mit.

Nuccia und Robbi spielen, Julian tut so, als ob ihn das alles überhaupt nicht interessierte.
Als der wahre Aufmischer erwies sich allerdings vom ersten Moment an die kleine Sardin.
Ein Energiebündel ersten Ranges, schnell und agil, mit quecksilbrigem Temperament und dem Bedürfnis des Laufhundes, die Umwelt vorzugsweise im Galopp zu erkunden, scheuchte sie die Jungs über die Wiesen, dabei anhaltend Laut gebend, als sei sie einem Hasen auf den Fersen und arg enttäuscht, wenn sie ihre "Beute" nicht einholen oder überrumpeln konnte. Logisch, dass sie ihr Mütchen dann erst recht an einem der Rüden kühlen musste, und der eher zurückhaltende Bayern Jüngling schien ihr bevorzugtes Opfer.




Nuccia mischt die Meute auf.
Fotos: Hans Wecker.

Robbi war wesensmäßig in vieler Hinsicht das genaue Gegenteil von Nuccia.
Während sie ganz selbstverständlich davon auszugehen schien, dass die Welt ihr gehört, und Zwei- wie Vierbeiner hauptsächlich darin leben, um ihre Wünsche zu erfüllen, und zwar presto, presto! zeigte sich Robbi achtsamer. Natürlich nahm er begeistert an den Rennspielen und Rangeleien um ein Stöckchen teil, liess dabei allerdings eine gewisse Rücksicht walten und steigerte sich auch nie so sehr in die Spielsituation hinein, dass man fürchten musste, er würde im nächsten Moment beim Schnappen über die Stränge schlagen. Und das lag nicht allein an der Aggressionshemmung gegenüber (geschlechtsreifen) Hündinnen, die ein Rüde mit in die Wiege gelegt bekommt, und die später jeder erwachsenen Hündin ermöglicht, seine unerwünschten sexuellen Avancen sehr heftig abzuwehren, ohne Gefahr zu laufen, ihrerseits von ihm gebissen oder gar vergewaltigt zu werden. Nein, Robbi verhielt sich auch zu Julian sehr wohlerzogen und man konnte bisweilen sehen, wie ein Seitenblick des Älteren ausreichte, um ihn zum Kurswechsel zu bringen, von (Stock-)Diebstählen abzuhalten usw.
Leider ist die Welt nicht immer fair, und seine Willigkeit, sich wie ein anständiger Hund zu benehmen genoss (zumindest beim Toben) nicht Nuccias Wohlwollen. Irgendwie brachte sie es nach ein paar Tagen fertig, Julian gelegentlich zum Mobben anzustiften und gegen die "wilde Hummel mit ihrem schweren Jungen" hatte Robbi natürlich keine Chance.


Mobbing. Fotos: Hans Wecker.

Wir brachen solche Spiele meist sofort ab. Ich weiss, ich weiss! In der Natur würde der Schwächste im Rudel dauernd eins auf den Deckel bekommen, aber so spannend ich Beobachtungen an wildlebenden Hunden und Wölfen finde, so sehr bezweifle ich, dass man sie gedankenlos auf unsere Haushunde übertragen kann. Allem voran handelt es sich in unserem Falle nicht um einen natürlich gewachsenen Familienverband, sondern um ein zusammen gewürfeltes Grüppchen von Hunden, mit ganz unterschiedlichem Hintergrund und Erfahrungsschatz, die hier bei uns für ein oder zwei Wochen zusammen sein werden und dann wieder getrennte Wege gehen. Und was sie auf diesem künftigen Wege treffen werden, sind andere Zufallsbekanntschaften - im Stadtpark, im Auslaufgebiet, im Wald oder wo immer sie sich aufhalten dürfen und auch dort existiert keine "Rudelordnung".
Da herrschen die Regeln des gesunden Menschenverstandes, der dem Hundebesitzer sagt, dass in letzter Konsequenz er für das Benehmen seines Vierbeiners zur Verantwortung gezogen wird.
Warum also sollten wir Robbi, der einfach sehr verträglich und tollerant ist, und beileibe kein Feigling, die Erfahrung machen lassen, dass er durch sein prinzipiell freundliches, aggressionsfreies Verhalten zum Prügelknaben wird?
Oder warum sollte Nuccia, die ohnehin den Hang hat, anderen ihren Willen aufzuzwingen, von uns auch noch darin bestärkt werden, dass es in Ordnung ist, die Tolleranz ihrer Kollegen auszunutzen?
Und natürlich möchte ich nicht, dass Julian, meist mit Abstand der grösste und schwerste Hund in jeder Kursgruppe, seine Funktion missversteht und zur Dampfwalze mutiert.
Die beiden Jungs akzeptierten den Abbruch zu wüster Mobbing Situationen in der Regel ohne grosse Widerworte. Nuccia kam dann erst mal an die Leine, um ihr italienisches Temperament ein bisschen abzukühlen.


Die Jungs verstehen sich. Foto: Sabine Middelhaufe

Das mag nun so klingen, als sähe Nuccia ihre Lebensaufgabe einzig darin, für Wirbel zu sorgen. Falsch. Ganz falsch. Denn eigentlich will sie nur das Eine: Jagen!

> Weiter zu: Nuccia - Segugiomix

home Seitenanfang