Der Sommerkurs 2009
Von Sabine Middelhaufe

Die Idee, in meinem italienischen Dörfchen einen Hundekurs für Leser des Buches "Jagdhund ohne Jagdschein?" anzubieten, erschien mir zwar ganz vernünftig, aber nicht unbedingt geeignet, Rekord verdächtiges Interesse zu wecken, denn immerhin würden selbst Hundefans aus Süddeutschland viele Autobahnstunden brauchen, um zum Ort des Geschehens zu gelangen. Und, na ja, wollen wir mal ehrlich sein: ein oder zwei Wochen Italien kosten natürlich auch mehr als dieselbe Zeit auf einem Hundeplatz nahe des eigenen Wohnortes zu investieren.
Aber wie das im Leben oft so geht, wurde der scheinbare Nachteil zum Vorteil, denn die allermeisten Kursteilnehmer fanden gerade die Tatsache, Hundeausbildung und Urlaub miteinander verbinden zu können, mal andere Tapeten zu sehen und den Alltagstrott zu unterbrechen sehr verlockend.


Vizsla Hündin Malu vor "ihrem" Ferienhaus der Pernice Rossa. (Foto: H.T. Martens)

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So ganz allgemein...
Kleines Kuriosum am Rande: es nahmen mit Abstand mehr Frauen als Männer und ihre Vierbeiner am Kurs teil, und fast alle Hunde
stammten aus dem südlichen Tierschutz. Letzteres übrigens nicht etwa, weil die "Südis" besonders verkorkst waren, sondern in erster Linie, weil ihre neuen Halter ihnen etwas Gutes tun und den eigenen Hunde-Horizont erweitern wollten. Das war die beste Voraussetzung, die Zeit bei uns zu geniessen und weder sich selbst noch den Hund unter Erfolgszwang zu setzen.
Die Möglichkeit, innerhalb weniger Monate so viele verschiedene Rassen, Mischungen und vor allem Hundepersönlichkeiten beobachten zu können war für mich natürlich fantastisch. Für den zweibeinigen Anhang aus Deutschland wiederum war es sehr aufschlussreich, unsere lokale Hundepopulation kennen zu lernen - und Bewunderung für die wohlerzogenen, gepflegten Hunde aus "Germania" zu ernten.....


Wie anders heutzutage das Hundeleben in Deutschland verläuft, merkte ich durch schüchterne Anfragen meiner Gäste: "Darf der Hund denn über die Wiese laufen?", "Kann man hier wirklich ohne Leine gehen?", "Meiner ist im Begriff, auf dem Feld nach Mäusen zu buddeln, meckert da niemand?"
Sehr unterhaltsame Verständigungsschwierigkeiten gab es auch die Wege betreffend.
Für mich fällt jede Piste, die grundsätzlich von einem kleinen Traktor oder Jeep befahren werden könnte unter den Begriff "Strasse"; ein "Weg" ist etwas, wo zwar kein Fahrzeug mehr durch kommt, aber ich problemlos gehen kann, ohne rechts und links von widerspenstiger Vegetation bedrängt zu werden. Entsprechend ist die Kategorie "Trampelpfad" bei uns ein Wildwechsel, der gelegentliches Kopfeinziehen und häufiges sich durch die Büsche Wursteln einbezieht. "Quer Beet" schliesslich meint genau das: sich mal für ein paar hundert Meter der Nase (oder Sonne) nach durch den Wald zum Ziel, also dem nächsten Pfad zu bewegen.


Auf der "Strasse".

Bevor nun jemand "Skandal!!" ruft, lasse er mich zwei Dinge eiligst erläutern. Meine Nachbarn waren natürlich über den "Ansturm der Teutonen" in unserem Dorf bestens informiert, und deshalb galten für die Besuchshunde einfach dieselben Regeln wie für meinen Vierbeiner, nämlich nicht in die Gemüsegärten zu galoppieren, grosse Geschäfte nicht ausgerechnet in Heuwiesen zu verrichten, die demnächst geschnitten werden und als Zweibeiner mehr als kniehohe Heuwiesen bitte nur am Rande zu begehen statt mitten durch zu trampeln. Benimmregeln, die man keinem vernünftigen Menschen überhaupt erklären muss, weil sie sich von selbst verstehen.
Die Quer-Beet-Geschichte war für unsere Gäste da schon schwieriger nachzuvollziehen, und ich komme noch darauf zurück.
Was sämtliche zwei- und vierbeinigen Kursteilnehmer spätestens am ersten "Arbeitstag" feststellten, war, dass es ganz schön anstrengend ist, bergauf und bergab zu gehen! Selbst diejenigen mit Domizil in hügeligen Gegenden protestierten keineswegs über die lange Mittagspause, zumal sich alle Hunde, ob kurz- oder langhaarig und obwohl oft ursprünglich aus Mittelmeerländern stammend, erst auf die Wärme einstellen mussten. Aspiranten für den Kurs im nächsten Jahr mögen sich das zu Herzen nehmen: wer es nicht gewöhnt ist, auch mal anderthalb Stunden an einem Stück in Bewegung zu bleiben, Bergwiesen hinauf und Waldwege hinunter, wird hier wahrscheinlich ins Schnaufen geraten....

Wasser war immer willkommen. Auch Pointer Rüde Gonzo genoss die Abkühlung.

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P wie Pointer - oder wie Problem?
Der Pointer war, erstaunlicherweise, eine reichlich vertretene Rasse beim diesjährigen Kurs und in vielfacher Hinsicht ein Augenöffner.
Dass er der Vorsteher par exellence ist wissen wir alle, klar. Aber wissen wir Nichtjäger tatsächlich, welche Konsequenzen das für unser Leben mit so einem Hund haben kann? Ich glaube, nein...
Wenn man einen Pointer vor sich hat, der die Hasenschleppe nur halbherzig arbeitet, denn Haarwild ist für Proleten, nicht für ihn, danke vielmals, den Dummy nur sucht, um seinen Menschen nicht zu enttäuschen, und bei der Quersuche nach mehreren solcher Dummys lieber in Vorstehpose unter einer gigantischen Pappel verharrt, wo ein echter, lebender Vogel sitzt, statt sich mit blödsinnigen rechts-links-rechts-links Pfiffen von totem Jutesack zu totem Jutesack schicken zu lassen, hat man ein Problem. Sinn der Sache ist es ja, als Nichtjäger durch die diversen Übungen heraus zu finden, wofür sich der eigene Hund besonders interessiert und eignet - ausser der realen Jagd, die man ihm nie wird bieten können.


Haarwildschleppen für Pointer Luisa? No way!

Gottlob hat uns die moderne Technik künstliche Duftstoffe beschert (und die Vorsehung weitblickende Kursteilnehmer, die so etwas im Reisegepäck mitführen), zum Beispiel von Wildenten und Fasanen, die laut Hersteller seit zig Jahrzehnten erfolgreich in der Ausbildung von Vorstehhunden verwendet werden. Nichts ist einfacher, als einen jungfräulichen Jutedummy mit eben diesen Duftstoffen zu beträufeln, um auch Suchfreude und Finderwillen des Pointers zu stimulieren.
Es sei denn, der Pointer (und nicht bloss er...) gähnt nur gelangweilt und scheint kopfschüttelnd zu sagen: Mei, riecht ihr denn nicht, dass das bloss künstlicher Kram ist und kein echtes Federwild?

Womit kann man so einen Hund motivieren?
Dummys mit frischen Entenfedern? Blödsinn!
Lebende Wachteln? Blödsinn! Denn dass der Pointer Federwild vorbildlich vorsteht wissen wir doch längst, das tut er daheim doch auch ständig. Die ewige Frage lautet hingegen: was können wir ihm als Ersatz bieten? Was findet er faszinierender, als in Deutschland durch Wald und Flur zu galoppieren, auf der leidenschaftlichen Suche nach Rebhuhn und Fasan?

Lektion "künstliche Schweissfährte". Eigentlich alle Hunde lieben den süßlichen Geruch von Schweiss, oder besser gesagt: Rinderblut (denn Schweiss tropfe ja nur ich beim Fährtenlegen). Alle Hunde. Ausser den Pointern, die wirklich nicht einsehen, wieso sie ihre edlen Nasen dem Boden zuwenden sollen, wo die wahren Geruchsabenteuer doch in der Luft passieren, dort, wo ihre Nasen von rechts wegen hingehören...


Oben: Gina weiss genau, wohin die Pointernase gehört: in den Wind nämlich, nicht auf den Boden....
... und Gonzo (unten) führt begeistert die natürliche Gangart der Rasse vor: den Galopp!

Das liest sich so vielleicht ganz amüsant; leider ist es für den Pointer Halter überhaupt nicht witzig, schliesslich hat nicht jeder das Glück, in einer Gegend zu leben, wo der Jäger ein Auge zudrückt, weil er weiss, der Pointer sucht und steht nur vor, er verfolgt das Federwild nicht weiter, und erst recht will er es nicht erbeuten. In den meisten Fällen wird die Galoppsuche des Pointers wohl auf keine Gegenliebe der Grünröcke stossen, tja, und dann??
Klar, viel hängt davon ab, woher der Pointer stammt, welche Vorerfahrungen er gemacht hat, wie alt er ist, wenn er zum neuen Halter kommt. Nur ist es ja so, dass gerade Pointer in deutscher Laienhand häufig durch den südlichen Tierschutz vermittelt wurden, und das heisst dann, sie wurden in ihrer Heimat strikt für den Jagdgebrauch gezüchtet und haben mit grösster Wahrscheinlichkeit schon Jagderfahrungen gesammelt. Womit soll man nun die Lust auf enorm rasante Feldsuchen toppen - bei einer Rasse, die ausserdem nicht auf Vielseitigkeit selektiert wird, sondern für eben diese spektakulären Suchen?


Spaziergänge an der Leine sind bestimmt keine angemessene "Beschäftigung" für den Pointer!

Es wird gern argumentiert, dass Jagdhunde aus dem Tierschutz, gerade weil sie offensichtlich schlechte Erfahrungen mit Jagd oder Jägern gemacht haben und/oder schon zu den älteren Semestern zählen, kein Interesse mehr an ihrem ursprünglichen Job haben. Das könnte ein fataler Trugschluss sein...
Gina, aus internationaler Leistungszucht, kam noch sehr jung in Nichtjäger Hände, weil sie schussscheu und nach Meinung ihres Vorbesitzers zu sensibel war. Gina ist jetzt 10 Jahre alt, hat noch heute Angst vor Schüssen und Gewitter, aber das hat ihre lebenslange Passion für die Vogelsuche keine Spur beeinträchtigt. Zuzuschauen, wie sie, einmal abgeleint, in ihren nach wie vor eleganten Galopp fällt, um sich mit offensichtlicher Begeisterung ins erstbeste Feld zu stürzen, wo sie sucht, um der Freude am Suchen willen, das ist ein Genuss! Da kennt sie keine Müdigkeit und keine Ablenkung und fegt, leider, auch mal bis zur völligen Erschöpfung durch die Wiesen. Wild (notfalls auch Schmetterlinge und Grashüpfer) zu suchen und vorzustehen ist für sie draussen so eindeutig Synonym für Lebensfreude, dass man sich eingestehen muss: ja, das braucht sie.
Gut, Gina hat sich herab gelassen, Abwurfstangen am Ende einer Schleppe mit höflichem Interesse zu bedenken, sie weiss ihre Besitzerin auch in fremder Umgebung zielsicher zu finden, und wahrscheinlich könnte man sie mit kontinuierlicher Arbeit auch für den Dummyapport begeistern. Aber ein Hund könnte nicht deutlicher zeigen als Gina, dass das alles nur Kinderkram für sie ist, eine kurze Unterbrechung ihres wahren Jobs - der Federwildsuche im fünften Gang....


"Düsenjäger" Gina. (Foto: L.B. Nielsen)

Gina teilt Heim und Frauchen mit Luisa, einer siebenjährigen Pointer Dame aus Griechenland. Noch in ihrer Heimat wurde sie Opfer eines horrenden Autounfalls, der ihr die Beckenknochen und beide Hinterläufe zertrümmerte. Trotz diverser Operationen und Therapien blieb sie schwer gehbehindert, da das linke Bein nur bedingt einsatzfähig ist und sie den rechten, kaum beweglichen Lauf obendrein statt auf den Sohlenballen auf der Oberseite der Pfote aufsetzen muss. Das klingt entsetzlich und ganz bestimmt waren die mit dem Unfall verbundenen Konsequenzen für Luisa auch entsetzlich. Aber dass nun niemand denkt, sie hätte die Lust am Rennen eingebüsst. Wenn die beiden Ladys von der Leine gelassen werden schielt Luisa verstohlen zu ihrer "Schwester" herüber, wartet, dass die durchstartet und fegt dann hinterher. Fegt, denn sie hat ihren ganz eigenen Galopp entwickelt, langsamer als Ginas, weniger ausdauernd, aber nicht minder passioniert. Sieht man diese tapfere, lebensfrohe Hündin über die Wiesen rennen, wird einmal mehr klar, was für den Pointer Sinn des Seins ist: Vögel suchen nämlich, so schnell die Läufe ihn tragen...


Trotz ihrer schweren Behinderung liebt Luisa ein Leben im Galopp...
...und konnte sich am Ende sogar für die freie Suche und den Apport interessieren - als Pausenspass.

Ganz ähnlich scheint auch Pointer Gonzo die Sache zu sehen. Er geriet in seiner spanischen Heimat vermutlich in eine Falle und muss nun mit einer verkümmerten rechten Vorderpfote leben. Hinderte ihn das daran, mit offensichtlicher Wonne durch unsere Heuwiesen zu preschen? Iwo!
Nicht zufällig wird der Pointer "Herr der Winde" genannt. Zum einen natürlich, weil er die geringste Witterung seiner Beute "auf dem Wind" wahrnimmt, zum anderen, - jedenfalls für mich - weil er auf diese atemberaubende Weise dahin galoppiert, schnell und mühelos wie der Wind selbst.

Gonzo geniesst seine Galoppsuche.

Foto 2: H.T. Martens; 10: L.B. Nielsen; alle übrigen: Sabine Middelhaufe.

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