Shaka - Alpenländische Dachsbracke

Einige Wochen vor Shakas Ankunft hatte ich für die Zeitschrift "Cani da seguita" einen Artikel über die Rasse geschrieben, und als mich das Hündchen nun aus seiner Transportbox hinten im Auto lautlos anfletschte dachte ich: Ah, okay, so sieht das also aus wenn eine Dachsbracke "bereit ist, ihre Beute und notfalls den Besitz ihres Führers zu verteidigen"...
Da die Besitzerin schon bei der Anmeldung darauf hingewiesen hatte, dass Shaka, wenn an der Leine, ihre Artgenossen zwar bestimmt nicht beisst aber vielleicht doch "anmacht", war ich ein klitzekleines Bisschen besorgt, wie das nun wohl laufen würde, mit so vielen Hündinnen auf einem Haufen, denn ausser Shaka nahm ja noch die 9 jährige Nura am Kurs teil; die 18 Monate alte Nuccia hatte zur Feier ihrer soeben bestandenen Brauchbarkeitsprüfung von Herrchen 3 Wochen Urlaub bei uns spendiert bekommen und war samt menschlichem Anhang also auch präsent; meine 10 jährige Patenhündin Pimpa liess keine Gelegenheit ungenutzt, uns bei Ausgängen und Übungen zu begleiten, und die Chancen standen gut, dass auch meine 16 monatige Patenhündin Luna im Laufe der Woche zu uns stossen würde....
Um's gleich vorweg zu nehmen: es lief hervorragend. Die weise Hundedame Nura bekam den, meist sehr subtil eingeforderten Respekt von allen; Nuccia und Shaka kabbelten sich speziell in den ersten Tagen zwar ein bisschen, aber immer völlig harmlos; Seniorin Pimpa ignorierte etwaige schiefe Blicke und Luna musste wegen der Läufigkeit im Haus bleiben.


Mobbing...?
Naaa, alles nur Spiel.


Persönlich hab ich überhaupt nichts gegen Hunde, die erst mal Distanz zu fremden Leuten halten. Shaka gehörte entschieden zu dieser Sorte Hund; sie entwandt sich geschickt und ohne jedes aggressive Gebaren Anwandlungen plumper Vertraulichkeit seitens unbekannter Menschen, taute aber im Laufe des Kurses auf und zeigte dann wie verschmust sie sein kann.
Übrigens gehört auch das zu den typischen Eigenschaften der österreichischen Dachsbracke: liebevoll und sanft mit den eigenen Zweibeinern und (zunächst) reserviert gegenüber Fremden zu sein, denn wer im Revier das zur Strecke gebrachte Wild bewachen und im Bedarfsfalle verteidigen soll, darf kein Allerweltshund sein.


Shaka, very cool.

Die Alpenländische Dachsbracke gehört bekanntlich, gemeinsam mit dem Bayrischen Gebirgsschweisshund und dem Hannoverschen Schweisshund, zum erlauchten Trio der offiziellen Schweisshunde. Im Grunde muss man sie also korrekterweise und in erster Linie als Schweisshund ansehen, der im Bedarfsfalle auch die "üblichen" Aufgaben des Laufhundes erfüllt.
Mit dieser Reihenfolge war Shaka allerdings, wie Frauchen sehr wohl wusste, nicht einverstanden und musste den ersten Kurstag an der langen Leine verbringen. Am zweiten wagte ihre Besitzerin es dann, sie, mit dem obligaten Laufhundglöckchen ausgestattet, los zu machen und Shaka führte uns begeistert vor, wie ein wirklich arbeitsfreudiger Jagdhund sich einen perfekten Vormittag vorstellt.
Sie rannte nicht einfach Hals über Kopf los, oh nein, Shaka genoss erst einmal die Freiheit, in aller Seelenruhe die vielen interessanten Stellen am Waldboden untersuchen zu können, denn auch das gehört zu ihren Besonderheiten: Duftspuren ganz ausführlich zu untersuchen, die Nase Zentimeter für Zentimeter an niedrigen Zweigen entlang wandern zu lassen, erst alle geruchlichen Indizien zu sammeln und dann zu entscheiden, ob es lohnt zu starten oder nicht. Kam sie zu dem Schluss, dass die Fährte noch frisch genug war, gab es freilich kein Halten mehr.


Shaka im Dienst.

Dank des Glöckchens und ihres hellen Spurlauts konnten wir oft akustisch verfolgen, wo sie entlang lief, wann sie abrupt anhielt und nun bestimmt gewissenhaft mit der Nase neue, wichtige Informationen am Boden sammelte, und nur wenn es zu lange still blieb, rutschte Frauchen das Herz in die Hosentasche. Ganz unnötigerweise, aber anschliessend ist man ja immer klüger.
Shaka entfernte sich nämlich nie mehr als maximal 500 - 600 Meter, blieb höchstens 15 - 20 Minuten auf einer Fährte und hatte keine Mühe, auch im dichtesten Wald ihr Frauchen wiederzufinden. Womit die grösste Sorge, dass sich nämlich das Hündchen in der fremden Umgebung verirren könnte, wegfiel.
Wenn Shaka nach so einem langen Ausflug zurück kam, war sie zwar meistens recht abgekämpft, machte dafür aber einen höchst zufriedenen Eindruck und konnte den Rest der dreistündigen Runde getrost unangeleint bleiben, denn sie begnügte sich nun damit, sorgsam und ausführlich interessante Büsche, Bäume und Gerüche am Boden zu untersuchen. War ihre Exkursion in eigener Sache allerdings nur sehr kurz gewesen, durften wir sicher sein, dass Shaka noch mal durchstartete.


Frauchen wiederfinden? Kein Problem für Shaka.
Ein bisschen erschöpft, aber höchst zufrieden mit der Welt.

Da Shakas Besitzerin, wie erwähnt, am ersten Tag noch etwas mulmig bei dem Gedanken war, die Dachsbracke von der Leine zu lassen, besuchten wir stattdessen das Saugatter.
Bei der ersten Begegnung verhielt sich die junge Hündin, die noch nie zuvor Wildschweine gesehen hatte, (weil es sie dort in der Schweiz, wo sie aufgewachsen ist nicht oder nur in sehr geringen Zahlen gibt) sehr zurückhaltend. Die munter grunzenden Sauen, die sich neugierig am Zaun tummelten waren ihr definitv nicht geheuer und näherer Kontakt mit ihnen unerwünscht. Erstaunlicherweise ging ihre Rute aber unverzüglich in die Höhe und sie schaute mit wachem Interesse zu den Schweinchen, als die kurz aber ziemlich lautstark zu streiten begannen.
In den Wäldern und kleinen Heuwiesen der Umgebung kann man spannende Erkundungsgänge machen und irgendwann nahm Shaka dort ganz eindeutig eine Spur auf. Ich schlug Frauchen also vor, ihr den Befehl "Such" zu geben und sich
dann einfach mal an der langen Leine von Shaka führen zu lassen; ich bildete mit Julian die Nachhut.
Shaka merkte sofort, dass ihre Dienste erwünscht waren und legte los. Mal lotste sie uns zügig und geschickt auf engen Wechseln durch die Wacholderbüsche, mal blieb sie stehen, beroch intensiv und absolut konzentriert den Boden oder ein einzelnes Ästchen, nur um dann wieder zielsicher vorwärts zu streben. Als wir uns nach etwa 10 Minuten der alten Trockenmauer am Rande einer verwilderten Wiese näherten schwante mir etwas, und, ja, Shaka führte uns tatsächlich über die Mauer, ein Stück in die Wiese und dort stand er, der Malbaum, an dem sich vor kurzem die Wildschweine nach ihrem genüsslichen Bad im grauen Schlamm der Suhle gerieben und freundlicherweise ein paar Borsten für uns zurück gelassen hatten. Frauchen strahlte. Shaka auch. Ohne verdächtige Richtungswechsel, die darauf hindeuten könnten, dass sie von einer Fährte auf eine andere gewechselt war, hatte Shaka uns mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit besonnen und erfolgreich von dem Punkt, wo sie den Geruch zuerst aufgenommen hatte bis zum Malbaum geleitet. Sehr gern wäre sie von hier ihrer Nase noch weiter gefolgt, aber leider mussten wir in die andere Richtung gehen.
Bei der Rückkehr zu Nura und Nuccia, die uns nebst Anhang auf einer Wiese erwarteten, konnten wir das Saugatter noch einmal passieren, und obwohl Shaka die Rute immer noch sehr tief hielt, hatte ich den Eindruck, dass ihr die Schweine schon nicht mehr ganz so unheimlich waren wie beim ersten Mal...


Shaka (mit Bodyguard) am Saugatter.

Was bei Shaka, wie eigentlich bei allen Bracken, wieder einmal deutlich auffiel, war ihre so typische Mentalität. Wenn solche Hunde in der freien Natur sind, dann wollen sie arbeiten und was sie anbelangt, tun sie das auch. Shakas Nase war ständig im Einsatz, sie trottete nie gelangweilt der Wege und wartete erst recht nicht darauf, von jemandem bespaßt oder beschäftigt zu werden; sie weiss ganz genau, wieso Mutter Natur Wild und Jagdhunde geschaffen hat.
Als junge Erwachsene, wie Shaka und Nuccia das ja noch sind, mal eine Runde mit willigen Artgenossen zu toben, klar, gern. Aber wehe, ihnen kommt dabei eine verlockende Witterung in die Nase, dann sind sie im Jagdmodus, dann ignorieren sie jede Spielaufforderung und möchten nur los.
Zu der selben Erkenntnis kam auch Shakas Frauchen am dritten Kurstag und nahm, vermutlich ein bisschen wehmütig, von dem Traum Abschied, Shaka für die meiste Zeit der Woche wie einen "normalen" Begleithund zu beschäftigen, weil Herrchen Jäger mit seiner Bracke ja nicht alle Tage zur Jagd gehen kann.
Na, mit dem ganz und gar unpassenden Begleithundedasein wird Shaka sich jetzt wohl nicht mehr herumplagen müssen, denn sie hat ja hier bewiesen, dass sie definitiv ein tüchtiger Schweisshund sein kann - wenn man sie nur lässt.


Immer und überall in Arbeitslaune.

Nachdem ich im Frühjahr den Fehler begangen hatte, einem jungen, unerfahrenen Schweisshund zur "Einstimmung" eine viel zu schwierige Aufgabe zu stellen, wollte ich bei Shaka auf Nummer Sicher gehen. Ich spritzte eine nur rund 20 m lange Fährte mit Rinderblut und bat ein paar Stunden später Shakas Frauchen, mit der Hündin an der langen Leine einfach mal, ohne besonderes Kommando, auf die Baumreihe zuzugehen, wo die Fährte begann, um zu sehen, ob Shaka von sich aus Interesse zeigen würde. Sie zeigte! Nach typischer Shaka-Manier beroch sie ausführlich den grossen Blutfleck am fiktiven Anschuss und arbeitete sich dann Tröpfchen für Tröpfchen auf der Fährte vorwärts, bis sie beim Glas anlangte, in dem sich der Rest des Blutes befand. Grosses, grosses Lob!
Auch bei den folgenden längeren Fährten mit Richtungswechsel und etwas längerer Stehzeit machte sie ihre Sache sehr gut.
Freilich, Shaka ist ein echter Gebrauchshund, der künftig mit seinem Jäger Herrchen Nachsuchen machen und auf die Laute Jagd gehen soll. Die Abrichtung des Schweisshundes aber ist eine Hohe Kunst, und den Hundeführer dabei korrekt anzuleiten nicht minder. Dass Shaka hier Talent für diese Arbeit demonstriert hat ist natürlich wichtig, aber was sie nun braucht, ist fachmännische Ausbildung in ihrer schweizer Heimat und an ihr wird es bestimmt nicht scheitern!


Gewissenhaft und ruhig auf der Schweissfährte.

Leider vergeht eine Woche viel zu schnell, und wir waren alle ein bisschen betrübt, als die weise Hundedame Nura und die kesse kleine Shaka mit ihren Frauchen wieder Richtung Schweiz aufbrechen mussten. Für Nuccias Herrchen war dieser Sonntag in anderer Hinsicht ein besonderer Tag, denn bei Sonnenaufgang hatte die Jagdsaison in Italien begonnen und er würde endlich Gelegenheit bekommen, mit verschiedenen Segugio Italiano Meuten auf Hasenjagd zu gehen. Ich hingegen konnte mich auf einen weiteren Laufhund aus der Schweiz freuen...


Nuccia und Shaka auf der Suche nach Leckerlis? Nein, das ist der "Kurs-Beutebeutel" mit Hasenfellen und Sauschalen!

Fotos: Sabine Middelhaufe
Text (c) 2010

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