Julian - Bracco Italiano und Platzhirsch

Für Julian, zu Beginn der Kurse fast 2 Jahre alt und inzwischen gute 3, ist die ganze Sache bestimmt eine höchst sonderbare Erfahrung. Kaum taut der Schnee, erscheinen wildfremde Menschen mit ebenso fremden Hunden, bleiben eine Weile, verschwinden wieder und die nächste Truppe rückt an. Ausser wenn es zu heiss ist - oder neuerlich anfängt zu schneien.
Für den Grossteil des Jahres ist er der einzige Hund, der in dem nicht gerade kleinen Gebiet, in dem die Kurse stattfinden, jeden Tag und stundenlang mit mir herumstreift, sucht, findet, anzeigt, bringt. Klar, dass er sich bestens auskennt und das Territorium als "sein Revier" betrachtet. Fremde Rüden, egal ob Kollegen im praktischen Einsatz oder ahnungslose Kurs-Hunde, werden deshalb sehr ausführlich kontrolliert; er muss schliesslich wissen, wer
da in seinem Privatparadies herum spaziert.
Ist der Punkt allerdings geklärt, kann man zur Tagesordnung übergehen, sprich: miteinander spielen und rennen. Da Jagdhunde im Einsatz dafür überhaupt keinen Sinn haben, ist Julian immer höchst entzückt auf willige Sparring Partner zu stossen, vor allem, wenn die so richtig schön schnell rennen können.


Kollegen, Password, please?!
Damit Jungrüde Robbi nicht vergisst, wer hier der Boss ist...


Aber dann kann unbeschwert getobt werden.
Mit dem viel jüngeren Robbi genauso wie mit dem deutlich älteren Gonzo.

Hundedamen haben es naturgemäss viel einfacher mit dem "Revierjäger" klar zu kommen. Sie dürfen rum zicken, ihn bös' anknurren und nach ihm schnappen, wenn er bei den Übungen ihren Bringseln zu nahe kommt. Nur wenn in meinem "Kursbeutebeutel" (den zu verwalten seine Aufgabe ist, während ich den anderen Hunden bei der Arbeit helfe) etwas wirklich Anziehendes ist, wie neulich ein paar ganz frische Hasenfelle, grummelt er zurück, wenn vorwitzige Hündinnen glauben, ihre Nasen da hinein stecken zu dürfen.
Bei den täglichen Expeditionen sind insbesondere die temperamentvollen, jagdfreudigen Damen für meinen treuen Hund eine arge Versuchung. Wenn etwa Nuccia oder Shaka mit plötzlichem Spurlaut los preschten, musste er zumindest beim Start mitmischen. Ich würde natürlich gern denken, dass es nur an der Attraktivität der charmanten Hündinnen liegt, aber ich fürchte, in Wahrheit ist es eine Mischung aus ohnehin starkem Jagdtrieb und Nachlässigkeit seitens Frauchen, denn...


Charming Shaka.
Nele war an Anbändelversuchen kein bisschen interessiert.


Oha, imposante Hundedame auf Stöckchenklau?
Shaka bellt "Los!" und Julian startet mit...

...denn, mit Erscheinen der Kursteilnehmer ändert sich auch für Julian schlagartig die tägliche Routine. Statt mich wie sonst voll und ganz auf ihn konzentrieren zu können, jeden seiner Blicke aufzufangen und zu beantworten, verwiesene Trittsiegel, Wildwechsel, die verwilderte Hauskatze oder den Marder im Baum mit ihm gemeinsam zu begutachten oder ihn heran zu winken, um zu "fragen" ob die Losung am Boden frisch ist und der Besitzer des Büschels Hasenwolle wohl noch in der Nähe, wandert meine Aufmerksamkeit natürlich oft zu den Kurs-Hunden und ihren Herrchen und Frauchen. Offenbar fühlt sich Julian dann von gewissen Pflichten befreit, namentlich der, auf den simplen "Komm-Pfiff" sofort in Erscheinung zu treten und mich nicht erst "Hier!" pfeifen zu lassen.
Fairerweise muss ich aber sagen, dass er in den zwei Kursjahren nur ausnahmsweise die Grenze des Akzeptablen überschritten hat; einmal kam er nämlich nach Minuten langem Warten quasi mit einer Ganzkörper-Packung Wildschweinkot am Leib auf den wiederholten, ungehaltenen Hier-Pfiff zurück und das zweite Mal schien er, in Gesellschaft einer zum Jagen gestarteten Hundedame genau wie diese vom Erdboden verschluckt. Im Wald zu stehen, und Julian weder zu sehen noch zu hören, und auch nicht die leiseste Ahnung zu haben, in welche Richtung er wohl gegangen sein könnte, war schon komisch, weil er ja normalerweise wie der Blitz wieder auftaucht. Dass mir die rund 3 Minuten Schweigen im Walde bis er denn wirklich aus den Büschen gefegt kam so endlos erschienen, beweist nur, wie schnell man sich daran gewöhnt, einen braven Bracco zu haben. Und da er nicht zum Wiederholungstäter wurde will ich ihm die Geschichte mal nicht ankreiden.
Die Kursnachmittage würde er, wenn er könnte, vermutlich mit "gähnend langweilig" umschreiben. Denn während die anderen arbeiten dürfen, muss er mit den übrigen vier- und zweibeinigen Zuschauern brav an seinem Platz bleiben und abwarten. Das bringt zwar eine Menge Extra-Streicheleinheiten mit sich, aber ich fürchte, ihm wäre weitaus lieber, mitmachen zu können.


Extra-Streicheleinheiten schön und gut, aber mitmischen wäre ihm wohl lieber.



Je nachdem wie gross die Gruppe ist und wie gut die einzelnen Teilnehmer voran kommen, darf er, wenn die anderen fertig sind, so pro forma natürlich auch mal los und die Schleppen oder Fährten entlang schnüffeln, übersehene Bringsel einsammeln, einem Skeptiker demonstrieren, dass Hasenfelle wirklich nicht eklig sind oder Neulingen zeigen, wie das sog. Indianerspiel aussieht.
Des ungeachtet schätze ich, dass seine innere Uhr nur auf den Moment wartet, wenn Frauchen endlich sagt: "Und jetzt machen wir Pause", denn dann dürfen erst mal alle wieder von der Leine, toben, buddeln, schnüffeln, rennen, was begreiflicherweise besser ankommt als "Platz und bleib!"...


Endlich! Frauchen hat Pause verordnet:
Mit Nero um die Wette zu buddeln ist definitiv spannender, als brav Platz zu halten.

Bevor nun aber jemand meinen "technischen Assistenten" zu sehr bedauert, sei eilig gesagt, dass er ausserhalb der Kurszeit das grosse Glück hat, zumindest hobbymäßig in seinem Beruf arbeiten zu können. Das ist zwar längst nicht so aufregend als ginge Frauchen selbst jagen, aber für einen Jagdhund ohne Jagdschein doch keine so üble Alternative!
Allerdings wird mir auch jedesmal, wenn wir von solchen Jagdausflügen zurück kommen von neuem klar, wie wichtig es für unsere Hunde ist, von uns Nichtjägern zumindest jagdnahe beschäftigt zu werden, und wie viel man als Zweibeiner lernen kann, zum Wohl des Hundes und zum besseren Verständnis seiner Anlagen, Bedürfnisse und konkreten Aufgaben, wenn man an Jagden teilnimmt, Arbeitsprüfungen besucht oder jagdliche Übungstage, die manche Rasseklubs anbieten und bei denen auch wir Laien mit unseren Hunden willkommen sind.


Ein jagendes Frauchen wäre sicher noch besser, aber mit Frauchen die Jäger zu begleiten ist ja auch nicht übel.

Foto 1-9, 12, 15-20 : Sabine Middelhaufe; 10 Engelbert Braun; 11 Hans Wecker; 13 Claudia Rödiger; 14 Lone Nielsen
Text (c) 2010


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