Hakki - Beagle

Der Beagle gehört zu diesen bedauernswerten Rassen, die heutzutage sehr unter ihrem falschen Image in der Öffentlichkeit leiden müssen, denn, mal ehrlich, woran denken Sie bei Beagle: an einen niedlichen, problemlosen kleinen Hund, der sich vor Freundlichkeit zu Gott und der Welt fast überschlägt, oder an einen sehr passionierten, lauffreudigen Meutehund, der mit enormer Ausdauer die Hasenspur verfolgen will...? Eben!
Dass der 7 jährige Hakki nicht zur Kategorie der missverstandenen Beagles gehörte zeigte schon die Tatsache, dass er und sein schweizer Herrchen kurz vor Kursbeginn an jagdlichen Übungstagen teilgenommen hatten, wo die beiden erfolgreich eine 800 m Übernachtfährte arbeiten konnten - eine ganz beachtliche Leistung, erst recht für Neulinge auf dem Gebiet der Schweissarbeit!
Aber obwohl ich das wusste, war mein erster Gedanke, als ich Hakki dann in natura sah eben doch: Was ein süsser kleiner Kerl! In der Schweiz nennt man das, glaube ich, den "Jö Effekt"...


Hakki, Hund mit "Jö Effekt".

Des Beagles Herrchen hatte gleich zu Anfang gestanden, dass Hakki, wenn mit einer Kaninchenkolonnie konfrontiert, seinen ansonsten guten Gehorsam vergisst und dann auch mal für eine lange Weile verschwindet. Bei uns gibt es zwar keine Wildkarnickel und kaum Hasen, aber es ist natürlich sehr wichtig, dass ein Hundehalter ehrlich auf solche "Probleme" hinweist, denn dann kann ich extra vorsichtig bei der Wahl des Geländes sein, wo wir den Vierbeiner frei laufen lassen.
Wie sich schnell zeigte waren solche Massnahmen bei Hakki gar nicht notwendig. Zwar erkundete er forsch und selbstbewusst die Umgebung, suchte eifrig und konzentriert nach Spuren und folgte hier und da einem Wildwechsel, doch man konnte immer wieder sehen, wie er sich mit einem kurzen Blick über die Schulter vergewisserte, ob sein Meister auch folgte (oder ihn im Auge behielt??).
Wenn ihn keine brandeiligen Geruchsprobleme lockten blieb Hakki auch ohne weiteres mal kurz stehen, um Herrchen ein Stück aufholen zu lassen, und kamen Beagle und Bracco überein, uns Zweibeinern tatsächlich ausser Sicht vorauseilen zu müssen, durften wir sicher sein, dass sie sich nie sehr weit entfernten und auf Pfiff meist zügig zurück galoppiert kamen. Zu den wenigen Ausnahmen später mehr.
Sicher, Hakki war kein "Kleber", der seinem Besitzer dauernd zwischen den Füssen herumwuselte, sondern sichtlich entschlossen, die neue Welt auf seine Weise zu erforschen, nämlich in rascher Gangart und abseits der Wege, nur vergass er darüber eben nie den Zweibeiner, der zu ihm gehörte.


"Wir gehen dann schon mal vor..."


Hakki wartete aber oft ganz selbstverständlich, bis der Chef ihn eingeholt hatte...
....und vor allem kam er auf Ruf zügig zurück.

Wieso das mit Hakki und seinem Herrn so wunderbar funktionierte, wurde mir erst allmählich klar und ist eine nähere Erläuterung wert.
Herrchen ist begeisterter Wanderer und täglicher Spaziergänger, so dass der Beagle unabhängig vom Wetter auch zuhause sehr viel Auslauf bekommt, und zwar wirklich, nicht nur theoretisch in Form guter Absichten für die nächste Woche oder die übernächste.
Ferner ist Hakkis Chef nicht nur gern und möglichst oft in der Natur, sondern interessiert sich für so ziemlich alles, was ihnen beiden dort begegnet. Und ein Jagdhund merkt eben sehr schnell, ob sein Zweibeiner auf der selben Wellenlänge ist, ganz konkret an seiner, des Hundes Erlebniswelt teilnimmt, und das verbindet mehr als alle Gehorsamsübungen und Leckerlis, obwohl es die Ersteren natürlich nicht überflüssig macht.
Ferner hat Herrchen volles Verständnis für die Bedürfnisse und Versuchungen seines Beagles. Dass man die jagdlichen Ambitionen eines solchen Hundes nicht einfach mit Starkzwang unterdrücken oder naiv darauf hoffen kann, dass sie nie zum Vorschein kommen, war ihm von Anfang an klar, und dass Hakki davon profitiert hat, wird jedem deutlich, der die beiden einmal begleitet.


Auf Spurensicherung.

Hakkis Besitzer hatte darauf hingewiesen, dass der Beagle, wenn er daheim eine frische Schalen- oder Raubwildfährte entdeckte, auch angeleint Laut gab. Zwar war er am Saugatter frei, bellte die Schweine aber trotzdem heftig an, bis ihm vermutlich dämmerte, dass das reine Energievergeudung war. Scheu vor den Borstentieren zeigte er jedenfalls keine Spur.
Ein ganz ähnliches Bellen hörten wir am nächsten Abend erneut. Hakki war im Dickicht längs eines Feldweges offenbar auf eine frische Fährte gestossen und folgte dieser nun Laut gebend und flott. In der Hoffnung, vielleicht zu sehen, welches Wild er aufgestöbert hatte, bat ich seinen Chef, dem Hund am Rand des Dickichts Richtung Wald zu folgen, während ich mit Julian eine andere Route wählte; so würden wir das Geschehen von zwei verschiedenen Standorten im Auge halten.
Wild sah ich zwar nicht, aber ich hörte wie sich die Stimme des Beagles plötzlich änderte und er ziemlich wütend Standlaut gab. Da ich genau an diesem Waldrand zwei Tage zuvor eine grosse Rotte Wildschweine gefilmt hatte, die sich seit mindestens einem Monat ständig in dem Gebiet bewegte, war mein erster Gedanke natürlich, dass Hakki soeben eine Sau gestellt hatte. Mit ziemlich klammen Händen verliess ich also meine Position und eilte der Stimme entgegen. Noch bevor ich den Waldrand erreichte, verstummte der Beagle, eine Weile hörte man gar nichts, und dann setzte der Spurlaut wieder ein, allerdings gute 100 m entfernt und nun eindeutig mitten im Wald. Herrchen war seinem Hund unterdessen auf dem nächstgelegenen Pfad gefolgt. Als er aus meiner Sicht entschwand und ich auch Hakki nicht mehr hörte blieb nur noch eine Option: abwarten.
Na ja, die beiden tauchten circa 5 Minuten später unversehrt wieder auf. Tatsächlich hatte Hakki kurz nach der Episode mit dem Standlaut Sichtkontakt zu seinem Meister gehabt, registriert, dass dieser ihm willig folgte und wies ihm Spurlaut gebend den Weg. Ob er die frische Fährte bald verlor oder sich seiner guten Erziehung erinnerte, könnte nur Hakki beantworten, jedenfalls wechselte er in Sichtweite seines Herrn auf die andere Seite des Waldstücks, stöberte dort noch eifrig herum, begleitete dabei aber seinen Chef zurück in unsere Richtung.
Wenn man auf die Rückkehr eines jagenden Hundes warten muss, kommt es einem meist wie eine halbe Ewigkeit vor. In Wahrheit waren von Hakkis erstem Lautgeben, noch in unserer Gesellschaft, bis zu seinem Wiederauftauchen in Herrchens Begleitung höchstens 20 Minuten vergangen, von denen der Beagle ausserdem mehr als die Hälfte in Sichtkontakt mit seinem Besitzer "gearbeitet" hatte.

Noch sind wir alle glücklich vereint...
bis Hakki Witterung aufnimmt und durchstartet...


Sehr zufrieden nach dem kleinen Jagdausflug.

Ob Hakki bei seinem kleinen Jagdausflug wirklich Wildschweine entdeckte wird immer sein Geheimnis bleiben. Auf wen sich seine zweite Eskapade bezog sahen wir hingegen deutlich. Denn der Beagle war gerade in ein Dickicht am Wiesenrand eingetaucht und begann Spurlaut zu geben, als etwa 150 m vor uns (und ihm) ein Reh aus eben jenem Dickicht sprang, ein paar Sätze über die Wiese machte und im Wald verschwand. Hakki verliess die Büsche wenige Augenblicke später genau an der Stelle, wo auch das Wild heraus gekommen war, sprintete über die Wiese, in den Wald, getreulich auf der Fährte des Rehs - und dann brach sein Spurlaut ab, er fegte über die Wiese zu uns zurück und schien sehr zufrieden mit dem Ausgang seines Abenteuers.
Frage: hatte er wirklich, zum zweiten Mal, eine Fährte verloren? Diesmal von einer Wildart, die bekannt dafür ist, nur kurze Strecken zu fliehen, dann erst mal abzuwarten, ob der Feind überhaupt folgt und erst im Bedarfsfalle wieder ein Stück weiter zu rennen, mit dem Ergebnis, dass sich der ahnungslose oder wild entschlossene Hund weiter und weiter vom Ausgangspunkt der Hatz entfernt, bis er irgendwann erschöpft aufgibt, denn die Chancen, das Reh tatsächlich zu reissen, stehen für einen unerfahrenen Jagdhund, speziell wenn er durch den anhaltenden Spurlaut gebremst wird, äusserst schlecht. So richtig überzeugend ist die Hypothese jedenfalls nicht, dass Hakki die frische Rehfährte verloren hatte.


Rehfährte verloren? Nicht sehr wahrscheinlich.

Realistischer scheint mir die These, dass hier eine Mischung aus Gehorsam und "händelbarem" Jagdtrieb den Ausschlag gab. Manche Beagles, ob nun in Jäger- oder Laienhand, haben ja einen so unbändigen Jagdtrieb, dass sie draussen wirklich nur danach fiebern, endlich los zu kommen (oder durchbrennen zu können), um dann im wahrsten Sinne des Wortes bis zur völligen körperlichen Erschöpfung weiter zu jagen. Da nützt scheinbar auch die weiseste Erziehung, der Einsatz in der Jagdpraxis, strenges Unterbinden eigenständiger Jagdintentionen nichts. Solche Hunde, und die findet man selbstverständlich auch bei sonstigen Laufhunderassen, sind einfach zu "triebig".
Bei anderen Beagles wiederum kann die Lust, Beute zu suchen einfach gesunder Durchschnitt oder sogar nur gering vorhanden sein, was für betroffene Laien-Besitzer natürlich eine gute Nachricht ist.
Nun will ich mich hier nicht als Beagle Experte aufspielen, der ich ganz gewiss nicht bin, sondern nur meine Überlegung kundtun, dass Hakkis Verhalten mit einem massvollen Jagdtrieb plus sehr guter Bindung an seinen Herrn plus sehr guter Grunderziehung und Führung erklärt werden könnte.
Dass es garantiert nicht an fehlender Nasenleistung seinerseits lag, bewies Hakki nämlich bei den Schleppen und Kunstschweissfährten. An deren Ende allerdings gab es dann ein kleines Problem.


Anlegen der Schweisshalsung....
... Ansetzen am Anfang der Fährte...




... und jetzt einfach der Nase nach..
... bis zum Ziel!

Das übliche Problem, wenn ein Hund, seiner Nase folgend, schliesslich begeistert das Schleppobjekt erreicht besteht darin, ihm das Ding wieder abzunehmen, weil man ein Hasenfell ja so herrlich schütteln und zerfleddern kann. Bei Hakki hingegen lag die Schwierigkeit in seiner Unwilligkeit, ein wuschelig-weiches Fell überhaupt in den Fang zu nehmen. Seine Kuscheldecke trug er, manches Spielzeug nimmt er auch ins Maul, aber Hasenfell - keine Chance.
Das ist auch insofern bedauerlich, als das Finden der "Beute" dem Hund ja als Lohn für seine Mühen auf der aktuellen Schleppe dienen und ihn für künftige Schleppen motivieren soll. Ausserdem ebnet so ein Lieblingsbringsel den Weg zur Freien Suche und hilft bei vielen kleinen Tricks auf den täglichen Erkundungsgängen. Nur - der Beagle ist halt kein Apportierhund...was also tun?
Dem Stück Wildschweinschwarte konnte Hakki auch nichts abgewinnen, aber mit den Sauschalen, sprich den Füssen des Schwarzkittels, war er bereit sich anzufreunden! Immerhin ein Anfang, und so durfte Hakki das Bringen eben mit der Sauschale üben.


Mit Schweinefüssen zum Apport.

Ich bin sehr zuversichtlich, dass er mit Herrchens geduldiger Unterstützung am Ende auch seine Aversion gegen das Hasenfell überwinden wird, schliesslich hat er sogar eine Nummer gelernt, die das ganze Hotel in Verzückung brachte: wenn er morgens mit seinem Meister aus der Blockhütte in den Speisesaal des Hotels kam, und selbstredend ebenso zum Abendessen, trug Hakki nämlich stets ganz cool seine kleine Decke im Maul, die sodann neben dem Tisch für ihn ausgebreitet wurde. Nach beendeter Mahlzeit raffte der Beagle seine Decke geschickt wieder zu einer handlichen Wurst zusammen und spazierte damit zurück zu seinem Haus. Die Geschichte wird von den Besitzern des Hotels schon jetzt jedem neuen Gast erzählt, und hätte bloss mal jemand daran gedacht, "Hakki mit Decke" zu fotografieren, hinge der Beweis garantiert längst an der Wand des Speisezimmers.

Update Mai 2011
Grosse Dinge werfen ihren Schatten voraus - Herrchen wird in Bälde die Jägerausbildung beginnen und Hakki die des geprüften Schweisshundes! Ein tolle Entscheidung für ein so motiviertes, wunderbar zusammenarbeitendes Gespann. Viel Freude bei den Vorbereitungen und gutes Gelingen bei den Prüfungen!

Foto 1-7, 10-11 : Sabine Middelhaufe; 8-9 Bruno Rabe; 12-14, 16-17 Ira Winkelvoß; 15 Engelbert Braun.
Text (c) 2010

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