Kultur-Urlaub
in "meinem" Italien


Wanderrouten:

Kreuz und quer durchs
"Dunkle Tal"



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Wanderrouten: Kreuz und quer durchs "Dunkle Tal"
Von Sabine Middelhaufe

Das "Dunkle Tal", also die Valle Scura, die sich südlich und damit hinter Roncassi und der Pernice Rossa befindet, ist weder finster, noch lauern dort Wölfe, Bären oder Drachen auf uns. Es ist einfach ein weites Waldgebiet, vorwiegend mit Buchen- und Mischwaldbeständen, und einem weitverzweigten Wegenetz, auf dem man vorzüglich kreuz und quer herumspazieren kann.


Karte für die Wanderung in der Valle Scura
Doch dieses Wegenetz bedarf einer Erklärung: fast alle Wälder bei uns gehören, in mehr oder weniger winzige Parzellen aufgeteilt, den Bewohnern der umliegenden Dörfer, die sie eifrig zur Holzgewinnung nutzen, denn mögen auch die meisten Weiler in den Bergen inzwischen an die Ferngasversorgung ange-schlossen sein, bevorzugen vor allem die älteren Menschen nach wie vor den guten alten Holzofen, der nicht nur die große Wohnküche wohlig warm hält, sondern auch zum kochen und backen eingesetzt wird. Folglich tuckern die Männer jedes Jahr mit ihren Treckern oder kleinen Zugmaschinen, motocoltiva-

Abstieg ins "Dunkle Tal"

tore geheißen, los und fällen die von der Forstbehörde genehmig-te Menge an Bäumen. Ist ein Waldstück "abgeerntet", geht es im folgenden Jahr ein Stück weiter, und es entsteht ein neuer Weg. Ältere Pfade wachsen all-mählich wieder zu, werden zu engen Spuren, die eher wie Wild -wechsel aussehen und es viel-leicht auch sind. Bestimmt denk-en die Holzhacker nicht an die Bequemlichkeit künftiger Spa-ziergänger, aber dennoch haben sie überall wunderbare Wander-wege geschaffen, denen man sich guten Gewissens anvertrauen darf. Das Schlimmste, was uns passieren kann, ist, dass so ein Weg plötzlich mitten in einer Rodungsfläche endet. Dann muss man ihn eben wieder zurückgehen und an einer anderen Kreuzung sein Glück in die gewünschte Richtung versuchen. Verirren kann man sich nicht, denn die Son -ne weist uns notfalls den Weg.

Bei den vier Blockhütten der Pernice führt ein Pfad auf den dahinter liegenden Hügel und von hier ob-en heißt die Devise: immer der Nase oder einem beliebigen Weg nach. Fern aller Strassen (und selbst die Landstrasse, die man oben auf der Karte am rechten Bildrand rot-gelb gestrichelt erkennt ist kaum frequentiert) kann man die Ruhe des Waldes so richtig genießen. Vogelgezwitscher, Kuckucksrufe oder streitende Eichhörnchen sind neben dem leisen Gurgeln der Bäche die einzigen Geräusche, die man hier hört.

Anders als der Kastanien- und Mischwald ist der Buchenwald frei von Unterholz und schafft dadurch ganz anderen Wildblumen ein Zuhause. Vor allem aber ist er die Wohnstatt des Steinpilzes, fungo porcino, den zu suchen manche Dorfbewohner der Gegend einen unfasslichen Ehrgeiz entwickeln. Je nachdem, wie warm und regenreich der Sommer ausfällt, begegnet man also im August und September ausnahmsweise auch mal Menschen in der Valle Scura, die mit Stöcken behutsam in Laub und Büschen nach dem begehrten Steinpilz fahnden und arg enttäuscht sind, wenn sie nur auf Pfifferlinge stoßen...


Valle Scura. Rechts unten das Dorf Massinigo, im Hintergrund der Cima Colletta (1493 m)
Was einen Spaziergang im "Dunklen Tal" während der warmen Jahreszeit besonders erfreulich macht ist natürlich - der angenehme, weich-grüne Schatten und das meist völlige Fehlen von Mücken. In man-chen Jahren treten diese Plagegeister im Frühsommer zwar mal auf, aber meistens bleiben wir ver- schont. Übrigens: selbst italienische, sonnenerprobte Hunde gehen an richtig heißen Tagen ungern in die Wiesen, also nehme ich an, dass auch Sie, ungeachtet des Wunsches, hübsch gebräunt nach Deutsch- land zurückzufahren, eine Runde in der Valle Scura schätzen werden. Und Ihr Hund braucht sich im Wald um Abkühlung ja keine Sorgen zu machen...

Einmal angenommen, das Herumstromern auf gut Glück ist nicht so Ihr Ding, könnten Sie direkt Richt-ung Massinigo wandern. Dort befindet sich nämlich ein bei Bauarbeiten 1957 entdeckter römischer Brennofen, der zu den besterhaltensten Konstruktionen dieser Art in der gesamten Lombardei gehört. Wissenschaftliche Untersuchungen datieren die letzte Nutzung des großen Steinofens, in dem Ziegel und Dachpfannen gebrannt wurden, auf die erste Hälfte des 1. Jahrhunderts n.Chr.
Auch die kleine Kirche von Santa Margherita, die stolz auf ihrem Hügel thront, ist einen Besuch wert. Doch um das Staffora-Tal näher zu erforschen, das nachweislich immerhin schon 3500 v.Chr. erstmals besiedelt war, um das sich Ligurer, Römer und Langobarden stritten, und dem sogar Hannibal und Karl der Große ihre Aufmerksamkeit schenkten, sollten wir vielleicht besser das Auto benutzen...
Auf die historischen und archäologischen Leckerbissen Ihres Kultur-Urlaubes kommen wir ohnehin an anderer Stelle noch zu sprechen.

Kehren wir also einstweilen zurück in den Wald und hinauf nach Roncassi. Irgendwo in der Nähe der "Capanna del Ciabattino" gibt es eine enorme Hecke wilder Himbeeren, die im August nur auf zufällige Sammler warten. Und falls wir für sie zu früh dran sind, oder den Weg verpassen, können wir viel-leicht Walderdbeeren pflücken. Unser Amtstierarzt hat mir übrigens garantiert, dass es in der ge-samten Zone keine Fuchsbandwurmfälle gibt. Ich für mein Teil mampfe seitdem ich hier lebe tatsäch-lich munter alles, was ich am Wegesrand finde, ob Beeren, Kräuter oder Wildsalat.
Nun, Sie erwartet sicherlich ein vorzügliches Mahl in der Pernice Rossa. Gemma, die Besitzerin der Pernice, kocht Ihnen bestimmt auch gern etwas mit Steinpilzen, oder Ravioli mit Kräuterfüllung und zum Nachtisch Vanilleeis mit Himbeeren, Likör und Sahnehäubchen, hmmm....!
Morgen erkunden wir dann "unsere" Seite des Monte Penice zwischen Scaparina und Varsaia.

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