| Nele - Brandlbracke
Die österreichische schwarzmarkene Bracke sollte in der Regel nur von Jägern und Förstern gehalten werden, die die Veranlagungen dieser Rassen, und dazu gehören auch beachtliche Wild- und Raubwildschärfe sowie Verteidigungsbereitschaft, wirklich nutzen können. Eine Haltung ohne solche Auslastung führt leider oft zu Problemen. Oder um den Zuchtwart des ÖBV zu zitieren: "Schlussendlich sei jedem Brackenführer auf den Weg gegeben, eine Bracke ist ein äußerst selbständig denkender Jagdhund, der aufgrund seiner Anlagen Entscheidungen im Jagdbetrieb trifft, dies bewirkt, dass eine Bracke niemals „dressiert“ werden kann und darf, sondern vom Besitzer bzw. Führer nur „erzogen“ wird. Bracken sind eher Problemlöser als Befehlsempfänger, wenn man dies bei der Arbeit mit seiner Brandlbracke respektiert, entwickelt sich ein eingespieltes Team zwischen Mensch und Hund!" |

Da kein Jäger die stummelrutig geborene Nele wollte, gelangte sie in Laienhand.
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Neles deutscher Züchter hätte die Hündin vermutlich liebendgern an einen Jäger abgegeben, doch da sie mit Stummelrute geboren wurde, fand sich angeblich kein Interessent und sie kam schliesslich in Laienhand. Tja, und was macht man als Laie nun mit so einem workaholic?
Wer die Kursberichte 2009/10 gelesen hat, weiss inzwischen, dass man da vor einem riesigen Problem steht. Vor allem, wenn man nicht von Anfang an die richtigen Weichen stellt und auf die rassebedingten Instinkte und Bedürfnisse des Laufhundes eingeht, ihn eben nicht zu "dressieren" sondern zu führen versucht, was sehr viel mehr Zeit und Energie kostet als bei Vorsteh- und Stöberhunden und natürlich permanent an die Grenze des "für Nichtjäger Verbotenen" stösst...
Klar muss man sich auch darüber sein, dass es kontraproduktiv ist, den Laufhund in einem relativ sicheren Gelände einfach mal rennen zu lassen, damit er sich austoben und seinen Triebstau los werden kann, denn wird der Hund dabei nicht sinnvoll gelenkt, schafft man sich nur noch grössere Probleme für die Zukunft.
Nun, Nele hatte zwar aus unbekannten Gründen ihre lange Brackenrute eingebüßt, nicht aber ihren Jagdtrieb, und wenn sie, die Augen fast geschlossen, konzentriert in die Ferne
witternd ihren hübschen Kopf vom Geschehen um sie herum abwandte, musste ich unweigerlich an Danny denken, in deren Adern mit Gewissheit auch Laufhundblut wallt, und deren Aufmerksamkeit ja ebenfalls oft und sehnsüchtig in die Ferne gerichtet war. |

Die fernen Düfte locken...
...und tschüss!

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Ähnlich wie Danny zog die zweijährige Nele selbstredend Jagdausflüge unter eigener Regie den Fährten und Schleppen, die wir ihr bieten konnten, vor, zumindest nutzte sie jede Unaufmerksamkeit ihrer Besitzerin, um, notfalls mit der Schleppleine am Halsband, allein auf Tour zu gehen.
Wenn zumindest der Geist sich in fernen Geruchsgefilden tummelt, hat der zum Geist gehörige Hund natürlich Mühe, sich auf die Schleppe oder Fährte vor seinen Füssen zu konzentrieren, weshalb Nele anfangs mitunter Startschwierigkeiten zeigte. Einmal akzeptiert, dass der einzige Duft, dem sie folgen durfte, sich vor ihren Pfoten befand, bewies sie freilich die wunderbar feine Nase der Bracke und den Drang, zur Quelle des Geruchs zu gelangen. Fatalerweise weigerte sich Nele, wie ihr Kurskollege Hakki, das flauschige Hasenfell als erstrebenswerte Beute zu betrachten und zu tragen. Frauchen war sicher, Nele apportiert "so was" nicht.
Na ja, ein olles Fell, das da bloss am Boden liegt ist vielleicht keine so grosse Motivation, aber wenn es plötzlich zum Leben erwacht, hin und her hüpft, einem um die Ohren fliegt und regelrecht darum bittet, gepackt und geschüttelt zu werden, während der Mensch den neuen Befehl "Nimm!" gibt, sieht die Sache anders aus. Nele brauchte zwar eine Weile, um in Fahrt zu kommen und ich musste das Stallhäschen auch am nächsten Tag noch ein paar Mal für sie auferstehen lassen, aber dann fiel der Groschen. Auf "Nimm!" fasste sie das Fell, auf "Aus!" gab sie es wieder her, und nach ein paar weiteren Zwischenschritten trug sie ihre Beute schliesslich stolz und zuverlässig zum fernen Abgang der Schleppe zurück.
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Damit nun keine Missverständnisse entstehen: Dieses vom Menschen initiierte, erlaubte Schnappen nach dem "bewegten" Fell - immer in Verbindung mit dem Befehl "Nimm"-, soll lediglich das Interesse des Hundes am neuen, bis dato unattraktiven Objekt wecken. Sobald er also spürbar zufasst und versucht, die Beute für sich zu gewinnen, heisst es sofort "Aus!", man fährt ihm dabei mit der freien Hand über den Fang und nimmt ihm das Fell mit einer ruhigen Bewegung fort.
Die Botschaft soll einfach lauten: Ich hab hier was ganz Tolles, das gehört mir, aber ab und zu darfst du es auch haben.
Wenn nun der Hund, wie in diesem Falle Nele, das Kommando "Nimm" freudig befolgt, ist unverzüglich Ende mit dem aufreizenden Schütteln; stattdessen wird das Bringsel ein paar Meter weit geworfen, man geht mit dem angeleinten Hund zügig darauf zu, sagt kurz vor Erreichen der Beute "Nimm" und geht ohne zu zögern an ihr vorbei. Wenn er das Ding nicht flink genug packt, hat er Pech gehabt und wird beim zweiten Versuch wahrscheinlich umso schneller zugreifen. Genau das wollen wir, und kaum hat er das Objekt im Fang und folgt uns gehorsam, heisst es "Bring!", wir gehen noch ein paar hurtige Schritte weiter und nehmen ihm die Beute mit "Aus" ab. Lob, grosses Lob dem braven Hund!
Was eigentlich in jeder Situation wichtig ist, aber insbesondere bei der Arbeit mit dem Hund, ist das korrekte Lesen seiner Körpersignale. Bei Hunden mit hochangesetzten, relativ kleinen Hängeohren muss man schon gut hinschauen, aber richtig schwierig wird es bei einer verkrüppelten Stummelrute wie Nele sie mit auf die Welt gebracht hatte.
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Oben Nele, unten eine Brandlbracken Hündin mit normaler Rute.

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Fast alle Laufhunde bzw. Bracken haben lange Ruten, die eine umfangreiche Kommunikation ermöglichen: der Wedel kann, wie bei einem munteren Beagle, senkrecht in die Luft ragen, und die Spitze leicht rückenwärts weisen; sie kann im Falle akuter Angst aber auch fest geklemmt sein und die Spitze fast den Bauchnabel kitzeln. Jede Position zwischen diesen Extremen sagt dem Besitzer des Hundes eine Menge über dessen aktuelle Stimmung, ganz zu schweigen von den "Mitteilungen", die der Vierbeiner durch die Rutenbewegung macht, die von bedächtigem Pendeln der Rutenspitze bis zu überschwänglichem Wackeln des ganzen Hinterteils reicht, wobei sich der Hund dann mit dem Steert selbst die Flanken beklopft.
Auch beim kupierten Vorsteher sagt die Rutenhaltung ganz eindeutig, wie sicher der Hund sich momentan fühlt, und wer je einen Bracco gesehen hat, der gerade auf frische Witterung gestossen ist, weiss, dass die Botschaft seiner Rute deutlicher nicht sein könnte.
Ganz anders Neles verkrüppelter Stummel, der durch die lange Haarfranse an der Spitze länger wirkt, als er in Wahrheit ist. Obwohl ich ganz bewusst danach schaute, sah ich in den ersten Tagen überhaupt keine Bewegung ihrer Rute, die immer geklemmt zu sein schien und höchstens mal so kurzfristig wackelte, dass ich nicht sicher war, ob ich mir die Bewegung nur eingebildet hatte.
Das ist natürlich betrüblich, denn so schön es ist, gut gelaunte Hundebesitzer zu sehen, noch wichtiger ist, dass die Hunde selbst entspannte, fröhliche Stimmung signalisieren.
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Sogar die kupierte Rute des Vorstehhundes spricht quasi in Grossbuchstaben,
Neles verkrüppelten Stummel
zu "lesen" ist hingegen sehr schwierig, aber der Apport machte ihr offensichtlich Freude.

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Zum ersten Mal sah ich Neles Ausdruck von stolzer Zufriedenheit beim Apport; ihr kurzer Steert pendelte eifrig hin und her und war so hoch erhoben wie es eben geht. Sehr viel mehr Signale habe, zumindest ich, bei ihr auch nie gesehen.
Gerade bei einem jagdlustigen Fernaufklärer wie ihr wäre es natürlich hilfreich, Stimmungen und Absichten an der Rute (mit) zu erkennen, denn dann könnte man vielfach noch rechtzeitig gegensteuern...
Nicht zeigen zu können, dass man gut gelaunt ist, heisst gottlob nicht, dauernd Trübsal zu blasen! Einige kleine Abenteuer mit Frauchen genoss Nele ganz gewiss. Ich hatte beispielsweise eines Nachmittags, kurz vor Neles Auftauchen am Treffpunkt, ein Reh aus den Büschen kommen und die Wiese passieren sehen. Also wurde sie, mit Frauchen an der langen Leine, sofort los geschickt, die frische Fährte zu verfolgen. Ausserdem wollte ich feststellen, ob ihr, wie etwa Nuccia und Hakki, die frische Witterung einen Laut entlocken würde.
Nele fand die Spurensicherung grandios und obwohl sie stumm blieb und ich nicht sicher bin, ob sie nun wirklich dem 5 Minuten vorher gesicheteten Reh nachschnüffelte oder irgendwelchen anderen Spuren, hatte sie ihren Spass und führte Frauchen zu einem Wildwechsel, der, den Trittsiegeln zufolge, gewiss von Rehen benutzt wurde.
Und weil die beiden nun schon so schön dabei waren, liess Frauchen sich von Nele überreden, ihr auf einer weiteren Fährte zu folgen. Aus diesem "kurzen Abstecher" wurde eine Expedition in den Dschungel aus Ranken, jungen Bäumchen, Wacholder- und Brombeerbüschen, in dem die Wildschweine ihre Wandelgänge haben, weil sie vermutlich als einzige ausreichend gegen die Dornen und stacheligen Blätter des Wacholders gewappnet sind. Um Neles Zufriedenheit zu vervollständigen, hätte ihre Besitzerin sie dort, mitten in diesem teilweise undurchdringlichen Dickicht, nur von der Schleppleine befreien müssen, aber das stand, leider, nicht auf dem Programm des Tages.
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Mit Frauchen durch den "Dschungel"...
...und wieder raus.

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Was sie gern tut wenn man sie nur lässt, zeigte Nelchen gleich am ersten Morgen: im Wald abgeleint machte sie sich, nach zwei, drei kurzen Suchen in Frauchens näherem Umkreis aus dem Staube. Eine Weile hörte man ihr Laufhundglöckchen noch, und ein oder zwei Mal gab sie auch kurz (Sicht-) Laut, aber ansonsten düste sie wonnevoll die bewaldeten Hänge hinauf und hinunter, ganz in ihrem Element und vollständig taub für die Rufe ihrer Besitzerin.
Nicht dass ihre Berufsgenossinnen Nuccia und Shaka in so einer Situation abrufbar gewesen wären, mitnichten, doch kamen die beiden Damen (zumindest hier bei uns) nach 15-20 Minuten auch aus eigenem Antrieb erst mal wieder zu ihren Haltern zurück. Nele hingegen durchstöberte unseren Wald schon bei diesem ersten Ausflug für mindestens eine halbe Stunde, und hätte wahrscheinlich noch fröhlich weiter gemacht. Dummerweise kreuzte sie meinen Weg und ich nahm sie an die Leine, um ausser dem verschollenen, Nele suchenden Frauchen nicht auch noch Nele wieder zu verlieren.
Dass sie es mit dem Zurückkehren nicht so eilig hatte, demonstrierte sie auch bei den folgenden Alleingängen. Wie weit sie sich dabei entfernte ist schwer zu sagen, denn wenn der Hund nicht gelegentlich Spurlaut gibt, was sie (jedenfalls im Wald) nicht tat, tappt man beim Verhallen des Glöckchens in der Ferne nur noch im Dunkeln...
Im Dunkeln standen wir, ganz wörtlich, bei ihrer letzten Exkursion. Nele war von ihrer Halterin bei einer der Nachmittagsübungen abgeleint worden und dann entwischt, und da sie sich auch nach einer Stunde noch nicht anschickte, zurückzukommen, obwohl sie mitunter hörbar keine 300 m unter uns im Wald hin und herrannte, beschloss Frauchen, heimzugehen, zuversichtlich, dass Nele früher oder später schon auftauchen würde. In der Abenddämmerung stiegen wir also zu den Blockhütten hinab, verabschiedeten uns und ich war schon auf dem Weg zu meinem Auto als ich plötzlich auf der Asphaltstrasse beim Hotel das Bimmeln eines Laufhundglöckchens hörte und dann auch den Hund sah. Ein Segugio, der bei der morgendlichen Jagd verloren gegangen war? Iwo, Nele! Aus einer nicht unlogischen aber völlig unerwarteten Richtung kam sie an, so verhalten, so verstört, dass ich ihr zu allererst mit klopfendem Herzen den ganzen Körper abfühlte, in der Befürchtung, sie hätte unliebsame Bekanntschaft mit einem Wildschwein gemacht. Hatte sie gottlob nicht, aber ihr Gebaren war höchst sonderbar; keine Spur von strahlender Zufriedenheit, wie Hunde sie zeigen, wenn sie sich so richtig herrlich verausgabt haben. Nele schien definitiv geschockt.
Am nächsten Morgen war sie zwar wiederhergestellt und brannte auf neue Jagdabenteuer, aber die gab es jetzt nur noch an der Leine.
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Ende der Freiheit,
nach ihrem "
Schock-Ausflug" durfte Nele nicht mehr frei laufen.

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Foto 1-4, 8, 10-15 : Sabine Middelhaufe; 5-7 Bruno Rabe; 9 Wolfgnag Panhölzl.
Text (c) 2010
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