Emily - Mastino Napoletano

Der Mastino Napoletano gehört nicht unbedingt zu den Rassen, die man in einem Jagdhunde Kurs erwartet, aber die 3 jährige Emily kam vor allem als Neles Begleiterin, denn mit ihr teilt sie ja in Deutschland Heim und Frauchen.
Als Emily das erste Mal neugierig auf uns zu schaukelte, kam mir nach langer, langer Zeit plötzlich das Gefühl, in Julian eigentlich gar keinen so grossen Hund an meiner Seite zu haben, obwohl er mit fast 67 cm Rückenhöhe die meisten vierbeinigen Teilnehmer deutlich überragt. Aber selbst ein grosser Bracco Rüde wirkt doch ziemlich zart neben einer kleinen Mastino Hündin, die mit rund 70 cm Höhe und 56 kg Gewicht definitv zu einer anderen Kategorie gehört!


Emily und Julian.

Bei den allmorgendlichen Expeditionen erwies sich schnell, dass Emily zwar überhaupt keine Probleme hatte, das ständige rauf und runter in den steilen kleinen Tälern im Wald mitzumachen, es aber schlechterdings unmöglich ist als Besitzer gleichzeitig konzentriert auf zwei Hunde zu achten, speziell wenn einer der beiden sich entweder in Windeseile abzusetzen versucht oder sich mit der Schleppleine verhakt, um Bäume wickelt und man generell Mühe hat, ihm dorthin zu folgen, wo seine Nase gern sein möchte. Wir kamen deshalb überein, dass die Halterin mit Nele die eigentliche, lange Erkundungsrunde unternahm und Emily nur Gassi führte.
Auch einen Mastino beim Spaziergang zu begleiten ist freilich nicht ohne Aha-Effekte!
Wenn man sein gesamtes Hundeleben ausschliesslich mit Stöber,- Vorsteh- und Laufhunden verbracht hat, die eben ständig die Nase im Wind oder auf dem Boden haben, sich für Losung, Trittsiegel, Federchen, leere Nester, Fährten und was nicht alles begeistern können, wirken die Ausgänge mit Emily vor allem ausserordentlich gemütlich.
Selbstredend interessierte sie sich für ihre Umgebung, schliesslich sind Mastinos Wachhunde, keine Schlafmützen! Sie äugte entsprechend aufmerksam und schnüffelte fleissig hier und da, nur fehlte eben dieses Prickeln, das jeder Jagdhundehalter kennt, dessen Vierbeiner zielstrebig auf die Suche nach Wild oder Witterung geht.


Freilauf war für Emily normalerweise kein Problem.

Normalerweise stapfte Emily, die praktisch überall frei laufen konnte, also vor uns, fünf bis zehn Meter voraus, treu und brav, als könnte sie kein Wässerchen trüben. Was natürlich ein fataler Fehlschluss war, denn entschied Emily, dass es irgendwo etwas gab, das ihre persönliche Inspektion erforderte, setzte sie sich entschlossen in Bewegung auf ihr Ziel zu, einen interessanten Geruch in den Büschen oder auf der Wiese, und stellte dabei gern mal auf stur, wenn der Rückruf ihr gerade gar nicht in den Kram passte. (Eine Verhaltensweise, mit der man als Jagdhundebesitzer wiederum sehr vertraut ist.) Früher oder später tauchte sie dann wieder auf, ganz beschaulich, denn wieso sollte man sich unnötigerweise stressen und abhetzen? Und 56 kg in Bewegung zu setzen ist ja auch nicht ganz ohne. Dachte ich. Und war auch nicht ansatzweise auf die Geschwindkeit und Lautlosigkeit vorbereitet, mit der ein Mastino urplötzlich verschwinden kann! Gerade eben war sie noch vor uns und im nächsten Augenblick schoss ein verwischter grauer Fleck in den Wald, und obwohl ich, schon aus blosser Neugier, sofort hinter Emily in den Wald rannte, war von diesem riesigen Hund nichts mehr zu sehen und zu hören. Ich lauschte, ging ein Stück tiefer in den Wald - nichts, rein gar nichts, als hätte sie sich in Luft aufgelöst! Da Frauchens Rufe sie auch nicht wieder herbei zauberten, gingen wir nach einigem Warten schliesslich weiter. Ihre Besitzerin war da ganz zuversichtlich, dass Emily schon zurecht käme. Circa eine halbe Stunde später holte sie uns dann tatsächlich ein, völlig cool, als sei nichts gewesen, trottete wie üblich vor uns her und blieb für den Rest der Runde brav in Sichtweite.
Das war allerdings nur der erste Augenöffner, den Emily mir verschaffen sollte.


"Verschwindekünstler".

Den zweiten hob sie sich für einen der folgenden Abende auf, und zwar einen jener Abende, an denen es Nele gelang, ihr Frauchen zu überlisten, sprich, durchzubrennen und jagen zu gehen. So ungläubig ich ihrem Verschwindetrick beigewohnt hatte, so ungläubig stand ich diesmal auf der Wiese und sah Emily nach, die in rasantem Galopp ihrer Freundin Nele folgte, die wiederum mit bimmelndem Glöckchen in den Wald raste und für Frauchens Rufe offensichtlich genauso taub war, wie ihre grosse Freundin.
Eingedenk dessen, dass wir dieses kleine Jagd-Intermezzo natürlich nicht geplant hatten, befanden wir uns ungefähr 200 m unterhalb der einzigen Strasse, und prompt bewegte sich Neles Glockenläuten in diese Richtung und verstummte dann plötzlich. Ich schnappte Julian und hastete zur Strasse hinauf, diverse Horror Szenarien im Kopf. Zum Glück wurde das Laufhundglöckchen kurz vorher wieder hörbar und Julian strebte zielsicher auf ein enormes Dickicht aus Hundsrosen zu.
Oh ja, da drinnen, irgendwo, bewegte sich Nelchen aufgeregt hin und her. Julian ging tapfer ein paar Schritte in das Dorngestrüpp (Nele war ja seine neue Flamme), ich rief die Hündin und zu meiner grössten Erleichterung kam sie willig genug heraus und liess sich anleinen. Noch erleichterter war ich, als auch das charakterische Hecheln von Emily hörbar wurde, die sich mit beträchtlich mehr Mühe aus den Wildrosen heraus wurstelte. Wie sie es geschafft hatte, ihre Masse dort überhaupt hinein zu bugsieren, ohne zerrissen und gespickt wieder zum Vorschein zu kommen, wird mir ewig ein Rätsel bleiben...


Den Rosen entkommen.

Damit war das Überraschungsei aber noch nicht leer. Emily erwies sich nämlich als formidabler Suchhund! Ob unangeleint suchend ihr verstecktes Frauchen zu finden oder an der langen Leine eine ihr fremde Person über deren Fährte - überhaupt kein Problem für Emily, der es eindeutig Spass machte, solche Art der Nasenarbeit zu betreiben.
Auch Schleppen nahm sie in der Regel gern an, obwohl ihr die Objekte am Ende nichts bedeuteten und sie, im Gegensatz zu Nele, wirklich nicht davon zu überzeugen war, ein "ekliges" Hasenfell ins Maul zu nehmen oder gar einen Schweinefuss.
Na ja, aus dem Mastino nun auch noch einen Apportierhund machen zu wollen wäre wohl etwas übertrieben gewesen. Erfreulicherweise schmälerte das aber ihren Enthusiamus kein bisschen und sie suchte einfach um des Suchens willen.
In den Streik trat sie nur bei einer Aufgabe, der Kunstschweissfährte nämlich. Dass Blutstropfen dazu da sind, von einem Hund verfolgt zu werden sah sie nicht ein. Sehr hoch anzurechnen ist ihr jedoch die Tatsache, dass sie sich, ungeachtet ihrer festen Überzeugung, Frauchen könne mit "Such!" unmöglich die Blutspur meinen, eifrig auf die Suche nach einer anderen Fährte machte. Irgendwas, da war Emily sicher, musste es hier zu erschnüffeln geben, und angesichts des Eifers mit dem sie schliesslich in eine bestimmte Richtung zog, bin ich überzeugt, dass es dort tatsächlich etwas gab, nur eben nicht die Schweissfährte.
Bei getropfter Milch arbeitete sie die korrekte Duftspur übrigens wieder brav bis zum Ende.


Unangeleint Frauchens Fährte verfolgen? No problem!
Und auch die Schleppen arbeitete Emily gut.

Das Hasenfell und andere Schleppobjekte lehnte sie allerdings dankend ab.

Tja, was soll ich sagen? Emily war in jeder Hinsicht eine grosse Überraschung und hat mir etliche Aha-Erlebnisse verschafft. Ihre Freude an Suchaufgaben war wirklich beeindruckend und sie hat mich ein für allemal von dem Vorurteil kuriert, Hunderiesen könnten nicht flink sein oder sich nicht in Luft auflösen!
Allerdings macht das Beispiel Emily und Nele auch deutlich, wie schwierig es schon grundsätzlich ist, zwei Hunde jeden Tag hinreichend auszuarbeiten, ihnen bei den Ausgängen wirklich die erforderliche Aufmerksamkeit zu schenken, damit es nicht doch nur schnöde Routine-Spaziergänge werden, und das alles wird eben noch um ein vielfaches komplizierter, wenn es sich um Hunde mit so unterschiedlichem Temperament und unterschiedlichen Interessen handelt.


Nele und Emily.

Foto 1, 3, 9 Ira Winkelvoß; 7,8 Bruno Rabe; 2, 4 -6 Sabine Middelhaufe.
Text (c) 2010

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